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Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926 - Kapitel 41
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band III: 1925?1926
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand III
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Frank D. Wagner
year1994
isbn3498050192
firstpub1925-1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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546

Mussolini und d'Annunzio

Mussolini: Sie haben es sich hier recht komfortabel eingerichtet. Es sieht nicht so aus, als ob Sie bald ins Kloster gehen wollten.

d'Annunzio: Letzter Gruß an die Welt, mein hoher Freund. Ich werde Mönch. Fast bin ich es schon. Morgen in vier Wochen trete ich zum Buddhismus über. Ich habe schon sechs Weihen empfangen.

Mussolini: W-a-a-s?

d'Annunzio: Ich schreibe augenblicklich noch an einer Pantomime für die Napierkowska – es sind übrigens ein paar reizende biographische Details darin – und an einem entzückenden Stückchen für die Popescu. Ist das getan – dann Valet!

Mussolini: Das werden Sie nicht tun.

d'Annunzio: Ich werde. Ich will von eurer Politik nichts mehr hören und sehen.

Mussolini: Lieber Herr d'Annunzio, das ist nicht Ihr Ernst. Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß das Vaterland Sie ruft.

d'Annunzio: Hm ...

Mussolini: Das Vaterland braucht Sie!

d'Annunzio: Das heißt, Sie brauchen mich.

Mussolini (überhörend): Italia, die Stolze, ruft Sie, ihr den Frieden wiederzugeben.

d'Annunzio: Ich denke nicht daran. Seit dreißig Jahren will ich büßen, und immer kommt ihr mir dazwischen.

Mussolini: Hören Sie doch mit dem Theater auf. Ich weiß zu gut, wie man das macht. Kommen Sie, wir wollen vernünftig reden.

d'Annunzio: Warum haben Sie Matteotti ermorden lassen?

Mussolini: Ich verbitte mir diese Impertinenzen. Ich bin nicht hierher gekommen, um mir Beleidigungen sagen zu lassen.

d'Annunzio: Sie hätten ihn nicht ermorden lassen sollen. So etwas kann sich ein alter Konservativer wie Horthy erlauben, aber nicht ein sozialistischer Parvenu.

Mussolini: Ich habe ihn nicht ermorden lassen.

d'Annunzio: Desto schlimmer, man traut es Ihnen zu.

Mussolini: Ich ersuche Sie dringend, die Grenzen meiner Geduld nicht zu verkennen. Ich bin der mächtigste Mann Italiens. Man hat vor mir zittern gelernt.

(Unwillkürlich in der Napoleon-Pose, die sich in der Kammer so gut ausnimmt.)

d'Annunzio (vor Vergnügen schreiend): Mit dem Ponem, mit dem Ponem!

Mussolini (sinkt erschöpft in einen Sessel).

d'Annunzio: Die Attitüde ist vorzüglich erdacht, aber Ihr Talma kam aus der Provinz. – Herr Mussolini, Sie bitten mich um meinen Rat. Ich sage Ihnen: montieren Sie ab! Lassen Sie das mit dem Bonaparte, spielen Sie auch nicht mehr mit dem dressierten Löwen-Baby. Die Leute haben das satt. Man macht sich lustig über Sie. Glauben Sie mir, ich habe so viele Rollen gespielt. Wenn man nicht rechtzeitig abkurbelt, wird man langweilig. Daher kommen Ihre ganzen Schwierigkeiten. Sie sind zu monoton. Sie sollten einmal den gutartigen Landesvater spielen, wie Herriot Pfeife rauchen und ungebügelte Hosen tragen. Der sozialistische Renegat im Cut nutzt sich schnell ab.

Mussolini: Ich bin kein Renegat. Ich bin, wie als blutjunger Mensch, der Todfeind der Bourgeoisie. Ich habe den Fuß auf dem Nacken der Fabrikanten und Bankiers!

d'Annunzio: Finden Sie nicht zuweilen, daß Ihr Fuß ein wenig eingeschlafen?

Mussolini: Nein, nein. Noch fühle ich mich stark wie damals, als ich in Rom einzog.

d'Annunzio: Nur sieht man Sie heute anders.

Mussolini: Lassen Sie das. Ich bin nicht gekommen, um mich von Ihnen begutachten zu lassen. Es ist Ihre Pflicht, wieder in die Politik einzutreten, die Partei zu ordnen, die Einigkeit wiederherzustellen. Schließlich sind Sie es, der den ganzen Fascismus eingebrockt hat, und ich muß die Suppe auslöffeln.

d'Annunzio: Ich gebe für den ganzen Schwung keinen roten Maravedi.

Mussolini: Jetzt sperren Sie sich doch nicht. Ich weiß, daß Sie mich seit langem erwarten, daß Sie vor Ungeduld brennen. Reden wir nicht um die Sache herum: welches ist Ihr Preis?

d'Annunzio: Ich will nichts mehr als den Frieden meiner Seele und einen beschaulichen Lebensabend ...

Mussolini: Himmel, das wird teuer!

d'Annunzio: ... und sterben als ein Heiliger, von meinem Volke geliebt.

Mussolini: Hol Sie der Teufel! Werden Sie meinetwegen Trappist oder Derwisch oder Rabbiner, nähren Sie sich von Heuschrecken, schlucken Sie buddhistische Rosenkränze. Ich will Ihren beschaulichen Lebensabend nicht weiter stören. Schlummern Sie in Frieden. Amen.

d'Annunzio: Herr Mussolini.

Mussolini: Sie wünschen?

d'Annunzio: Ich bedaure, Ihnen heute nicht weiter dienen zu können. Es geht Ihnen noch nicht schlecht genug.

(Laute Rufe draußen; Marschmusik.)

Was ist denn das?

d'Annunzio: Das sind die Legionäre. Unsere Helden wollen uns sehen, versöhnt, neu geeint, seinen Dichter und seinen Herrscher. Kommen Sie, wir müssen uns zeigen.

d'Annunzio: Duce ... das haben Sie verdammt schlau gemacht.

(Es klopft.)

Mussolini: Das ist der Herold. Er bittet uns zu erscheinen. Er muß berichten, daß er uns hier fand, den Bruderkuß tauschend. Ja, es hilft nichts, wir müssen uns umarmen ... (Die Arme ausbreitend): Edler Freund!

d'Annunzio (ihn umschlingend): Edler Freund!

Mussolini: So, jetzt kann der Kerl eintreten. Herein!

d'Annunzio: Ich komme wieder nicht zum Büßen ...

Das Tage-Buch, 6. Juni 1925

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