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Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926 - Kapitel 115
Quellenangabe
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typemisc
authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band III: 1925?1926
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand III
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Frank D. Wagner
year1994
isbn3498050192
firstpub1925-1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid63f75aac
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619

Junge Demokraten

Berlin, 7. Februar

In einem Sitzungszimmer des früheren Herrenhauses dicht gedrängt anderthalb hundert junger Menschen, Jungen und Mädel. Man sieht es ihnen sofort an, sie sind nicht gekommen, Exhibition radikaler Wallungen zu treiben, sondern um sich zu klären. Sie sehen alle sehr manierlich aus, sehr ernst, einige unterstützen diesen Eindruck von Seriosität noch durch eine Hornbrille, ohne es eigentlich nötig zu haben. Man glaubt es auch so.

So ist auch alles, was in Referaten und Diskussion gesagt wird, wohl überlegt, gut temperiert, alle Redner sprechen selbst in freier Improvisation »geistig hochstehend«, also edel-unpraktisch, mit »Niveau«; man könnte auch sagen, sie reden zwar von oben, aber nicht von Gipfeln, sondern von einem Hochplateau. Man hört einiges über Staatsbewußtsein, »politischen Rhythmus«, (was ist das?), aber es klirren keine Scherben, es stäubt keine Perücke. Einer spricht von den Bonzen, aber er spricht das Wort so zaghaft, wie in Anführungsstrichen. Lebt eigentlich Herr Geßler nicht mehr, junge Demokraten?

Und plötzlich steht am Rednerpult zwischen diesen unjungen Knaben ein alter Knabe. Ein großer knochiger Mann mit ergrauendem Haar, spitzem, kantigem, wetterfestem Gesicht, wie ein Seemann. Das ist der Oberbürgermeister Luppe, der für eine Viertelstunde hereinkam, die jungen Freunde zu begrüßen. Hier in diese Umgebung paßt er wie ein Walfisch in ein Goldfischbassin. Er erzählt kurz von seinen Kämpfen in Bayern, daß man ihm vor Jahresfrist glänzende Abfindung geboten habe, um ihn los zu werden. Er aber bleibe. Weiche nicht. Weil er weiß, daß die Demokratie ihn braucht.

Das ist ganz ohne politischen Rhythmus gesagt, etwas hart und ungelenk, ohne theoretische Dessous. Aber in seinen kurzen, ruckweisen Bewegungen ahnt man die heiße Demokratenseele.

Doch die jungen Leute hier sind alle riesig brav, viele sicherlich sehr klug. Sie applaudieren, trampeln Beifall. Aber wären sie nicht mit gereiftere[m] Verstände Fünfzigjähriger zur Welt gekommen, sie würden den Mann aus Nürnberg auf die Schultern heben und zum Gegenpapst, zum Anti-Geßler proklamieren.

Montag Morgen, 8. Februar 1926

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