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Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926 - Kapitel 138
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band III: 1925?1926
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand III
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Frank D. Wagner
year1994
isbn3498050192
firstpub1925-1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Rif und Riffe

Wie Vercingetorix der Gallier reitet der unterlegene Abd el Krim still ins Lager der Sieger. Paukenschläge in der Pariser Presse; Siegesstimmung. Ohne berauschende Kommentare wirkt der große Erfolg allerdings karger. Niedergeworfen wurde eine Rebellion und ihr Führer, nicht ein Volk, berühmt von altersher durch Freiheitsdurst und Unbezähmbarkeit. Schon rüsten die Spanier zur »Pazifikation« des innern Gebirgslandes: sie trauen also dem Sieg noch nicht recht. Zudem melden sich England und Italien als alte Nordafrika-Interessenten; diplomatische Wirren folgen den kriegerischen, und statt frohen Machtgenusses droht im Hintergrund eine neue Marokko-Konferenz. Lassen wir die Spanier beiseite, deren Primo doch schließlich einmal irgendwo siegen mußte – für jene französische Linke, die Poincaré gestürzt und seine Politik mutig verlassen hat, bedeutete dieser maurische Feldzug einen bitterbösen Sündenfall. Gewiß war der Ärger der Franzosen über das widerwärtige internationale Waffengeschäft am Rif berechtigt; sie wußten auch, daß englische Kapitalistengruppen den Aufstand nährten. Es ist unerquicklich, mit französischen Pazifisten, die man schätzt, über Marokko zu disputieren. Da wird man zu hören bekommen, wie Frankreich diesen Krieg so »human wie möglich« geführt habe, und daß Kriegsminister Painlevé, der freundliche Gelehrte, sich von Maurras Verbrecher schelten lassen mußte, weil er sich weigerte, Gas anzuwenden. Es war also ein pazifistischer Krieg, sozusagen. Doch dieser Abd el Krim, so wettern die französischen Freunde, das war kein Freiheitsheld, sondern ein Tyrann und Blutsauger seines Volkes, ein Nachfahr jener Barbaresken-Fürsten, die ihre Galeeren durchs ganze Mittelmeer auf Menschenfang schickten, und im Grunde haben die Franzosen nur die Menschenrechte der Kabylen gegen ihr selbsterkorenes Haupt verteidigt. Ist das noch ahnungsloser Zivilisations-Fimmel oder schon balkendicker cant? Möglich, daß Einiges von den Bezichtigungen gegen Abd el Krim stimmt. Aber den Enkeln Lafayettes und der Jakobiner, den Gönnern aller Befreiungskämpfe in Armenien, Griechenland, Italien und Polen dürfte doch nicht entgangen sein, daß in der Nachkriegswelt auch außerhalb Europas das Selbstbestimmungsrecht der Völker in höherm Maße beansprucht wird als früher. Es erschüttert, daß französische Demokraten so gar nichts von dem Phänomen Abd el Krim erahnen: zum ersten Mal stand hier ein Afrikaner gegen europäische Großmächte, kein romantischer Reiter mehr wie jener Abd el Kader vor hundert Jahren, sondern ein militärisch und politisch in den Mitteln Europas geschulter Mann. Nicht seine endliche Niederlage: sein Aufstieg, seine Erfolge werden beispielhaft wirken. Die Zeit beschaulicher Ausplünderung kolonialer Länder ist vorüber. In Genf hat Robert Cecil erklärt: es sei die Auffassung seiner Regierung, daß England zum letzten Mal Krieg geführt habe gegen Angehörige der weißen Rasse. Ein wenig beachtetes und doch mächtig alarmierendes Wort. Soll demnach in Zukunft die weiße Rasse geschlossen gegen die andern stehen? Bedeutet europäische Einigung für die Imperialisten nur Aufrechterhaltung europäischer Vorherrschaften draußen in der Welt? Man begreift plötzlich, warum so viele ausgesprochen nicht-pazifistische Politiker den paneuropäischen Gedanken so sympathisch finden.

 

Wenn im Herbst Deutschlands Eintritt in den Völkerbund glücklich vollzogen ist, dann wird vielleicht auch eine sehr bedenkliche Sehnsucht zur Erfüllung kommen: es ist nämlich keineswegs ausgeschlossen, daß das Deutsche Reich eine seiner frühern Kolonien zur Verwaltung zurückerhält. Je mehr eine deutsche Regierung gegen eine Rechtsopposition im Lande zu kämpfen hat, desto beflissener wird sie sein, der nationalen Eitelkeit was zum Fraß vorzuwerfen. So verschwommen solche Möglichkeiten auch noch sind: man tut recht, schon jetzt sein Augenmerk darauf zu richten. Die deutsche Kolonialpolitik war stets ein unrentables Geschäft; in Zukunft dürfte sie mehr kosten als Geld. Das expansionshungrige Deutschland kann nämlich grade rechtzeitig kommen, um sich gehörig die Pfoten zu verbrennen. Denn der Emanzipationskampf der tropischen Rassen, die Auflehnung der schwarzen, braunen und gelben »Interessensphären« ist in vollem Gange. So vorsichtig man im Prophezeien sein soll: in ein paar Jahrzehnten schon werden weit weniger Trikoloren und Union Jacks draußen in der Welt wehen, und Abd el Krim beginnt nur eine Kette von kolonialen Garibaldis. Gäbe es eine wirkliche Europäerpolitik: sie würde sich nicht für Afrika und Asien an ein gespenstisches Metternichtum klammern, das für den eignen Erdteil im vergangnen Jahrhundert elend zerplatzte. Aufgabe Europas wäre es, eine nicht mehr hemmbare Entwicklung noch eben rechtzeitig zu entbarbarisieren, mit Anstand preiszugeben, was es innerlich schon gar nicht mehr hat. In diese äußerst zugespitzte Situation platzt Deutschlands Kolonialparole, die, von beschäftigungslosen Gouverneuren zuerst ausgegeben, heute leider auch von Sozialdemokraten harmlos nachgeplappert wird. Da hat man durch sieben Jahre unterdrücktes Volk markiert, und jetzt lechzt man danach, im Vollbewußtsein seiner Weltgeltung den Stiefelabsatz irgendwo in einen Negerpopo zu drücken. Sieht man denn nicht, daß die früher sprichwörtliche Unbeliebtheit Deutschlands in der Welt wohltuend abgenommen hat in der Zeit, da kein deutsches Wesen draußen sein Unwesen trieb, kein Rohrbach dozierte, kein Peters henkte und die schlechte Reputation ausschließlich von den diplomatischen Vertretungen aufrechterhalten wurde? Als vor ein paar Monaten in Berlin eine alldeutsche Tafelrunde die Rückgabe Kiautschous forderte, lud man sich dazu eigens chinesische Gäste ein und war sehr verwundert, als sich die Herren protestierend entfernten. Nichts gelernt, Alles vergessen.

 

Eine geborene Mecklenburgerin, durch Heirat Kronprinzessin von Montenegro geworden, hat sich ihrer bescheidenen Herkunft erinnert und das Vaterland auf Zahlung von 15 Millionen verklagt, um wenigstens den ersten Hunger zu stillen. Ihr Anwalt ist nicht Herr Everling, sondern Herr Paul-Boncour, Frankreichs Vertreter im Völkerbund und in der sozialistischen Partei Léon Blums Gegenkönig. Seit langem gilt Herr Paul-Boncour als ministrabel – gehen die Sozialisten doch einmal in die Regierung, kommt er mit hinein, vielleicht sogar als Premier. Er gehört zu jenen Sozialdemokraten, die niemals die Kriegsatmosphäre überwinden konnten und immer die Sozialpatrioten von 1914 geblieben sind. Es ist scheußlich, immer wieder alte Geschichten aufzuwühlen, immer wieder fragen zu müssen, welche Haltung Einer im Kriege eingenommen hat. Doch es gibt unter den Sozialisten gewisse gekennzeichnete Gesichter, die eine so versöhnliche Absicht unmöglich machen: – die fallen stets durch eine so eisgekühlte Perfidie auf, daß der Gegner von der andern Seite daneben zum graden, liebenswerten Kerl wird, der zwar haut, aber nicht direkt meuchelt. Weiß Herr Paul-Boncour nichts von den derzeitigen Unstimmigkeiten zwischen der deutschen Republik und ihren Fürsten? Weiß er nicht, daß die Bruderpartei an einem Plebiszit darüber lebhaft beteiligt ist? Wäre die Zweite Internationale nicht ein Klub von satten Exzellenzen, die ihren Klassenkampf längst hinter sich haben, sie würde mit diesem Mustergenossen ein ernstes Wort reden. Keine Sorge: der Marsch dieser Bataillone wird eine flotte Anwaltspraxis nicht derangieren.

 

In den amtlichen Parteikorrespondenzen spielt sich zurzeit um das Kabinett Marx ein Geplänkel ab, das sich sehr leicht zu einem entscheidenden Gang entwickeln kann. An und für sich ist das gegenwärtige Kabinett wie geschaffen für die Hundstage: unentschlossen, physiognomielos und von Instinkt reaktionär, könnte es von der Rechten wohl geduldet werden, ohne bei dem Ruhebedürfnis der Linken auf ernsthafte Einwände zu stoßen. Nun fallen aber in diese Sommermonate zwei Ereignisse, die die Deutschnationalen zum äußersten Machtaufgebot reizen: der Volksentscheid und der neue Kampf um die »Einheitsflagge«. In beiden Fällen hat die Rechte Ehre und Ansehen verpfändet. Wie so oft halten sich auch diesmal die Deutschnationalen mehr zurück und überlassen die Aktion der Deutschen Volkspartei. Da gibt es um Herrn v. Kardorff eine Schmoll-Ecke, wo sich die widerstrebendsten Meinungen und Temperamente sammeln, geeint nur durch Abneigung gegen Stresemann. In Allem orientiert sich diese Gruppe an ihm, wenn auch negativ – geht er nach Rechts, schwenkt sie nach Links. Diesmal ging die Fahrt nach Rechts, bis zu Herrn Scholz, diesem komischsten Parteiführer, der ständig gegen die Politik brüllt, die er als Fraktionschef seufzend vertreten muß. In diesen Konventikeln hat man einen Kanzlerkandidaten entdeckt, der mehr Garantie für festes Durchgreifen bietet als Herr Marx: das ist Herr Dr. Heinze, früherer Reichsjustizminister und als Leiter des Marsches nach Sachsen mit den Elementen des legalen Putsches vertraut. Das soll der Kanzler gegen den Volksentscheid sein. Wahrscheinlich sind das alles vorerst noch recht lockere Phantasien intriganter Klüngel – für die Entwicklung ist nur wichtig, daß sich die Deutsche Volkspartei immer fester mit der Rechten verkettet. Daran läßt die ganz intransigente Haltung der Landtagsfraktion, deren Eintreten selbst für die Fememörder des Hugenberg-Claß-Komplotts keinen Zweifel. Die Partei begräbt die »nationale Realpolitik« und kehrt zu der erfolgreichen antirepublikanischen Wahlparole von 1920 zurück. Und Stresemann? Inwieweit bleibt ein Außenminister diskontfähig, dessen Partei dauernd gegen seine Politik revoltiert? Von den bürgerlichen Gruppen stützen nur noch die Demokraten geschlossen die Locarno-Politik. Auf das Zentrum, das sich in solchen Zeiten verschleierter Entwicklung immer sehr stark nach der Deutschen Volkspartei richtet, ist heute weniger Verlaß denn je. Die Demokraten haben grenzenlos töricht gehandelt, Luther zu stürzen. Ohne den ist Stresemann nur ein Torso.

 

Wann werden die bürgerlichen Republikaner wohl begreifen, daß die Bemühungen um die »Einheitsflagge« nur eine neue Form des Kampfes gegen Schwarz-Rot-Gold sind. Jede Gösch, jedes Schild bedeutet doch die Monarchie in der Ecke oder gleich in der Mitte. Selbstverständlich liegt den Deutschnationalen gar nichts an dem fröhlich-bunten Flammeri-Pudding des wohlmeinenden Herrn Dr. Redslob. Die wollen, was nur konsequent ist, eben ihr Schwarz-Weiß-Rot wiederhaben. Die Republikaner aber feilschen. Der Reichskunstwart will das Kreuz der Deutschritter in die Fahne einfügen. Was soll das? Die Erinnerung an diesen Orden gehört höchstens zum östlichen Provinzial-Patriotismus – für das übrige Deutschland fehlt selbst der geringste Traditionswert. Nur die Herren Professoren werden freudig feststellen, daß der Orden durch Jahrhunderte gegen Polen gekämpft hat. So kann, was dem friedlichen Herrn Dr. Redslob sicherlich völlig fern lag, das Kreuz noch eine verzweifelt aktuelle Bedeutung erlangen, und wir hätten den polnischen Korridor mitten in der Reichsfahne. Grundsätzlich ist zu dieser Mixerei von Heraldik, Politik und »Gefühlswerten« zu sagen: es kommt nicht darauf an, wie die Fahne, sondern wie der Staat aussieht. Die sozialistischen Arbeiter und freiheitlichen Bürger aber halten zu Schwarz-Rot-Gold nicht aus irgendwelchen heraldischen oder historischen Gründen, auch nicht aus großdeutschem Enthusiasmus, wie der gute Hellpach, zum Beispiel, meint: – Schwarz-Rot-Gold ist für sie ganz einfach die Barrikadenfahne von 1848, die Fahne Robert Blums und des jungen August Bebel, die Anti-Hohenzollern-Fahne schlechtweg. Wie wäre hier ein Kompromiß denkbar? Es könnte doch immer nur ein Zugeständnis sein, daß diese Republik nicht republikanisch ist und es niemals werden soll.

 

Berlin hat in den letzten Wochen zwei lehrreiche politische Kundgebungen gesehen: den lächerlich versackten Aufmarsch der Vaterländischen Verbände und das Pfingst-Meeting der Roten Frontkämpfer. An beiden Tagen überraschte die Berliner Polizei angenehm durch tüchtige Organisation und Takt. Grade wer nicht blind ist für die Schwächen der Schutzpolizei, gesteht gern zu, daß die neuen Männer im Berliner Polizeipräsidium gründlich mit dem System Richter-Moll aufgeräumt haben, das stets zwischen Schlendrian und dummer Provokation schaukelte. Bleibt nur die Frage, ob das riesige Polizeiaufgebot nicht den Demonstrationen ihren Sinn nimmt. Die sollen doch Ausdruck des souveränen Volkes sein, das in seinen Reihen selbst Ordnung hält und Störer abwehrt. Von Polizei eröffnet, beschlossen und flankiert, wirken diese Kolonnen wie Transporte für Konzentrationslager. Die Polizei wird kaum anders handeln dürfen, wenn Zusammenstöße und Straßenschlachten vermieden werden sollen. Aber könnten nicht die Parteien ihre Demonstrierlust etwas stoppen? Es ist nämlich dafür gar keine rechte Aufnahmefähigkeit mehr vorhanden. Auch die stärksten Kundgebungen erreichen heute längst nicht den wunderbaren natürlichen Elan etwa des Rathenau-Tages oder der »Nie-wieder-Krieg!«-Versammlungen im Lustgarten. Damals kamen noch die Massen spontan: sie wollten begeisternde Redner hören und wußten um ihre Mitverantwortung am Gesamteindruck. Heute marschieren im Stechschritt unter stumpfsinniger Nachahmung militärischer Kinkerlitzchen scharf gebimste Formationen auf, die Heerscharen Seldtes, Hörsings und Thälmanns, die Kampftruppen der großen Parteien. Wo wäre eine Spur von befeuerndem Geist? (Unvergleichlich, wie im Lustgarten Ignaz Wrobel mit heller, scharfer Stimme Invektiven pfiff.) Was sind die »Reden« jetzt mehr als durchs Megaphon getutete Plattheiten? Der Mann auf der Straße, an den sich schließlich doch Alles richtet, fühlt nicht mit, bleibt wurstig, begleitet Montague wie Capulet mit gleichen Wünschen. Nein, hier wird nicht mehr eine Idee demonstriert, sondern nur, daß Deutsche ohne Strammstehen und Beinschwenken noch immer nicht leben können. Die Parteien verschanzen ihre geistige Ohnmacht hinter Riesenschaustellungen von militarisierter Vereinsmeierei und organisiertem Willen zur Gewalttätigkeit. Neue Symptome alter Nationalleiden. An dem Tag, wo die Parteisoldaten verschwunden sind, wird Deutschland gesund sein.

Die Weltbühne, 1. Juni 1926

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