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Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928 - Kapitel 33
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band IV: 1927?1928
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand IV
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Renke Siems
year1994
isbn3498050192
firstpub1927-1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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712

Zwischen London und Moskau

Wir sind neutral. Nicht in Erinnerung an jenes Belgien, das unsre Truppen überschwemmten, weil laut amtlicher Erklärung der von allen Seiten Bedrohte sich durchschlagen muß, wie er irgend kann. Niemand denkt an das Beispiel Belgien. Wir sind neutral, nicht, weil wir so wollen, sondern weil wir vielfach gekettet sind. Weil uns der eine Pakt nach Osten, der andre nach Westen bindet. Weil wir in einem so engmaschigen Netz von Verträgen verhaspelt sind, daß auch der gewiegteste Staatsjurist kaum mehr zu ergründen vermöchte, welches von den zahlreichen Engagements das hauptsächlich verpflichtende ist. Das ist ein absonderlicher Zustand, den wir, weil das gemünzte Wort fehlt, Neutralität nennen. Die große Presse ist entzückt und sonnt sich in der neuen Rolle. Wir haben seit zehn Jahren alle politischen Moden hingebend mitgemacht. Eine stand noch aus und wird erst jetzt reichlich ausgekostet: wir sind Neutralien.

Symbol dieser Haltung ist kaum der Genius des Friedens, der in Deutschland noch immer als lästiger Ausländer behandelt wird, als vielmehr der finanzkundige Gott mit der geflügelten Ferse. Herr M. Philips Price, ein englischer Publizist, der Deutschland und Rußland gleich gut kennt, schreibt im ›Labour Leader‹: »Die Entwicklung des russischen Marktes ist von größter Bedeutung für Deutschland geworden. Während die City an die deutsche Regierung, an deutsche Kommunen, wie Hamburg, und an das deutsche Kalisyndikat Geld ausleiht zu sieben und acht Prozent, gewähren die deutsche Regierung und die Industriesyndikate dem russischen Staat Exportkredite zu zehn und zwölf Prozent ... 1926 wurden zwei bedeutende Kredittransaktionen zwischen Moskau und Berlin abgeschlossen. Zuerst kam eine kleinere Anleihe von sechzig Millionen Mark mit einer Frist von sechs Monaten zustande. Dieser Betrag wurde von der Sowjetregierung pünktlich mit Zinsen zurückgezahlt. Dann folgte eine große Anleihe in Höhe von hundert Millionen Mark, rückzahlbar in ein bis zwei Jahren. Seither wurde noch ein weitrer Kredit von sechzig Millionen Mark gewährt. Der Erfolg dieser Politik einer Kreditgewährung an Rußland ist der, daß verschiedene große deutsche Maschinenfabriken für Monate voraus mit Aufträgen für Maschinen für Rußland versehen sind. Natürlich herrschen in Deutschland noch immer wirtschaftliche Depressionen und große Arbeitslosigkeit, die Löhne sind geringer als in England und die Preise für viele notwendige Agrarprodukte infolge der durch die Junker stark beeinflußten Gesetzgebung des letzten Jahres höher als die Weltmarktpreise. Aber die gegenwärtigen kapitalistischen Herren Deutschlands haben die Notwendigkeit eingesehen, den Handel mit Rußland mit Hilfe von Staatskrediten zu forcieren und sie haben das bis heute mit keinem schlechten Erfolg getan. Indirekt haben sie das Geld dazu verwandt, das sie sich in England zu diesem Zweck zu einem billigern Zinssatz gepumpt haben.«

Das nennt man Neutralität. Die Motive: Profit und Verlegenheit, sind etwas verschmiert und riechen nicht schön. Aber in Anbetracht schlimmerer Möglichkeiten muß zugegeben werden, daß diese Haltung der Vernunft noch am nächsten kommt. Und es fragt sich auch, ob die politische Vernunft, bei uns und anderswo, vornehmere Eltern hat und jemals haben wird.

 

Aber wird selbst diese Linie gewahrt werden können? Nach Westen zieht doch die Mitgliedschaft beim Völkerbund und die Mehrzahl der vertraglichen Verpflichtungen; nach Osten das Geschäft. An Rußlands Seite zieht der Haß gegen Polen und der Kurs der leitenden Militärs, wenngleich die Anhänger der deutsch-russischen Giftgasfreundschaft durch das Ausscheiden des Generals von Seeckt ihren führenden Kopf verloren haben.

Auch sonst kommt noch einiges hinzu, was den Russophilen unter der Generalität das Konzept verdirbt. Die Herren waren auf ganz andre politische Konstellation als die jetzige eingerichtet. Im Mittelpunkt ihrer Berechnungen stand ein Polen, das von dem andern Erbfeind Frankreich unterstützt wird, während sie sich England als wohlwollenden und an Deutschlands Sache nicht ganz uninteressierten Zuschauer dachten. Diese Rechnung stimmt nicht mehr. Nicht mehr Frankreich hat das Patronat über Polen, sondern England. Nicht Frankreich, nach einer bei uns geglaubten Legende der traditionelle Unruhestifter Europas, sondern England hat unvermittelt einen die ganze Welt beunruhigenden Konflikt vom Zaun gebrochen. Bei der Auseinandersetzung zwischen London und Moskau, hält sich die französische Politik bis jetzt, und hoffentlich auch in Zukunft, vorsichtig zurück. Vater aller Verlegenheiten ist der geneigte Inspirator unsrer Außenpolitik, ist England. Das erklärt die unerwartete Schweigsamkeit unsrer Militaristen, aber auch die plötzliche Mattigkeit der Offiziellen in der Wilhelm-Straße. Zugleich zeigt sich, daß die vielgepriesene Wiederflottmachung unsrer Außenpolitik unter Stresemann nur ein Phantom ist. Wir sind weitergekommen, gewiß, aber nur auf vorgeschriebener Strecke und mit geborgter Kraft. Das Sausetempo unsres Fortschritts in diesen Jahren verdanken wir englischen Motoren und einer von England sorgfältig festgelegten Route. Stresemann durfte nur chauffieren.

Die Fahrt ist einstweilen zu Ende. Der Wagenlenker ist verwirrt abgestiegen und gibt sich redliche Mühe, die neuen Signale nicht zu hören. Die englische Orientierung, von Fridericus bis Stresemann, von Pitt bis d'Abernon, die deutsche Außenpolitik immer beeinflussend, oft beherrschend, hat einen bitterbösen Chok erlitten. Diesen Tatbestand herauszuschälen, wäre grade jetzt eine Aufgabe unsrer Presse. Doch grade darüber liest man sehr wenig. Die Blätter registrieren sorgfältig, was die englischen und russischen Machthaber zu sagen haben, aber wir erfahren nicht, wie Deutschland steht. Und vielleicht ist der Augenblick nicht mehr fern, wo das Foreign Office die Rechnung für die erwiesenen Freundlichkeiten präsentieren wird.

 

Die englische Orientierung hat bisher keine einzige Probe bestanden, doch sie scheint unverwüstlich. Auch dieser neue Stoß ist schon überwunden. Alle Enttäuschungen sind dazu da, um vergessen zu werden. Bethmann, händeringend und schluchzend vor Bunsen – vergessen. Rosenberg, am leeren Schreibtisch auf Englands machtvolles Schiedswort harrend – vergessen, vergessen. Hat es auch dies Mal wieder blaue Flecken gegeben, so ist doch der Mann mit der heilenden Salbe schon da: – Lloyd George. Die deutsche Fähigkeit zur Illusion hat wieder ein Narkotikum gefunden, sich in neuen Rausch zu steigern. Der Glaube an die Zukunft des alten Lloyd George muß über die gefährliche dünne Luft der Gegenwart hinweghelfen. Der Glaube an die überwältigende staatsmännische Genialität von Lloyd George hat für unsre Linkspresse überhaupt den Wert eines außenpolitischen Axioms. Zugegeben, daß der noch immer sehr wetterfeste alte Herr in seiner erbarmungslosen Kritik der Baldwin-Regierung den gesunden Menschenverstand für sich hat. Zugegeben selbst, daß er nach den nächsten Wahlen etwa in einem Koalitionskabinett MacDonald thronen wird – was besagt das für die Gegenwart? Und welche Garantien bedeutet grade der viel wollende Außenpolitiker Lloyd George, daß er das als vernunftvoll Erkannte auch im Besitz der Macht weiter verfolgt? Dieser eminente Innenpolitiker und Sozialreformer hat, vom Flackerlicht des Ehrgeizes hin und her getrieben, in den Bereichen der Weltpolitik stets eine bis zur Kriminalität frivole Hand bewiesen. In England hat man die Erinnerung an seine Escapaden besser bewahrt als bei uns. Hier, wo noch immer an den Ketten von Versailles gezerrt wird, weiß man nicht mehr, daß Lloyd George der Schöpfer der Europakarte von Versailles ist, daß er es war, der in Genua Deutschland mit der Verantwortung für das Scheitern der Konferenz belud und damit Poincaré zum Fraß vorwarf. In England aber hat man die Erinnerung an noch mehr bewahrt, zum Beispiel: an den griechisch-türkischen Krieg von 1922, mit dem Brand von Smyrna und der vernichtenden Niederlage des armen griechischen Mietsoldaten. Doch in Deutschland denkt man nicht kritisch zurück. Alle politische Sehnsucht hier rankt sich gern um einen fernen Helden, der schaffen soll, was man selbst nicht schaffen kann.

 

Einstweilen scheint die Unternehmungslust der englischen Regierung gestillt zu sein. Dennoch treten wir jetzt in eine Zeit der Gefahren, wo sehr schnell irgend ein dummer Zwischenfall zu militärischen Aktionen führen kann. Die Diehards und Blockheads der englischen Regierung hoffen, Rußland durch eine Wirtschaftsblockade dem innern Verfall entgegenzutreiben und das gegenwärtige Regime an Auszehrung eingehen zu lassen. Aber grade ein schonungslos eingekapseltes Rußland könnte in letzter Stunde einen Ausfallspunkt suchen, und damit wäre die Katastrophe da.

Noch befindet sich die Entwicklung im Anfang, und für dieses Stadium mag unsre Neutralität, diese Mischung aus Geschäft und Angst, genügen. Doch für die Dauer ist das zu wenig. Mit einer katzbuckelnden Neutralität ist da nicht gedient. Sie muß bewußt werden. Sie muß eine Waffe werden. Die deutsche Neutralität muß fruchtbar werden für Europa. Hier muß sich alles kristallisieren, was auf unserm Erdteil noch an Friedenswillen und Vernunft lebt.

Es soll hier kein deutscher Schiedsversuch für den englisch-russischen Streitfall vorgeschlagen werden. Deutschlands Aufgabe kann nur Abwehr sein und Sammlung aller friedengewillten Kräfte. Für einen Makler sind die beiden Streitenden zu groß und zu eigenwillig. Beide müssen von selbst wieder an den Verhandlungstisch finden. Je isolierter sie bleiben, je ruhiger die Welt ihre Kampfrufe aufnimmt, desto kürzer wird die leidige Frist sein.

 

Rotfront demonstriert in Berlin für Rußland. Wie im vorigen Jahr ein schöner, stattlicher Aufmarsch. Lauter famose, adrette Gestalten; Die sehen ganz anders aus als die revanchedurstenden Heringsbändiger der nationalen Verbände. Sie haben Schliff und tragen sich wie Soldaten. Alles klappt wie am Schnürchen. Nur wird man das bedenkliche Gefühl nicht los, daß man dies Alles ja schon beim preußischen Kommiß gesehen hat. Dieser Stechschritt! Wirklich, das bißchen Verstand, das die Potsdamer noch zuzusetzen hatten, scheint den Jungens hier definitiv in die Kniekehlen gefahren zu sein. Das sagt nichts gegen den Einzelnen, der aufopferungsvoll und gutgläubig hergekommen ist und der sich gewiß als Kombattant einer Revolutionsarmee fühlt. Ihr armen Leute, weiß Gott, für wen ihr noch einmal marschieren werdet. Das populärste Plakat des Aufzugs proklamiert: Krieg dem imperialistischen Kriege! Das heißt also, daß die obern Kommandostellen mit sich reden lassen, wenn man ihnen nachweist, daß der nächste Krieg kein imperialistischer ist. Da dieser Nachweis schon ein Mal, 1914, bei den Sozialdemokraten aufs beste geglückt ist, so steht nicht an, zu bezweifeln, daß der Dreh auch ein zweites Mal bei ihren radikalern Söhnen gelingen wird. In visionärer Erkenntnis kommender Dinge sehen wir schon das beliebte Lehrbuch der Geschichte von Neubauer vor uns, Ausgabe von 1956, und lesen darin die folgende markante Stelle: « ... sehr verdient gemacht um die Erhaltung der deutschen Volkskraft in einer Periode trauriger pazifistischer Erschlaffung hat sich auch der Rote Frontkämpferbund unter Führung des Kommunisten Thälmann. Nicht zum wenigsten dieser militärischen Durchdringung der Arbeiterschaft verdanken wir unsre herrlichen Siege in Frankreich und Polen. Wenn auch die Ziele dieses Bundes ursprünglich rein parteipolitische waren, so hat er sich doch in der Stunde der Gefahr dem Vaterland nicht versagt, und wir nennen den einstigen Revolutionär Thälmann, der noch heute rüstig unter uns weilt, ehrenvoll zusammen mit dem geliebten Namen des Turnvaters Jahn.«

Die Weltbühne, 7. Juni 1927

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