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Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926 - Kapitel 3
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band III: 1925?1926
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand III
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Frank D. Wagner
year1994
isbn3498050192
firstpub1925-1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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508

Die Nachtmütze

Die Barmats sitzen hinter Schloß und Riegel. Die neuen Dynastien des Geldes haben es schwerer als die alten von Schwertes Gnaden. Die begannen als schlichte Wegelagerer, und der Weg zum Thronhimmel führte oft genug hart am Galgen vorbei. Die Glücksritter von heute kämpfen nicht mit einem legendären Landfriedensgesetz, sondern mit einem sehr realen Stakett von Paragraphen. Schließlich bleiben sie doch irgendwo hängen. Und dann rufen alle Gutgesinnten »Siehste woll« und freuen sich, daß sie nicht so sind.

Was indessen den Barmats am meisten verübelt wird, das ist weniger ihr Geldverdienen, als vielmehr die Art und Weise, wie sie ausgaben. Sie unterhielten Beziehungen zu sozialdemokratischen Führern verschiedener Länder, man sagt, sie hätten zur Förderung der Amsterdamer Internationale wiederholt bedeutende Summen springen lassen. Das versteht der gute deutsche Normalverstand nicht. Der sieht in solcher Munifizenz etwas Frivoles, fast Verbrecherisches, – eine Versündigung an der Majestät des Geldsackes. Hätten die Barmats die Thronansprüche des Großfürsten Kyrill finanziert oder der armen Zita die nötigen Millionen vorgestreckt zur Anschaffung von Maschinengewehren, vor dem Tribunal der Öffentlichkeit wäre ihr Spruch weit milder ausgefallen. Es soll das Scheckbuch immer mit dem König gehen.

Ja, sie sind verdammt, diese armen Reichen, und ein paar Spritzerchen Höllenfeuer fallen auf alle, die jemals in ihrem Hause verkehrt haben. Der Umgang mit Millionären ist zwar ehrenvoll, aber riskant. Besonders wenn diese in Untersuchungshaft abgewandert sind. Jedem harmlosen Gespräch wird ein raffinierter und bösartiger Zweck unterlegt, jedes Gabelfrühstück wird zum diabolischen Verführungsakt, jedes Souper ramponiert eine bis dahin hochachtbare politische Virginität. Man fand nichts dabei, patriotischen Markdemolierern den Weinkeller verkleinern zu helfen. Wer von den Barmats gegessen hat, erstickt daran.

Die Luft ist voll von häßlichen Gerüchten. Namen werden getuschelt, im Halbdunkel Reputationen zertreten. Die Angegriffenen wehren sich zag, ... dementieren. Niemand will die Familie Barmat eigentlich recht gekannt haben. Was sind das für Leute? Existieren sie wirklich oder spuken sie nur herum als Visionen eines aufgeregten Staatsanwalts? Das allgemeine Korruptionsgeschrei schüchtert ein, zerknittert die Haltung. Der Parlamentarier drückt den Bibi bis auf die Nase und weiß von nichts. Der hohe Bureaukrat geht mit zugeknöpftem Rock, als fürchte er, es könnte jemand seine Weste mit der Lupe nach Sauceflecken absuchen, Residuen verbotener Gastereien.

Das alles ist weder schön noch kuragiert. Eine herausfordernde, selbst zynisch unverschämte Geste wäre ehrenwerter, jedenfalls erfrischender als diese gespielte Ahnungslosigkeit. Wer sind schließlich die Ankläger, die gestrenge[n] Prokuratoren der öffentlichen Moral? Wenn sie sich zeigen, lachen die Hühner.

Als der alte General Gallifet französischer Kriegsminister war, wurde ihm einmal in der Kammer von einem frommen klerikalen Deputierten vorgeworfen, man habe ihn neulich am hellichten Tage aus dem Hause einer notorischen Madame Soundso kommen sehen.

»Oh, gewiß,« rief der alte Haudegen vergnügt, »ich hatte dort meine Nachtmütze liegen lassen ...«

Vielleicht entspricht eine solche Antwort nicht ganz der Würde des Parlaments. Aber etwas von dieser freien, frechen Heiterkeit täte uns in Deutschland bitter not.

Montag Morgen, 12. Januar 1925

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