Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Carl von Ossietzky >

Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926 - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/ossietzk/schrift3/schrift3.xml
typemisc
authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band III: 1925?1926
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand III
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Frank D. Wagner
year1994
isbn3498050192
firstpub1925-1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090730
projectid63f75aac
Schließen

Navigation:

518

Preiscourant für Beleidigungen

Den Landgerichtsdirektor Kroner hat man zu 3000 Mark Geldstrafe verurteilt wegen Beleidigung seines Magdeburger Kollegen Bewersdorff. Eine Verunglimpfung Severings wurde, wie dem sehr richtig entgegengehalten wurde, mit 150 Mark geahndet. Denn Herr Kroner ist Vorsitzender des Republikanischen Richterbundes, Herr Severing republikanischer Minister der Republik, während die Meriten des Herrn Bewersdorff ganz wo anders zu suchen sind. Es ist ein Irrtum, an einerlei Ehre des Staatsbürgers zu glauben. Nein, es gibt vielerlei Art von Ehre in Deutschland; die monarchistische ist anders als die republikanische, die sozialistische wesensverschieden von der deutschnationalen. Das hohe Verdienst unserer Gerichte war es, das zuerst erkannt und in die Praxis umgesetzt zu haben. So sind also die Ehren nach politischen Gesichtspunkten gestuft und gestaffelt worden: eine republikanische Ehre ist billiger als eine monarchistische, für einen Bewersdorff kann man 25 Severinge kränken, ein Westarp oder Ludendorff gilt mehr als zehn Reichspräsidenten sozialdemokratischer Provenienz. Wozu die langen zeit- und atemraubenden Beweiserhebungen und Plaidoyers, wo doch der Endeffekt feststeht? Man nehme ganz einfach die politischen Berthelotmaße der Beteiligten, prüfe, ob der Daumenabdruck schwarz-weiß-rote oder schwarz-rot-goldene Spuren ergibt. Damit erspart man sich den ganzen Advokatensums, und man kann die Taxe nach einer sorgfältig ausgearbeiteten Strafentabelle auferlegen. Wir Deutschen sind doch sonst immer Systematiker gewesen. Heute herrscht bei unsern Gerichten noch eine beklagenswerte Willkür. Der Generalstaatsanwalt im Kroner-Prozeß z.B. hielt eine Sühne von 1000 Mk. für angemessen, das Gericht schätzte dagegen Bewersdorffen dreimal höher ein. Solch Mangel an Methode ist der deutschen Rechtsprechung nicht angemessen. Die Szene wird zum Tribunal, das Tribunal zur Auktion. Gebt dem Gericht seine Würde wieder: feste Sätze, feste Preise. Und zwischendurch zur Aufmunterung Saison-Ausverkäufe und Weiße Woche.

Montag Morgen. 9, Februar 1925

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.