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Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928 - Kapitel 141
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band IV: 1927?1928
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand IV
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Renke Siems
year1994
isbn3498050192
firstpub1927-1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Mann von der Grenze

Es ist wieder ganz anders gekommen als die deutschen Blätter dachten. Der Kongreß von Angers war doch kein Scheingefecht, dessen Pulverdampf nur ein neues Kompromiß decken sollte. Die Radikalen unter Daladier und Montigny sind nicht gewichen, und ihre Minister haben parieren müssen. Einige unsrer republikanischen Blätter spotten. Nun, ich möchte die sozialistischen Minister erleben, wenn auf einem Parteitag die Gruppe Paul Levis unverhofft siegen sollte.

Die Radikalen haben diesen letzten Poincaré-Block nur mitgemacht, weil ihnen nach dem Mißlingen der Frankenstabilisierung nichts andres übrig blieb. Poincaré hat wenig Freude gehabt an diesen Alliierten, aus deren Reihen ihn die feindseligen Gesichter von Caillaux und Malvy ansahen. Es gab da alte Rechnungen zu begleichen. Aber die Mehrzahl der Radikalen war weniger gegen Poincaré gestimmt als vielmehr gegen das Bündnis mit der Gruppe Marin. So sehr der Ministerpräsident die Eigenheiten der Linken respektierte, so deutlich unterstrich er doch den Koalitionsgedanken. Denn die union sacrée ist ja seine Generalidee. Er ist der bedeutendste und auch der erfolgreichste Koalitionspolitiker, den es überhaupt gegeben hat. Fast immer sind solche Gebilde Pfuscherei und die Versuche, eine Politik der Mitte zu machen, Selbstbetrug. Poincaré hat nicht nur experimentiert, seine Allianzen sind immer Meisterstücke gewesen.

Er wurde im Winter 1912 zum ersten Mal Premierminister und begann sogleich mit überrumpelnder Wucht. Caillaux, der nach dem Intermezzo von Agadir den Marokkovertrag mit Deutschland unter Dach gebracht hatte, war einer der wilden Attacken Clemenceaus erlegen. Noch war die bürgerliche Linke im Vordringen, sie hatte die Laiengesetze durchgekämpft, die Steuerreform, sie war stark pazifistisch durchsetzt. Das Großkapital betrachtete sie mit Argwohn, der Generalstab plante ein neues Militärgesetz. Konservative Kräfte regten sich, um den Strom, der schließlich in das Meer Jaurès hätte münden müssen, zu regulieren und mit Schleusen zu versehen. Der Mann des retardierenden Programms war Raymond Poincaré. Diese entscheidungsvolle Zeit ist neuerdings in einer im besten Sinne gründlichen Studie geschildert worden: Max Clauß, »Das politische Frankreich vor dem Kriege« (G. Braun, Karlsruhe), eine Arbeit, die viel zum Verständnis des schwer übersichtlichen französischen Parteiwesens beiträgt und deshalb grade heute sehr aktuell ist. Man braucht sich dabei nicht alle Werturteile zu eigen machen. Es ist wohl übertrieben, wenn der Verfasser, auf Fabre-Luce gestützt, den Poincaré von 1912 einfach mit der Offensiv-Doktrin der jüngern Generalstäbler identifiziert, dem Glauben an die Schicksalsmäßigkeit des Krieges zur Rückeroberung der verlorenen Provinzen. Seiner vorsichtigen Art entsprechend war sich Poincaré gewiß immer der schrecklichen Verantwortung eines Krieges bewußt. Er hat Frankreichs Friedensliebe oft beteuert, und unter seinen vielen damaligen Reden befindet sich keine einzige unbedachte. Wenn Caillaux leidenschaftlich den Frieden verteidigte, weil er ein seiner Zeit vorauseilender Wirtschaftspolitiker war, und den Krieg für ein elendes Geschäft hielt, so war auch Poincaré, der solide Jurist, sicherlich von der Zweifelhaftigkeit des Waffenspiels überzeugt, und schon von Berufs wegen dem Turnier am Verhandlungstisch eher zugeneigt. Um den Krieg zu entfesseln, dazu gehörten nicht nur die Häupter der Triple Entente, dazu gehörte auch die katastrophale Unzulänglichkeit der deutschen Außenpolitik und das verbrecherische Geschrei unsrer Imperialisten nach einem größern Deutschland. Aber man kann sagen, daß Poincaré in einer ganz andern Weise unheilvoll geworden ist, indem er nämlich das Koalitionsprinzip der Innenpolitik mit gleicher Intensität in die auswärtigen Angelegenheiten übertrug. Sein an Pedanterie grenzender Ordnungssinn hat die Entente, eine Improvisation bis dahin, erst richtig einexerziert. Dieses wildgewachsene Ding wurde von ihm erst hübsch gepflegt und in das exakte Linearsystem klassizistischer Gärten gebracht. Leider fehlte es in Berlin an einem ähnlichen Talent, das sich einmal die deutsche Bündnispolitik gehörig angesehen und der Zeit entsprechend zugestutzt hätte. Es ist sehr schwer, diesem Manne gerecht zu werden. Die Architektonik des Begriffs Poincaré ist nüchtern und von rechteckiger Präzision, aber ohne Plaudernischen; das »rein Menschliche« fehlt ganz. Auch seine Memoiren, die jetzt deutsch erscheinen (Paul Aretz, Dresden), zeigen nur die Werkstatt eines Staatsmanns, wenig von der Person, die darin wohnt. Und dennoch sollte dieser dickleibige, ein besonderes Studium erfordernde Band in alle Volksbibliotheken eingehen, denn er zeigt erschütternd, wie die große Politik vor dem Kriege beschaffen war. Und es könnte auch gar nichts schaden, wenn in unsern höhern Schulen an Stelle des vergilbten »Charles XII.« oder der verschwollenen »Histoire des girondins« ein paar Kapitel daraus gelesen würden, nicht einiger besonders anregender Konjunktive wegen, sondern weil ungeheure Summen von Beobachtungen und Erfahrungen darin enthalten sind; auch der Pauker würde daran nicht sterben, ebensowenig wie am Julius Cäsar, der ja auch für die teutonisch Bewußten keine sehr aufheiternde Lektüre bedeutet. Poincaré ist kein redseliger Memoirenschreiber, sondern ein Fanatiker der Sachlichkeit. Aber so wenig man den Überbeelzebub der deutschen Legenden findet, so wenig lassen sich doch die Grenzen seiner Politik verkennen. Sicherlich hat er niemals etwas bewußt gegen den Frieden unternommen, aber was hat er dafür getan? »Das republikanische Frankreich ist aufrichtig friedliebend«, sagte er in seiner Kammerrede vom 6. Februar 1912, »aber es sieht die beste Gewähr des Friedens in der eifersüchtigen Bewahrung seiner Militär-, Flotten- und Finanzmacht, in der Aufrechterhaltung unsrer großen nationalen Überlieferungen, in einer aufmerksamen und zähen Verteidigung unsrer Rechte und Interessen.« Und in einer Rede von Ende 1912: »Wir müssen in uns die ganze Geduld, die ganze Energie, den ganzen Stolz eines Volkes wachhalten, das den Krieg nicht will und ihn dennoch nicht fürchtet.« Diese Sprache ist gewiß frei von der Großmäuligkeit deutscher Politiker jener Zeit, die so brünstig und so abgründig dumm nach dem Platz an der Sonne verlangten, aber mit welcher Kälte wird hier der Eventualität Krieg ins Auge geblickt. Dieser prinzipielle Jurist wird von keinem Gorgohaupt erschüttert. Er bleibt immer der Lothringer, immer der Mann von der Grenze, wachsam, mißtrauisch, in nationalen Dingen mehr als sensibel. Clauß zitiert nach Albert Thibaudet aus einer Rede von 1913: »Seit meinen Anfängen im politischen Leben bin ich überall von einem Gefolge lothringischer Ideen beschützt gewesen.« Ein Grenzwächter, ein Roland.

Heute gehört Poincaré-la-guerre der Vergangenheit an. Von den Staatsmännern der alten Entente hat er als der Letzte abgerüstet, erst in jener Mairede von Carcassonne fand er den Weg von Lothringen nach Europa, aber man kann sicher sein, daß der unbeugsame Tatsachensinn, der ihn lange den Mitteln des Friedens mißtrauen ließ, ihn auch zu dessen härtestem Defensor machen wird, wenn er den guten Willen, und besonders in Deutschland, als eine Macht, also als eine Realität achten lernt. In seinen Erinnerungen widmet er wichtige Partien seinem jungen Gegner Alfred Fabre-Luce, dem Verfasser von »La victoire« und »Locarno sans rêves«. Nur hier wird er polemisch, nur hier gelegentlich erregt. Nicht, weil ihm der Andre schreckliche Blessuren beifügt. Man darf ohne weiteres glauben: wenn Fabre-Luce Dokumente zitiert und Poincaré widerspricht, so hat Poincaré recht. So leicht ist der Mann nicht zu schlagen, das sollten auch die Verfertiger unsrer Unschuldsliteratur endlich begreifen, diese sanften Margueriten mit dem Küchenmesser in der Rockfalte. Aber Fabre-Luce spricht für die Dreißigjährigen, die die Situation von 1910 überhaupt nicht mehr verstehen, nicht mehr das geheime Getue, das die Beziehungen zwischen den Staatsmännern so konspiratorisch gemacht hat. Es ist sehr seltsam, daß Poincaré, der die Gleichaltrigen nicht schont, für diesen zähen, scharfen Gegner manchmal freundliche, fast väterliche Worte findet, als ahnte er hier die Kommenden, die Bürger einer Zeit, die das Mißtrauen zwischen den Völkern nur noch als ein legendäres Gespenst betrachten werden.

Sind die Radikalen, die ihn jetzt zu Fall gebracht haben, schon diese Ablösung? Gewiß, sie handeln charaktervoll, wenn sie sich nicht weiter als Karyatiden einer zweifelhaften nationalen Einigkeit gebrauchen lassen wollen, und wenn sie die Laiengesetze, ihr Palladium, nicht durchlöchern lassen. Aber sie sind nur Verteidiger, nur Konservatoren des Combismus, und es fehlt die neue Generalidee. Es steht nirgends mehr gut um die bürgerliche Demokratie. Vielleicht wird Poincaré in ein paar Tagen wieder da sein, vielleicht in einem halben Jahr. Es ist sehr schwer, sich Frankreich ohne ihn vorzustellen.

Die Weltbühne, 13. November 1928

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