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Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926 - Kapitel 152
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band III: 1925?1926
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand III
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Frank D. Wagner
year1994
isbn3498050192
firstpub1925-1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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656

Genf – Stresemann – Clemenceau

Notiz aus New York: »Zur Zeit wird in einem der größten Theater eine Revue ›Der Völkerbund‹ vorbereitet, für die bereits eine Reihe der hervorragendsten Jazzkomponisten verpflichtet werden.« In Genf wird zur Zeit eine noch viel größere Revue gleichen Titels inszeniert, und es ist sehr fraglich, ob alle Jazzkomponisten Amerikas imstande sein werden, sie an Kakophonien zu übertreffen. So sehr auch Briand diesmal Alles daran setzen wird, Deutschland endlich in Bund und Rat zu bugsieren: noch sind Polens und Spaniens Ansprüche nicht vertagt, und namentlich die neue italienisch-spanische Allianz bedeutet Ankündigung einer Überraschung. Und was mag sonst noch jedes Verhandlungsstadium an nicht angemeldeten Überraschungen bringen! Der Saal der Reformation, niemals ein Quartier der Eintracht, ist jetzt vollends zum Eris-Tempel geworden.

Inzwischen werden von den Mächten immer neue Verträge abgeschlossen, die harmlos Garantieverträge genannt werden, aber in Wahrheit nur Bündnisse alten Stils sind, wenn auch verbrämt mit Schiedsgerichts- und Neutralitätsklauseln. Einer garantiert dem Andern etwas, aber stets gegen irgendwen. Vor Allem aber sichern die Militärstaaten sich Garantien gegen den Völkerbund. Jeder Garantievertrag bedeutet für ihn verlorenes Terrain. Der Gedanke der überstaatlichen Organisation, der stärksten Sicherung gegen Kriege, wird von den Staaten mit höflichem Lächeln sabotiert.

Frankreich hat soeben mit Rumänien einen Vertrag abgeschlossen, in dem zum ersten Mal Bessarabien ausdrücklich als rumänisches Gebiet anerkannt wird. Erregung in Moskau. Mit Fug. Denn Rumäniens Anrecht auf Bessarabien wird nicht unbegründet angefochten. Ganz davon zu schweigen, daß dieses unglückliche Land der bevorzugte Tummelplatz der rumänischen Soldateska ist. Während sich Frankreich hier in östliche Händel drängt, wird es am Mittelmeer plötzlich ausgekreist. Denn Italien und Spanien haben sich zu einer Koalition gefunden, die in London schmunzelnd begönnert, in Paris still betrauert wird. Die englische Abneigung gegen Mussolini ist dem Primat der Außenpolitik gewichen. (Auch Abessinien, das schwarze Mitglied des Völkerbundes, wird das bald erfahren.)

Europa ist zu einem Netz von Bündnissystemen geworden. Es wird notwendig, zur Orientierung einen Atlas der Bündnisse herzustellen. (Und der wird wohl die buntesten Karten enthalten, die es jemals gegeben hat.) Denn auch der wache Verfolger außenpolitischer Ereignisse findet sich nicht mehr recht durch. Aufrüstung überall, und überall Schiedsverträge. Der Imperialismus verbeugt sich vor der neuen Idee, dem Pazifismus, indem er seine Terminologie übernimmt. Der Völkerbund aber scheint dazu verurteilt, ein Bureaubetrieb ohne Funktionen zu bleiben.

 

Am 13. August 1923 wurde Gustav Stresemann Reichsminister. Drei Jahre Stresemann. Die Fehler dieses Politikers sind zu offenbar, als daß notwendig wäre, sie nochmals aufzuzählen. Ein Stehaufmännchen, ein deutscher Rabagas. Ein Trompeter, dem man im Grunde immer gut ist, trotzdem seine falschen Töne manchmal zur Verzweiflung bringen können. Aber er trompetet so unverzagt und immer drauf los.

Es gibt zu denken: Stresemann, der nur zu ganz besonders feierlichen internationalen Séancen dürftig maskierte Nationalist, hat mehr erreicht als irgendeiner seiner Vorgänger, die mit dem Geist von Weimar ausgestattet vor das Forum der Welt traten. Einer hat geweint, ein Zweiter gewettert, ein Dritter deklamiert: von Spa bis Genua eine Kette von Pleiten. Gustav der Auswechselbare war der Einzige, der Zutrauen eingeflößt hat und für politisch diskontfähig erachtet wurde. Was er als Innenpolitiker verwüstet hat: an seinem Ehrentag soll nicht davon geredet werden. Denn wir haben so viel erfolglose Republikanertugend scharwerken sehen, daß der Anblick eines Politikers, der von Fortuna geliebt wird, nicht unangenehm berührt.

 

»Es wird höflichst gebeten, auf den Herrn am Klavier nicht mit Messern zu werfen – er tut, was er kann.« Das hängt als unsichtbares Plakat über der Deutschen Republik, schwebte auch über der Verfassungsrede des Herrn Külz.

Der Herr Festredner hat den »wehrhaften Pazifismus« gefeiert und in Gegensatz gestellt zu dem andern, der ... etcetera. Das ist nicht schlimm, weil des Landes der Brauch; und außerdem hat das unser Geßler schon so oft besser gesagt. Aber was sollen diese ewigen Wehleidigkeiten, wie es uns 1919 so furchtbar schlecht erging, und wie wir seitdem so tapfer wieder aufgebaut haben! Warum immer diese grauen Elendsbilder mit angehängtem Hochgesang? Wenn die Külz-Demokraten etwas mehr Takt und Gefühl für Volksstimmung hätten, so würden sie über die Periode von Weimar bis mindestens zum Hitlerputsch möglichst ausgedehnt schweigen, denn das ist die Zeit der tiefsten Erniedrigung des deutschen Republikanertums. Daß die Republik nicht Kapp oder einem ernster zu nehmenden Aufrührer zum Opfer gefallen ist – das hat nicht die Energie der Weimarer verhütet: das ist das Verdienst von Leuten, auf die Noske und sein Nachfolger schießen ließen. Nicht einmal die Ära der großen Morde hat die Herren der mittlern Koalition aufgerüttelt, und Ludendorffs Unternehmen brach zusammen nicht am Widerstand Berlins, sondern unter den Gewehrkugeln des bayrischen Militärs, unter der Attacke wittelsbacher Royalisten. Die Republik hat gar nicht damit zu tun. Erst im Frühjahr 1924 begann Hörsing zu trommeln. Bis dahin war die Verteidigung der Republik das Steckenpferd einiger versprengter Idealisten. Wer 1920 auf die Gefahr der Einwohnerwehren hinwies, später auf die unheimliche Lebendigkeit der bewaffneten Vaterländischen Verbände, der wurde auch von den meisten Demokratenblättern als ein Söldling Frankreichs behandelt.

Und wieviel Schwierigkeiten sind künstlich geschaffen worden, obgleich beim Abschluß des Versailler Vertrages die Situation, weiß Gott, tragisch genug war! In der Hoffnung, sich schließlich doch noch ums Zahlen drücken zu können, ist die Reparationsfrage von Jahr zu Jahr verschleppt worden: der mit Emphase abgelehnte Londoner Plan war bei aller Härte doch noch ein bequemeres Lager als später das von Prokrustes Dawes bereitete. War die Inflation, von Havenstein und Stinnes gemacht, etwa gottgewollt? War der Ruhrkrieg unvermeidbar?

Diese Verfassung ist kein Feiertagsobjekt. Sie ist entstanden in Tagen, wo gegen deutsche Bürger, die dem stolzen Satz: »Das Deutsche Reich ist eine Republik!« einen Sinn geben wollten, Maschinengewehre aufgefahren wurden. Und was sollen die Preislieder, wenn die historische Tatsache, die die neue Konstitution geschaffen hat: die Revolution, entweder völlig ignoriert oder zur häßlichen kleinen Episode herabgedrückt wird? Wer den 9. November unterschlägt, soll nicht große Worte vom 11. August machen.

Man muß schon ein ausgekochter Parteikaffer sein, um nicht zu ahnen, daß die mächtige Gegnerschaft gegen die bürgerliche Republik nicht einfach auf Dummheit, Bosheit, Verblendung, Hugenberg und Moskau zurückgeführt werden kann. Es gibt nämlich noch ein Argument, dessen sich die schwarz-rot-goldenen Parteien, wenn sie an der Regierung waren, allzu bescheiden bedient haben: das ist die Leistung.

 

Die richtige Verfassung aber wurde erst vor dem Reichstag gefeiert. Man lese:

»Dann schreitet Hindenburg die Front ab. Er tat es nicht pro forma, sondern als der alte Militär, der er trotz seines schwarzen Gehrocks ist: sowie er die Militärkapelle passiert hat, tritt er neben den rechten Flügelmann des ersten Gliedes und kontrolliert. Dann macht er es gewissenhaft mit dem zweiten Gliede ebenso ...«

Darauf kommt es an: Richtung im zweiten Gliede. Merk dirs, Republik!

 

Georges Clemenceau hat in einem offenen Brief an den Präsidenten Coolidge die Streichung der französischen Kriegsschulden gefordert. Gefordert. Ein Clemenceau stellt kein Bittgesuch.

Die Offiziellen in Washington haben schroff refüsiert. Die Zeitungen taten Einiges an Hohn, Herausforderung und guten Mahnungen hinzu. Clemenceau will auch nicht an Gefühle appellieren. Er spricht mussolinisch hart und ultimativ. Bisher, so führte er aus, haben wir Franzosen in England den bösen Geist des Kontinents gesehen; heute wendet sich die Unruhe Amerika zu. Ihr wißt, daß unsre Kassen leer sind: unser Bankkonto sind die Gräber unsrer Jugend. Ihr wißt auch, daß Schulden solcher Art und Ausdehnung nur fiktive Bedeutung haben. Frankreich wird nicht in generationenlange Schuldknechtschaft kriechen. Frankreich ist nicht die Türkei.

Das Unglück schafft seltsame Schlafkameraden. Vor Jahresfrist hat Leo Trotzki in seinem Pamphlet gegen England diese gallenbittern Sätze geschrieben:

»Kein Dokument, das Moskau je in die Welt gesetzt hat, kann die gleiche revolutionäre Bedeutung beanspruchen wie der Dawes-Plan, der das gesamte industrielle Leben einer großen Nation an die eherne Kette der amerikanischen Kontrolle legt. Und dabei behauptet Amerika, Europa wieder aufhelfen zu wollen. Was es wirklich tut, ist: seinen Schuldnern abwechselnd Kredit zu geben und zu verweigern; bald ihnen den Dolch auf die Brust zu setzen, bald ihnen die Zügel wieder locker zu lassen. So ruft man aber die Revolution hervor. Verglichen mit Wall Street von heute ist der Kreml eine konservative Institution.«

Das ist die finanzielle Allmacht der Vereinigten Staaten, gleichermaßen verwünscht von Demokrat wie Bolschewik. Es gibt eine verbreitete deutsche Eselei, die frohlockt, wenn Marianne von Amerika Schröpfköpfe angesetzt werden, und die noch immer glauben, das geschehe Deutschland zu Liebe. Aus dieser krausen Vorstellungswelt kommt auch die jüngste Mahnung des Reichsbankherrn Schacht: Amerika möge doch Polen keine Kredite gewähren, weil dieser Staat so furchtbar nationalistisch sei. Nun, Wall Street läßt sich so leicht keine Vorschriften machen, und die Hungerkur, in die sie Europa zwingen möchte, dient nicht einer zielbewußten pazifistischen Pädagogik, sondern dem eignen Machttrieb.

Frankreich wankt in eine Tragödie hinein. Ob Poincarés Geldstabilisierung gelingt oder nicht: das ökonomisch so gründlich konservative Frankreich wird in einen Umformungsprozeß getrieben, der aus einem Volk von fleißigen und lebensfrohen Kleinbürgern, gewohnt, sich früh zur Ruhe zu setzen, verdrossene Arbeitssklaven machen wird, wie sie heute überall zu finden sind. Dagegen bäumt sich der französische Geist. In Deutschland, wo die Zweckbesessenheit schon vor dem Krieg tiefeingefressen war, beglotzt man ehrfürchtig die großen Raffer und Allesverschlinger. Ein trister Industriedespot wie Herr Minoux, der mit sauertöpfischer Miene von seinem achtzehnstündigen Arbeitstag erzählt, würde in Paris belächelt werden, in Deutschland bewundert man ihn als Übermenschen.

Georges Clemenceau, der sich einmal gerühmt hat, niemals in seinem Leben ein nationalökonomisches Buch angesehen zu haben, fehlt der Sinn für wirtschaftliche Zusammenhänge, aber nicht der Blick für die Wirkungen. Er sieht sein geliebtes Frankreich in Industriefron versinken und erhebt wie ein grollender Demosthenes die Stimme gegen die unheimliche zerstörende Macht, gegen Amerika. Und es ist wie eine launige Improvisation der Weltgeschichte, daß es grade dieser unverwüstliche alte Hetzteufel sein muß, der vielleicht als Letzter den Protest der Seele gegen den Dämon Wirtschaft formt.

Die Weltbühne, 17. August 1926

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