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Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928 - Kapitel 134
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band IV: 1927?1928
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand IV
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Renke Siems
year1994
isbn3498050192
firstpub1927-1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erna Anthony

Vor dem Schwurgericht in Moabit steht ein schmächtiges junges Mädchen unter der Anklage des Mordes. Es ist leichte Arbeit, denn die angeklagte Kontoristin Erna Anthony war schon bei der Vernehmung im Polizeipräsidium geständig, die Scheuerfrau Schüler ermordet zu haben. Der Fall weckte Sensation, ohne sensationell zu sein. Der Saal war überfüllt, die Zeitungen berichteten spaltenlang und gaben noch Bilder dazu. Die kleine Erna Anthony, eine kärglich bezahlte Angestellte, war verlobt, hatte daneben ein Verhältnis mit ihrem Chef, hatte Furcht, daß dessen Frau etwas davon erfuhr, erlaubte sich hin und wieder Ausgänge, die mit unbeträchtlichen Geschenken endeten, hatte all dieser Dinge wegen ein schlechtes Gewissen, und da ihr Einkommen nicht gestattete, sich bei einem Psychoanalytiker zu erleichtern, beichtete sie der im Kontor beschäftigten Scheuerfrau Schüler, die daraus gelegentlich Nutzen zog und wohl auch gelegentlich Bruch der Diskretion in Aussicht stellte. Man weiß nicht, ob ihre Andeutungen wirklich so erpresserisch gemeint waren, wie sie aufgefaßt worden sind, und bis zu diesem Punkt sehen wir durchaus nur Figuren und Szenarium jener unfreiwilligen Possen, wie sie sich tagtäglich vor den Beleidigungskammern abspielen. Aber Erna Anthony sah ihre ärmliche Welt, die sich auf Notlügen stützte, in Gefahr, sie fühlte einen Vampir, sah sich beim Bräutigam, bei der Frau des Chefs verklatscht, sah sich entlassen, arbeitslos, ihrer bescheidenen Vergnügen beraubt, aus ihrer bürgerlichen Reputation gestoßen, am Rande des sozialen Nichts, und schnitt eines Abends der Scheuerfrau Schüler den Hals durch. Die gerichtlichen Experten behaupten, noch niemals einen so schrecklichen Schnitt gesehen zu haben. Die irrsinnige Angst eines jungen Weibes hatte den magern Arm geführt.

Das Schwurgericht hat trotz alledem versucht, den Besonderheiten des Falles gerecht zu werden und das liebe Publikum enttäuscht, das auf ein Todesurteil und eine haltlos zusammenbrechende, um Erbarmen wimmernde Sünderin wartete. Das Gericht hat keine verworfene Herzensverrohung darin gesehen, daß die Angeklagte am gleichen Abend noch mit ihren am Mordmesser verletzten Fingern Klavier spielte, es hat wegen Totschlages auf fünf Jahre Gefängnis erkannt, obgleich niemand über die Angeklagte viel Gutes ausgesagt hat, dagegen alle des Lobes voll waren über die Ermordete. Die eine Frage drängt sich beherrschend auf: – wie muß sich ein junges unbescholtenes Ding gepeinigt gefühlt haben, um zum Messer zu greifen? Nachher mag sie sich über die nächsten Tage keine Illusionen mehr gemacht haben. Als Erna Anthony an dem verhängnisvollen Abend nach Hause kam, war sie, wie ihre Angehörigen bekunden, noch nervöser und fahler als sonst; sie wollte nicht essen, sie setzte sich nachher ans Klavier mit den zerschnittenen Händen. Der Vorsitzende fragte, warum sie sich nicht geweigert habe, und sie antwortet ganz apathisch: »Mir war ja alles so egal!« Etwas später legte sie sich hin, und wie sie weiter gefragt wird, was sie sich da für Gedanken gemacht habe, schweigt sie beharrlich. Ist es wichtig, was den zerstörten Kopf gemartert hat? Der Richter hört auf zu inquirieren, und das ist vernünftig, denn dies Schweigen erzählt mehr als ein Ausbruch. Nur zu selten begegnet man einem Richter, der das Schweigen eines Angeklagten ehrt. Nur zu oft begegnet man Richtern, die sich vor den Mördern blamieren. So entscheidet Gottseidank nicht die berühmte »ehrliche Reue«, die man bald mit dem Richtbeil ins Museum stellen sollte, es entscheidet auch nicht der racheheischende Schatten des Opfers. Der Ermordeten wurden die besten Zeugnisse ausgestellt, und das ist gewiß keine Unwahrheit. Aber ebenso wahr ist sicherlich auch Erna Anthonys Aussage: »Frau Schüler hat nicht gesagt: ›ich will Geld haben, dann sage ich nichts‹, aber wenn wir in Streit kamen, dann sprach sie immer von ›der Sache mit dem Chef‹, und ich gab ihr daraufhin Geld. Auf diese Art fühlte ich mich erpreßt.« Hier beginnt die schreckliche Tragikomödie der Irrungen. Denn so einer Frau Schüler begegnet jeder in jedem Lebenskreise einmal. Sie ist vertrauenerweckend und ihr wird anvertraut, und wenn sie diese geringen, dummen und doch für eine hilflose Existenz so wichtigen Geheimnisse erfahren hat, dann ändert sich das Wetter plötzlich, aus Wohlwollen wird unbestimmte Drohung, die Erpressung nicht ausgesprochen, aber sie liegt in der Luft; das offenherzige Gemüt sieht sich einer verkniffenen Starrheit gegenüber und glaubt vorbeugen zu müssen, um sich Schweigsamkeit zu sichern. Diese Tribute erschüttern den proletarischen Etat der Kontoristin Anthony, und die Drohung besteht weiter. Vielleicht war es der Frau gar nicht so ernst, und vielleicht wollte auch sie sich nur wichtig machen und sich an der Gewalt über eine jüngere, hübschere Schwester laben. Es sind schließlich nur läßliche Sünden gewesen, die sie angehört, und auch ihre eigne Schuld ist nur läßlich. Es wird viel geklatscht, viel gedankenlos gedroht, aber selten nur so teuer dafür bezahlt. Und das ist wohl das grausamste: daß diese beiden Frauen, beide unter dem gleichen Druck leidend, beide dem Begriff »Kontor« rückhaltlos versklavt, beide immer am Rande des gräßlichen sozialen Nichts, sich blind ineinander verkrampfen; die Eine, weil sie sich durch das Wissen um ihre Geheimnisse ausgesogen und ins Leere gezerrt fühlt, die Andre durch das gleiche Wissen innerlich erhoben und äußerlich überlegen geworden, bis schließlich das Messer das gespenstische Duell zweier konkurrierender Geltungstriebe entscheidet.

Vor Gericht erscheint Erna Anthony laut und exaltiert, sie macht erregte Zwischenrufe, ihr Auftreten wirkt manchmal theatralisch und wie für die Öffentlichkeit pointiert. Der letzte Akt des Dramas ist da, und dieser Akt bringt nach dem Geständnis die Exhibition. Es sind viele neugierige Menschen da, der Pressetisch ist voll von Reportern und Zeichnern. Und sie fühlt, daß dieser Augenblick ihr gibt, was das Schicksal ihr immer vorenthalten hat: sie weiß sich als Mittelpunkt. Sie weiß, es geht nur um sie. Sie weiß auch, daß es um ihren Kopf geht, aber sie spielt um ihren Kopf, um des andern, des wichtigeren Spieles willen. Sie weiß plötzlich, daß sie diesen Gaffern rundum etwas schuldig ist, und sie erfüllt es. Sie erhebt sich zuckend und sinkt wieder zusammen, sie sucht fiebernd nach großen Gesten: »Die Frau des Chefs sollte nichts erfahren, sie tat mir leid ...« Der Staatsanwalt fragt, ob es wahr sei, daß die Angeklagte verschiedenen Leuten Unterstützung gegeben habe. Und sie fährt auf und schreit: »Keinen Namen nennen, keinen Namen nennen!« Jetzt, wo alles bald vorüber ist und sie das Ende ihrer Rolle ahnt, soll noch das erregende Aroma letzter Geheimnisse gewahrt bleiben.

Es werden sich wieder Moralisten finden, denen böse Worte wie »Faselei« oder »Lüge« leicht im Munde sitzen und die sich auch sonst noch eingehend verbreiten über die Verderbnis der Jugend und der weiblichen besonders. Aber diese unerbittlichen Puritaner vergessen, daß das heutige gesegnete Wirtschaftssystem die ganze Welt in eine Uniform zwängt und in eine ungeheure Fabrik oder in ein Fabrikkontor verwandelt und damit dem Einzelnen eine tragische Frage auferlegt, die jeder nach seiner Fasson beantworten muß. Die meisten werden dumpf und stumpf und sind zufrieden, wenn sie irgendwo für Augenblicke das Nummernschild abreißen dürfen, das ihr Gesicht verhüllt. Der Eine sucht einen irrsinnigen Rekord zu brechen und bricht den Hals dabei, der Andre nimmt gleich den Umweg über den Hals des Andern. Doch gemeinsam ist das leidenschaftliche Verlangen, herauszubrechen aus dem Einerlei, sich zu zeigen, sein Besonderes aufzuweisen, nicht so zu versacken in der namenlosen, gesichtslosen Menge, nicht wortlos unterzugehen in Fron und Pflichten. Die arme schmächtige Erna Anthony hat, aus dem Alltag springend, vor dem Gericht, das sie aburteilte, das erste und einzige Schaustück ihres Lebens geliefert. Morgen wird sich die Gefängnistür hinter ihr schließen und nach fünf Jahren zu hoffnungsloser Freiheit wieder öffnen. Die Leute, die sie eben anstarrten und furchtbar interessant fanden, verschlingen schon die Berichte aus Dresden, wo eine noch viel aufregendere Affäre begonnen hat, und was mitten im allgemeinen Vergessen übrig bleibt, ist in irgend einem kriminologischen Archiv ein verstaubter Aktenfaszikel mit der Etikette: Nr. ..., Fall Erna Anthony.

Die Weltbühne, 9. Oktober 1928

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