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Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926 - Kapitel 149
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band III: 1925?1926
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand III
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Frank D. Wagner
year1994
isbn3498050192
firstpub1925-1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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653

Nach 12 Jahren

Shylock Yankee! Neuer Schlachtruf der Pariser Blätter. Verzweifelte Inflationsverlierer haben Amerikaner bei nächtlichen Rundfahrten durch die rühmlichst bekannte Pariser Sittenlosigkeit insultiert und das Verbrüderungsdenkmal beschädigt. Lafayette in Himmelshöhen erkennt, sich geirrt zu haben, und hält Kamerad Washington die Faust unter die Nase.

Eine neue politische Konstellation bereitet sich vor: Dalles-Europa gegen U.S.A. Nun werden alle Demonstrationen gegen den goldnen Koloß nichts nützen. In Amerika selbst, wo der selige Lodge die Parole der Isolierung ausgegeben hat, die der grantige Borah heute mit galligem Temperament verficht, muß die Erkenntnis dämmern, daß es nicht angeht, den europäischen Markt beherrschen zu wollen und gleichzeitig durch drakonische Schuldeneintreibung Europas Kaufkraft und Lebenshaltung zu drücken. Von der regierenden Partei ist so viel Einsicht nicht zu erwarten. Aber schon hat im New York World, dem großen Demokratenblatt, eine Offensive gegen die Shylockpolitik eingesetzt. Wird Wilsons Partei, die in den letzten Jahren arg am Boden gelegen hat, sich mit dem alten Kampfruf »Rettet Europa!« wieder erheben?

In Frankreich vermerkt man sehr übel, daß die New Yorker Finanz es schlechter behandelt hat als Herrn Mussolini, der ein viel günstigeres Abkommen erzielt hat. Auch der blutige Horthy hat in Wallstreet seine Gönner. Das kennzeichnet die Geistesart der Machthaber drüben: die Diktatur erscheint ihnen solider als die parlamentarische Demokratie.

Einstweilen kühlt man in Paris sein Mütchen an Reisenden und Denkmälern. Amerika sollte solche Zeichen beachten. Nationalhaß wächst schnell. Wo ein Fischweib in naivem Zorn die Faust ballt, findet sich bald ein Schreibekundiger, der die wissenschaftliche Begründung dazu verfaßt. »Lafayette, wir sind da!« hieß es gestern. Heute umfuchteln schon Schirmkrücken George Washingtons Lorbeerkränze. Und morgen ...? Vom Bundesgenossen zum Erbfeind ist ja immer nur ein kleiner Schritt. Take care.

 

Zwölf Jahre nach den schicksalsvollen Augusttagen von 1914 macht die Schwerindustrie auf ihre Weise Völkerfrühling. Unterhändler aus Deutschland und Frankreich beraten über die Eisenunion. Man könnte bitter werden, könnte fragen: warum erst jetzt? Unterrichtete prophezeiten immer, daß es schließlich doch so kommen müsse und die Industrie-Allianz unaufhaltsam sei. Krieg, Ruhrokkupation: es sind nur Hemmnisse, nicht Schlußsteine gewesen.

Der Fortschritt ist ungeheuer. Uralte Feindschaften verlieren den Stachel. Ein Industrievertrag verhindert, daß ein wirtschaftlicher Mangel Frankreichs sich in Expansionspläne umsetze. Das heißt: Friede am Rhein. Wenn die Völker miteinander arbeiten, wenn das Leben geschäftig herüber, hinüber geht, was bedeuten dann noch die Grenzen?

 

Haben übrigens die Sozialisten, die Gewerkschaften, diese Entwicklung gebührend beachtet? Weder die deutschen, noch die französischen Industriellen gehen in die Union, um Völkerverbrüderung zu manifestieren. Eine neue unerhörte Konzentration von Kapitalmacht ist im Werden. Ist die Arbeiterschaft gerüstet?

Wir fürchten: die Schwerindustrie ist flinker gewesen. Während die Sozialisten sich in Erwägungen verloren und Betrachtungen anstellten, ob und in wie weit »nationale Momente« zu berücksichtigen wären, hat die in beiden Lagern schwer vaterländische Industrie sich nicht lange mit ideologischen Faxen aufgehalten. Die Arrangeure des Nationalismus haben hurtig gehandelt, während die zagen Internationalen über Konferenztischen büffelten. Sie sind 1926 ebenso überrumpelt worden wie 1914.

Übrigens macht die Industriepresse von dieser Entwicklung nicht viel Aufhebens. An ihre Feindschaften verschwenden die Herrschaften mehr Fettdruck.

 

Der Daily Telegraph hat vor einigen Tagen behauptet, die gegen Herrn von Seeckt gerichteten Noten des Generals Walch seien auf Intriguen eines deutschen Truppenführers zurückzuführen, dessen Ehrgeiz nach der höchsten Kommandostelle ziele. Die Bendlerstraße hat nur matt dementiert.

Womit für die deutsche Öffentlichkeit der Fall erledigt ist, nicht wahr? Dabei fing die Affäre vielversprechend genug an, indem die Noten, ehe sie ins Auswärtige Amt gelangten, durch einen kleinen Reichswehr-Bosco zunächst der Rechtspresse in die Finger gespielt wurden. Schon diese Art von Publikation läßt die übelsten Befürchtungen zu.

Es wird von einigen Stellen darauf verwiesen, daß der Daily Telegraph nicht »deutschfreundlich« sei. Das stimmt: der Daily Telegraph ist unter der großen Londoner Presse heute wohl das einzige Blatt, das seine französischen Sympathien nicht verhehlt. Aber seine vorzügliche diplomatische Berichterstattung und seine wirklich profunde Kenntnis der deutschen Verhältnisse sichern ihm ein unbestreitbares Prae. Ganz davon zu schweigen, daß eine sachliche Gegnerschaft dieser Art erträglicher erscheint als die »Deutschfreundlichkeit« gewisser englischer Zeitungen, die vornehmlich darin besteht, Deutschland in antifranzösische Dummheiten zu hetzen.

Das sonst so empfindliche Reichswehrministerium sollte sich nicht auf ein flaues Dementi beschränken. Und die Linkspresse damit nicht zufrieden sein. Ein aktiver Offizier, der die Interalliierte Kontrollkommission gegen seinen Chef anspannt, auf die Gefahr hin, daß das Reich in einen Konflikt gerät, der nur mit bitterer Demütigung enden kann, so etwas wäre seit dem trüben Fall des Obersten Redl nicht dagewesen.

 

Aus einer provinziellen Polizeidummheit, wie der Magdeburger, hat sich eine Krise der gesamten Staatsautorität entwickelt. Viel ist davon allerdings nicht mehr auf Vorrat: – aber es gibt schließlich ein Reststück, das selbst der lammgeduldige republikanische Staat verteidigen muß. Wahrscheinlich hat der biedre Herr ten Holt den ihm anvertrauten Mordfall Helling zunächst behandelt wie der Sbirre im Lustspiel: etwas wichtig, etwas tapsig und, vor Allem, ohne Übereilung. Da brachte der Angeschuldigte Schröder, wie sein gemütlicher Jäger ein unbedingt nationaler Mann, den jüdischen Industriellen Haas, den nahen Verwandten eines Reichsbannerführers, ins Spiel. Und damit wurde aus einer durchschnittlichen Mordaffäre ein Politikum. Jetzt galt es nicht, den Fall zu klären, sondern den Juden zu verbrennen. Dem widmete sich jetzt der Untersuchungsrichter, während Herr ten Holt mit seinem Schröder spazieren ging. Und die Magdebourgeoisie applaudierte.

Ein kleiner germanischer Ritualmord war im Anzuge, sorgfältig von der Justiz vorbereitet. Die demokratische Presse schlägt Lärm und schreit: wenn das so weiter geht, dann wird kein Mensch in Zukunft mehr Vertrauen zu deutschen Gerichten haben. Mit Verlaub: wer hatte noch Vertrauen? Die Justizkrise besteht nicht erst seit den Ausschreitungen des tüchtigen Herrn Kölling, sondern seit Jahren. Daß es bisher nicht zur Explosion kam, liegt nicht an der weisen Zurückhaltung der Herren Richter, sondern an der Feigheit der Republik. Die hat den Fehdehandschuh beharrlich ignoriert, auch wenn er ihr grob um die Ohren klatschte, und immer wieder versucht, nicht zu sehen und dabei zu beschwichtigen. Der preußische Justizminister ist ein kranker Mann, jedoch amtlich von beneidenswert zäher Konstitution. Aber hätte es ein Andrer, der sich nicht hinter Medizinflaschen zu verschanzen braucht, wenn Handeln erforderlich wird, besser gemacht? Zweimal hat im Reich Herr Radbruch, der große Reformer, ein durchaus gesunder Mann, der Rechtspflege vorgestanden. Wir spüren es heute noch. Jetzt ist die große Gelegenheit zur Auseinandersetzung zwischen Justiz und Staat endlich da. Die Magdeburger Richter – es handelt sich nicht um Herrn Kölling allein, Alle stecken hinter ihm, Alle! – haben sich nicht mit der Macht zufrieden gegeben, die sie faktisch besitzen; sie wären schlechte Deutschnationale gewesen, wenn sie nicht auch die glanzvolle äußere Bestätigung dieser Tatsache gewünscht hätten. Sie wollen ihren Siegfrieden, wollen die gefesselte Republik dem Gelächter preisgeben.

Auch das vorsichtigste Demokratenblatt schreibt heute, daß es für den Staat kein Zurück mehr gebe. Vorsicht! Wir leben nicht umsonst im Reich der unbegrenzten Rückzugsmöglichkeiten.

Ein Abgeordneter der Rechten hat gegen Severing und Weiß Strafantrag gestellt. Man hüte sich, das für einen Witz zu nehmen. Die Richter haben die Monarchisten noch niemals enttäuscht.

 

Niemals hätte sich Felix Edmundowitsch Dsershinski die gerührten Nekrologe träumen lassen, die jetzt in der bürgerlichen Presse überall zu lesen sind. Die liberalen Tanten wickeln den roten Torquemada in sentimentale Sechsdreierromantik und fragen besorgt, ob er auch des Nachts immer gut geschlafen habe. Es ist etwas Seltsames um die bürgerliche Moral: sie verdammt den kleinen Mörder, aber sie kapituliert vor der großen Quantität. Bei Dsershinski, der fünfstelligen Zahlen mit Erfolg zugestrebt hat, imponiert die Strecke. Das rettet seinen Nachruhm, macht ihn zur epochalen Gestalt.

Auch sonst spricht noch zu seinen Gunsten, daß er bedürfnislos und sittenrein war. Wir halten jede Wette: Karl Radek, der niemals einem Lebewesen ein Haar gekrümmt hat, sich dafür aber durch einen rebellisch funkelnden Geist auszeichnet, gleich ungemütlich für Revolution wie Reaktion, – Karl Radek, der einiger Tugenden entbehrt, die den korrekten Felix Edmundowitsch schmückten, wird keine so guten Nekrologe bekommen. Dsershinskis kranker Fanatikerschädel hat zwar Pläne ausgebrütet, die Unzählige in grauenvollen Tod getrieben haben, aber unkeusche Gedanken waren ihm, Gottseidank, stets fern geblieben. Denn der Bürgermoral wiegen ein paar Hundert Liter Blut leichter als ein paar zerfetzte Jungfernschaften. Trotz Aufklärung und angeblicher Sexualrevolution.

Traurige Reflexion zwölf Jahre nach 1914. Noch immer wird eines Mannes historische Bedeutung errechnet nach dem Leid, das er angerichtet hat. Noch ist die Zeit nicht da, wo die kalten, grauen Henker, die immer hinter einer Idee verbarrikadiert kauern, immer geduckt hinter Vaterland, Religion, Überzeugung, ... Pflicht auf ihre Opfer zielen, als Das erkannt werden, was sie sind: Verschwörer gegen die Menschheit, Geächtete deshalb und Ausgestoßene, die vernichtet werden müssen, damit die Millionen leben können.

Die Weltbühne, 3. August 1926

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