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Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928 - Kapitel 15
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band IV: 1927?1928
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand IV
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Renke Siems
year1994
isbn3498050192
firstpub1927-1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Billies Prozeß

Das hat sich grade jetzt vor dreihundert Jahren in London zugetragen: eines Abends erschienen im Bücherladen von Jeremias Peacock in der Straße Zur kleinen Vergnüglichkeit in Southwark, nicht weit vom Theater Die Weltkugel, ein paar bewaffnete Männer, geführt von einer Magistratsperson mit fuchsroter Perücke, um den Buchhändler zu verhaften. Der war über Land gefahren, und um nicht unverrichteter Sache abzuziehen, notzüchtigten die Gerichtsdiener derweilen des Meisters Frau und junge Töchter. Denn in dieser lebensfrohen Zeit wußte man auch der tristesten Amtshandlung eine heitre Seite abzugewinnen. Aber als die Häscher fortgingen, fiel ihnen ein kleiner fünfzehnjähriger Struwelkopf auf, Billie, der Ladenjunge, der, während die Gerechtigkeit über ihm waltete, unbekümmert die Stufen fegte und dazu Dideldum sang. Diesen Knaben ließ die Magistratsperson mitnehmen und in Eisen legen.

Was aber war der Grund dieses obrigkeitlichen Besuches? Die frommen Gemeindeältesten hatten Ärgernis genommen an einem stattlichen Folioband, den Meister Jeremias in seinem Laden zum Kauf anbot, weil darin die Schauspiele eines verstorbenen Komödianten namens Shakespeare gesammelt waren, höchst verwerfliche Possenreißereien, vollgestopft mit greulicher Unzucht und Indiskretionen aus königlichen Familien, in knalliger Aufmachung überaus geeignet, dem Volk destruktive Tendenzen nahe zu bringen. Da Meister Peacock indessen vornehme Kundschaft hatte und wohl gelitten war bei Lady Topsey-Turvey, der Gespielin von des Königs jüngstem Bruder, so durfte er ungehindert das Land verlassen. Doch Billie, der Ladenjunge, wurde in den Tower geworfen, dringend verdächtig, den Hochverrat literarisch vorbereitet zu haben.

Um den schüchternen, wenig redegewandten Knaben gesprächiger zu machen, ließ ihn der Untersuchungsrichter mit Zangen zwicken und seine Gelenke auskugeln. Dann fragte er ihn mit der natürlichen Liebenswürdigkeit eines Mannes, der über seinem Beamtencharakter nicht sein Menschentum vergißt, ob er wohl wisse, daß die Werke jenes Shakespeare wahre Breviarien seien für Königsmord und Konspiration, Bibeln des revolutionären Umsturzes und der frevelvollen Kunst, das Volk aufzuhetzen. Jammernd erwiderte Billie: er sei nur ein ungelehrtes Kind, könne nicht lesen noch schreiben, wisse überhaupt nicht, was in den Büchern stehe und pflege sie nur an der Farbe des Umschlags zu unterscheiden; übrigens habe er sie gar nicht verkauft, sondern nur jeden Morgen abgestäubt. Dabei blieb er in gottloser Verstocktheit.

Auch als Angeklagter vor des Königs Obergericht wollte er sich zu keinem Geständnis bequemen. In dieser Atmosphäre von zurückhaltendem Richterstolz und herber Sachlichkeit, die sich dem Außenstehenden nicht so leicht erschließt, gelang es auch ihm nicht, sich zu erschließen, und er wiederholte nur das in den peinlichen Verhören Gesagte. So erkannte ihn das Gericht schuldig des todeswürdigen Verbrechens, Umsturzliteratur mit dem Staubwedel pfleglich behandelt zu haben, anstatt sie, wie pflichtgemäß, dem Feuer zu überliefern. Bald darauf wurde Billie, nachdem man ihn vorher mit Ruten gestrichen, nach Newgate gebracht und dort gehängt.

Doch in den Wochen vor seiner Hinrichtung hatte Billie in einer Zelle gelegen mit einem frommen Schwärmer, dem sich in trunknen Visionen die freieste Verfassung der Welt offenbarte, ein Saeculum der Gedankenfreiheit und der gewaltlosen Harmonie. Dieses Mannes Reden erhitzten Billies armen Kopf, und sie mögen den seltsamen Traum verursacht haben, den er in seiner letzten Nacht hatte: Er stand plötzlich in einem fernen Jahrhundert und sah seinen Fall verhandelt von Richtern in feierlichen roten Talaren. Und deren Ältester erhob sich und sprach mit der scharfen, beizenden Stimme des Lord Oberrichters: Was Billie da vorbringe, seien Flausen; die literarischen Qualitäten des Herrn Shakespeare wären ja unbestritten, doch das schließe nicht aus, daß ein Andrer die Bücher dieses Autors für strafbare politische Zwecke geeignet finde und sie in strafbarer Weise gebrauche. Er, Billie, aber habe als Angestellter der Firma Peacock, ohnehin durch andre Beschlagnahmungen gewarnt, die Pflicht zur sorgfältigen eignen Prüfung, gegebnenfalls auch zur Erkundigung gehabt. Das habe er versäumt, und deshalb sei er zu verdammen. Während Billie schmerzlich aufschrie, zerplatzte sein Traum. Die Büttel ergriffen ihn und servierten ihn erst dem Priester, dann dem Henker.

Der Verkünder des Dritten Reichs hatte sich umsonst bemüht. Billie, der Ladenjunge, von seiner Zeit verstoßen, starb ohne Glauben an die Zukunft.

Die Weltbühne, 8. März 1927

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