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Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band IV: 1927-1928 - Kapitel 125
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band IV: 1927?1928
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand IV
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Renke Siems
year1994
isbn3498050192
firstpub1927-1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090811
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Ja und Nein

Der Herr Verfasser hat zehn Mal recht, so weit er einen bestehenden Zustand schildert. Grauenhaft, kulturentwürdigend, menschheitsentwürdigend sind die Stapelplätze der Erholungsindustrie, wo sich die Großstädter zusammenpferchen, um »auszuspannen«. Nepp, minderes Essen, schlechtes, teures Quartier. Das abseits gelegene, nicht überlaufene Fleckchen zu finden, ist nicht jedermanns Sache. Und dabei ist es gar nicht so schwierig.

Hier stimme ich ganz mit Herrn Reiner überein, aber an andrer Stelle flutet seine Philippika über die Grenzen. Ich weiß nicht, ob die Fünftagewoche ein erreichenswertes Ziel ist, aber »Veredelung der Arbeit«, »intime Anpassung an den Produktionsprozeß« – pst, lassen Sie das nicht den Herrn Syndikus der Zellstoffbranche oder sonst irgend einen Hochmögenden hören. Wir wollen nicht vergessen: der jährliche Urlaub der Angestellten ist eine mühsam erkämpfte Sache. Etwas andres, daß er schlecht und spießerlich angewendet wird. Aber er ist trotzdem ein Sieg, dem Evangelium der unbedingten Ausbeutung mühsam abgerungen. Ich möchte auch nicht in einer ganz akademischen Diskussion nur eine Bemerkung entgleiten lassen, die die Unternehmerschaft als Zugeständnis auffassen kann.

Man darf wohl auch nicht beiseite lassen, daß für den größten Teil der Menschheit die paar kargen Urlaubswochen die einzige Chance zum Reisen sind, um fremde Länder, fremde Städte kennen zu lernen. Wenn nicht jemand durch seinen Beruf kreuz- und quergetrieben wird, bleiben nur die paar Sommerwochen übrig, um sich jenseits der Grenze umzuschauen. Aus Mangel an Zeit und an Mitteln ergibt sich wieder der fatale Zwang, sich an eine jener Reisegesellschaften anschließen zu müssen, die im Caracho von Berlin nach Ägypten sausen und die Pyramiden unterschlagen, wenn grade Regenwetter ist.

Übrigens tut die Jugend heute schon einiges, um die Majestät oder Lieblichkeit der Landschaft von Alpakabestecken zu reinigen. Sie trifft sich in Jugendquartieren, in Sammellagern; es wird dadurch sortiert, und es kommen Menschen zusammen, die durch Alter, Anschauungen und Gewohnheiten zueinander passen, an Stelle der öden Häufung durch den Zufall, der Berufe, Altersklassen, Bildungsstufen in einer Pension wahllos durcheinander mischt und nur die Sachsen ziemlich paritätisch verteilt.

Alle diese Dinge sind Fragen persönlicher Kultur, die nicht gelöst werden durch »Anpassung an den Produktionsprozeß«. Ich glaube eher, daß diese Anpassung den persönlichen Fundus, den der Einzelne noch zuzusetzen hat, gründlich ruiniert. Es wird am Ende nichts übrig bleiben als diesen Prozeß dem Willen der Arbeitenden zu unterwerfen, anstatt sich von ihm unterjochen zu lassen. Erst dann wird wieder ein Recht geltend werden, das ein wunderbares Menschenrecht ist, obgleich man seit Adams Tagen wenig davon gesprochen hat: – das Recht auf Faulheit. Der arbeitende Mensch von heute schleppt auch in seine sogenannten Ferien ein verquetschtes Gewissen mit: es ist ihm immer so als versäume er eine Pflicht. Über seine Dejeuners im Grünen fällt der Schatten des Kontokorrentbuchs, in dem jetzt ein andrer wütet, der vielleicht gar nicht so Bescheid weiß.

Die Weltbühne, 28. August 1928

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