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Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926 - Kapitel 150
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band III: 1925?1926
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand III
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Frank D. Wagner
year1994
isbn3498050192
firstpub1925-1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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654

Berlin wird höflich
Aber es fällt schwer

Das Kapitel der Klagen über die Berliner Unhöflichkeit ist lang. Besonders Reisende aus der Provinz beklagen sich bitter über Mangel an Aufmerksamkeit und auf bescheidene Fragen Antworten bekommen zu haben, für deren epigrammatische Würze ihnen die Kennerschaft abgeht und die sie deshalb kurzweg »schnoddrig« nennen. Nun, auch außerhalb der Mauern Ilions wird gesündigt. Wer nie einen Münchener Schutzmann schimpfen gehört hat, der weiß nicht, welch ein Vesuv von Grobheiten unter der uniformen Kargheit eines dienstlichen Vokabularismus schlummern kann. Höflichkeit ist eben nicht alles. In der Türkei z.B. gehaben sich die Henker mit mehr Gentilezza als bei uns selbst die Zahnärzte. Als private Menschen sind die Berliner wohl weder chevaleresker noch rüder als andere auch. Aber da, wo der Berliner öffentlichen Charakter annimmt, wo er dem Publikum entweder als Beamter des Staates oder als privater Angestellter gegenübersteht, da setzen die Klagen ein.

Darüber ist in den letzten Jahren mehr geschrieben und geredet worden als je. Der »Montag Morgen« hat in seiner viel nachgeahmten Rubrik »Warum?« immer wieder eindringlich gefragt, warum so viel Lungenaufwand, wo doch der normale Gesprächston dasselbe oder noch viel mehr erziele. Und mit Genugtuung läßt sich konstatieren: die zahlreichen Interpellationen und Rügen sind nicht ganz ins Leere gegangen,

Berlin schickt sich an, höflichere Formen anzunehmen.

Das Leben des Alltags beginnt, um kleine, aber zermürbende Konfliktsstoffe ärmer zu werden. Es macht sich eine wohltuende Entspannung bemerkbar, die Nerven, von der Vibrationsmassage der Inflationszeit befreit, glätten sich, der Fluß der Worte kommt nicht mehr eruptiv, sondern bedachter und reguliert. Schnauzereien vor dem Postschalter und auf dem Bahnhof beginnen seltener zu werden. Der Polizist spricht mit einem Unterton von Wohlwollen, er zeigt deutlich seine Geduld und kokettiert damit ein wenig. In wohlfeilen Speiserestaurants sogar begegnet man Kellnern, die nicht darauf bedacht sind, die rustikale Tradition des »Küchenbullen« aus der Kriegszeit im bürgerlichen Leben fortzuführen. Das ist aller Achtung wert. Man sieht die Anstrengungen und nörgelt nicht, wenn der urtümliche preußische Bärenhäuter gelegentlich doch noch zum Vorschein kommt.

So wäre also die Einsicht fortgeschritten, daß das Publikum nicht ein unbestimmtes bedeutungsloses Etwas ist oder gar ein unmündiges Kind, das bei jeder Gelegenheit erzogen werden muß.

Man hat die dienstliche Anweisung gegeben: Höflichkeit!

Und man gibt sich allerorten Mühe, sie wörtlich zu befolgen. Man gibt sich Mühe. Das ist es. Man sieht die Schweißtropfen. Etwas Verknurrtes arbeitet noch unter der dienstlich befohlenen Urbanität. Hinter dem devoten »Sie wünschen?« kollert noch ein oft schwer gebändigtes »Hol dich der Teufel!« Hinter dem »Gern geschehen ...« ein hoffnungsvolles »Rache ist süß!« Die neuberliner Höflichkeit ist mehr ein wegen schlechten Wetters abgesagter Krieg, denn eine schon naturgewordene Übung.

Aber wir wollen nicht Splitterrichter sein. Der Schweiß, den ein freundliches Wort kostet, soll uns teuer sein. Wir wollen zufrieden sein, wenn man es »beim Rade bewenden läßt«. Schließlich wird sich die Verschmelzung doch einmal vollziehen und Berlin an Courteoisie nicht hinter Timbuktu zurückstehen.

Doch eines noch zum Schluß: Könnte sich die Prüfung der Geldscheine und Münzen an den Ladenkassen nicht etwas schonungsvoller vollziehen? Ich weiß nicht, ob wirklich so viel Falschgeld kursiert, wie behauptet wird. Aber ich weiß, daß es ungemein peinigend ist, wenn dein Zweimarkschein erst von einem Expertenkomitee disputiert und durchröntgt wird, wenn dein Talerstück zwanzigmal Polka tanzen muß, und schließlich ins Privatkontor des Chefs zur Begutachtung geschickt wird. Inzwischen wartest du. Fünf Augenpaare richten sich abwechselnd auf dich und die Türklinke, als ob du fluchtverdächtig wärst. Und schließlich entläßt man dich mit einem Blick, der besagt, daß man dich eigentlich nur wegen der Geringfügigkeit des Objekts laufen läßt. Muß das sein? In den Warenhäusern z. B. wickelt sich die Prüfung ganz ohne Ritual im Bruchteil einer Sekunde ab.

In dem lieben oder gleichgültigen Nächsten nicht sofort den Verbrecher zu sehen, selbst Zweifel bis zur Klarstellung freundlich einzuhüllen, das ist eben eine Höflichkeit, die sich mit Instruktionen nicht eintrichtern läßt. Das ist Gabe: man hat es oder hat es nicht.

Montag Morgen, 9. August 1926

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