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Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926 - Kapitel 53
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band III: 1925?1926
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand III
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Frank D. Wagner
year1994
isbn3498050192
firstpub1925-1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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557

»Stresemannitis«

Es gibt auch in der Politik ansteckende Krankheiten. Eine der gefährlichsten ist die Stresemannitis, ein Übel, das zunächst die Sehorgane angreift, dann, fortschreitend, die Wirbelsäule verkrümmt. Ein weiteres Symptom besteht in einer bedenklichen Gedächtnistrübung. Dafür rutscht der Intellekt in die Fußspitzen. Der Erkrankte fühlt, um sich Erleichterung zu verschaffen, ganz unwiderstehlich, den Zwang, zu rotieren, immer wieder zu rotieren. Das ist die Stresemannitis oder Karussellkrankheit, die besondere deutsche Politikerseuche, gegen die ein Serum noch nicht gefunden wurde.

Es schützt weder Alter, Geschlecht, Konfession, Parteizugehörigkeit, Intelligenz. Gerade die schärfsten Köpfe sind dem Ansteckungsstoff scheinbar am ersten ausgeliefert.

Eines der beklagenswertesten Opfer ist der Abgeordnete von Raumer, der Wirtschaftsminister der großen Koalition. Seit langem nagte die Krankheit im Geheimen an den Kräften des einst durch einen geistigen Gradehalter, durch Verstand, und stets schlagbereiten Witz ausgezeichneten Deputierten. Sie wurde akut im handelspolitischen Ausschuß bei der Beratung der Automobilzölle, als er ganz unvermittelt vom Bekämpfer der Automobilzölle zu ihrem Verfechter wurde. Er meinte, der Zollschutz sei notwendig als »Schutzschirm zur Umstellung«, um für die Konkurrenz auf dem Weltmarkt zu rüsten. (Man beachte diese verschwimmende, abstrahierende Ausdrucksweise. Sie ist ein untrügliches Kennzeichen, wie weit die Stresemannitis vorgeschritten.)

Da griff der Abgeordnete Lemmer ein, das jüngste und lebendigste Mitglied des Reichstages, aber klinisch unerfahren. Deshalb verkannte er völlig die Erkrankung und begann gegen Herrn v. Raumer so zu polemisieren, als hätte er wirklich einen ganz Gesunden vor sich. Er erinnerte daran, daß die Denkschrift des Reichsverbandes der elektrotechnischen Industrie am Ende des vorigen Jahres, von Herrn v. Raumer mitunterzeichnet, sich aufs schärfste gegen zollpolitische Absichten ausgesprochen habe. Dann sei Bosch in Stuttgart ungemütlich geworden. Habe zu verstehen gegeben, daß er die Bestellungen bei der elektrotechnischen Industrie revidieren müsse, wenn nicht die dort betriebene Agitation gegen die Automobilzölle aufhöre. Gewiß, das ist eine Entwicklung im Automobiltempo. Aber trotzdem, so spricht man nicht zu einem Kranken, Herr Lemmer!

Herr v. Raumer wurde dann auch sofort von einem neuen Anfall geschüttelt. Er war sehr erregt und rief dem Herausforderer zu, er habe eben inzwischen zugelernt, und zwar nicht von Bosch, sondern von Prof. Schlesinger, der ihn völlig bekehrt habe.

Es gab darauf Krach im Ausschuß. Anstatt den Patienten augenblicklich zu isolieren, reizte man ihn immer mehr. Und er wippte und rotierte immer heftiger.

So ist die Stresemannitis. Kein Politiker ist vor ihr sicher. Alle faßt sie, den vielwissenden Hilferding, den pathetischen Breitscheid, den prinzipienfesten Hergt, den ironischen Raumer. Was wird einmal aus dem temperamentvollen Lemmer werden ...?

Hirtenknabe, Hirtenknabe,
Dir auch singt man noch einmal ...!

Montag Morgen, 27. Juli 1925

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