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Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926 - Kapitel 122
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band III: 1925?1926
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand III
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Frank D. Wagner
year1994
isbn3498050192
firstpub1925-1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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626

Der Verkehrsunfall

Du steigst in die Elektrische Nummer soundso; Anhängewagen. Dösige Vormittagsstunde im menschenleeren Vorort. Dort der alte Herr schiebt gerade eine Rolle Kautabak zwischen die Kiefer; die Frau ohne Hut mit der Einholetasche liest die »Morgenpost«. Es sind die Einzigen, die du bemerkst. Die andern verschwimmen in der unsagbaren Gleichgültigkeit des Begriffes Straßenbahn.

Doch zehn Minuten später schon wird der Wagen lädiert irgendwo halten. Daneben ein Auto, dessen zertrümmerte Laternen wie leere Augenhöhlen auf die zerquetschten Vorderpfoten starren. Der Rest ist Polizeibericht: » ... ins Elisabeth-Krankenhaus kamen der 65jährige Rentner H. (mehrere Knochenbrüche), eine Frau M. aus der Rheinstraße (Kopfverletzungen und Nervenchock); einige andere Personen, die durch Glassplitter verletzt wurden, erhielten auf der Rettungsstation einen Notverband«.

Oder: Menschenauflauf mitten auf der Straße. Da steht, ein Bild unendlicher Melancholie, ein Grünkramwagen, so ein ganz altes verkümmertes Dingsda. Die Rückwand ist zertrümmert, und Passanten sind gerade dabei, ein paar Kohlköpfe, die noch herumrollen, zu entfernen. Der kleine spärliche Gaul ist ausgespannt; verständnislos beschnuppert er seine ausgefranste, zerschlissene Decke, die auf dem Asphalt liegt mit etwas darunter. Es wölbt sich nur ganz undeutlich und an einer Stelle, da sickert ein ganz dünner Streifen Blut unter der Decke hervor. Da steht dieses armselige Gespann wie ein Dokumentenwrack aus grauer Vorzeit, und wirkt hier an einem häßlichen Regentag nicht weniger schwermütig als Turners »Fighting Téméraire«. Nelsons altes Admiralsschiff, zum letzten Mal ins Dock geschleppt, flankiert von großen drohenden Kästen und qualmenden Schornsteinen.

Das ist das Schlachtfeld des Verkehrs.

Wir haben diesen Verkehr zu einem gültigen Militarismus-Ersatz entwickelt, wo wir überschüssige Volkskräfte absetzen und die Blessuren uns holen, die der Locarno-Geist erspart. Wie die Ägypter die Krokodile anbeteten, die sie fraßen, sagt Anatole France, beten wir die Automobile an, die uns totfahren. Wir rufen nicht mehr Vaterland, sondern Tempo, und diesem Tempo opfern wir täglich Menschenleben, gesunde Glieder, noch intakte Nerven. Das ist der Moloch, der unsere Kinder verschlingt und die Greise wegputzt, die Überflüssigen, die nicht mehr mithalten können, und die wir den malmenden Rädern der Motorkarren und Omnibunden überlassen, weil wir den Brauch der Skythen, die alten Leute einfach abzuschlachten, als allzu primitiv empfinden.

Ja, wir sind geschäftig geworden, sehr geschäftig. Komisch nur, je pleiter wir werden, desto rapider wächst der Verkehr. (Selbst die Bettler Ecke Linkstraße tragen ihre Notlage im Telegrammstil vor, wie Leute, deren Zeit Geld ist.) Der Umsatz sinkt, der Verkehr debauchiert. Die Bewegung ist Selbstzweck. Die Bewegung ist alles, das Geschäft gar nichts. Man hetzt und hastet, selbst das Vergnügen wird zum Dampfbetrieb, die Erholung zu vorgeschriebenen Freiübungen, und damit das Inferno einen appetitlichen Namen hat, der auch ästhetisch Verwöhnten genügt, nennen wir es Rhythmus der Zeit, und sind stolz darauf, unter der Walze selbstangekurbelter Apparatur zu verröcheln.

Das Tage-Buch. 13. März 1926

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