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Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band III: 1925-1926 - Kapitel 11
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band III: 1925?1926
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand III
printrun1. Auflage
editorWerner Boldt, Frank D. Wagner
year1994
isbn3498050192
firstpub1925-1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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516

Professoren, Zeitungsschreiber und verkrachte Existenzen

Wie dem Organ des Reichsverbandes der Deutschen Presse zu entnehmen ist, hat eine deutsche Universität sich kürzlich bemüßigt gefühlt, die akademische Jugend in einem Merkblatt über die journalistische Laufbahn aufzuklären. Dieses Opus, strotzend von Weltfremdheit und professoraler Arroganz, ist beschämend. Nicht nur für den Herrn Verfasser, sondern fast in höherem Grade noch für die Zeitungsschreiber, die es nicht verstanden haben, sich für ihren Stand dasjenige Maß von Achtung zu verschaffen, das etwa der Verband der bei der städtischen Müllabfuhr Tätigen für sich beansprucht.

Empfang in der Wilhelmstraße, Tee beim Reichskanzler: »Meine Herren, Sie sind mir unentbehrlich!« –, das alles macht es nicht. In der öffentlichen Einschätzung bedeutet Journalist Schreibekuli, Individuum ohne Stimme und mit auswechselbaren Meinungen. So dürfte es kaum erstaunen, wenn der berufsberatende Geist einer deutschen Universität sich also vernehmen läßt:

»Zu der großen Bedeutung der Presse steht zweifellos im Widerspruch die öffentliche Wertung des Berufes des Journalisten und die vielfache Ungeeignetheit der Vertreter des Berufes. Zweifelhafte Existenzen, manchmal verkrachte Existenzen, haben sich nicht selten in diesen Beruf geflüchtet. Namentlich in charakterlicher Hinsicht wird mit Recht oft lauter Zweifel an den deutschen Journalisten ausgesprochen.«

Dann, unter der einlullenden Überschrift »Die Berufsethik, Beruf und Mensch«, nach einer rührenden Klage über die vielen »reinen Geschäftsleute«, die nur Geld verdienen wollen, über die Gefahren des Inseratengeschäftes, über die taktischen Rücksichtnahmen auf Verleger, Leser und parteipolitische Bindungen, die folgenden Kernworte:

»Man spricht von ›Revolverjournalisten‹, die man als bestechlich, sogar als erpresserisch brandmarken muß. In der Zeit des Weltkrieges namentlich haben wir genug solcher Fälle erlebt. Massen ausländischen Geldes ist dabei geflossen. Eine Korruption sondergleichen war für jeden klar Sehenden erkennbar.«

Das ist riesig amüsant, so amüsant, daß man fast die Frage unterdrückt, woher diese akademische Leuchte eigentlich ihre frappierende Detailkenntnis bezieht. Wenn es ein Germanist ist, sicherlich aus Gustav Freytags »Journalisten«, die ja heute immerhin in einigen Stücken überholt sind. Hat der Brave auch nur eine Stunde in seinem Leben Redaktionsarbeit zuschauend miterlebt? Hat er auch nur einmal die nervöse Epidermis des Kolossalkörpers Presse mit den Fingerspitzen betastet? Er sieht Gefahren. Aber die Gefahren, die er sieht, kommen eher vom Mond als von unserer freundlichen Erde. Er weiß z.B. nicht, daß es Konzerne gibt, die Zeitungen aufkaufen, sich verpflichten. Er kennt nicht Stinnes, nicht Hugenberg. Er weiß nur, daß im Kriege ausländisches Geld in Massen geflossen ist und – er schreibt es nicht nieder, aber wir können seine Gedanken leicht weiterspinnen – daß wir deshalb den Krieg verloren haben und es deshalb eine Linkspresse in Deutschland gibt. Der Verleger ist ihm ein Tyrann kleinbürgerlichen Formats, der in Holzpantinen durchs Redaktionszimmer schiebt und seine Leute anweist, den Krämer X. zu attackieren, weil er die Frau Verleger schlecht bedient hat. So viel weiß der Herr Berufsberater einer deutschen Universität von der modernen Presse.

Doch wir wollen ihm nicht unrecht tun. Er hat auch läuten hören, daß es Revolverjournalisten gibt. Von der Presse zur Erpressung ist ihm nur ein kurzer Schritt; die Begriffe fließen ihm zusammen. Nun hat es tatsächlich einmal eine ausgedehnte Revolverjournalistik gegeben. Diese Zeit ist, das sei dem guten Manne zur Beruhigung versichert, längst vorüber. Das war im Kriege, als wir selbst noch fremde Gebiete besetzt hielten und nicht ahnten, daß sich der Spieß einmal umkehren könnte. Damals wurden in Belgien, Rumänien, in der Ukraine, in Bulgarien Zeitungen okkupiert und der erhabenen Gedankenwelt der Obersten Heeresleitung dienstbar gemacht; an den Eingeborenen wurde auf diese Art eine oft etwas seltsame Aufklärungsarbeit betrieben, und diese hatten die freudige Genugtuung, daß es durch Landsleute geschah.

Da floß »ausländisches Geld in Massen« in Redaktionen und Verlagsgeschäfte, »eine Korruption sondergleichen war für jeden klar Sehenden erkennbar«. Das war richtiggehende Revolverjournalistik, die weder die Manager noch ihre Kreaturen ehrte. Aber es war eine Journalistik nicht mit irgendeiner kleinen Privatpistole, sondern mit dem Armeerevolver. Der Herr Leutnant als Ephorus der annektierten Presse hatte entsichert, und wehe dem, der nicht die Hacken zusammenknallte.

Das war, Herr Professor, als Zustand ohne Zweifel in »charakterlicher Hinsicht« bedenklich.

 

Es soll hier keine Apologie des deutschen Zeitungsmannes heruntergebetet werden. Wer nicht blind ist, weiß, wo und warum zu kritisieren ist. Aber wie das Verbandsorgan der Journalisten darauf reagiert, das ist wahrhaft schwächlich. Anstatt dem unerbetenen Berater mit der Narrenpritsche über den gelehrten Hohlkopf zu fahren und ihn mit einem Höllengelächter nach Hause zu schicken, wird todernst nachgewiesen, daß er im Irrtum sei, und daran werden allerhand Vorschläge für das Vor- und Fortbildungsproblem des Journalisten geknüpft. Nicht einmal die Universität wird verraten, die sich diesen Exceß hat zu schulden kommen lassen. Die unverfrorene Zusammenstoppelung mit der ehrenwerten Gilde der gemeinen Erpresser, die, wie jeder Unterrichtete weiß, völlig außerhalb der Linie stehen, wird beantwortet mit:

»Man kann gar nicht glauben, daß der Verfasser dabei an die deutsche Presse gedacht hat. Wir nehmen zu seinen Gunsten an, daß er die Korruptionsherde der Pariser Presse meint, zu deren Entlarvung jüngst so aufsehenerregende Einzelheiten bekannt geworden sind.«

Mit so vorsichtig dosierter Ironie verteidigt man seinen Beruf.

Der deutsche Journalist leidet unter gottgewollten Abhängigkeiten. Als Mitglied seiner Organisation, als Arbeitnehmer, der nach Rechten und höherer sozialer Wertung strebt, wird er sofort zahm und zittrig. Er bestimmt nicht seine Rangklasse selbst, er läßt sich plazieren. Tu l'as voulu, George Dandin!

Man kann nicht kämpfen, wenn die Hosen voller sind als das Herz.

 

Aber kehren wir zu besagtem Professor und seinen Schmerzen in »charakterlicher Hinsicht« zurück. (Nebenbei: welches Blatt würde auch die geringste Lokalnotiz in solchem Deutsch aufnehmen?) In einem hat der Mann recht: es haben sich nicht selten verkrachte Existenzen in den Journalistenberuf geflüchtet, sie haben dort ein Refugium gefunden und ein Talent entdeckt, das ihnen früher nicht bewußt war. Aber er vergißt hinzuzufügen: diese Existenzen sind durchweg an der Universität verkracht. Nirgends verkrachen nämlich mehr Existenzen als in der berühmten akademischen Freiheit. Sie werden erfaßt von der großen Bierflut der Universitätsstädte, fortgeschwemmt, haltlos treiben sie weiter, von keinem Mentor belehrt, wie man im Lebensstrome schwimmt. Es ist nicht fein, mit Retourkutschen zu arbeiten: – aber was leistet eigentlich die deutsche Universität in »charakterlicher Hinsicht«?

Früher wurde auf den Hochschulen ein überdummer Servilismus kultiviert, heute gelten sie mit Recht als Brutstätten politischen Obskurantentums. Heute nicht anders als früher wird die Scheidewand gegen den Nichtakademiker künstlich aufrecht erhalten. Kastengeist und Herrendünkel werden den Jungen als verhängnisvoller Ballast mitgegeben. Die Persönlichkeit wird dem Ritus des Wissens geopfert; der Mensch ist gar nichts, das Endziel alles. Das Endziel aber ist das Examen. Es schlägt die Brücke ins bürgerliche Leben. Wer es nicht passiert, läuft in Gefahr, ewig ein Heimatloser, Entwurzelter, Paria zu bleiben. Das Examen ist von der Mittelmäßigkeit für die Mittelmäßigkeit geschaffen. Gerade die starke, die überschnittliche Begabung, mit ihren menschlichen Hemmungen, ihren unterirdischen Erschütterungen, ihrer qualvollen Unsicherheit am Selbst, ist diesem kaudinischen Joch nicht gewachsen. Die Geschichte der Begabungen ist die Geschichte der schlechten Schüler, der versagenden, verlotterten Studenten. Ein beamteter Repräsentant der Wissenschaft sollte etwas vorsichtiger von verkrachten Existenzen reden. Was wären eigentlich die Wissenschaften, die Künste ohne eine Reihe von – im Sinne der guten akademischen Normen – verkrachten Existenzen? Nicht jeder, der in den Strudel geriet, findet endlich seinen Ararat, aber wer ihm entronnen, der ist auch reif für die spätere Leistung. Doch für den Herrn Professor erlischt das Interesse, wenn der Scholar den Boden verloren, zu torkeln beginnt. Heinrich Heine, der bummelige Jurist, Gerhart Hauptmann, der schlechte Akademiker, der sich vor dem Examen davonschleicht, labile Existenzen, nicht wahr?

Gleicht nicht der Weg eines begabten jungen Menschen zu Zeiten dem Ritt übern Bodensee? Er träumt vor sich hin, Melodien im Kopf, nicht Thesen und Formeln und Paragraphen, und eine dünne Eisdecke nur trennt ihn von dem unermeßlichen Grab.

 

Zeitungsschreiber und Professoren, zwischen ihnen liegt, wenn nicht eine Welt, so doch eine Kenntnis von dieser Welt. Eine Kenntnis, die nicht aus Büchern zu holen ist.

Der Journalismus ist der einzige loser oder enger mit dem Geiste zusammenhängende Beruf auf Gottes Erde, der nicht in das Prokrustesbett des Examens zu spannen ist. Die Tüchtigkeit, die Eignung entscheidet. Man kann ein fürchterlich viel wissender Jurist sein und doch ein untauglicher Richter oder Advokat. Man kann als Doktor der Medizin durch alle Prüfungen gerutscht sein, mit Auszeichnung sogar, und wird später doch nur die Friedhöfe bevölkern. Der Journalist beginnt ohne die trügerischen Vorschußlorbeeren des Examens. Er muß sich bewähren oder ...

Grund genug für die Herren Professoren, einem Beruf von so abgründig verruchten Möglichkeiten zu mißtrauen.

Die Zeitung von heute ist, darüber brauchen wir kein Wort zu verlieren, kaum eine moralische Anstalt zu nennen. Aber sie hat den Universitäten von gestern und heute noch immer ein gewisses Maß Intelligenz voraus.

Und wenn eines Nachts in unser Redaktionszimmer – die Metteure schreien nach Manuskript, am andern Ende der Strippe rasen Timbuktu und Samarkand, dazwischen werden Schauspielerinnen gelobt und Minister beschimpft – wenn also plötzlich der Herr Magister eintreten würde und uns mit hochgeschwungenem Pädagogenfinger auf das Unzulässige unseres Tuns hinweisen wollte, wir hätten nur eine Antwort:

»Ätsch ...!«

Das Tage-Buch, 31. Januar 1925

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