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Sämtliche Schriften - Band II: 1922-1924

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band II: 1922-1924 - Kapitel 9
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band II: 1922?1924
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand II
printrun1. Auflage
editorBärbel Boldt, Dirk Grathoff, Michael Sartorius
year1994
isbn3498050192
firstpub1922-1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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370.

In der »Rampe«

Die Vorstellungen der streikenden Berliner Schauspieler – Das große Programm – Liebenswürdige Revolutionäre – Adalberts Canossa – Der zu spät aufgestandene Prolet

In Rosa Valettis Kleinkunsttheater »Die Rampe« begannen gestern nachmittag die Sonderveranstaltungen zugunsten der Streikmunition der Berliner Schauspieler. Namens der Genossenschaft begrüßte Eugen Burg die Erschienenen und verwies dabei mit Nachdruck auf die gestrigen Ausführungen der » Berliner Volkszeitung«, daß es bei diesem Kampf sich letzten Endes nicht um eine Lohnbewegung sondern um eine Aktion für die Kunst handle. Und dann erschien Paul Morgan, der scharmanteste aller Conferenciers, und eröffnete den kabarettistischen Teil. Es war ein mehr als buntes Programm und alles improvisiert. Aber Hand aufs Herz: in welchem Kabarett habt ihr seit langem dergleichen erlebt?

Daß es ein Reigen von Prominenten war, daß Clewing sang, Eugen Rer zupfgeigte, die schöne Frau Balzer-Lichtenstein Operette trällerte, Graetz seine bitterernsten Kapriolen schlug, Harald Paulsen Exentrictänze vorführte, Pröckl uns weanerisch kam und Paul Hartmann klassisch, daß zwei russische Künstlerinnen (darunter eine Tochter des großen Schaljapin) die Melodien ihrer verlorenen Heimat ausströmten und Trude Hesterberg freche Neuberliner Rhythmen wie Brandraketen ins Parkett schleuderte und liebenswürdige Künstlerinnen Blumen verkaufen, – mit einem Wort, daß diese aus dem Boden gestampfte Veranstaltung dank der großen Kunst und Disziplin eine Revolution in unserem etwas verfetteten Kabarettwesen bedeuten könnte, das alles war nicht das wesentliche. Vielmehr, daß von allem und allen eine frisch-fröhliche Siegeszuversicht ausging, die enthusiasmierte. Eine Siegesstimmung, die sich wohl in Ausgelassenheit überkugelte, aber nicht für einen Moment grobdrähtig wurde.

Niemals hat die Welt liebenswürdigere Revolutionäre gesehen als diese Berliner Schauspieler.

Max Adalbert hat nun seinen Frieden mit der Genossenschaft gemacht. Gestern in den Nachmittagsstunden erschien er im Hauptquartier der Streikleitung, wo er unter Zurücknahme seiner Austrittserklärung sich der Streikbewegung anschloß. Wir freuen uns, daß der mit Recht allbeliebte Künstler den Weg der Kameradschaftlichkeit wiedergefunden hat.

Auch Herr Dr. Oskar Kanehl, Regisseur und Dramaturg der Rotter-Bühnen, ist unter die Kämpfenden gegangen. Wir haben uns früher bereits mit diesem gottbegnadeten Hausdichter der »Roten Fahne« befassen müssen, anläßlich seiner blutrünstigen »Poesien«, die unter dem vielversprechenden Titel » Steh auf, Prolet!« einem Publikum zugänglich gemacht sind, das auf klobige Ausdrucksweise mehr Wert legt als auf künstlerische Reize. Dieser Bilderstürmer, der sonst der erste ist, wenn es sich darum handelt, der dreimal vermaledeiten Bourgeoisie (in Worten) eins auszuwischen, hat, milde gesagt, etwas lange gebraucht, ehe er sich zu dem Schritte seiner durchaus unpolitischen Kollegen entschließen konnte.

Berliner Volks-Zeitung, 1. Dezember 1922

371.

Der Londoner Aufmarsch

Poincaré vor dem letzten Trumpf?

Die großen europäischen Staatskonferenzen dieser Tage zeichnen sich dadurch aus, daß jeder eine besondere Vorkonferenz voraufgeht. Der offizielle Zweck dieser Vorbesprechung ist, das Gelände zu ebnen, Hindernisse zu beseitigen und eine Verständigung über die Hauptfragen in die Wege zu leiten, der nichteingestandene Zweck dagegen, soviel Barrikaden aufzurichten, daß die Arbeit der Hauptkonferenz von vornherein illusorisch wird, respektive daß man vor lauter Schwierigkeiten überhaupt nicht eröffnet und, immer mal wieder, wie Professor Unrat sagt, ein bißchen vertagt. Denn die europäischen Staaten existieren seit Sommer 1919 von der Vertagung der Probleme. Wäre man in den letzten Julitagen des Jahres 1914 ähnlich kunktatorisch vorgegangen wie heute, so wäre uns die »große Zeit« wahrscheinlich erspart geblieben. Aber damals hatten die Staatsmänner noch Temperament und waren noch nicht von des Gedankens Blässe angekränkelt. Heute sehen sie zwar blaß aus, aber das kommt nicht vom vielen Denken. Die Furcht vor der Entscheidung, die 1914 ein Segen gewesen wäre, erweist sich acht Jahre später als Fluch. Und doch liegt in beiden, in dem Drauflosschlagen von damals, in dem Zaudern von heute, ein gemeinsames: die Furcht vor der Verantwortung! Aus Furcht vor Verantwortung floh man in den Krieg, denn friedliche Lösung galt überall als Schande, als feiges Ausweichen, und aus Furcht vor den aufgeregten Patrioten wagt man jetzt nicht den einzig möglichen Schritt zu tun, der allein aus dem Wirrwarr führen kann: – endlich an das Fundament des Versailler Friedens zu rühren. Deshalb kann die Londoner Vorbesprechung vielleicht über Bagatellen Verständigung bringen, aber die Lösung des großen Knotens muß im Dunkel bleiben wie bisher. Lind vielleicht wird man sich die Mühe sparen, in Brüssel den alten Kohl nochmals aufzuwärmen.

London rüstet sich zum Empfang. Herr Bonar Law aber hüllt sich in Schweigen. War Lloyd George oft ein Mirakel, weil er zuviel sprach, so daß schließlich niemand wußte, was von alledem eigentlich seine Meinung sei, so wird sein Nachfolger dadurch zum Rätsel, daß er überhaupt nichts sagt. Im Parlament gab er sich bisher als Anhänger der Kunst zu erkennen, mit wenig Worten seine Absichten völlig zu maskieren. Auch Mussolinis rhetorische Mitrailleuse scheint einstweilen abgestellt. Sicher ist nur, daß Romas Tribun sich kaum auf die Seite der Vernunftpartei schlagen dürfte: nach seinen bisherigen Äußerungen zu schließen, hält er den Friedensvertrag noch immer für ein Meisterwerk und Deutschland für ein von Wohlstand strotzendes Land. Sein Anteil an den Konversationen der Premiers dürfte sich darauf beschränken, für Italien einen höheren Reparationsanteil herauszuschinden. Bleibt Poincaré. Dessen Absichten hat, wie wir im gestrigen Abendblatt mitteilten, der Pariser »Times«-Korrespondent ausgeplaudert. Die sieben Punkte der französischen Regierung überraschen nicht, zum Teil enthalten sie Selbstverständliches. Zu beachten bleibt natürlich, daß jedes Reparationsprogramm Poincarés immer nur den Rahmen darstellt für zwei Dinge, mit denen die Reputation des Ministerpräsidenten als führender Politiker steht und fällt: die Liquidation der gegenseitigen alliierten Schulden und Maßregeln im Falle einer deutschen Nichterfüllung. Also: Zahlungserlaß für Frankreich und Sanktionen. Für beides ist die Situation nicht besonders günstig. In bezug auf die französischen Schulden hat die Balfour-Note manche Ansätze zum Ausgleich verschüttet, und auch die gegenwärtige englische Regierung dürfte bei der lebhaften Solidarität, die alle englischen Parteien in Geldfragen verbindet, kaum anders stehen als das Koalitionskabinett. Was dagegen die Sanktionen anbetrifft, so befindet sich Poincarés Frankreich in einer hoffnungslosen Isolierung, die durch die eventuelle Gesellschaft der italienischen Fascistenregierung nur noch verstärkt werden würde. Dennoch darf die Gefahr nicht als zu gering eingeschätzt werden. Elf Monate hat Poincaré nun regiert und in dieser Zeit noch nichts Neues für die Unsterblichkeit getan. Er hat zwar Europa in höherem Maße beunruhigt und mehr gedroht als Millerand, Leygues und Briand, seine Vorgänger, hat aber dafür auch kompromittierlichere Zurückzieher machen müssen als alle drei zusammengenommen. Das ist ein Negativum, das auf die Dauer auch die solideste französische Politikerkarriere nicht ertragen kann. Poincaré ist klug genug, um zu wissen, daß seine Gewaltpläne von ganz Europa mit heftiger Antipathie betrachtet werden, und auch die jüngste feierliche Verwarnung Amerikas durch den Mund des Botschafters Harvey schlägt in dieses Kapitel. Aber unglücklicherweise dürfte Poincaré, der soviel versprochen und so oft mit dem Säbel in der Luft herumgefuchtelt hat, doch einmal den innerpolitischen Druck stärker empfinden als den Zwang, der von Außen her ihn bisher immer zum Maßhalten im kritischsten Augenblick nötigte. Die Sozialisten und die erstarkenden Radikalen verfolgen das zappelige Hin und Her des einst ob seiner Energie Gefürchteten mit höhnischen Randglossen und rechts, die Chauvins um Tardieu, die Clemencisten, schreien es längst in den Boulevardblättern allen, die es hören wollen, in die Ohren, daß unter dem höchst erschröcklichen Löwenfell eben Schnock, der Schreiner stecke. So ist es nicht ausgeschlossen, daß Poincaré endlich doch noch als eindringlichste Manifestation seiner Kraft ein Abschiedsbenefiz mit Riesenfeuerwerk veranstalten wird. Leider müssen sich immer andere die Finger verbrennen, wenn die Staatsmänner mit Pulver spielen.

Berliner Volks-Zeitung, 7. Dezember 1922

372.

Nach der Konferenz

Poincarés Niederlage

Die Londoner Konferenz der Premierminister hat, wie vorauszusehen war, nach dissonanzenreichen Verhandlungen ein vorschnelles Ende gefunden. Am 2. Januar soll in Paris ein Wiederaufnahmeversuch vor sich gehen. Bis dahin soll geflickt werden, was noch zu flicken ist. Die Tragikomödie der Reparationsfrage ist um einen kurzen, aber ereignisvollen Akt reicher.

Ob eine Einigung möglich gewesen wäre? Kaum. Denn alle Teilnehmer kamen mit gebundenen Händen. Alle hatten sie Marschrouten mitbekommen, von denen kein Abweichen möglich gewesen war. Jeder Schritt vom Wege hätte die Männer von London in den Abgrund stürzen lassen. Nichts wäre allerdings wohltätiger gewesen als ein solcher Sturz. Sie blieben leider alle bei der Stange.

Es ist ein unendliches Unglück, daß die gleichen Probleme immer wieder von den gleichen Personen behandelt werden müssen. Von Personen, deren Bankrott seit Jahr und Tag klar zutage liegt.

Die englische Regierung scheint diesmal fester aufgetreten zu sein als ihre Vorgängerin. Sonst wäre die Konferenz schwerlich bereits bei Punkt 1 aufgeflogen. Lloyd George, der Diplomat, hätte in einem solchen Falle nach einer Konkordienformel gesucht, die zwar nicht die Lösung herbeigeführt, wohl aber den Riß dürftig verschleiert hätte. Bonar Law nahm zu keinem Taschenspielerkunststück seine Zuflucht.

Die Motive des englischen Ministerpräsidenten sollten immerhin in Deutschland nur mit großer Vorsicht eingeschätzt werden. Bonar Law ist, wie jeder politisch denkende Engländer, Gegner der poincaristischen Methoden. Verkannt werden darf jedoch nicht, daß England, wenn Frankreich auftrumpfte, bisher immer beträchtliche Konzessionen gemacht hat. Für Frankreich bedeutet die Reparationsfrage eben das Alpha und Omega seiner Politik. Englands Interessenkreis ist weiter und höher gespannt. Die Reparationen stehen nicht ohne weiteres an erster Stelle. Sie sind ihm mehr Handelsobjekt als Lebensnotwendigkeit. Die »Journée Industrielle«, ein hoch angesehenes französisches Handelsblatt, das in letzter Zeit nicht nur wiederholt durch treffende Bemerkungen aufgefallen ist, sondern auch Dinge ausgeplaudert hat, die nach dem international gültigen Unsittenkodex der Diplomatie durchweg nicht gesagt werden, hat als den eigentlichen Grund der Haltung Bonar Laws die Absicht bezeichnet, Frankreich in Tatenlosigkeit festzuhalten, bis England in der Orientfrage klarsehe. Das sei Bonar Law gelungen, und deshalb habe seine Politik einen großen Erfolg eingeheimst.

Trifft diese Darstellung des Pariser Finanzorgans zu, so hat Poincarés Intransigententum in London eine Niederlage erster Ordnung erlitten. Die Starrköpfigkeit des französischen Ministerpräsidenten hätte in diesem Falle es England ermöglicht, nicht nur in der Reparationsfrage mit Erfolg den Tugendhaften zu spielen, sondern ihm auch in der noch immer kritischen Orientaffäre zu einem äußerst wichtigen Zeitgewinn verholfen.

So hat denn Poincaré diesmal eine sehr schlechte Presse. Selbst Tardieu, sein Gegner von rechts, ist der Meinung, es sei ein schwerer Fehler gewesen auf der Ruhrbesetzung zu bestehen, anstatt sich zunächst mit produktiven Pfändern zu begnügen. Poincaré beruft sich auf die Zusage Bonar Laws, der Schuldenregelung, auch ohne Amerikas Mitwirkung, näherzutreten. Aber dieses magere unverbindliche Versprechen kann nicht die Tatsache verdecken, daß Poincarés Haltung zu einer abermaligen Vertagung Veranlassung gegeben hat. Das soll auch Präsident Millerand Poincaré unzweideutig zu verstehen gegeben haben.

Poincaré wird infolgedessen in den nächsten Tagen eine Generaloffensive zu erwarten haben, deren Ausgang herzlich ungewiß ist. Möglich, daß er nochmals versuchen wird, seine Gegner mit einem ungeheuren Theaterdonner abzuschrecken. »Es geht ihm wie einer Trommel, man hört nur von ihm, wenn er geschlagen wird«, sagte Napoleon von seinem Rivalen Moreau, dem Meister strategischer Rückzüge. Auch Herr Poincaré setzt die schwere Artillerie seines haßgeladenen Chauvinismus immer dann am rücksichtslosesten ein, wenn er eine Position räumen muß.

Berliner Volks-Zeitung, 13. Dezember 1922

373.

Handlungsfreiheit –?

Das gescheiterte Ruhrprogramm

Auch der schärfste Gegner des französischen Premierministers hat diesem bisher den Mut der Konsequenz nicht absprechen können. Nach seiner vor Vertretern der Presse unmittelbar nach seiner Rückkehr von London abgegebenen Erklärung, er habe niemals daran gedacht, das Ruhrgebiet zu besetzen, kann man diesem seltsamen Charakter die bisherige Geschlossenheit nicht mehr zusprechen. In dem Bestreben, nach einer offenkundigen Niederlage seine Stellung zu halten, versuchte er einen Trick anzuwenden, der eines führenden Politikers nicht würdig ist. Was bedeuteten denn der Sturz Briands, die Sabotierung der Genua-Konferenz, die blutrünstigen Reden seit Bar-le-Duc, die immer wieder mit Applomb ausgespielten Redensarten von den Sanktionen und Retorsionen anderes als das Bekenntnis zu den Mitteln äußerster Gewaltsamkeit? Und wäre es in London wirklich nur um »produktive Pfänder« gegangen, warum denn dieser jähe einigungslose Abschluß, das ungewöhnliche Eingreifen des Präsidenten Millerand, der eine Warnung nach London richtete?! Poincaré hat der Welt eine große Überraschung bereitet, es fällt jedoch einigermaßen schwer, an » Poincaré-la-paix« zu glauben. Immerhin ist der Betriebsame nun doch bis zum 15. Januar zur Untätigkeit verurteilt; erst dann erlangt Frankreich wieder »Handlungsfreiheit«. In welchem Sinne der Premierminister dieses vieldeutige Wort dann auslegen wird, bleibt abzuwarten.

Nach den vorliegenden Pariser Berichten soll Poincaré vor den Journalisten auch geäußert haben, es liege im Interesse Deutschlands, daß dieses selbst Sicherheiten und Pfänder vorschlage; dieses sei aber nicht zu erwarten, weil auch die neue Reichsregierung der Großindustrie gegenüber zu schwach sei. Sind diese Äußerungen in dieser Form gefallen, dann sollten sie allen deutschen Politikern, die noch ein Fünkchen Verantwortungsgefühl kennen, ernsthaft zu denken geben. Ist es nicht eine Schande, daß der gefährlichste Repräsentant des französischen Nationalismus so unverhohlen seine geheimen Spekulationen auf die Ohnmacht der deutschen Regierung verraten darf? Wir haben in diesen letzten Wochen ein widerwärtiges Intrigenspiel erlebt. Ein anonymer Klüngel ist in seinem Haß gegen das Kabinett Wirth nicht davor zurückgeschreckt, zu dessen Sturz sich ausländische Hilfe zu sichern und hat dieses geheime Kesseltreiben auch gegen die neue Regierung weitergeführt. Wie lange wird dieser gemeingefährliche Unfug noch geduldet, wie lange wird der Reichskanzler Cuno noch die Partherpfeile einiger mächtiger, aber gewissenloser Politiker schweigend im Fleische tragen? Es ist die höchste Zeit zur Flucht in die Öffentlichkeit. Denn anders kann dieses infame Lügengewebe, das der Regierung die Aktionsfähigkeit raubt und Deutschlands mit vieler Mühe neu geschaffene politische und moralische Reputation vernichtet, nicht zerrissen werden. Poincaré hofft auf die Schwäche der deutschen Regierung. Er braucht sie, um seine »Handlungsfreiheit« zurückzugewinnen. Sein Wunsch wird nicht in Erfüllung gehen, wenn sich der Reichskanzler im eigenen Hause endlich Handlungsfreiheit sichert.

Berliner Volks-Zeitung, 14. Dezember 1922

374.

Die Ursache

Ich bin kein Lobredner vergangener Zeiten. Aber die Mörder waren früher aus besserem Stoff gemacht. Das Geschlecht Kains ist bedenklich degeneriert. Ein Jahrhundert nur trennt die Oehlschläger, Ackermann, Weichardt usw. von Karl August Sand. Welch trauriger Abstieg!

Es ist wahrscheinlich, daß Klio, die unzuverlässigste aller Musen, da und dort retuschiert hat, daß sie heroische Pose überlieferte, wo nur Todesziffern überwunden werden sollten. Aber politische Mörder, die sich vorher und nachher besaufen, nicht um das zuckende Gewissen zur Ruhe zu bringen oder sich aus Furcht vor Strafe zu betäuben, das sind trübe Spezialitäten unserer Tage.

Brutus ist Brutus. Und Catilina Catilina. Beides zusammen zu einem Typ verschmolzen und mit einer reichlichen Dosis niedrigster spießerlicher Verluderung geölt, das ist nicht einmal schrecklich, das ist lediglich unappetitlich. Das glatte Jungengesicht Techows nötigte Mitleid ab, der Primaner Stubenrauch mit seinem Testament Friedrichs des Großen empfahl sich Komödienschreibern zur Verwertung, aber dieser Weichardt, der den Dunstkreis von Philisterkneipen vors Tribunal trug, rangiert weit, weit hinter einer dämonenbesessenen Bestie wie dem Lustmörder Großmann. Und dennoch, sie hätten nicht so leicht gegen einen von ihresgleichen den Totschläger geschwungen, auch nicht gegen gute Bezahlung. Daß es gegen einen Mann des Geistes ging, verlieh ihnen die schöne Seelenruhe, die sie ein Quartal herrlich und in Freuden von dem Sündenlohn leben ließ, und vor den Schranken des Gerichtes die Bierfilzphysiognomie des Weichardt zu schönem Grinsen veredelte. Politische Motive? Nein, es war der instinktive Haß gegen eine hohe gewölbte Stirn, gegen ein von Denkarbeit zerfurchtes Antlitz. Denn niemand hat es diesen Menschen gesagt, niemand hat es uns in unsern Schuljahren gesagt, daß die Menschheit nichts wäre ohne den Geist. Wir haben die Weltgeschichte betrachten gelernt als eine ununterbrochene Kette von Katastrophen. Wir haben die höchste Gipfelung der Menschheit in dem über der Generalstabskarte brütenden Feldherrn sehen gelernt, und nicht in dem stillen Mann, der nachts in seiner bescheidenen Kammer Ideen formt, die das Antlitz der nächsten Generationen umbilden werden.

Man hat sich entrüstet, daß der Weichardt zu feixen begann, wenn ihm jemand auf den Kopf zusagte, daß er ein Mörder sei. Sehr zu Unrecht. Er fühlt sich weder als gemeiner Mörder noch als tapferer Held. Sondern als Mensch, der ein lästiges Insekt zertreten wollte.

Attentate gegen den Geist sind niemals besonders streng geahndet worden. Wäre das Opfer nicht ein Mann der Feder gewesen, sondern ein Herr X. mit dem Anstrich beruhigender Alltäglichkeit, die Geschworenen hätten härter geurteilt, und der Herr Vorsitzende wäre stärker in Hitze geraten und hätte die ethische Idee gerade dieses Prozesses nicht in den dicken Polstern seiner formalen Objektivität erstickt. Denn sie standen alle unter einem Banne, Angeklagte und Richter.

Wenn es wahr ist, daß die Schatten der Gemordeten keine Ruhe geben, sondern nachts umhergehen müssen an jenen Stätten, wo die grause Tat gezeugt wurde, so werdet ihr sie, die von 1918 bis 1922 für Deutschland bluteten, zwischen Mitternacht und Hahnenschrei in den Gängen und Hörsälen der deutschen Schulen finden.

Berliner Volks-Zeitung, 16. Dezember 1922

375.

Die Finanzgruppe

Was taten drei Deutsche früher, wenn sie zusammen waren? Sie spielten Skat.

Was tun drei Deutsche heute, wenn sie zusammen sind? Nun, sie gründen etwas, oder wie es in moderner Geschäftsterminologie so schön heißt, sie tätigen eine Gründung. Ein Theater, eine Zeitschrift oder eine Vertriebsgesellschaft zur Verwertung schiefgetretener Absätze.

Und wenn die drei Deutschen sich über die Notwendigkeit einer Gründung einig sind und auf die Geldfrage zu sprechen kommen, so tritt es stets klar zutage, daß zwei davon keinen Pfennig auf der Naht haben und der dritte etwas, aber zu wenig. Aber einer ist immer dabei, der mit ruhiger Großartigkeit aufsteigende Bedenken mit dem Lapidarworte abtut: »Macht nichts! Ich habe für alle Fälle eine Finanzgruppe hinter mir.«

Diese »Finanzgruppe«, die sich nach kurzer Zeit regelmäßig als Seifenblase entlarvt, spielt in den Unterhaltungen deutscher Männer von heute eine unheimliche Rolle. Sie ist weit mehr als die fixe Idee einzelner Projektenmacher, sie ist der Ausdruck einer Zeitkrankheit, einer Wahnvorstellung, die eine Generation ergriffen hat, die die Geschicke der Menschheit von einigen wenigen Finanzleuten gelenkt sieht und mehr hilflos als überheblich die Macht, die die großen Schicksale dirigiert, auf die kümmerliche Fläche der eigenen Existenz projiziert. Etwa so: man hat die Idee, man drückt auf den Knopf, und Mister Morgan springt.

Ich habe das durchschaut. Und wenn ich sehe, wie drei Deutsche auf dem Fundament imaginärer Konsortien Gründungen tätigen, die nur in dem Augenblick Aufmerksamkeit erregen, wo es an die Feststellung der Konkursmasse geht, dann lächle ich nachsichtig und wickle mich in Schweigen.

Denn ich bin im Gegensatz zu den guten Leuten der einzige, der ganz bestimmt eine Finanzgruppe hinter sich weiß. Aber der Gedanke stimmt mich nicht heiter. Es sind meine Gläubiger.

Berliner Volks-Zeitung, 17. Dezember 1922

376.

Babuschen

Eine Modevignette

In früheren Jahren sah man an schmutzigen Herbst- und Winterabenden in der Trambahn gelegentlich Damen in Ball- oder Theaterkostümen, die ihre seidene Fußbekleidung in pelzgefütterten Überschuhen verbargen. Diese Dinger sahen nicht sehr schön aus. Man trug sie aber auch nicht, um damit Staat zu machen, sondern als Schoner. Sie bedeuteten etwa so viel wie: Ich habe kein Geld, um mir eine Droschke zu leisten.

Und diese Futterale sind heuer große Mode. Man trägt sie allenthalben und zu jeder Tageszeit, und vornehmlich bei schönem Wetter. Das ist grauenvoll, denn die schönste Wade verliert ihren Reiz, wenn ein scheußlicher Klumpatsch aus Filz mit Pelzbesatz und Seidenklunkern den Abschluß bildet. Es sieht so aus, als ob ein Storch auf Plättbolzen durch den Salat stelzt.

Meine Damen, ersparen Sie uns das. Wir sehen alle gern mal etwas Nettes. Aber vermittelst eines vollkommen überflüssigen und unästhetisch wirkenden Vehikels die unteren Extremitäten in Dampfwalzen zu verwandeln, das ist nicht nett. Das mag in Moskau praktisch sein, aber in Berlin ist es barbarisch.

Sie fragen, was man denn anderes tragen soll? In früheren Zeiten, so weit ich mich erinnere, trug man im Winter hübsche, schwarze Stiefel und wollene Strümpfe. Beides zusammen ist auch heute nicht teurer als so ein Paar Babuschen, die es allerdings gestatten, auch bei ärgstem Sauwetter das Untergestell in Seide zu wickeln, aber nach ihrer ganzen Beschaffenheit selbst die Venus von Milo zur Karikatur machen würden. Florstrümpfe im Sommer in allen Ehren, aber Tramaseide und Schneegestöber passen nicht zusammen.

Berliner Volks-Zeitung, 17. Dezember 1922

377.

Die polnische Krise

Vernunftpartei und Mordpartei

Die Ermordung des polnischen Staatspräsidenten Narutowicz wirft ein grelles Schlaglicht auf die neuerliche Entwickelung der Verhältnisse in der jungen östlichen Republik. Denn dieses Attentat ist ebensowenig wie jene auf Erzberger und Rathenau eine Manifestation privater Verrücktheit, die plötzlich unsinnig und verhängnisvoll ins öffentliche Leben hineinknallt. Selbst wenn der Mörder auf eigene Faust gehandelt hat, die Tat lag in der Luft. Wo die Atmosphäre so vergiftet ist, muß es endlich zu einer Katastrophe kommen. Vier Jahre Mord haben uns Deutschen gerade für diese Dinge den Blick geschärft.

Leugnen läßt sich jedoch nicht, daß wir in den letzten Jahren ein wenig das Verständnis für die innerpolitischen Bewegungen Polens verloren haben. Schuld daran ist in erster Linie der oberschlesische Abstimmungskampf mit seinen schreienden Ungerechtigkeiten und seinen vielen blutigen Intermezzi, der uns Polens nationales Antlitz furienhaft verzerrt und von allen Nattern des Abgrundes umzischt zeigte. Der blutige Aufruhr in den Straßen Warschaus, die Ermordung des Mannes, dessen Beseitigung das Ziel der Rebellion war, erinnern uns daran, daß es auch in Polen eine Vernunftpartei gibt. Daß auch dort Besonnenheit dem nationalistischen Wahnwitz Einhalt zu bieten sucht.

Der junge Polenstaat befindet sich in furchtbarer Krise. Wenn nicht die Gemäßigten endlich mit fester Hand so etwas wie eine Diktatur der Mitte errichten, fällt Polen in kurzer Zeit allen Greueln des Bürgerkrieges anheim, als dessen Ausgang ohne besondere Scharfsicht der Verlust der nationalen Selbständigkeit betrachtet werden darf. Das Reich des weißen Adlers befindet sich rapider als irgendein zweiter europäischer Staat auf dem Wege zur historischen Episode. Einmal waren die Russen bereits vor Warschaus Toren. Damals wurde die Gefahr mit französischer Hilfe abgewendet. Aber damals war Polen noch als Prellbock gegen das kaum zu Europa mehr gerechnete Rußland und als Fußangel für Deutschland gedacht. Heute besteht an Rußlands erneuter Teilnahme am europäischen Konzert kein Zweifel mehr, und die Besserung der deutsch-französischen Beziehungen kann, trotz aller noch zu überwältigenden Schwierigkeiten, nicht mehr als im Bereiche der Unmöglichkeiten liegend angesehen werden. Es kann also der Augenblick kommen, wo Polen für Frankreich gleichgültig geworden ist und es isoliert dem Anprall des neuerstarkten Moskauer Imperialismus gegenübersteht. Ein Land, das durch seine geographische Lage und seine Geschichte zur gefährlichen Rolle des Pufferstaates bestimmt ist, kann sich eben nur dauernd behaupten, wenn es in seiner Außenpolitik auf alle expansiven Motive und alle robust-militaristischen Methoden verzichtet. Polen kann sich nur mit den Mitteln einer sehr klugen und taktvollen Diplomatie behaupten.

Leider haben die bisherigen Staatslenker mit einer ans Tollhäuslerische grenzenden Manie es verstanden, rund um ihr wirtschaftlich wenig prosperierendes und politisch arg exponiertes Land wahre Taifune des Hasses zu entfesseln. Pilsudski, ein Mann mit sozialistischer Vergangenheit und trotz aller greifbaren Mängel dennoch eine politische Intelligenz, unternahm mit schlecht kopierter Bonaparte-Geste den Zug nach Kiew, der mit einem Debakel endete und Trotzkis rote Scharen bis vor die Pforte der Hauptstadt zog, und sah untätig zu, wie im Kampfe um Oberschlesien Hallers und Korfantys Nationalbanditentum die Exekutive an sich riß. Wer die Exekutive aus der Hand gibt, der verliert auch bald die Initiative. Pilsudski, und mit ihm die Männer der Linken und der Mitte, die Witos und Daczynski, konnten die Hetzhunde, die sie losgekoppelt hatten, nicht wieder einfangen. Bald war nicht nur das neugewonnene Oberschlesien, sondern auch ganz Kongreßpolen Schauplatz wütendsten nationalistischen Terrors, der sich in erster Linie gegen Deutsche und Juden richtete. (O, wenn unsere Hakenkreuzler doch aus dieser Zusammenstellung lernen wollten!) Dann kamen die Parlamentswahlen, und damit die rücksichtslose Enthüllung der fragilen Grundlagen des polnischen Nationalstaates. Polen, das war die Lehre, ist kein Staatsgebilde einheitlichen nationalen Charakters – es bildet vielmehr eine Sammlung von Stämmen verschiedenen Geblütes. Pilsudski und die Gemäßigten trafen Anstalten, mit diesem Faktum zu rechnen. Da bliesen Haller und Korfanty Sturm gegen die »Söldlinge der Deutschen und Juden«, und nach einstweilen unterdrückter Revolte starb der neue Staatschef den Tod Rathenaus.

Die mangelnde Solidität des künstlich erweiterten, territorial aufgeschwemmten Polens, das bei aller ökonomischer Mittelmäßigkeit, um nicht zu sagen Inferiorität, heute nichts weiter produziert als Militarismus und wieder Militarismus, hat längst das Kopfschütteln aller einsichtigen Politiker in London, Paris und Rom hervorgerufen, und namentlich Francesco Nitti hat kürzlich mit beachtenswerter Offenheit seine Bedenken dargelegt. Polen kann nur gesunden, wenn es sich von seiner undankbaren Rolle als Instrument des französischen Imperialismus freimacht, und wenn es sich ein wenig seiner tatsächlichen Position besinnt. In dieser Selbstbescheidung liegt seine Zukunft, in der Erkenntnis seiner gebrechlichen Fundamente seine Kraft. Polen bildet ethnisch und politisch die Brücke vom Westen zum Osten. Diese Funktion ist schwierig genug, aber sicherlich ehrenvoller als die eines Wachthundes für französische Interessen.

Liegt der Tag der Besinnung noch fern? Einstweilen regiert das Chaos und der Geist der Vernichtung hat den Mann zur Strecke gebracht, der vielleicht die Arbeit der Vernunftpartei um wesentliches gefördert hätte. Eine unsinnige, gemeine und in ihren Folgen unübersehbare Bluttat. Wir in Deutschland wissen, was es bedeutet, wenn Kains Hände Politik machen wollen. Das Herz der Demokratie soll getroffen werden, aber es trifft immer das Herz der Nation.

Berliner Volks-Zeitung, 19. Dezember 1922

378.

»Aus der Gesindestube«

Die polemischen Allüren des Herrn Lensch

Der Chefredakteur der » Deutschen Allgemeinen Zeitung«, Herr Dr. Paul Lensch, ist ein sehr strammer Herr. In keiner Periode seines an Wandlungen reichen politischen Daseins hat er den Korpsstudenten in sich verleugnet. Weder als politischer Leiter der linksradikalen »Leipziger Volkszeitung«, noch als Chefredakteur der stinnesradikalen »D.A.Z.«: welches Blatt er übrigens in unglaublich kurzer Zeit um seine alte Reputation gebracht hat. Wandelte dieser ehrsame, etwas vom Alter angesäuerte offiziöse Moniteur früher auf behutsamen Filzsohlen, so poltert er seit seiner durch Stinnes' unerforschlichen Ratschluß erfolgten Verlenschung auf Holzpantinen. Immerhin haftet auch an diesem braven Lensch, der, wo er auch gerade stand, ob links oder rechts, seine Artikel stets mit dem Zaunpfahl geschrieben hat, eine mollige Neigung zum Problematischen. Er hat einen Hang zur Intrige. Es ist tatsächlich wahr: Paul Lensch, der sich zum Akteur im feinen politischen Mantel- und Degenstück eignet wie ein rostiger Kavalleriesäbel zum Zahnstocher, wird von dem absurden Gelüst gezwiebelt, mit Hintertreppensensationen den Verlauf politischer Ereignisse zu verändern. Seine Versuche, das Kabinett Wirth in die Luft zu sprengen, sind noch in frischer Erinnerung. Aber es roch niemals nach Pulver, sondern immer nur nach faulen Eiern, wenn Lensch seine Höllenmaschine in Betrieb setzte. So ist auch sein Attentat gegen das Kabinett Cuno vom 11. Dezember kläglich gescheitert. Sein Versuch, die Reichsregierung in den Tagen der Londoner Konferenz vor dem Auslande zu kompromittieren, hat ihm eine solche Reihe von Abfertigungen zugezogen, nicht zum mindesten aus den Kreisen der Industrie, deren Treuhänder er so gerne mimt, daß er es doch für geraten fand, sich für eine Weile seitwärts in die Büsche zu schlagen. Nun kommt er wieder aus seinem Versteck gekrochen und versucht unter dem geschmackvollen Titel » Aus der Gesindestube« mit der ganzen Forsche eines »alten Herrn« aus einer schlagenden Verbindung mit seinen Gegnern »abzurechnen«. Er macht es sich furchtbar leicht. Er zitiert ein paar Sätze, die ihm nicht passen, und meint dazu:

»Doch es wird Zeit, in dieser journalistischen Gesindestube, in deren muffige Luft wir den Leser für einen Augenblick haben hereinführen müssen, einen Fensterflügel aufzureißen, damit die frische Luft der Tatsache hereinströme.«

Stolz lieb ich mir den Spanier! Der einstige Abgeordnete der Arbeiterpartei weiß, wie man mit dem Gesinde umgeht. Aber wir armen Schlucker aus dem Domestikenviertel, die der große Lensch mit einer einzigen wegwerfenden Geste zum Gerümpel wirft, müssen doch im Vollbewußtsein unserer Inferiorität diesem stupenden Politiker gegenüber betonen, daß wir uns bedanken, für Herrn Stinnes die Latrinen zu fegen, auch wenn man uns dafür ein noch so pompöses Herrenzimmer einrichtet.

Berliner Volks-Zeitung, 21. Dezember 1922

379.

Geister der Nacht

Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Das ist so eines der schönen Worte, die dann zitiert werden, wenn es nichts kostet und durch übermäßige Gratisanwendung längst einen peinlichen Beigeschmack von Banalität bekommen haben. Gepriesen sei der tapfere Mann, der zuerst den Mut aufbrachte, zu sagen: »Esel sei der Mensch« usw. Er hat für die handfeste Moral unseres Säkulums die fürwahr klassische Formel gefunden.

Wenn die Guten auch eine hoffnungslos schmale Minorität darstellen, sie sind doch da. Man muß sich nur davor hüten, sie dort zu suchen, wo viele Menschen beisammenstehen oder, zu scheußlichen Klumpen geballt, ihrem Geselligkeitstriebe frönen. Man muß sie im Dunkeln suchen, in sehr versteckten Ecken und Winkeln. Und wenn man es längst aufgegeben hat, noch an ihre Existenz zu glauben, dann kommen sie manchesmal sogar von selbst.

Das ist dann, wenn du ganz hilflos bist. Wenn du zu klein geworden bist, um im sozialen Gefüge auch nur ein winzigstes Teilchen vorzustellen, wenn du wirklich nicht mehr bist als Gottes Kreatur, wie eine welke Pflanze oder ein krankes Tier, dann kann es sich zuweilen ereignen, daß plötzlich ein Arm dich stützt oder eine behutsame Hand eine Decke um deine erstarrenden Schultern legt.

Wer entsinnt sich, zurückdenkend, nicht solchen Erlebnisses? Aber, seltsam genug, wer entsinnt sich des Angesichtes jenes freundlichen Menschen, der, wie von einem Schutzgeist gesandt, unerwartet des Weges kam, seines Samariteramtes waltete und verschwand? Seine Züge verschwimmen im Nebel und bestenfalls haftet die Erinnerung an eine gute, weiche Hand. Denn die Guten lieben das Inkognito. Und mit Recht. Wollten sie ohne Schutzhülle auftreten, wären sie bald genug zertrampelt.

Man vergleicht so gern Menschen, die viel Schlimmes anrichten, mit Geistern der Nacht. Das ist auch so ein populärer Irrtum, aus jener trügerischen Weltbejahung geboren, die sich beim Tranchieren eines fetten Gänsebratens mit gefährlicher Selbstverständlichkeit einstellt. In Wahrheit ist es umgekehrt. Den Bösen gehört der Markt und die breite Gasse, gehört das rosige Licht, während die Guten auf lautlosen Sohlen, scheu wie die Diebe durch die Nacht schleichen. Nächstenliebe mag im Himmel belohnt werden, aber wer sie auf Erden ausübt, macht sich strafbar.

Berliner Volks-Zeitung, 28. Dezember 1922

380.

Sachsenlegende

Die Lokalchronik, diese trockene Historiographin und zugleich unnachsichtliche Richterin der großen Stadt, berichtete vor ein paar Tagen von dem Manne aus Sachsen, der an schwerer Tollwut erkrankt in ein Berliner Krankenhaus eingeliefert wurde.

Ein Sachse und Tollwut? So wäre der angeblich gemütlichste Menschenschlag der Welt doch aus der Ruhe zu bringen und steigerungsfähig bis zum Amoklauf?

Oder aber: der Mann war kein Eingeborener, sondern nur in Sachsen zu Gaste, welch ein trübes Licht fiele dann auf das freundliche Wirtsvolk ... Ja, bedeutete das nicht Bejahung der Sachsophobie Hans Reimanns, der sich bekanntlich noch eben rechtzeitig aufs Kabarett hinübergerettet hat?!

Ob Eingeborener oder Fremder, ganz egal, jedenfalls beweist die Geschichte, daß der Mann am sächsischen Wesen nicht genesen, sondern hörnertoll geworden ist.

Aber lesen wir weiter. Freund Reporter, du ruinierst meine Pointe: »Ihn hatte am ersten Feiertag sein Hund gebissen; das Tier ist bald darauf verendet.« Ach, dem armen Tier ist der Sachse schlecht bekommen! Damit erledigt sich das folkloristische Moment von selbst, die Affäre wird zur Tragödie des Hundes.

Der Vasall erhob meuternd das Gebiß wider den Herrn, aber als strenger Royalist überlebte er seine Untat nicht. Von Gewissensqualen gefoltert, hauchte er noch zur selbigen Stunde seine Knechtesseele aus.

Und ich denke daran, daß in den Revolutionstagen die »Leipziger Neuesten Nachrichten«, das Zentralorgan alles ungemütlichen und expansionslüsternen Sachsentums, lebhafte Sehnsucht ausdrückte, seinen Redaktionsstab um ein eingeschriebenes Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokratie zu vermehren. Das war ziemlich zu gleicher Zeit, als an der Dresdener Elbbrücke ein Maschinengewehr bedrohlich knatterte und Friedrich August mit dem berühmten Abschiedsgruß an seine revoluzzernden Untertanen sich buschwärts in die Seiten schlug.

Verehrte Leizigerin, Mannentreue hast du damals nicht gezeigt. Und wenn du auch die Schwachheit einer Stunde durch hundertfältige Forschheit, nachträglich!, zu sühnen versucht hast, nichts hilft darüber hinweg, daß du, als es darauf ankam, deinem König nach den erlauchten Waden geschnappt hast.

Der Mensch hat eben kein Talent für den absoluten Point d'honneur. Auch der Hund vergißt sich zuweilen. Aber dann legt er sich verzweifelt auf die Seite, demonstriert noch einmal mit den braunen Augen Treue und stirbt schnell und geräuschlos, um unnötiges Aufsehen zu vermeiden.

Berliner Volks-Zeitung, 30. Dezember 1922

381.

Platz der Jugend!

Thomas Mann hat in seiner Rede für die deutsche Republik gesagt, durch den Sturz des wilhelminischen Imperiums seien erst die geistigen Spitzen der Nation wirklich sichtbar geworden. Er meinte das namentlich mit Bezug auf Gerhart Hauptmann. Ohne dem verehrten Meister deutschen Schrifttums widersprechen zu wollen, seine Behauptung trifft nur zur Hälfte zu. Mögen bestimmte Repräsentanten des geistigen Deutschland heute stärker in den Vordergrund getreten sein, wirklich sichtbar geworden als treibende Kräfte sind doch nur die industriellen Spitzen. Die geistigen Gipfel bleiben Schaustücke. Der Kranichflug der Klassiker über das deutsche Volk, von dem Ferdinand Lassalle einst sprach, hat noch längst nicht sein Ende erreicht. Hoch in den Lüften über uns die wunderbaren Vögel, aber hier auf Erden breit und wuchtig – Allgebieter Stinnes. Manchmal scheint es fast, als wäre der Zweck der sozialen Revolution nur gewesen, nicht der Arbeiterklasse, wohl aber jener dünnen Schicht, die die Produktionsmittel beherrscht, zur Omnipotenz zu verhelfen. Der politische Betrieb hat im vergangenen Jahre nicht an Appetitlichkeit gewonnen. Der Parlamentarismus hat nicht nur wichtige Positionen kampflos preisgegeben, sondern auch seine so ziemlich letzten Kreditreserven zugesetzt. Die Staatsautorität ist bei der Auseinandersetzung mit dem Umsturz nicht gut gefahren; schlimmere Defaiten indessen hat ihr die Wirtschaft beigebracht. Täuschen wir uns nicht, der Staat verliert bei dem Vordringen der Industriekonzerne zusehends an Terrain, wird immer mehr auf die Funktionen eines subalternen Verwaltungsbeamten gedrängt, und die Wirtschaft okkupiert ohne viel Aufhebens das Gelände, das er bei Nacht und Nebel schweigend geräumt.

Ist es Schwäche, ist es Verschulden, daß die Politik von Tag zu Tag ärger ins Hintertreffen gerät und durch die ständig wachsende allgemeine Verdrossenheit fast ärger bedroht wird als durch den Machthunger der Wirtschaftsmagnaten? Soll man die Verantwortung dafür immer wieder auf die gemeinplätzlich gewordene »deutsche Mentalität« schieben, auf das Beharrungsvermögen des Spießers, auf die oft genug zur Evidenz bewiesene Nichtbegabung des Deutschen für die Dinge des öffentlichen Lebens? Die Stagnation ist nicht zu bestreiten, und töricht handeln die, die alles mit dem Druck von außen zu erklären vermeinen. Druck erzeugt Gegendruck. Aber davon ist wenig genug zu spüren. Und am allerwenigsten bei denen, die ständig das Revancheschwert aus dem Futteral ziehen.

Und dennoch, so trübe die deutsche Oberfläche sich präsentiert, es ist im Grunde ein Rumoren, ein heimliches Leben, das ans Licht will. Es ist ein Gären und Brodeln und dunkles Wollen, das sich selbst noch nicht kennt, aber traumhaft seine Bestimmung ahnt. Mit einem Worte: der Jahrgang 1900, der siebzehnjährig in der General-Pape-Straße für die Granattrichter der Champagne und Picardie verfrachtet wurde, steht vor der Schwelle. Präziser gesagt: das was vom Jahrgang 1900 noch übriggeblieben ist, was nicht zerfetzt und durchlöchert ins Massengrab wanderte, hämmert an die Tore. Die junge Generation, deren Seele frühzeitig das Grauen gelernt hat, und deren Gehör der Rhythmus des Geschützdonners eher geschärft als betäubt hat, naht als Ablösung jener alten Herren, die nacheinander Krieg und Revolution verspielt haben und heute auf dem besten Wege sind, die deutsche Republik zu einer Quantité négligeable zu machen. Es ist herzlich billig, die Jugend zu belächeln, ihr weitgespanntes Wollen zu bekritteln, sich über ihren Vorrat an umfangreichen und keineswegs klaren Programmen zu mokieren. Sie wird auch nicht alles halten, was sie verspricht. Auch sie wird ermüden und mit den harten Realitäten rechnen müssen und nach verwegenen Anläufen im nüchternen Kompromiß enden. Aber sie wird zunächst einmal die Regierungsgebäude auslüften und die gepolsterten Türen der siebenmal geheiligten Fraktionszimmer weit aufreißen. Sie wird diesem grauen, lehmigen Etwas, das sich deutsche Politik nennt, wieder Glanz und Farbe geben und in eine stumpfgewordene Masse neue Parolen wie Feuerbrände werfen. Die Republik hat neben vielen unerbittlichen Gegnern manchen treuen Gefolgsmann gefunden, der ihr seine Arbeit leiht und Opfer über Opfer bringt; sie hat auch manchen gefunden, der ihr seine ach so verhängnisvolle Routine zur Verfügung stellt und dabei außerordentlich gut abschneidet. Aber sie hat niemanden gefunden, der sie die Kunst gelehrt hätte, zu enthusiasmieren. Wohlgeborgen bleibt in ruhigen Zeiten das Staatswesen, das den Verstand seiner Bürger befriedigt, aber wenn der Horizont sich verdüstert und fahle Blitze das Gewölk zerreißen, dann genügt nicht allein das kühle Hirn, dann muß ein Herz, muß ein Temperament, muß eine Leidenschaft in Wallung geraten können. Aber Deutschland lebt dahin ohne dieses Beteiligtsein des inneren Menschen. Die deutsche Republik ist für die Vielen kein lebendiger Organismus, sondern ein Paragraph.

Wir wissen letzten Endes alle, wo der Hebel anzusetzen wäre. Wir wissen, wie sehr es mit der Führerauslese hapert. Wir wissen, daß die Politikmüdigkeit nicht zum wenigsten hervorgerufen wird durch das Gefühl, daß die Parteibonzokratie aller Farben, ängstlich über ihrem Privileg wachend, die Bereitwilligkeit zu großen Entschlüssen systematisch ausrottet. Vielleicht ist diese Erstarrung fast physisch bedingt. Wer in den letzten Jahren Politik gemacht hat, ist frühzeitig verbraucht worden. Das ist sicherlich traurig, aber lebhafter als das Mitleid muß das Empfinden des Zornes darüber sein, daß das amtliche, das ganze politische Deutschland nichts mehr scheut als eine Blutserneuerung.

Vielleicht wird das alles in Kürze gar kein Problem mehr sein. Vielleicht wird die kolossale Schwere, die auf der Welt der Nachkriegszeit lastet, schließlich von selbst die alten Gefäße zermalmen und dem neuen Leben freie Bahn schaffen. Prophezeien ist müßig. Wenn Saturns Sichel auch dieses kommende Jahr gefällt hat, werden wir abermals Bilanz zu ziehen haben. Bis dahin aber wollen wir bereitwilliger sein, als wir es waren, bereitwilliger, auch ohne Lorbeer des Siegers beiseite zu gehen, wenn jüngere Schultern die Bürde tragen wollen, der wir zu erliegen drohen. Es ist ehrenvoll, bis zum Letzten auszuharren, aber es ist der Zukunft dienlicher, im Augenblick, da die sinkende Kraft nicht mehr verhehlt werden kann, mit dem müden Hunnenkönig in Hebbels Nibelungentragödie zu sprechen:

Herr Dietrich, nehmt mir meine Kronen ab,
Und schleppt die Welt auf Eurem Rücken weiter ...

Berliner Volks-Zeitung, 31. Dezember 1922

382.

Der Leopard

Eine Modevignette

Ich weiß nicht, wieviel Leoparden es noch auf Erden gibt. Aber ich weiß eines gewiß: es sind sicherlich nicht so viele, als Damen mit Leopardenfellen in Berlin herumlaufen. Denn Leopard ist dernier cri – von gestern. Manchmal ist der Leopard auch ein Tiger oder ein Jaguar. Ich kann das nicht so genau unterscheiden. Aber die meisten sehen so aus, als hätten sie früher auf den Namen »Mieze« gehört.

An und für sich kann ein Katzenfell sehr nützlich sein. Mit Sorgfalt um die Gelenke gewickelt, von einem Glase heißen Zitronenwassers akkompagniert, empfiehlt es sich von altersher als vorzügliches Mittel gegen rheumatische Beschwerden. Aber ebensowenig wie sich heißes Zitronenwasser als Gesellschaftsgetränk durchgesetzt hat, trägt man Katzenfell als Luxusgegenstand.

Während alle Modezeitungen seit langem den Grundgedanken des neuen Kunstgewerbes propagieren, daß es Sünde wider den guten Geschmack sei, das Material zu verschleiern oder zu verfälschen, feiert in der Mode dennoch die Imitation wahre Orgien. Und diese teuren Dinger, die so schnell einen schmutziggrauen Ton annehmen, sehen scheußlich aus. Jeder schlichte dunkle Pelz ist praktischer und nimmt sich repräsentabler aus als diese größenwahnsinnig gewordenen Bettvorleger.

Aber lassen wir einmal ganz die leidige Imitation beiseite. Ein Raubtierfell als weibliches Bekleidungsstück verpflichtet. Es gehört ein passender Hut dazu, keine Strohkiepe oder ein xbeliebiges Stück Plüsch. Es gehört ein tadelloser Schuh dazu, ein gutsitzender Strumpf und vor allem eine sehr damenhafte Haltung. Wenn man, wie gesagt, »Mieze« flüstert, dann darf sich nur der Leopard getroffen fühlen und nicht die Besitzerin. Man braucht also, um sich des Stückes würdig zu erweisen, Contenance. Eine hochgewachsene, welterfahrene Schönheit mag mit Recht demonstrieren, daß das Weib und die Raubkatze an Glanz und Geschmeidigkeit miteinander wetteifern, aber ein harmloses kleines Pusselchen wird dadurch nicht bedeutsamer, wenn es sich mit den Insignien einer Macht bekleidet, auf die es keinen Anspruch erheben kann.

Berliner Volks-Zeitung, 31. Dezember 1922

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