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Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926 - Kapitel 16
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band III: 1925?1926
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand III
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Frank D. Wagner
year1994
isbn3498050192
firstpub1925-1926
correctorreuters@abc.de
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521

Der Reichspräsident

Mitten in Skandalen und Affären reift eine Entscheidung heran, wenig beachtet und doch von unendlicher Tragweite. Bis zum Beginn des Sommers wird der neue Reichspräsident gewählt sein. Im Mai, möglicherweise noch früher, wird die Wahl stattfinden. Ebert hat zu wiederholten Malen erklärt, eine neue Kandidatur nicht mehr anzunehmen.

Man muß schon mit großer Geduld und Vigilanz die Geschichte der Länder republikanischer Verfassung durchsuchen, um ähnliches an Interesselosigkeit zu finden wie gegenwärtig in Deutschland. In Amerika wirft die Präsidentschaftswahl für mindestens ein Jahr ihre Schatten voraus, in Frankreich ... nun, man denke an die Eskamotierung Millerands und jedes Wort erübrigt sich.

Der deutsche Reichspräsident ist mehr als ein Frack und eine Schärpe. Die Verfassung gibt ihm weitreichende Befugnisse, nicht zu reden von den tausend Möglichkeiten, seinen Einfluß geltend zu machen. Hätten wir eine politisch geschulte öffentliche Meinung, keine wesentlichere Frage hätte sie jetzt zur Diskussion zu stellen als: Wer soll Reichsoberhaupt werden? Unglücklicherweise schlägt man sich bei uns immer um Bagatellen die Köpfchen blutig, während sich das Schicksal hinter den Kulissen entscheidet.

Aber diese Interesselosigkeit ist durchaus keine so allgemeine. Sie erstreckt sich leider nur auf das republikanische Deutschland. Da läßt man schlafmützig wie immer den Termin näherkommen, um endlich einzusehen, daß es zu spät ist. Die reaktionären Parteien waren auch hier toujours en vedette. Die monarchistisch-nationalistische Presse kann nämlich nicht nur Alarm schlagen, sie kann auch schweigen. Und es ist verdächtig, daß sie diesmal so gut schweigt, daß ein Eindruck von Teilnahmslosigkeit entsteht. Bis eines Morgens für die Republikaner der kühle Abguß kommt, bis die Überraschung da ist: der Sammelkandidat der Rechten, der Mann des Bürgerblocks, der Platzhalter der Monarchie, der Präsident, der Stresemann wohlgefällt.

Im Reich regiert reaktionärer Mischmasch, in Preußen verteidigt die Weimarer Koalition mit letzter Kraft die Stellung. Wenn ins Reichspräsidenten-Palais Einer einzieht, der sich nur als der »Vorläufige« fühlt, als Mac Mahon oder Kahr, als demütiger Wegbereiter eines größeren, dann ade Deutsche Republik, dann gilt auch für dich das böse, alte Wort: Auch Patroklus mußte sterben – und war mehr als du!

Noch ist es Zeit zu handeln. Die Republikaner müssen über alle Parteibedenken hinweg eine geschlossene Front bilden. Es darf nur ein republikanischer Kandidat präsentiert werden. Wenn auch diesmal die Dinge wie sonst laufen, dann werden Zentrum, Demokraten und Sozialisten ihren eigenen Kandidaten nominieren, die Vielköpfigkeit wird die Massen verstimmen und verwirren, die Solidarität der Reaktion dagegen imponieren. So bleibt die Gefahr, daß auch die Ergebnislosigkeit des ersten Wahlganges die Republikaner nicht zur Geschlossenheit treibt, daß im Gegenteil der übelbekannte lange und geräuschvolle Kuhhandel beginnt und im zweiten Wahlgang die Rechte siegt. Ein Feilschen und Schachern zwischen den drei republikanischen Parteien, bei dem alle Blößen und Unsicherheiten zutage kämen, das würde die Sache der Republik vollends diskreditieren. Vergessen wir doch nicht, daß die vernichtende Wahlniederlage der amerikanischen Demokraten gerade verursacht wurde durch das ridikule Bild, das ein wochenlanger Parteikongreß bot, der, direktionslos und zersplittert, nicht den rechten Mann finden konnte. Uns droht ähnliches, wenn wir nicht rechtzeitig zur Initiative gelangen.

Und wir kämpfen nicht einmal mit der Hauptschwierigkeit der Wilson-Partei, denn wir haben den Mann. Der republikanische Sammelkandidat heißt Marx.

Unnötig, hier nochmals aufzurechnen, was ihn zum höchsten Amt des Deutschen Reiches qualifiziert. Er ist unbestritten der erste Mann seiner Partei. Er genießt aber auch, und das ist für seine Mission wichtiger, in allen drei republikanischen Parteien ein heute selten gewordenes Ansehen. Dieser Mann, autoritativ und menschlich gütig zugleich, ist der geeignete, um nicht von einer Partei, sondern von einer Koalition auf den Schild gehoben zu werden.

Sollte das nicht auch die Sozialdemokratie als die beste Lösung betrachten? Herr Ebert resigniert. Wen hat sie eigentlich sonst gerade für dieses sichtbarste politische Amt? Sechs Jahre lang hat sie das Präsidentschaftsgebäude behauptet. Es scheint uns ebenso Gründen der Politik wie der Billigkeit zu entsprechen, wenn sie für die nächsten Jahre die Repräsentation Deutschlands dem Vertrauensmann eines andern und nicht geringeren Volksteiles abtritt. Herr Marx hätte den katholischen Westen, er hätte auch den Süden, er würde selbst für gewisse nicht völlig verblasene bayerische Kreise wenigstens eine Mahnung zur Dämpfung und Selbstzucht werden. Der Sozialdemokrat Ebert war der Mann der großen Städte und Industriereviere, der katholische Republikaner Marx hätte auch die ländlichen Bezirke des Westens und Südens, die kleinen Städte, die niemals sonst ein Hauch der Republik berührt. Wäre das nicht auch für die Sozialdemokratie Grund genug, in kampflose Ablösung einzuwilligen? Und das in einer Form, die der Republik den Sieg sichert!

Im letzten Heft des »Tage-Buch« befürwortet ein republikanischer Politiker, der seit langem im Zentrum des Machtgetriebes steht, eine Sammelkandidatur Marx mit folgender gewichtiger Argumentation: »Überall hört man, daß Marx der einzig mögliche Kompromißkandidat für den zweiten Wahlgang wäre. Wenn das so ist, dann ist es, von allem anderen abgesehen, Kräftevergeudung, diesen Mann nicht schon für den ersten Wahlgang zu nominieren. Unsinnig wäre es, im ersten Wahlgang die republikanischen Stimmen zu zersplittern und dem Gegner Chancen eines Sieges zu bieten. Das demokratische Deutschland, einerlei welcher Partei und Konfession, muß und wird das Einsehen und die Disziplin aufbringen, zum Reichspräsidenten den Mann zu wählen, der die Voraussetzungen dazu mitbringt und die Fortentwicklung des demokratischen und republikanischen Staatsgedankens gewährleistet.

Die Koalition für die Präsidentenwahl ist die Koalition der Zukunft.

Hier wird auch der uns wesentlichste Punkt berührt: die Koalition, die den Präsidenten wählt, wird auch in den nächsten Jahren Deutschland regieren. Die republikanischen Parteien haben bisher unendlich viel versäumt. Durch einen unerhörten Glücksfall wird ihnen noch einmal die Gelegenheit geboten, in einem kurzen, frischen Entschluß ihre Lebenskraft zu beweisen.

Schnellste Aktion der Linken tut not. Die Feinde der Republik haben im Stillen ihr Plänchen fertig gemacht. Wir wollen ihrem Favoriten, welcher Gallwitz oder Scheer es auch sein mag, die Freude versalzen. Niemals soll er händereibend, schmunzelnd, in der Residenz erzählen, wie man Präsident wird.

Montag Morgen. 16. Februar 1925

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