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Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926 - Kapitel 12
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band III: 1925?1926
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand III
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Frank D. Wagner
year1994
isbn3498050192
firstpub1925-1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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517

Eulen nach Athen

Vor ein paar Tagen wurde in Berlin eine arme kranke Russin in sicheres Gewahrsam gebracht, die an Einstein Drohbriefe geschrieben und schließlich vor dessen Wohnung skandaliert hatte. Vorher war sie in Paris Krassin lästig geworden. Auch in Frankreich wußte man sehr bald, daß es sich um eine harmlose Geisteskranke handelte. Man tat ihr nichts zu Leid, sondern gab sie an die belgische Polizei weiter. Die wieder brachte sie über die deutsche Grenze und setzte sie in Aachen ab.

Die Pariser hätten die arme Person ruhig ins Hospital schaffen können. Ebenso die Belgier. Aber man wählte einen andern Weg: man schickte sie nach Deutschland. Denn so folgerte man, und das ist wenig schmeichelhaft für uns, in Deutschland ist sie so gut wie im Irrenhaus, da fällt sie nicht weiter auf. Deutschland ist der natürliche Abladeplatz für die geistig Siechen aller Welt.

Der Leumund der deutschen Nation hat sich also bedenklich geändert. Und wir selbst legen auch Wert darauf, nicht mehr die Gleichen zu sein. Früher brüsteten wir uns, frei zu sein von Schwärmerei und Fanatismus, wir taten uns was darauf zugute, daß einer von uns die reine Vernunft erfunden hatte, und wollten in breit ausladender Opulenz die ganze Welt an unserm Wesen genesen lassen. Wir legten Wert darauf, Normalmenschen zu sein, und wer sich nicht so fühlte, gab sich wenigstens Mühe, so auszusehen. Dann, im Kriege, brach unter uns plötzlich die Mentalität aus, ein furchtbares psychisches Übel, das Verheerungen ohne gleichen anrichtete. Wir wurden kompliziert wie eine unverstandene Frau.

Als es uns schließlich ganz schlecht ging, entdeckten wir über Nacht die Mystik, fuhren tief in die Schächte unserer Seele und holten da allerlei herauf. Wir schalten die Engländer kalte Verstandesmenschen, sprachen dem französischen Geist alles Profunde ab und verliehen dem deutschen Gott, der vier Jahre hindurch Hindenburgs Schnauzbart getragen, die Züge eines besseren Gymnasialprofessors, der Kierkegaard gelesen. Ja, wir waren verteufelt tiefsinnig geworden. Wir hatten es zwischen Börse und Tanzdiele mächtig mit dem religiösen Erleben, verachteten den Rationalismus und machten dazu eine Politik, die tatsächlich nicht aus den Eisregionen des Verstandes stammte, sondern treues blauäugiges Heimatgewächs war, genährt von fettestem Gemütsdung. Wir betrachten das alles, auch wenn wir kritisieren, mit dem nachsichtigen Auge des Lokalpatrioten. Wenn uns der Kohl auch häufig nicht mundet, wir wissen, daß wir ihn selbst gepflanzt und selbst gepflegt haben und essen mit tapferm Gesicht und zuckendem Herzen.

Das Ausland aber urteilt liebloser. Es fragt danach, wie der Kohl schmeckt und nicht, wie er gezogen. Man sieht, oberflächlich wie man ist, nur die Oberfläche der Dinge und forscht nicht nach den metaphysischen Unterlagen. Und so hält man uns denn rund und nett für meschugge. Wir aber fühlen uns als das unverstandene Volk.

Wie aber, wenn das französisch-belgische Beispiel Nachahmung finden sollte, wenn man in aller Herren Länder anfangen wollte, die Verrückten nach Deutschland abzuschieben? Es ist das ein lustiger Aspekt. Deutschland das Hospital der ganzen Welt, das Dorado der Narren, das Paradies der Mondsüchtigen. Im Ernst, würde sich so viel ändern? Die Vernünftigen hausen heute schon wie in Isolierzellen. Die Regierungskrisen könnten auch nicht länger als sieben Wochen dauern und mit den Geldern des Staates würde sicherlich sehr, sehr vorsichtig umgegangen werden. Schlechte Aussicht für Kreditgeschäfte, schlechte Aussicht für die Schwerindustrie.

Denn gerade die Tollen haben sehr oft die Gewohnheit, das Geld einzubuddeln und niemandem den Platz zu verraten. Und vielleicht kämen wir so endlich zu gesunden Finanzen und Wohlstand und Zufriedenheit. Solange dieser wünschenswerte Zustand noch nicht ausgebrochen ist, müssen wir indessen erklären, daß Bedarf einstweilen gedeckt. Was soll Athen mit einer neuen Sendung Eulen?

Das Tage-Buch, 7. Februar 1925

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