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Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928 - Kapitel 135
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band IV: 1927?1928
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand IV
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Renke Siems
year1994
isbn3498050192
firstpub1927-1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Heiterkeit auf allen Bänken

Nicht nur in Deutschland allein wird schlecht regiert. Auch in England, der Mutter der politischen Weisheit, fehlt es heute beträchtlich an Talenten und scheint die Hand der Herrschenden ungeschickt. Stanley Baldwin hat zwar für den Chef einer Partei von Land- und Industriejunkern ein unbezahlbar joviales Gesicht, aber er kann sich im Guten nicht durchsetzen und Schlimmes nicht verhüten. Sir Austen ist krank und auf Reisen. An seiner Stelle wirtschaftet der alte Cushendun, ein Lord Cidevant, der ins Towermuseum gehört und nicht in die Diplomatie. So ist es dem Foreign Office gelungen, den Marinevertrag mit Frankreich fertig zu bringen, das dümmste und gefährlichste Dokument seit langem. Einer jener englischen Publizisten, die kontinentale Blätter mit optimi[sti]schen Bulletins über die englische Politik zu bepflastern pflegen, Herr George Glasgow, spricht in der ›Prager Presse‹ noch immer »von einer gänzlich fiktiven anglo-französischen Entente« und schimpft auf die Leute, die die Sache ernster betrachten. Aber auch Herr Glasgow meint schließlich, daß taktisch nichts ärger sein konnte als der Versuch der englischen und französischen Regierung, ihren Plan vor der Niederschrift nicht in Washington zu unterbreiten, und er nennt das »eine der unwahrscheinlichsten Episoden der kontemporären Geschichte«. In Paris verlor man zuerst die Nerven, angesichts der großen Erregung rundum empfand man das künstlich geschaffene Schweigen um das Mysterium drückend; man wollte lieber publizieren. Aber Lord Cushendun sagte Nein und zog sich ins amtliche Gemäuer von Downing-Street zurück, Interpellanten und Interviewer schroff ablehnend. Gerüchte über Sonderklauseln schossen üppig auf; das Geheimnis vergiftete die Luft. Bis endlich Herr Horan, Hearsts pariser Korrespondent, die Lösung brachte. Erst wurde dementiert, dann zugestanden, dann wieder dementiert. Jetzt hat die politische Polizei in Paris mit Glück versucht, die Sache auf ein andres Gleis zu schieben. Sie hat Herrn Horan mit einem Aufwand arretiert, der an Herrn Kußmanns Erstürmung von Schwanenwerder erinnerte, sie hat ihn zuerst ausgewiesen, dann mit Gefängnis bedroht, dann abermals ausgewiesen, dann nochmals in die Verhörzange genommen, sie hat ihn, kurzum, so behandelt, als wäre er der Veranlasser und Verfasser der fatalen Schriftstücke und nicht lediglich der Vermittler für Textkritik. Herr Horan beendigte die Situation, indem er bei Nacht und Nebel nach Brüssel ausrückte. Aber aus dem Fall Marinevertrag ist nunmehr der Fall Horan geworden. Es bleibt wohl kein Zweifel, der sehr gewandte Journalist hat sich die Dokumente auf jene Weise verschafft, die man früher in Wien halb ehrlich, halb fröhlich nannte. Wie erzählt wird, habe es sich dabei sogar um Herrn Berthelots höchsteignes Exemplar gehandelt, und Herr Randolph Hearst soll es bereits intus gehabt haben, als er neulich mit dem frühern Besitzer der Zwiesprache pflog. Marineverträge haben schon immer einen etwas kriminellen Duft ausgeströmt; schon der gute alte Conan Doyle hat vor Jahren eine sehr spannende Geschichte von Diebstahl und Wiedererlangung eines solchen Papiers erzählt. Doch bringen dies kriminelle Aroma wohl nicht allein die Leute mit, die das Papier stehlen, als vielmehr, wie gesagt, die, die es verfaßt haben. Die Hearstpresse erhebt keinen Anspruch, als moralische Anstalt zu gelten. Aber wenn jemals, so hat Sensationsgier, hat Nachrichtenhunger eines großen Zeitungsunternehmens hier ein gutes Werk verrichtet. Ein gefährliches, verpestendes Geheimnis ist jäh offenbar geworden, und unter Umständen, die ein paar Kontinente zu schallender Heiterkeit hinreißen.

 

Wenn der Verstand der Verständigen eine Suppe zusammengerührt hat, die auch die vereinte Dummheit der Dummen nicht schlimmer hätte machen können, dann ist der Augenblick für einen großartigen Bluff, für einen Meisterwitz da. Deutschland hat zurzeit, wie man weiß, eine Regierung der Köpfe, eine Regierung der Persönlichkeiten. Man muß zugeben, daß sie besser aussieht als eine Reihe der vorangegangenen, daß es eine sehr stattliche demokratische und sozialistische Regierung ist. Aber es ist auch augenscheinlich, daß sie absolut nichts tut, sondern sich wie eine schöne Frau hält, die am vorteilhaftesten in der Ruhe wirkt, in Negligé und Spitzenhäubchen. Man verzeihe den Vergleich, die Regierung Hermann Müller ist eine solche Bettschönheit. Sie verliert an Reiz, wenn sie aufsteht, dann werden Unebenheiten der Figur bemerklich, aber am schlimmsten ist die Entzauberung, wenn sie den Mund auftut. Es ist eine Regierung zum Angucken. Alles stagniert in Deutschland, die Republik hat wieder einmal gesiegt und macht es sich darauf bequem. Es sind Monate voll von Unentschiedenheiten, aber auch voll von Ahnungen und wetterleuchtenden Unzufriedenheiten. Da platzt das wunderbar geschickt komponierte Kommunistenattentat auf den Rundfunk herein, das, wie jeder gute Witz von öffentlicher Wirkung, nicht nur den bureaukratischen Alltagstrott einer gut geölten Institution lustig ad absurdum führt, sondern vor allem aufzeigt, daß der Geist über dem Lande eine dicke wollene Schlafmütze trägt. Es klappt alles nur noch gewohnheitsmäßig, das Salz ist wieder dumm geworden. Niemand hat das besser begriffen als Herr Victor Schiff, indem er den seiner Sache widerfahrenen Spott wenigstens mit einem Fausthieb wettmachen wollte. Das ist die ohnmächtige Wut des Aufgestörten, es ist die hektische Energie, die ratlos und hilflos in ein paar Brillengläser schlägt, weil sie eine unbestimmte, ungreifbare, aber spornende und hetzende Macht an den Fersen spürt. Was Herrn Schulz und seinen Helfern gelungen ist, war ein Witz von brillanter Präzision, nicht geringer als der Streich der jungen Leute von der ›Action Francaise‹, die seinerzeit ihren Léon Daudet aus dem Gefängnis holten. Einstweilen erstickt das allgemeine Gelächter die weiterführenden Betrachtungen. Heiterkeit auf allen Bänken, in die sogar der zweite Ephorus für die guten Sitten Berlins, der Herr stellvertretende Polizeipräsident Doktor Weiß in einem Zeitungsartikel einstimmt. Das heißt, Herr Doktor Weiß freut sich nur mit der durch sein Amt gebotenen Einschränkung. Er freut sich, sozusagen, nur »rein als Mensch«, aber als Magistratsperson hebt er den sorgengefurchten Pädagogenfinger, was bedeutet, daß bei aller Lustigkeit er sowas doch nicht öfter hören möchte. Und das läßt sich durchaus mitfühlen, denn auch Herr Doktor Weiß ist damals zu Pfingsten an der Frankfurter Allee so etwas ähnlichem wie einer Köpenickiade zum Opfer gefallen, als er unter den Punktroller seiner eignen Leute geriet. Nein, es war doch keine richtige Köpenickiade, denn alle Mitspieler waren echt, und auch die Schläge waren es. Das Bild stimmt also nicht ganz, aber wir möchten die Gelegenheit doch wahrnehmen, Herrn Zörgiebel zu fragen, was die Untersuchung über die Mißhandlung seines Unterchefs eigentlich zu Tage gefördert hat. Es sind viele Monate seitdem vergangen, und man muß mindestens sagen, daß der Herr Polizeipräsident die Prügel, die seinem Stellvertreter verabfolgt wurden, mit großer Ruhe erträgt. Aber vielleicht ist bei solchen Geschichten der Mantel der Liebe oft ein besserer Abschluß als das Armesünderhemd, und da in Sachen Schulz der Rundfunk Rache schnaubt, der ›Vorwärts‹ nicht minder, und da die Gefahr besteht, daß der Arm des Staates mobil gemacht wird, obgleich nichts zu Schaden gekommen ist als die gute Laune des Herrn Schwarz, so sei dem verehrten Polizeipräsidium hiermit der Wunsch submissest zu Gehör gebracht, diese lustigen Missetäter nicht eifriger zu suchen als die harten Schläger von der Frankfurter Allee. Eulenspiegel hat sein eignes Recht in dieser Welt der ordentlichen Leute, und es ist denen, die es verletzten, immer schlecht gegangen.

Die Weltbühne, 16. Oktober 1928

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