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Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926 - Kapitel 83
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band III: 1925?1926
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand III
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Frank D. Wagner
year1994
isbn3498050192
firstpub1925-1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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587

Wie man sich wiedertrifft

Lukrezia nach 17 Jahren

Ich nannte sie Lukrezia, seit sie jung und strahlend bei uns in Leons Atelier erschienen war, wo wir Grünspechte phantastische Träume in karge Realitäten umsetzten und ich noch in der gleichen Nacht meine Tragödie »Lukrezia Borgia« für sie zu schreiben begann. Seit einigen Monaten war sie am Stadttheater engagiert, rasend ehrgeizig und spielte an Sonntagnachmittagen eine kokette unwahrscheinlich junge Maria Stuart. Meine Borgia-Tragödie zeichnete sich vor minimalen Konkurrenzversuchen durch die neue interessante Nuance aus, daß Lukrezia in der Nacht vor seiner Verbrennung Savonarola in seiner Zelle verführt.

Einmal las ich abends im Atelier aus meinem Drama vor, und sie ließ sich herbei, eine Szene zu sprechen. Nachher brachte ich sie durch eine dunkle Allee nach Hause und faselte immerzu Verse und begann schließlich ganz leise und zag auf ihren Schultern zu skandieren und so weiter. Sie wehrte lachend ab. Sie hat später noch manchmal abgewehrt und einmal setzte es sogar eine Maulschelle, aber ich hatte trotzdem immer das Gefühl, daß wenn ich drei Jahre älter wäre ... und ich verwünschte meine Jugend. O Narr, deine Jugend zu verwünschen.

Eines Tages war sie nach New-York ans Irving Place-Theater engagiert. Ihr letztes Wort war, entweder als Charlotte Wolter wiederzukommen oder gar nicht.

Wiedergesehen habe ich sie 17 Jahre später auf dem Podium eines fünftrangigen Kabaretts der Friedrichstadt, entkleideter als ich jemals meine Lukrezia in meinen wildesten Träumen mir vorgestellt hatte. Sie trug ein Kouplet vor, der Text war hanebüchen, entsprechend die Gestikulation.

Nachher im Vorraum stand ich ganz dicht neben ihr. Wie alt mochte sie eigentlich sein? Das goldrote Haar war inzwischen fuchsig brennend geworden, sie hatte das typische grell glänzende, in allen Winkeln ausgetuschte Chansonetten-Gesicht, aber ihr Profil hatte noch etwas von längst vergangener mädchenhafter Lieblichkeit.

Ich begrüße sie. Sie sieht mich ohne Erinnerung an, dann, wie unter Emailleschicht, ein professionelles Lächeln –: sie müsse jetzt noch im »Gelben Affen« auftreten, aber nachher könnte ich sie ja besuchen, das Haus sei die ganze Nacht auf. Und sie sagt mir ihre Adresse.

Dann stand ich an der Friedrichstraße und dachte, daß ich sie vor 17 Jahren geliebt hatte und daß es wohl kaum 10 Jahre her waren, seit dem ich sie vergaß. Und plötzlich wurde ich sehr müde und das Gelärme um mich tat mir weh, und ich hielt mir die Ohren zu. Und für einen Augenblick wurde das Gegröle Betrunkener, der Ausruf der Zeitungshändler, das Getute der Autos, der ferne Signalpfiff von der Bahnhofsbrücke zu einem einzigen langgezogenen, klagenden Ne – ver – more ...

Julia im Hotel

Eines Tages war Julia mitten unter uns. Mitten in einer Gesellschaft recht bedenkenfreier Männer. Sie war sehr jung, unglaublich unschuldig, dazu klein und handlich. Ich wußte sicher: einer von uns wird sie verführen. Und, sagte ich mir, es ist besser, ich verführe sie als einer von den anderen. Denn kettenfolgerte ich weiter, verführe ich sie, so wird ihr dank meiner angeborenen Delikatesse der premier pas erleichtert, und ich werde ihr Seelenleben in geeignete Pflege nehmen, wofür den andern Wüstlingen doch jedes Organ fehlt. Und bald war ich so weit, ihre Seele zu pflegen.

Was nachher kam, war schlimm. Sie weinte herzzerbrechend. Sie jammerte, sie müßte sich zu Tode schämen, sie könnte ihrer alten Großmutter nicht mehr in die Augen blicken usw. So ging es jedesmal. Ich wurde immer nervöser und kam mir im Grunde sehr schlecht vor. Eines Tages war Julia fort und ich erhielt nur noch eine Ansichtskarte mit dem Reichstag und der Siegessäule, ein Schutzmann davor, darunter ein Veilchenstrauß mit Bändchen und die Inschrift: »Dem deutschen Volke!« und darunter ein Abschiedsgruß, gemischt mit den schrecklichsten Selbstanklagen. Ich war sehr konsterniert. Die Wüstlinge aber, die sich schon auf die Nachfolge gespitzt hatten, hielten mir die Faust unter die Nase und sagten: »Du hast das Mädel ruiniert!«

Nach drei Jahren renne ich plötzlich auf der Straße mit Julia zusammen. Sie ist weder ins Wasser gegangen, noch ruiniert, sondern sieht ganz vorzüglich aus. Das bekannte Gespräch: »Wo kommst Du denn her?« – »Warum hast Du denn gar nichts von Dir hören lassen« usw. Wir verabreden uns zum Abendessen.

Irgendwo in der Stadt liegt das kleine Hotel, wo früher die Brüder Freimaurer ihren geheimen Riten oblagen. Die Wandbemalung, Winkelmaß und Kelle, astronomische Figuren, allegorische Frauengestalten, erinnert noch heute daran, wo das Hotel einem ganz anderen Zeremoniell dient. Hier unter den Porträts von Sokrates und Moses Mendelssohn wurde Wiedersehen gefeiert. Julia hatte sich inzwischen die Schreikrämpfe abgewöhnt.

Am andern Morgen wache ich etwas spät, etwas betäubt auf. Ich sehe mich um. Keine Spur von Julia. Sie ist fort. Also noch immer der alte Tick, denke ich, aber sie hat doch sympathischer Weise eine diskretere Form der Zerknirschung gefunden, und ziehe mich seelenruhig an. Etwas später entdeckte ich, daß auch meine Brieftasche fort war. So stand ich unten im Vestibül, von den Wänden schauten mit rüder Neutralität die allegorischen Damen der Brüder Freimaurer auf mich herab, der selbst fast zur Allegorie erstarrt.

Ich mußte an einen Freund um Geld telephonieren, um mich auszulösen. Es dauerte bis Nachmittag.

Ich ging, verhärtet für alle Zukunft. Nie wieder Reue!

Aminta auf dem Autobus

Auf dem Verdeck. Autobus 2. An der Linkstraße steigt der dicke Herr zu meiner Rechten aus und ich rücke einen Platz weiter. Neben eine Dame. Diese Dame ist Aminta. Was für ein toller Zufall! Da neben mir sitzt Aminta, vor acht Jahren die große Passion. Da neben mir sitzt ahnungslos Aminta, ganz wie einst, etwas in sich verloren, die Augen gesenkt. Noch immer dieses feine Profil, die acht Jahre haben keine Umschichtungen an diesem zarten, blassen Gesicht vorgenommen. Jetzt sehe ich ganz deutlich unsern Abschied damals vor mir: Wartesaal II. Klasse in Altona, völlig verrückte Szene ... »Nein, Du, Du darfst nicht ...!« Ich weiß nicht mehr, wer damals nicht durfte, aber einer durfte nicht. Dann rennt sie mit hysterischem Lachen in die bitter kalte Nacht hinaus. Ich hinterher. Sie steht händeringend, totenblaß, gerade im häßlichen Kreideglanz des Laternenlichtes. Ich packe ihre Handgelenke, presse sie, rede ihr zu. Eine Unmenge zärtlichen Unsinn. – Jetzt sitzt sie plötzlich neben mir, ungewiß wie eine Erscheinung. Ich erinnere, daß sie immer etwas Gleitendes, Huschendes hatte, daß immer über der glücklichsten Stunde der Schatten jäher Trennung lag, daß ich sie immer das Phantom nannte.

»Aminta«, sage ich, und sie wendet sich leicht zur Seite. »Aminta, kennst Du mich noch?« Ein fragender Blick, leichtes Erröten. Sie nickt. Ich fasse ihre Hand. »Aminta«, sage ich gerührt, »werd' ich zum zweitenmal Deinen Frieden stören?« Wie entsetzlich geschmacklos, so etwas zu sagen. Gerade so wie vor acht Jahren. Ach, um jede Frau bildet sich ein eigener Jargon.

Und jetzt fange ich an, die Abschiedsszene zu rekapitulieren. Altona, der Wartesaal, das fahle Licht der Laterne. Und drücke ihre Hand. Immerzu.

Eben am Kurfürstendamm sagt sie ganz unvermittelt: »So, jetzt muß ich aussteigen. Was Sie da sagten, war ja ganz nett, aber geht mich nichts an. Ich bin nämlich gar nicht Ihre Aminta.« Und sie zeigt sich mir zum erstenmal en face. Nein, diese klirrende Stimme, dieses weite ironische Auge, das ist nicht Aminta. Ich fühle den Autobus in wahnsinnigen Kurven, bergauf, talab. Die Gedächtniskirche kreist. Dann fasse ich mich schnell. Das Ganze sei ja nicht auf eine bestimmte Person gemünzt, ein nicht alltäglicher Annäherungsversuch, nicht wahr, wir müßten uns auf alle Fälle wiedersehen.

Sie steht schon an der Treppe. »Ich glaube nicht, mein Freund«, sagt sie, »entschuldigen Sie, ich rede ohne Spott: Sie haben mir ein zu gutes Gedächtnis. Man fängt nicht genau so an, wie man aufhörte. Und ich bin eigentlich nicht dazu da, Ihrem kleinen Roman die Pointe zu liefern, die Ihnen vor acht Jahren nicht eingefallen ist.«

Sie geht schnell hinunter. Ich sehe sie noch unten im Menschengewühl. Sie geht sehr eilig, wie zu einer Verabredung. In zwei Minuten wird sie wohl nicht mehr allein sein.

Und wenn sie am Ende doch Aminta war? Ja, war es denn damals anders? Phantom, Phantom ...

Das Tage-Buch, 31. Oktober 1925

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