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Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926 - Kapitel 9
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band III: 1925?1926
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand III
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Frank D. Wagner
year1994
isbn3498050192
firstpub1925-1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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514

Das Blatt in den Akten

Es ist ein erhebendes Gefühl, nicht umsonst gekämpft zu haben. Seit einem halben Dutzend Jahren gibt es in Deutschland ein Häuflein Menschen, die sich Republikaner nennen. Eine kleine, unbedeutende Schar, die man mit Recht belächelte, wenn sie etwas großspurig ihre Ideologie verkündete und die durch nichts bewiesene Behauptung aufstellte, daß nach einer angeblichen Verfassung vom 11. August 1919 Deutschland eine Republik sei. Man hat die Leutchen mit Recht nicht überschätzt, man betrachtete sie als eine Sekte seltsamer Schwärmer, und im großen und ganzen blieben sie auch völlig nebensächlich und sind von der »Vereinigung Ernster Bibelforscher« z.B. sicherlich an Zahl weit übertroffen worden. Man ließ sie gewähren, gelegentlich wurde auch mal einer eingesperrt oder gleich totgeschossen, wenn der Lärm zu lästig wurde.

Diese Republikaner haben nun den Triumph erlebt, daß sich der Reichskanzler Dr. Luther im Reichstag zu ihren politischen Anschauungen bekannt hat. Ja, es ist wirklich wahr, Herr Dr. Luther, der Chef eines Kabinetts, in dem vier Deutschnationale sitzen, darunter ein Johanniter, der noch vor Jahresfrist geschworen hat, mit Daranwagen seines Leibes und Lebens für seinen König einzustehen, sowie ein anderer Herr, der als Beamter den Novemberleuten den Treueid verweigert hat, dieser Herr Dr. Luther hat in seiner Programmrede erklärt, daß er die mysteriöse Weimarer Verfassung als die Verfassung des Deutschen Reiches anerkenne und zu schützen gedenke. Welch wunderbare Wendung!

Wie berichtet wird, hat der Herr Reichskanzler, der im allgemeinen frei sprach, diesen wichtigen Passus, das Bekenntnis zur Republik, vom Blatt abgelesen. Es ist ihm sehr ernst damit. Er wollte die Formulierung nicht der flüchtigen Improvisation, nicht dem Einfall des Augenblicks überantworten. Der Text war vorher festgelegt und er las ab. Er machte eine kleine Pause – alles wartete voll Spannung –, er suchte in seinen Papieren, und endlich hatte er es gefunden und verlas den Wortlaut.

Jetzt wissen wirs: Deutschland ist eine Republik. Der Kanzler mit den vier monarchistischen Ministern hat es schwarz auf weiß. Das Blatt liegt zwischen seinen Papieren. Es ist Dr. Luthers kleiner Katechismus, sozusagen, und wird an Stelle des alten bald in den Schulen gepaukt werden. Das »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold« ist überflüssig geworden. Die Republikaner sind überhaupt überflüssig geworden. Das Beste wäre schon, man setzte sie alle hinter Schloß und Riegel. Dafür sind jetzt die Deutschnationalen da. Die haben den Bogen ganz anders raus und werden eine Republik hinlegen, an der wir noch lange unsere Freude haben werden.

... nach beendeter Vorlesung legte Herr Dr. Luther das wichtige Blättchen wieder in die Mappe zu den übrigen Papieren.

Heißt das nun: Beginn einer neuen Ära oder ... ad acta?

Montag Morgen, 26. Januar 1925

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