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Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928 - Kapitel 139
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band IV: 1927?1928
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand IV
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Renke Siems
year1994
isbn3498050192
firstpub1927-1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Deutschland ist ...

Deutschland ist jetzt zehn Jahre Republik, und diese neue Staatsform hat das Land aus seiner größten Katastrophe gerettet und vor Zertrümmerung bewahrt. Ein von der Dynastie unterzeichneter Friede hätte wahrscheinlich dazu geführt, daß sich die süddeutschen Potentaten, ihre Unschuld am Kriege sanft beteuernd, nach irgendwo hin verfügt hätten, so wie es Bayern auch als angeblicher Volksstaat versucht hatte. Der Verband des Reiches wäre auf alle Fälle gesprengt worden. Die Republik hat den denkbar günstigsten unter allen möglichen Frieden geschlossen.

 

Deutschland ist unter allen Ländern des Krieges das einzige, das mit Fug sagen kann, der Friedensvertrag habe ihm Nutzen gebracht. Es hat zwar Gebiete verloren, es muß schwere Reparationen leisten, und noch ist ein Stück Rheinufer besetzt. Dafür aber ist es aus der Sphäre des Imperialismus heraus, und es hat kein Deutschland Übersee zu verteidigen. Es kann ruhig schlafen, wenn in China oder Marokko die Gewehre losgehn. Es ist von der Qual der Wehrpflicht befreit, gemessen an den militärpolitischen Sorgen der andern sind die seinen für die Katz. Die Sieger werden ihrer Eroberungen nicht froh, ihr Budget kommt durch Rüstungsaufwendungen aus der Balance, und in den jungen Staaten balgen sich die Nationalitäten. Deutschland ist wieder angesehen und thront im Rat der Großen, ohne deren Beängstigungen zu teilen.

 

Deutschland ist undankbar. Es hat sich sehr schnell erholt und wäre ohne das Ruhrverbrechen des Herrn Cuno schon vor einigen Jahren so weit gewesen. Die Ketten von Versailles waren immer nur papierne. Zugegeben, daß Clemenceau keine charitativen Absichten dabei gehabt hat, jedenfalls ist er Deutschland ebenso wenig zum Verderben geworden wie Napoleon, der den König von Preußen bis nach Tilsit gejagt und ein Bündel vermotteter Staaten so rücksichtslos durchgelüftet hat, wie das deutsche Pietät niemals zuwege gebracht hätte. Was wäre eigentlich, wenn wir gesiegt hätten, wenn die Vaterlandspartei der Ludendorffe ihre großen Eroberungsabsichten verwirklicht hätte? Dann wäre bis heute noch kein Frieden in der Welt gewesen, jeder erwachsene Deutsche einerlei welchen Geschlechts, würde draußen in der Welt günstigenfalls Etappendienst machen und aufpassen, ob die von den Alldeutschen geschmiedeten Ketten auch richtig sitzen; alle Deutschen wären nach zehn Jahren noch immer unterwegs, und im Land wäre nichts als – die Zentrale für Heimatdienst. Zur Abwickelung.

 

Deutschland ist das einzige Land, das nicht imstande ist, eine Verbesserung zu begreifen. In Frankreich hoben sich mit der Stabilisierung offensichtlich die Lebensgeister, und auch in England ist man wieder heiterer, weil die Auseinandersetzung mit Moskau einstweilen vertagt ist. In Deutschland dagegen hat sich seit 1920 die Sprache seiner Politiker kaum verändert. Noch immer das alte Elendslied, die Verwünschung des Gewaltfriedens. Kein Politiker irgend einer Partei verschmäht, von der Verarmung und Verelendung zu sprechen, und zwar nicht von der durch die eignen Kapitalisten bewirkte, sondern von der Pauperisierung durch Versailles und Dawes, und niemand spricht mehr von der Inflation, diesem gigantischen Raubzug der Schwerindustrie durch die Ersparnisse der kleinen Leute. Es gibt kein Bankett mit Kapaun und Rotspon, wo nicht irgend ein Schmerbauch feierlich versichert, daß wir nunmehr ein armes Volk sind. In diesem Punkte wird es zwischen Rechts und Links, zwischen Hörsing und Seldte, kaum eine Unstimmigkeit geben, von dieser kümmerlichen Phrase leben alle. Herr Duesterberg hat neulich phantasiert: »Nicht Auswanderung, Geburtenbeschränkung und Internationalisierung können uns retten, sondern nur Änderung des deutschen Gesamtschicksals, vor allem Sprengung der Grenzen, die uns einengen. Das deutsche Schicksal ist eine Raumfrage.« Das deutsche Schicksal ist keine Raumfrage. Aus der Philosophie von Herrn Hans Grimm in die Politik überführt, gewinnt das Wörtchen Raum überhaupt eine höchst fatale Wolkigkeit. Wenn wir heute das Land um Vogesen oder Weichsel wiederbekämen, so bedeutete das für den Einzelnen keineswegs mehr »Raum«. Es kommt nicht darauf an, wie viel Platz ein Volk unter der Sonne einnimmt, sondern wie die Güter darauf verteilt sind. Wenn die herrschende Klasse über die Niederlage lamentiert und sich nicht beruhigen kann, weil es ihr versagt ist, Siegesmale zu errichten, so muß ihr gröblich klar gemacht werden, daß ihre schönen Häuser, ihre Vergnügungsstätten, die glanzvollen Fassaden ihrer Industriepaläste die Monumente eines viel beweiskräftigeren Sieges sind: des Sieges über das eigne Volk.

 

Deutschland ist das einzige Land, wo Mangel an politischer Befähigung den Weg zu den höchsten Ehrenämtern sichert. So wie gewisse Naturvölker Schwachsinnigen göttliche Ehren entgegenbringen, so verehren die Deutschen den politischen Schwachsinn und holen sich von dorther ihre Führer. Darin überbieten sie ohne Zweifel die wilden Völker, die sich auf die Adoration beschränken und die scheue Bewunderung, aber sonst mit ihren Dorfkretins weder in den Krieg ziehen noch in den Frieden.

 

Deutschland ist infolgedessen auch das einzige Land, das ohne Erhebung an seine Revolution zurückdenkt. Im Grunde weiß man durchschnittlich von ihr nicht mehr, als daß sie unsern gloriosen Heerführern freventlich in den zum letzten Schlag erhobenen Arm gefallen ist. In keiner Schule wird gelehrt, daß sie lange veraltete Einrichtungen beseitigt, viel Schutt und Moder fortgefegt hat. Die Leute, die sie emporgetragen hat, heißen die Novemberverbrecher, und daran sind sie selbst schuld, denn sie zitterten vor der Macht, die ihnen plötzlich zufiel. Sie waren stolz darauf, möglichst viel unversehrt gelassen zu haben. So lebt die Revolution kaum mehr als Erinnerung, und einzelne Episoden daraus wirken heute schon unglaubwürdig und wie aus einer Fabelwelt. Wo sind die Bemühungen, den 9. November zu feiern? Verlautet irgend etwas von einer Kundgebung der Regierung? Dieses gegenwärtige Kabinett ist hervorgegangen aus den Parteien, denen der Umsturz den Weg zur Herrschaft frei gemacht, den sie aus eigner Kraft niemals gefunden hätten. Vielleicht würde es doch große Revolutionsfeiern geben, wenn die Sozialdemokratie nicht in der Regierung wäre, sondern noch in der Opposition stünde. Aber heute als Regierung ... pst, pst ... Der 9. November ist der schwarze Tag, der Tag, von dem man nicht spricht. Unbekannte Matrosen haben der wackelnden Despotie den letzten Tritt gegeben; den Dank der Republik hat der Leutnant Marloh in einem Hof in der Französischen Straße abgestattet.

 

Deutschland ist jetzt zehn Jahre Republik, und es hat mindestens fünf davon gedauert, ehe sich Republikaner in größerer Anzahl meldeten. Den Wendepunkt bildete der Hitlerputsch von 1923, bei dem sich zeigte, wie wenig zum gewaltsamen Umsturz bereite Gegner die Republik hatte und was für Narren dabei die Oberhand hatten. Dass die bürgerliche Republik durchgehalten hat, verdankt sie viel weniger der Entschlossenheit ihrer Führer als vielmehr der Deroute auf der anderen Seite und bestimmten außenpolitischen Rücksichtnahmen. Im allgemeinen hat man erkannt, dass auch in der neuen Form der Geist der Kaiserei weiterexistieren kann. Deutsche Revolution – ein kurzes pathetisches Emporrecken, und dann ein Niedersinken in die Alltäglichkeit. Massengräber in Berlin. Massengräber in München, an der Saale, am Rhein, an der Ruhr. Ein tiefes Vergessen liegt über diesen Gräbern, ein trauriges Umsonst. Ein verlorener Krieg kann schnell verwunden werden. Eine verspielte Revolution, das wissen wir, ist die Niederlage eines Jahrhunderts. So brechen wir auf ins zweite nachrevolutionäre Jahrzehnt.

Die Weltbühne, 6. November 1928

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