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Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926 - Kapitel 60
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band III: 1925?1926
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand III
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Frank D. Wagner
year1994
isbn3498050192
firstpub1925-1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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564

Finger weg vom Globus!

Es gibt noch immer den Alldeutschen Verband. Man hört nicht mehr viel von ihm, aber er hat auch nicht mehr nötig, von sich reden zu machen. Seine Agitatoren brauchen nicht mehr auf die Tribüne zu steigen: die Saat ist ausgestreut und vielfältig, und in den verschiedenartigsten Köpfen geht sie auf.

Binsenwahrheit ist heute, von professionellen Radaumachern abgesehen, daß Deutschland keine Weltpolitik mehr treiben kann. Aber es gibt noch immer sehr wenige Deutsche, die diesen Zustand begrüßen. Die meisten sehen darin eine erzwungene Muße, eine Degradation, die hoffentlich bald ein Ende nimmt. Und da das Ende noch nicht abzusehen, behilft man sich mit guten Ratschlägen für die andern, hebt man sichtbarlich den in pädagogischem Enthusiasmus zuckenden Finger.

Diese Sucht, zu belehren, dazwischenzureden, manifestiert sich recht unterschiedlich. Am muntersten treiben es einstweilen die Kommunisten. Sympathiekundgebungen für China, für Abd el Krim ... Bald kommen die Drusen an die Reihe. Sobald sich die roten Geopolitiker in Glauchau oder in Lichtenberg darüber klar sind, was das ist.

Riesige Plakate: »Hände weg von China!« Es könnte ebensogut dastehen: »Halt, wenn die Barriere geschlossen!« oder: »Man beliebe, vor dem Heraustreten die Kleidung zu ordnen!« Es hätte denselben Wert. Was für einen Einfluß haben wir auf China, was für einen Einfluß hat es auf London oder Tokio, daß ihnen eine Berliner Versammlung Chinas wegen grollt?

Das Spaßigste ist, daß die Hasser des angelsächsischen Imperialismus dabei an der Strippe des russischen tanzen. Man mag über die Moskauer denken, wie man will, sie sind vollendete Propagandisten, sie verstehen es glänzend, ihre Hausangelegenheit mit der Menschheitssache zu identifizieren. Auch das ist schon dagewesen. Erinnert nicht die französische Politik, gerade wenn es moralisch am anfechtbarsten, jedesmal daran, daß Frankreich das Land der großen Revolution, geht mit den französischen Bajonetten nicht stets die Proklamation der Menschenrechte, die Phraseologie von 1793? Moskau selbst hat diesen Zauber empfunden, Moskau kennt die kaschierende Macht der Ideologie.

Daß die Nationalisten mit den »gelben Hunnen«, mit der kaffeebraunen Schmach in Marokko fraternisieren, versteht sich von selbst. Hier spielen überhaupt keine politischen Erwägungen mit, hier prädominiert die Freude an der Bewegung. Es wird irgendwo geknallt, gestochen, geplündert, genotzüchtigt. Wenn die Franzosen erst Giftgas nach Marokko bringen und die Mauren zur Vergeltung alle Gefangenen skalpieren, dann wird das Glück vollkommen sein.

Dann gibt es noch eine dritte Spezies, gute Menschen, die sich damit abgefunden haben, daß Deutschland in den Völkerbund eintreten muß, und nun versuchen, in diese Tatsache einen Sinn hineinzubringen. Deutschland muß die Führung der Minoritäten übernehmen, sagen sie. Es ist ganz selbstverständlich, daß Deutschland irgendeine Führung übernehmen muß. Wozu ginge man auch sonst in den Völkerbund? Da höchstwahrscheinlich Bayern, das schon in Deutschland die Minoritäten führt, darauf bestehen dürfte, den Vertreter in Genf zu stellen, so braucht man leider nicht zu zweifeln, daß Deutschland immer bei der Minorität sein wird, wenn auch nicht gerade an führender Stelle.

Ja, man fühlt sich ausgeschlossen von den Händeln der Völker und ist traurig darüber. Das bißchen Zwist mit Polen langt kaum für die Hundstage. Man möchte mal wieder so richtig mitten mang sitzen ... im Glashaus. Man möchte Scherben haufenweis sehen, eigene oder fremde, ganz egal.

Ist es nun wirklich so ein Unglück, einmal für ein paar Jährchen nicht mitmachen zu können? Das deutsche Volk hat seine Nichtbegabung für Weltpolitik mit unerhörter Auszeichnung bestanden. Der durchgefallene Schüler etabliert sich als Präzeptor, eröffnet eine Privatschule. Es ist sehr wohl möglich, daß die Menschheit den deutschen Kulturanteil dringend benötigt, daß sie ohne die Mobilisierung unserer politischen Talente leben kann, das ist dagegen unglücklicherweise zur Evidenz bewiesen. Zudem hat der Globus heute einige verteufelt heiße Partien. Es dürfte zurzeit auf dem weiten Erdenrund viele Menschen geben, die Deutschland aufrichtig darum beneiden, daß es nichts damit zu tun hat.

Das Tage-Buch, 22. August 1925

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