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Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928 - Kapitel 51
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band IV: 1927?1928
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand IV
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Renke Siems
year1994
isbn3498050192
firstpub1927-1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Rothermeres Einfall in Mitteleuropa

Ein kleines Novum in der wechselreichen Geschichte moderner Außenpolitiken: ein Zeitungskonzern hat gegen ein selbständiges Staatswesen Krieg eröffnet. Mit allen Mitteln heutiger Kriegstechnik: Vergasung, Vernebelung und Blockade. Dem angegriffenen Staat wird, von einem Zeitungskonzern!, nachgesagt, daß er der Existenzberechtigung entbehre, seine Grenzziehung ganz willkürlich sei und seine Methoden, nationale Minoritäten zu behandeln, ihn zu einer Gefahrzone ersten Ranges, ja, zum Pulverfaß Europas machten. Zu bemerken wäre noch, daß der Staat, dem jener Zeitungskonzern immerhin zugehört, mit dem andern im tiefsten Frieden lebt.

Damit könnte man die Sache auf sich beruhen lassen, vielleicht sogar einen gewissen komödialen Einschlag konstatieren. Aber das Haupt jenes Zeitungskonzerns ist Lord Rothermere, der begabteste aller journalistischen Giftmischer Europas, neben dem sich unser Hugenberg wie ein grüner Präparant ausnimmt, der Asa foetida mit Aqua toffana verwechselt. Der angegriffene Staat ist die tschechoslowakische Republik, die gewiß nicht die beste aller möglichen Republiken ist, aber sich heut ehrlich bemüht, mit ihren Kinderkrankheiten fertig zu werden und insbesondere einen etwas krampfigen Nationalismus zu überwinden, der noch aus der Zeit der Unterdrückung durch die schwarz-gelbe Bureaukratie stammt. Die Deutschen haben heut an der Regierung teil, und die intransigenten Alttschechen des Herrn Kramarsch stehen knurrend beiseite. Ein im ganzen recht wohnlicher Kerker.

Sehr wohnlich besonders neben Horthys Ungarn, dem Lord Rothermeres Patronisation gilt. Denn die Teilnahme des englischen Zeitungsmagnaten gehört dem Land der weißen Krieger, seit es ungarischen Aristokraten gelang, ihn zu überzeugen, daß ihr Land wieder größer werden müsse, um seiner Sendung als Ordnungsfaktor völlig gerecht zu werden. So griffen Mylord selbst zur Feder, um nachzuweisen, daß das böhmische Volk auf Kosten des ausgesogenen Ungarn lebe, und seine ›Daily Mail‹ ergeht sich in Beschimpfungen des tschechischen Staates und fordert dessen finanziellen Boykott. Also Blockade.

Nun sind die Grenzen durch die Friedensverträge von Saint-Germain, Neuilly und Trianon nicht weiser als die von Versailles. Aber grade die Tschechoslowakei konsolidiert sich zusehends und die Wunden vernarben. Warum interessiert sich Rothermere nicht, beispielsweise, für Bessarabien, wo die seinen magyarischen Freunden entsprechende rumänische Offizierskamarilla unter der eingesessenen Bevölkerung dermaßen wütet, daß die sich nach Rückkehr unter die Sowjets sehnt? Warum appelliert er nicht generell für eine Revision der Friedensverträge ...?

So etwas scheinen die deutschen Nationalisten zu erhoffen, die zwar nicht das Gras, bei ihren guten Beziehungen zu dem Gott der Schlachten aber das Eisen wachsen hören, und deshalb zu Rothermeres Unternehmen leidenschaftlich applaudieren. Wie lange ist es her, daß Rothermere und ›Daily Mail‹ Inbegriff aller Schändlichkeiten waren? Nannte man diesen Konzern nicht früher einen mit Vorliebe Deutsche verspeisenden Leviathan? Und wurde nicht immer gemunkelt, daß die Wiege seines Gründers in Frankfurt gestanden habe? Vergessen, vergessen. Glauben die Leute wirklich, daß Mylord mit ihnen nächstens, als Dank für den Sukkurs, gen Ostland reiten werde, durch den Korridor ...? Das glauben wohl selbst die beflissenen Adepten der Northcliffe-Rothermere-Chemie im ›Lokalanzeiger‹ nicht.

Es ist das alte Schauspiel: das Bedürfnis nach Anschluß an die internationale Reaktion überwiegt endlich nationale Querelen. Das gilt für Rothermere so gut wie für seine neuen deutschen Bewunderer. Auch die Ungarnfreundschaft des englischen Pressebeherrschers ergibt sich nur aus der Notwendigkeit des britischen Imperialismus, auf dem Kontinent neue Büttel zu werben. Auch die englische Sympathie für Horthy, in dem die feine Gesellschaft von Mayfair vor ein paar Jahren wahrscheinlich noch so etwas wie einen in die Politik verlaufenen Zigeunerprimas gesehen hat, ist nur ein neues Glied in der Kette des Kampfes gegen Moskau. Längst hat sich die offizielle londoner Politik Mussolinis und Horthys und aller andern weißen Diktatoren versichert. Der nichtamtliche Rothermere aber geht ein paar Schritte weiter und macht schon Stimmung für eine opulente Belohnung eines der tüchtigen Lieblinge, und es ist kein Zufall, daß die Kosten für das Benefizium ein Staat tragen soll, der von anständigen Prinzipien regiert wird und ein Stück demokratischer Zukunft darstellt. Wir kennen solche Vorgänge aus dem Bürgerkrieg: erst gehts gegen den Bolschewismus allgemein; nachher ist alles ein Aufwaschen, und jeder ehrliche Demokrat erscheint als Bolschewik und ausrottenswert. Schon in der leidigen Falschgeldaffäre hat England zwar nicht Ungarns Ehre, wohl aber das Fell seiner Minister gerettet. Die Politik der englischen Regierung ist heute schon so weit, in jedem demokratischen Staatswesen Helfer Moskaus zu wittern. Deshalb die Päppelung aller Fascismen. Deshalb die kürzlich von amerikanischer Seite aufgedeckten Pläne Mussolinis mit Hilfe Englands und der deutschen Nationalisten, als Krönung des Werkes, den Magyaren schließlich einen italienischen Prinzen als König zu bescheren.

Das amtliche England verhält sich zu Rothermeres Einbruch in Mitteleuropa auffallend still. Gewiß, dieser Pressediktator ist zwar ein einflußreicher Politiker, aber doch nur eine Privatperson. Wer will ihm wehren, seine Meinung zu sagen, das gleiche Recht also wahrzunehmen, das jeder Sonntagsredner im Hydepark hat? Wenn man ihm zu arg übern Mund fährt, wird er schließlich schweigen, wenn er Glück hat, kann man – ihm folgen. So hat Britannia immer erobert.

Die Weltbühne, 6. September 1927

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