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Sämtliche Schriften - Band II: 1922-1924

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band II: 1922-1924 - Kapitel 7
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band II: 1922?1924
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand II
printrun1. Auflage
editorBärbel Boldt, Dirk Grathoff, Michael Sartorius
year1994
isbn3498050192
firstpub1922-1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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350.

Die verdächtige Aktentasche

Ich weiß, es ist eine Sünde über die Polizei zu spotten. Es ist auch unvorsichtig, denn man weiß nie, wann man sie einmal nötig hat, aber ...

... aber es gibt nun einmal Grenzen, deren Überschreitung in die freundlichen Regionen hellen Gelächters führt.

So las ich vor ein paar Tagen in einem Zeitungsbericht über die Verhaftung der Redakteure der »Roten Fahne« im Café Bellevue, daß die Verhaftung erfolgte auf Veranlassung einiger Kaffeehausgäste, denen die Herren aufgefallen waren, weil sie sämtlich umfangreiche Aktentaschen mit sich führten.

Es ist ein Axiom, daß jede politische Polizei von alters her ihr Dasein fristet auf Grund der Tatsache, daß das bekannte Sprichwort »Lächerlichkeit tötet« in keiner Weise zutrifft. Es erscheint mir ferner unumstößliche Wahrheit, daß der geistige Pegelstand der Polizei sich stets auf dem Niveau der öffentlichen Vorurteile halten muß. Einfacher gesprochen: die Polizei darf niemals klüger sein als das Publikum. Das hat schon der große Sherlock Holmes sachkundig erfaßt, wenn er zur Begründung eines besonders verwickelten Falles sich Rat holte bei Messengerboys und kleinen schmierigen Straßenjungen.

Das Publikum, und damit auch die Polizei, hält sich vorwiegend an sichtbare und durchaus primitive Zeichen, die es in seiner Weise deutet. »Verhaftet wurden in der Nähe des Tatortes einige Individuen von auffallendem Benehmen ...« Oder: »Festgenommen wurde ein Mann, der sich verdächtig machte ...« So ist in jedem Polizeibericht zu lesen. Aber was darunter zu verstehen ist, weiß niemand. Denn um das Wort »verdächtig« brauen alle Nebel des Mysteriums. Und besonders übel ist die politische Polizei dran. Deren Schwierigkeiten begannen an jenem denkwürdigen Tage, als die Sozialdemokraten aufhörten, Ballonmützen zu bevorzugen, sich reine Kragen umtaten und überhaupt sich trugen, wie andere Bürger auch. Seitdem tappt die Heilige Hermandad im Dunkeln. Es gibt keine normale Vorschrift darüber, woran Umstürzler zu erkennen sind.

In Hamburg wurde in den ersten Kriegstagen eine dicke Dame verhaftet. Weil sie »wie eine russische Spionin« aussah. Das einzige Belastende, was man fand, war ein unbestreitbar äußerst seltsamer Regenschirm mit einer Eisenkonstruktion. Da nicht nachgewiesen werden konnte, daß russische Spioninnen dergleichen Ungetüme als Merkmal mit sich schleppen, mußte die dicke Dame entlassen werden. Der Schirm wurde immerhin konfisziert. Besser ist besser.

Dieses Möbel von einem Parapluie war sicherlich nicht alltäglich. Wenn aber schon eine simple Aktentasche dazu herhalten muß, um ihren Besitzer als suspekte Persönlichkeit zu kennzeichnen, so gehen wir herrlichen Zeiten entgegen. Deshalb, meine verehrten Damen, suchen Sie für Ihre Klappstullen eine andere Hülle als dieses zum Inventarstück des Teufels avancierte lederne Behältnis. Denn sollte einmal zum Zwecke einer Razzia morgens zwischen 8 und 9 Uhr die Strecke von der Potsdamer Brücke bis zum Dönhoffplatz abgeriegelt werden, so könnten Sie in Unannehmlichkeiten geraten. Besonders, da junge Damen niemals ein amtliches Ausweispapier mit sich zu führen pflegen, sondern stets geneigt sind, sich auf ihr hübsches Gesicht zu verlassen.

Berliner Volks-Zeitung, 22. Oktober 1922

351.

Die Krise in England Lloyd George und Bonar Law

Rein äußerlich stellt sich die jüngste innerpolitische Krise Englands als das durchaus normale Ableben einer Koalition dar, die, unter ganz bestimmten Umständen zustandegekommen, unter neuen Verhältnissen ihren Sinn verloren hat. Die Koalition von Unionisten und Liberalen war eine Folge des Kriegsausbruches, ein Ergebnis des damals allgemein einsetzenden innerpolitischen »Burgfriedens«. Sie hat ihre Kriegsaufgaben gelöst, sie war nicht zum wenigsten an der Organisierung des Sieges beteiligt; sie hätte am Tage der Ratifizierung des Friedensvertrages getrost ihre Tätigkeit einstellen können, wenn nicht Lloyd George ein Interesse an ihrer Verlängerung gehabt hätte. Er erkannte es schon damals, wo doch bereits sowohl im rechten wie im linken Flügel Opposition sich knurrend regte, daß die Aufgaben der ersten Friedensjahre nicht geringere sein würden als die der Kriegszeit und daß deshalb die Regierung über eine tragfähigere Mehrheit verfügen müsse, eine Mehrheit, wie sie auch das traditionelle Zweiparteiensystem nicht schaffen kann. Diese Meinung teilten mit ihm hervorragende Führer der Unionisten wie Chamberlain und Balfour, während Lord Curzon, der Außenminister, als waschechter Tory alten Schlages die Koalition zu allen Teufeln wünschte. Rückblickend müssen wir ehrlich gestehen, daß es ein wahres Meisterstück des Premierministers war, die auseinanderstrebenden Elemente so lange zusammenzuhalten. Unterstützt hat ihn dabei allerdings nicht wenig die in beiden Parteien grassierende Furcht vor einem Wahlsiege der Arbeiterpartei.

Die erste Absplitterung kam von der liberalen Seite. Asquith und Grey, die im Jahre 1916 von Lloyd George unsanft beiseite geschobenen Kollegen, setzten sich in der Folge knurrend auf die Oppositionsbank. Die Liberalen sind also gespalten. Die Asquith-Gruppe liebäugelt mit der Arbeiterpartei und rechnet damit, im Falle des Sieges mit dieser zusammen die Regierung zu bilden. Allerdings ist die Labour Party durch ein Koalitionsverbot bis auf weiteres gebunden, aber wir wissen ja aus eigener Erfahrung, daß dergleichen Verbote durchweg mit leicht abwaschbarer Tinte geschrieben zu sein pflegen. Die Verdienste der Unabhängigen Liberalen sind nicht gering, sie haben in kritischen Situationen die gute freiheitliche Tradition des Landes gewahrt und die Ausführung des Versailler Vertrags mit Geist und Energie bekämpft. Dennoch läßt sich nicht verhehlen, daß es ihnen an Persönlichkeiten großen Formates fehlt, die geeignet wären, Lloyd George zu ersetzen. Sie haben zwar dem Premierminister jene Politik souffliert, die ihn zur Aussöhnung mit Irland und zur Veruneinigung mit Frankreich brachte, aber man hatte doch stets das Gefühl, daß sie Politik machten weniger auf Grund ihrer eigenen Bedeutung als vielmehr durch das Medium Lloyd George. Nun fehlt dieses Medium, und die Frage erhebt sich, ob die Unabhängigen Liberalen Eigenkraft genug haben werden, auch den neuen konservativen Führer der Politik ihren Zwecken unterzuordnen. Denn Lloyd George stand ihnen nach Denken und Fühlen immerhin nahe, er wurde nicht immer von ihnen getrieben, sondern tat häufig nur so, als wäre das der Fall, als könnte er sich des Druckes, der von dieser Seite ausging, nicht erwehren.

Es ist begreiflich, daß die Koalitionsfreude der Unionisten erlahmte bei einem Premierminister, der sich schließlich in wichtigen Fragen völlig im Schlepptau der Opposition zu befinden schien. Ohnedies hatten die »Khakiwahlen« ihnen einen großen Erfolg gebracht. Sie fühlten sich stark genug einen Wahlkampf auf eigene Faust zu riskieren. Sie wollten lieber isoliert in die Kampagne eintreten, denn als Glied einer Kombination von Parteien, die täglich an Popularität verlor, die verantwortlich gemacht wurde für die kolossale wirtschaftliche Depression im Lande und für die Fehlschläge in der Außenpolitik. Ob ihre Hoffnung sich rechtfertigen wird, bleibt abzuwarten. Entgegenzustehen scheint, daß die Partei nicht geschlossen auftritt, daß gerade die unionistischen Minister die Auflösung der Koalition bekämpft und das Resultat im Carlton-Klub nur mit schwerem Herzen hingenommen haben.

Bonar Law, der im vergangenen Jahre, von einer heftigen politischen Krankheit befallen, der Politik den Rücken kehrte, ist über Nacht gesundet wiedergekommen. Als Lloyd George damals dem Parlament den Rücktritt seines politischen Gegners und persönlichen Freundes mitteilte, konnte er, von lebhafter Rührung übermannt, seine Rede kaum zu Ende bringen. Er wußte, was ihm die Stimme erzittern machte. Denn Bonar Law verschwand in dem Augenblick vom Schauplatz, da in der Unionistenpartei die Rebellion wider die Koalition ihr Haupt erhob und Bonar Law als der einzige bekannt war, der über genügend Autorität verfügte, sie zu zügeln. Dem wenig beliebten Austen Chamberlain fehlten alle Voraussetzungen dazu. Bonar Law aber ging – um in einer Stunde zurückzukehren, wo zwischen Koalitionsfreunden und Koalitionsgegnern der entscheidende Kampf begann und sein Wort gegen die Koalition in die Wagschale zu werfen.

Lloyd George hat in einer seiner Wahlreden seinen Nachfolger Bonar Law mit einem Reiter verglichen, der das Pferd nicht am Zügel, sondern am Schwanz halte. Dieses boshafte Bild kann ohne Zweifel nicht als unrichtig bezeichnet werden. Allerdings ist Lloyd George nicht ganz unschuldig daran, daß der neue Premierminister den Regierungsgaul in so bockiger Laune und das Sattelzeug so verschoben vorfindet. Letzten Endes kam Lloyd George die letzte Entwicklung nicht ungelegen. Er brauchte Ellbogenfreiheit. Die konnte er in Gemeinschaft mit den immer renitenter werdenden und von Tag zu Tag siegesbewußter auftretenden reaktionären Elementen der Unionistischen Partei nicht gewinnen. Und so warf er sich vier Wochen vor dem entscheidenden Wahltermin mit einer gewaltigen Kraftanstrengung mitten in die Opposition.

Nach dem Programm Bonar Laws soll die Kontinuität der englischen Außenpolitik gewahrt bleiben, was namentlich in Paris einige Enttäuschung hervorrufen dürfte. Aber was kann eine zwischen Lipp' und Kelchesrand entstandene Regierung groß versprechen? Der 18. November erst wird die Entscheidung bringen. Jedenfalls befindet sich Englands innerpolitisches Leben in einer völligen Umbildung. Das Zweiparteiensystem hat aufgehört; die Labour Party erscheint selbständig, nicht mehr als Annex der Radikal-Liberalen. Eine Tradition von zweihundert Jahren ist zu Ende gegangen. Die althergebrachten Formen sind zerbrochen. Die Problematik modernen politischen Lebens hat nun auch England in seinen Wirbel hineingezogen. Das ist an sich unabwendbar, aber man mag bedauern, daß Lloyd George einen solchen Prozeß beschleunigte, gerade in dieser Zeit, in der im Interesse Gesamteuropas ein in sich gefestigtes England bitter not tut.

Berliner Volks-Zeitung, 24. Oktober 1922

352.

»Ein Stück Geschichte«

Emil Ludwigs Schauspiel »Die Entlassung« ist nunmehr durch den Spruch des Kammergerichts endgültig freigegeben worden. Hoffentlich werden wir dem Werk bald auf dem Theater begegnen und die Direktoren nicht aus Furcht vor skandalierenden Royalisten von der Aufführung Abstand nehmen.

Ich weiß, was sich dagegen einwenden läßt. Es ist vielleicht kein schöner Gedanke, daß die handelnden Personen, Bismarck, Wilhelm II., Windthorst, Eulenburg, Bötticher usw., porträtähnlich vorgeführt und die Unterschiede zwischen der Schaubühne und dem Wachsfigurenkabinett ein wenig verwischt werden. Dessen bin ich mir sehr wohl bewußt, und dennoch glaube ich, daß die an und für sich begreiflichen Argumentationen des Kunstrichters diesem Werke gegenüber nicht aufrechterhalten werden können. Nicht nur, daß der Verfasser den offiziellen Stoff meisterhaft geformt und das Vielfältige des historischen Geschehens zu einer scharf umrissenen Bühnenhandlung vereinheitlicht und vereinfacht hat, den in diesem Zusammenhang billigen Effekt sorgsam meidet und das Geistige des Konfliktes stark ausstrahlen läßt, alle diese artistischen Qualitäten beiseite gelassen –, hier bietet sich die Möglichkeit eines Anschauungsunterrichts für das deutsche Volk, hier lernt es in zwei kurzen Theaterstunden, was man ihm drei Jahrzehnte lang vorenthalten hat, – lernt es sein Schicksal verstehen.

Eine verblasene Romantik verheert heute das Bürgertum. In einem wüsten Durcheinander träumt es von wilhelminischer und mehr noch von bismärckischer Renaissance. Hier sind sie beide entlarvt, beide in ihrem Wesen mit wenigen Strichen gekennzeichnet. Bismarck, der Alte, um das Schicksal des Reiches besorgt, das er in Zukunft einem fürstlichen Dilettanten anvertraut weiß, leidend unter dem »Cauchemar des coalitions«, nichtsdestoweniger immer noch der große Meister auf dem diplomatischen Schachbrett, aber innenpolitisch entwurzelt, ein Überholter, von Ressentiments Eingeengter, der der Emanzipation des vierten Standes sein längst durch die Zeitverhältnisse untauglich gewordenes Rezept: Blut und Eisen entgegenzusetzen gewillt ist. Und dann sein Gegner, der Kaiser, ein wirbeliger, aber unbedeutender Kopf, ein Anfänger noch, eine schlecht verschlossene Pandorabüchse, alle jene Eigenschaften in sich bergend, die später dem Reiche verhängnisvoll werden sollten. Er schillert in allen Farben, spielt kokett seinen kleinen Kronprinzenliberalismus als »Geist der neuen Zeit« aus, posiert, durchaus unbewußt übrigens, bald den absoluten Monarchen von Gottes Gnaden, bald den »Volkskaiser«. Er ist eitel und launenhaft, unaufrichtig, wenn er sich schlicht menschlich geben möchte, und ehrlich nur, wenn er seine komödiantische Rhetorik frei dahinrollen läßt; in keinem Zoll sein eigener Kanzler, immer nur sein eigener Impresario. Es steckt eine tiefe und grausame Ironie in den letzten Worten des Dramas, wenn der entlassene Bismarck lakonisch sagt: er müsse nun das Schicksal des Reiches seinem angestammten Kaiser überlassen. Wir wissen, wohin die Reise gegangen ist.

Nochmals: es bleibt dringend zu wünschen, daß diese dramatische Gestaltung der verhängnisvollen Vorgänge des Jahres 1890 weitesten Kreisen des Volkes vorgeführt werden kann. Nicht, damit erneuter Streit darüber einsetze, wer von beiden Recht hatte, aber damit endlich einmal erkannt wird, wie weit das alles hinter uns liegt, obgleich der eine Hauptakteur des Dramas noch lebt. Denn man träumt in Deutschland allzu viel von der Wiederherstellung ewig vergangener Dinge. Ludwig hat eine nähere Bezeichnung seiner drei Akte vermieden, er schrieb einfach: ein Stück Geschichte. Mit Recht. Bismarck und Wilhelm sind längst historische Persönlichkeiten geworden. Sie werden ebenso wenig wiederkommen wie Egmont oder Wallenstein. Sie sind nicht mehr Objekte der Politik, sondern der Dichtung.

Berliner Volks-Zeitung, 26. Oktober 1922

353.

Ein Sportfilm

»Das Wunder des Schneeschuhs«. II. Teil

Uraufführung in der Alhambra

Welche Möglichkeiten die Kinematographie in sich birgt, wenn sie auf die Kopie abgenutzter Romanattitüden verzichtet und sich einfach an die Natur hält, beweist aufs bündigste dieser zweite Teil der »Wunder des Schneeschuhs«, der vor einigen Tagen in der Allhambra einem überraschten und entzückten Publikum vorgeführt wurde, (durch die Terra; das Fabrikat stammt von der Berg- und Sportfilm G.m.b.H., Freiburg i. Br.). Ein »harmloses Spiel von Licht und Bewegung« nennt der Regisseur und Photograph Arnold Frank sein Opus, und der Neid muß es ihm lassen, daß er beides trefflich ausgenutzt hat. Eine Idee übermütiger Sportsleute bildet das Leitmotiv. Der Skimeister Hans Schneider (Innsbruck) soll von einem Konsortium der glänzendsten Schneeschuhläufer Europas als »Fuchs« durch die Schneewelt des Engadin gejagt werden. Und dann beginnt eine wilde, reich mit humoristischen Einschlägen bedachte Hatz über Berg und Tal, über Schluchten und Hänge, hinauf und hinunter und wieder hinauf. Die Sportleistungen der Teilnehmer sind phänomenale. Kein auf Sensation eingestellter Detektivfilm enthält spannendere Episoden als dieser, der nicht Sensation geben will, sondern nur die Art, wie sich ein paar Menschen in der freien Gottesnatur tummeln, und mit guter Laune und gelenkigen Gliedern aller Hindernisse spotten. Wie wunderbar farbig im Wechsel von Licht und Schatten sind diese endlosen Schneefelder; mancher, der sie dort gesehen hat, entdeckt hier die alpine Schönheit erst wirklich. Dieser Film ist eine Augenweide. Kann man höheres Lob spenden dem Zweige einer Kunstgattung, die für das Auge bestimmt ist, diesen Zweck aber oftmals zu vergessen scheint?!

Berliner Volks-Zeitung, 26. Oktober 1922

354.

Die Parade von Neapel

Italien unterm Fascistenterror

Herr Mussolini hat sich mit seinem Heerbann nach Neapel begeben, um dort einen »Kongreß« zu veranstalten. Die römischen Blätter berichten, die große Rede dieses neuen italienischen Nationalhelden sei weit maßvoller gewesen, als eigentlich zu erwarten war. Tatsächlich liegen die Dinge heute so, daß der Fascistenführer ganz gut auf Brandreden verzichten kann, denn er hat die Macht. Er regiert im Lande. Die Behörden haben längst resigniert. Die Parteien halten sich schüchtern im Hintergrunde. Der Terror einer illegalen Vereinigung hat Italien unterjocht.

Diese große Parade ist der seltsamste Parteikongreß, den die an Absonderlichkeiten so reiche moderne Geschichte gesehen hat. Man muß schon bis auf die inneren Zwiste der Reiche des Mittelalters zurückgehen, um ein Analogon zu finden. Die Fascisten erschienen in Neapel mit einigen Divisionen eigenen, gut organisierten Militärs. Herr Mussolini ist eben kein Parteiführer im gebräuchlichen Sinne des Wortes, sondern ein Gegenkönig, wie der Fascismus überhaupt keine politische Bewegung mit klaren Zielen und prinzipiellen Thesen ist, sondern eine bestimmte geistig-seelische Einstellung, oder, wenn wir es polemischer ausdrücken wollen, eine geistige Epidemie.

In allen am Weltkriege beteiligt gewesenen Staaten haben sich in den entscheidenden Jahren gewisse ultranationale Strömungen mit weitgespannten Eroberungsprogrammen herausgebildet. In Italien kam verschärfend hinzu, daß der Eintritt in den Krieg sich infolge des Waltens einer einflußreichen und namentlich in den liberalen und sozialistischen Parteigruppen wurzelnden Opposition ziemlich lange hinausschob. So steigerte sich die Glut der chauvinistischen Elemente zur Siedehitze. Die Tätigkeit d'Annunzios und des Exsozialisten Mussolini in jener Zeit ist noch in allzu frischer Erinnerung, als daß eingehendere Darstellung notwendig wäre.

Der Friedensschluß brachte zwar Italien Erfüllung seiner irredentistischen Sehnsüchte. Aber die territoriale Saturierung bedeutete eben nicht Lösung der schweren inneren Krise, Besserung der schier verzweifelten Wirtschaftslage. Zudem fühlte sich der nationale Stolz ständig verletzt. Der schwarzgelbe Imperialismus war zwar von der Adria verdrängt, an seiner Statt aber erschien, mit dem gesunden Appetit und den ungehemmten expansiven Tendenzen einer jungen Großmacht Jugoslawien. Im Orient, wo Italien ebenfalls tonangebend zu sein wünschte, dominierten England und Frankreich, und Griechenland bemühte sich, seinen Besitzstand in Kleinasien auszudehnen. Ein Jahr nach Friedensschluß herrschte in Italien tiefe Enttäuschung, gelegentlich unterbrochen von den Exzessen eines hysterischen Patriotismus.

Dennoch wäre der Fascismus vermutlich nur auf eine randalierende Jingogruppe beschränkt geblieben, wenn er nicht durch bestimmte innerpolitische Ereignisse provoziert worden wäre, seinen Tatendrang zunächst an Landsleuten auszutoben. Den Anstoß gaben im Sommer 1920 die Besetzungen der Fabriken durch revoltierende Arbeitermassen, denen die moskowitische Agitation den Kopf verdreht hatte. Giolitti, als Ministerpräsident, wurde der Bewegung sehr leicht Herr, indem er die Neutralität des Staates proklamierte. Der geniale alte Staatsmann hatte die harmlose Impulsivität dieser ungeordneten und planlosen roten Aktion allzu bald durchschaut. Indem er die Autorität des Staates vollkommen ausschied, ein an und für sich verwegenes Beginnen, vermied er den Bürgerkrieg. Die guten Leute, die man in den Betrieben ließ, wußten nicht recht, was sie damit anfangen sollten, gaben bald etwas verkatert ihr Vorhaben auf und Ruhe und Ordnung waren wiederhergestellt.

Aber die tölpelhafte Kraftmeierei der Sozialisten, die sich so geriert hatten, als wären sie allein im Lande, hatte auch das Bürgertum zur Gegenwehr herausgefordert. Wie überall, hatten auch die italienischen Radikalinskis die Vitalität der Bourgeoisie gründlich unterschätzt. Wie Ludendorff den Sieg, so sahen sie die »Sozialisierung« zum Greifen nahe, ohne zu ahnen, daß ihr Kraftbewußtsein nicht viel mehr war als rasend gewordene Ohnmacht vor der drohenden Umschlingung durch das allmächtig werdende Industriekapital. Der Anmaßung der Sozialisten folgte die Rache der Bourgeoisie. Der Fascismus formierte sich endgültig. Er hatte ein innerpolitisches Ziel: Abwehr der roten Flut, Befehdung aller jener demokratischen Institutionen, die von altersher bei der Reaktion den Ruf genießen, ihr die Schleusen zu öffnen.

Die Fascisten kämpfen für Ordnung im Lande – aber mit den Mitteln der Anarchie. Mit Gummiknüppeln, Revolvern und Bomben. Sie arbeiten mit einer Brutalität, die die Ausschreitungen der Sozialisten und Syndikalisten weit hinter sich läßt. Sie rekrutieren sich aus den Reihen der Söhne des besitzenden Bürgertums. Der jeunesse dorée eines ohnehin temperamentvollen Volkes macht das ungefährliche Kriegsspielen mitten im Frieden natürlich einen unbändigen Spaß. Sie fragen wenig nach dem politischen Sinn, sie plappern die Phrasen der Wortführer nach und genießen im übrigen die Annehmlichkeiten einer gut organisierten Anarchie. Gegner haben sie längst nicht mehr. Die Sozialisten haben sich verkrochen, die bürgerlichen Demokraten tun, als wäre gar nichts los, und ringen insgeheim verzweifelt die Hände. Der Staat, dessen letzter Aufschwung die Aushebung der d'Annunzio-Leute in Fiume war, hat längst stillschweigend abdiziert. Wo einmal ein königlicher Beamter einzuschreiten wagt, wird er einfach mit Brachialgewalt entfernt, wie kürzlich der Statthalter von Trient.

Herr Mussolini, der allmächtige Führer, reist im Lande herum, predigt den Kult der nationalen Energie und droht mit offenem Aufruhr, wenn ein Minister die Stirne zu runzeln wagt.

Der Fascismus ist ein politisches Phänomen. Unklar in seinem Wollen, verschwommen in seinen Forderungen und ohne feste Zielsetzung läßt er sich nur rein stimmungsmäßig erfassen als die vorweggenommene Gegenrevolution, die Gegenrevolution als Präventivmittel gegen den sozialistischen Umsturz. Man macht selbst Revolution, um andere daran zu verhindern. Das wäre immerhin ein Novum. Seine Waffe ist der Terror im Großen wie im Kleinen. Und damit ist auch seine Grenze gezogen. Wenn Italien über kurz oder lang ein fascistisches Ministerium haben wird, auch in Neapel sollen ja noch, wie versichert wird, »Überraschungen bevorstehen«, dann muß es sich von neuem erweisen, daß man ein Reich nicht mit dem gleichen System regieren kann, mit dem man seine Ordnung erschüttert hat.

In später Nachtstunde wird aus Rom gemeldet, daß das Kabinett Facta zurückgetreten ist.

Berliner Volks-Zeitung, 27. Oktober 1922

355.

Die Courths-Mahler

Hans Reimann, der auch unseren Lesern durch manche Proben seines stacheligen Talents wohlvertraute Leipziger Satiriker, führt seit einigen Jahren eine erbitterte Fehde gegen jene Romanschreiberin, deren Produkte heute von Hunderttausenden deutscher Frauen wie eine Himmelsgabe, wie Manna in der Wüste des täglichen Einerlei erwartet werden, gegen Frau Hedwig Courths-Mahler. Nunmehr hat er alles, was er dieser beliebten Schriftstellerin bisher an polemischen Glossen, Pamphleten und Parodien gewidmet hat, in einem kleinen Bändchen gesammelt. (Hedwig Courths-Mahler. Schlichte Geschichten fürs traute Heim. Erzählt von Hans Reimann. Geschmückt mit reizenden Bildern von George Grosz. Verlag Paul Steegemann, Hannover.)

Hans Reimann stellt als Schriftsteller einen scharf umgrenzten Typ dar. Seine Palette ist nicht reich an Farben, aber es sind die Farben der Großstadt. Er spürt mit unglaublicher Findigkeit den kleinstädtischen, den provinziellen Untergrund der großen Stadt auf. Er jagt nicht Pointen und Überraschungen nach, sondern sucht den charakteristischen Augenblick. Deshalb bleiben die meisten seiner zahlreichen Skizzen Mittelstücke ohne Anfang und Schluß. Seine Form ist von einer Prägnanz, in der ihn heute kein deutschschreibender Schriftsteller übertrifft (Roda Roda in seinen besterzählten Anekdoten hält sich oftmals auf der gleichen Höhe). Hans Reimann ist ein Großstadtkind ohne Verwaschenheit, ohne romantische Verdusselung, ohne »goldenen Humor«, ohne »Hab' Sonne im Herzen«, ohne posierten Intellektualismus, ohne marktschreierische, erotische Geste. Sein Positives ist sein couragiertes Bekennen zum Negativen. Sein Witz ist deshalb so gefährlich, weil er tatsächlich ist. Hans Reimann feilt nicht mühselig Spitzen: er konstatiert einfach. Und weil er den Blick für den Moment hat, deshalb gibt sein Ausschnitt immer eine Welt.

Ein Schriftsteller solcher Art, unpathetisch und nicht romantische Ironie jonglierend, muß als Parodist tödlich wirken. Dem Spötter von Profession mag das Ganzunwahre, das Halbempfundene sich in schimmerndem Nebel entziehen, die trockene Sachlichkeit holt mit ruhiger Hand den faulen Bodensatz heraus. Hans Reimann ist ein Vakuumreiniger der Literatur.

Er formuliert seine Anklage gegen die Courths-Mahler präzise. Er sieht in ihr nicht einfach nur die schlechte Schriftstellerin und traurig phantasielose Fabulistin, sondern eine epochale Gefahr. Sie bedeutet ihm nicht eine Person, sondern eine Kategorie: »Hedwig Courths-Mahler ist die verkörperte Spießerinnen-Engstirnigkeit und Phantasiearmut, aber, und das ist der springende, dunkle Punkt: sie ist es mit Bewußtsein. Sie identifiziert sich beim ›Dichten‹ mit ihren Leserinnen und schreibt von deren beschämlichem Standpunkte aus ... Im Teufel haben wir das böse Prinzip und in Frau Hedwig Courths-Mahler das banale Prinzip zu erblicken.« Er bekämpft sie, weil sie eine von Grund aus verlogene Empfindungsweise repräsentiert, weil sie der Gedankenfaulheit Vorschub leistet, weil sie die Wirklichkeit mit schäbigem buntem Flitterzeug verhängt und schlichten Gemütern eine Welt vorgaukelt, die es niemals gegeben hat und, Gott sei Dank!, niemals geben kann.

Man mißverstehe nicht: wir wollen nicht jener Donquichotterie wohlmeinender Pädagogen das Wort reden, die jeden Abenteurerroman, jede tränenreiche Backfischgeschichte am liebsten mit Vitriol austilgen möchten. Das will auch Hans Reimann nicht. Es gibt unendlich viel harmlosen Kitsch, leichte Unterhaltungsware für völlig Anspruchslose; wenn man nicht gerade ein richtiggehender Volkserziehungstiger ist, lächelt man darüber und gönnt ihn denen, die sich daran delektieren. Der Fall Courths-Mahler liegt ernsthafter. Nicht nur, daß die Egeria aus Weißenfels ein Deutsch schreibt, daß es einen Hund jammern kann und ihre Unkenntnis der menschlichen Natur und des sozialen Milieus, in denen ihre »Originalromane« sich abwickeln, wahrhaft zum Himmel schreit, sie verdirbt ihre Leserinnen mehr als es ein bewußter Pornograph tun kann.

Reimann meint, sie sei die Lieblingsschriftstellerin der Philistersgattin. Das erschöpft die Situation nicht ganz. Sie ist in Arbeiterfamilien ebenso beliebt wie beim sogenannten besseren Mittelstand. Und darin liegt eine ungeheuere Gefahr. Was kümmern die Frauen und Töchter des arbeitenden Volkes und des schwer um seine Existenz ringenden Kleinbürgertums die schlecht erfundenen Schicksale irgendeiner gleichgültigen blonden Pute, die so vielen interessanten Anfechtungen ausgesetzt ist und dabei doch so furchtbar anständig bleibt? Was sollen sie alle, denen der dürre Mangel durch die Fenster grinst, mit den breiten und an und für sich völlig abwegigen Schilderungen der Opulenz einer erlesenen Oberschicht, einer Kaste ausgesuchter Menschen, in der es so piekfein zugeht, die Herren Barone so edel sich gehaben und die Frau Baroninnen regelmäßig am Bettrand sich der ehelichen Treue entsinnen und reumütig in die Arme des zur Verzeihung bereiten Gatten zurückkehren ...? Denn mag so eine Geschichte noch so miserabel erzählt, das Wechselspiel von mühsam kachierter Laszivität und faustdicktriefender Moral noch so plump absichtsvoll sein, es bleibt bei jugendlichen Leserinnen eine Sehnsucht nach diesen unerreichbar hohen schlaraffischen Regionen zurück, ein Kitzel, der das natürliche Empfinden pervertiert. Ein gutes Unterhaltungsbuch soll ablenken, zerstreuen. Die Courths-Mahler zeigt Potemkinsche Dörfer und reizt das Verlangen danach auf.

Hans Reimann aber ging ans Werk wie ein Chirurg, der sich zu einer nicht gerade angenehmen Verrichtung Gummihandschuhe übergezogen hat. Seine Nachbildungen des üppigen Unsinns, der hilflosen Technik, des grauenhaften Stils der neuen und verschlechterten Marlitt (»Vom Freudenhaus ins Grafenschloß und retour«, »Hänschens Schutzengel«, »Wohltun trägt Zinsen«) sind wahre Husarenattacken der Parodierkunst. Der geniale Zeichner George Grosz leistet mit seinen »reizenden Bildern« wirkungsvollen Sukkurs.

Wie wäre es, Herr Reichskunstwart, wenn Sie einzelne Stückchen daraus durch Maueranschlag verbreiten ließen?

Berliner Volks-Zeitung, 29. Oktober 1922

356.

Das Verständigungsmonopol

Der Parteitag der Deutschnationalen in Görlitz war reich an großen Phrasen und kleinen Überraschungen. Zu den großen Phrasen gehörte Helfferichs Attacke gegen die »blöde Erfüllungspolitik«, zu den kleinen Überraschungen die Aufstellung eines Erfüllungsprogramms seitens des Parteivorsitzenden Hergt. Dessen Ausführungen sind bedeutungsvoll genug, um nochmals skizziert zu werden.

Hergt erkannte an, daß der Wiederaufbau der zerstörten Gebiete nicht durch Frankreich allein durchgeführt werden könne. Er sieht den Tag nahe, wo wir uns mit den verständigungsbereiten Wirtschaftskräften Frankreichs über einen gemeinsamen großzügigen Plan einigen können: »Je großzügiger und für Frankreich erfolgverheißender der Plan wird, um so höher dürfen wir unsere Ziele stellen, nämlich die völlige Freiheit der deutschen Wirtschaft und schließlich auch des deutschen Geistes. Freilich: ein Pfand dafür, daß seine Interessen gebührend gewahrt werden, kann Frankreich verlangen, dieses Pfand liegt einmal in der neu zu begründenden Leistungsfähigkeit einer freien deutschen Wirtschaft, und zweitens in dem freien, aber ernsten und unabänderlichen Willensentschluß Deutschlands zur Mehrarbeit, und endlich drittens in den Garantien, die innerpolitisch für die ungehinderte Durchführung dieses Entschlusses gegeben werden.«

Welch wunderbare Wendung durch Stinnes' Fügung! So etwa haben wir und die anderen Freunde des Erfüllungs- und Verständigungswillens seit Jahr und Tag das auch gesagt, wenn auch mit etwas anderen Worten. Es ist noch nicht lange her, da haben die Herrn Hergt nahestehenden Organe Gedanken, wie diese, wenn sie von Regierungsmännern oder Mitgliedern der regierenden Koalition entwickelt wurden, glattweg für Hochverrat erklärt, und die blutigen Bahrtücher zweier Staatsmänner, die für Erfüllungspolitik eintreten, kennzeichnen den Weg der deutschnationalen Opposition. Und nun will auch Hergt den gleichen beschwerlichen Pfad betreten und sieht mit einem Optimismus, um den wir ihn beneiden, den Tag der Einigung mit den Repräsentanten der französischen Wirtschaft nahe. O, wenn Wirth so gesprochen hätte! Der ganze reaktionäre Vulkan hätte sich geöffnet und schwarzweißrote Lavamassen ausgespien.

Es ist in den vergangenen beiden Jahren oft die Frage aufgeworfen worden, was denn die Deutschnationalen nun eigentlich anfangen würden, wenn sie plötzlich zur Regierung kämen. Deren Parteigänger in Kötzschenbroda oder im Bezirksverein Tiergarten zweifelten natürlich keinen Augenblick daran, daß die erste Tat eines Rechtskabinetts die Kriegserklärung an Frankreich sein würde (zusammen mit Rußland und Bayern). Nüchterne Beurteiler wußten natürlich immer, daß die Führer im Ernste durchaus nicht nach kriegerischen Lorbeeren gieren, sondern, unbeschadet aller agitatorischen Gesten, als Träger der Regierungsgewalt nicht viel anders handeln würden als die bisherigen Ministerien auch. Der Görlitzer Parteitag schafft darin für alle, die sehen wollen, oder noch sehen können, wünschenswerte Klarheit. Zwar schwingt Helfferich noch immer mit wilden Gebärden den Balmung, aber Hergt hat das deutsche Schwert längst sorgfältig im Futteral verwahrt und ist bereit, den Franzosen Pfänder, innerpolitische »Garantien« für die Durchführung der Reparationsleistungen zu gewähren.

Seit Hugo Stinnes mit dem Marquis de Lubersac den berühmten Pakt schloß, fängt man im Lager der Rechten endlich an, Farbe zu bekennen. Es handelt sich nicht mehr darum: Erfüllungspolitik oder nicht? sondern: Wer soll die Erfüllungspolitik machen? Wird sie von Rathenau-Wirth gemacht, ist sie todeswürdiges Verbrechen. Wird sie dagegen von Hergt-Stinnes betrieben, verdienstliche nationale Tat. Als das Lubersac-Abkommen publik wurde, las man in volksparteilichen, aber auch in deutschnationalen Blättern heftige Vorwürfe gegen die Mittel- und Linksparteien, weil sie die Verständigung mit Frankreich nicht genügend gefördert hätten. Als ob nicht jedes vernünftige Wort, das bisher von dieser Seite kam, übertönt worden wäre von den Tubenstößen des kakophonischen Orchesters von Wulle bis Lensch!

Einen ähnlichen Vorgang jedoch können wir zurzeit in Frankreich beobachten. Zu denjenigen, die Loucheur wegen des Wiesbadener Abkommens heftig attackierten, gehörte auch der Senator de Lubersac, der gleiche Herr de Lubersac, der knapp ein Jahr später das Abkommen mit Herrn Stinnes traf. Und am 20. Oktober hielt der zum national-republikanischen Block gehörende Deputierte Paul Reynaud in der Kammer eine Rede, die in ihrem ehrlichen Bestreben, dem Reparationsproblem unter Ausscheidung aller nationalistischen Momente gerecht zu werden, eine so vernichtende Kritik des Poincarismus darstellte, wie man sie bei der Kräfteverteilung im Palais Bourbon bis dahin kaum für möglich gehalten hätte. Es gab nicht nur keinen nennenswerten Widerspruch, der Redner erntete im Gegenteil reichen Applaus auf allen Bänken und wurde, als er vom Rednerpult trat, stürmisch beglückwünscht. In den letzten Monaten haben in der Kammer drei Verständigungsfreunde, die nicht zum regierenden Block gehören, der Sozialist Vaillant-Couturier, der christliche Demokrat und Pazifist Marc Sangnier und der Radikale Favre eine weit weniger freundliche Aufnahme gefunden als Herr Paul Reynaud, der dem Präsidenten Millerand persönlich nahesteht. Es kommt eben auch in Frankreich sehr darauf an, wer sich für Verständigung einsetzt.

Solange die deutsch-französische Verständigung das Privatvergnügen einiger beherzter Außenseiter war und die Industrie hüben wie drüben sich feindlich, zum mindesten kühl abwartend verhielt, war es lebensgefährlich, von Versöhnung, ja, nur von Annäherung zu sprechen. Seit die kapitalistischen Chancen des Wiederaufbaues endlich erkannt sind, ist die Verständigung zu einem Geschäft geworden und damit zu einem Gott und der Nation gleich wohlgefälligen Werk.

Wir verkennen natürlich keinen Augenblick die hohe Bedeutung des Stinnes-Lubersac-Vertrages für die deutsch-französische Entspannung. Aber die Verständigung, nach der sich die Besten zweier großer Völker jahrelang vergebens gesehnt und dafür Haß und Ungemach erduldet haben, darf nicht zu einem neuen Industriemonopol werden.

Als vor Jahresfrist Herr Stresemann im Reichstage die Hoffnung ausdrückte, Stinnes und Loucheur bald an einem Verhandlungstisch zu sehen, meinten wir dazu, es sei das eine seltsame und etwas beunruhigende Art von Völkerfrühling, die sich da anbahne. Sicherlich, es herrscht im Himmel mehr Freude über einen Sünder, der Buße tut, als über neunundneunzig Gerechte. Aber was im Himmel durchaus angebracht sein mag, braucht deshalb auf Erden noch nicht praktisch zu sein. Wenn der Führer der deklarierten Revanchepartei bei uns, wenn Leute des nationalen Blocks drüben die Pansflöte des Friedens für alle Kreatur blasen, dann ist es für uns andere allerdings an der Zeit, stutzig zu werden.

Berliner Volks-Zeitung, 1. November 1922

357.

»Die Nestelknüpferin«

Lustspielhaus

Da wäre also die Direktion Saitenburg angelangt, die mit Hauptmann und Schmidtbonn eröffnete und eine gute Lautensack-Aufführung brachte. Auf den »Werwolf« folgte »Die Schule der Kokotten«. Und die augenblickliche Station auf dem Rutsch talab heißt die »Nestelknüpferin«. Oder ist das tiefste Niveau bereits erreicht?

Daß der Verfasser, der sich »Angelo Cana« nennt, das unanständige Genre pflegt, käme nicht weiter in Betracht, wenn er über ein wenig Witz verfügte. Man neigt nach dieser neuen Leistung dazu, Hennequin, Feydeau und Verneuil, denen man von Berufes wegen im vergangenen Winter manches Unangenehme sagen mußte, kniefällig Abbitte zu leisten. Denn nichts stimmt trübseliger als die Allianz von Zote und Stumpfsinn.

Daß einem nicht mehr in erster Jugend stehenden Gelehrten in der Hochzeitsnacht das bewußte Malheur passiert, regt Herrn Angelo Cana an, eine schlechte Variation von »Haben Sie nichts zu verzollen?« anzufertigen. Das Original ist immerhin leidlich komisch, aber die Kopie ist von allen Lachgeistern verlassen. So bleibt lediglich mit Genugtuung zu konstatieren, daß das Publikum nur mit dünnem Beifall quittierte. Es blieb eine Privatunterhaltung zwischen Herrn Max Adalbert und den paar Leutchen, die sich scheinbar belustigt fühlten.

Berliner Volks-Zeitung, 2. November 1922

358.

Losung zur Gewalt

Ich bin Pazifist. Das heißt: ich empfinde es als Wahnsinn, daß die Völker sich, militärisch gestaffelt, gegenseitig in Massengräber verwandeln. Ich glaube, daß in der großen Politik Diplomatie mehr erreichen kann als Gewalt. Aber ich glaube nicht, daß man im Alltagsleben die Gewalt entbehren kann.

Ich bin weit entfernt davon, um etwa Blut und Eisen als Heilmittel zu empfehlen. Es gibt jedoch gewisse Erscheinungen im modernen Leben, die nur durch reichlich und täglich verabfolgte Portionen Prügel etwas eingedämmt werden können. Die Verpöbelung der Umgangsformen hat in letzter Zeit in einem so erschreckenden Maße zugenommen, daß denjenigen, denen es aus gewissen, durchaus ehrenwerten Hemmungen nicht möglich gewesen, sich dem rapiden Tempo der öffentlichen Verrohung anzupassen, eben nichts weiter übrig bleibt, als zu dreschen, wenn sie nicht selbst gedroschen werden wollen.

Als Träger dieser unerquicklichen Entwicklung sind die neuen Reichen anzusprechen, die Haifische und Goulaschbarone großen und kleinen Formates. Warum immer über sie spotten? Lächerlich sind sie sowieso. Es kommt doch schließlich darauf an, ihnen durch eine handfeste Erziehung begreiflich zu machen, daß sich mit den nun einmal üblichen Gepflogenheiten der zivilisierten Menschheit nicht ungestraft Spott treiben läßt.

Ein Fall von Tausenden: Du trittst an den Billetschalter der Hochbahn, du hältst dich nicht unnütz auf, denn deine Zeit ist kostbar. Da erhebt sich hinter dir eine Gröhlstimme und spornt dich im Jargon des Bouillonkellers zu größerer Eile an. Reichlich erstaunt blickst du dich um, erwartest weiß Gott, was für einen Rowdy, und findest dich einem elegant gekleideten Herrn gegenüber, dessen Handschuhe allein etwa den gleichen Wert haben, wie zwei Drittel deines Monatsgehaltes, nur das Gesicht nimmt sich zwischen Haarfilz und Seidenkrawatte etwas befremdlich aus.

Ich will den Verlauf eines solchen typischen Konfliktes nicht schildern. Nur endet er regelmäßig so, daß du wie ein begossener Pudel davonstrebst, verfolgt von den Koseworten des eleganten Herrn und dem unbändigen Gelächter anderer von der gleichen Sorte.

Zugegeben, daß dieser Fall ein sehr kleiner ist. Aber die Häufung beunruhigt. Überall, wo ein paar leidlich kultivierte Menschen beisammen sind, erscheint mindestens ein Gesandter von Schieberia und läßt uns seines Geistes einen Hauch verspüren. Mag er mit seinen Moneten protzen, wann und wo es ihm beliebt, denn nur ein Narr wird bestreiten, daß Geld ein Vorzug ist. Sein Mangel an Manieren und Herzensbildung jedoch ist kein Vorzug, deshalb kein Anlaß zum Protzen. Das muß ihm klar gemacht werden.

Ohne einige Gewaltanwendung geht das nicht ab. Gewaltlosigkeit mag in Arkadien am Platze sein, aber Berlin ist kein Arkadien. Wenn wir nicht nächstens selbst zu Brei geschlagen werden wollen, ehe wir auch nur einen Finger rühren können, müssen wir uns den Vorteil des ersten Schlages sichern. Wir brauchen den Fascismus der anständigen Menschen.

Berliner Volks-Zeitung, 3. November 1922

359.

Die Ära Lerchenfeld

Das Ergebnis

Als Graf Lerchenfeld, früherer Diplomat, dann Gesandter des Reiches in Darmstadt, in der zweiten Septemberhälfte des vergangenen Jahres bayerischer Ministerpräsident wurde, wirkte der sehr kultivierte und vornehm zurückhaltende Kavalier nach dem streitbar-robusten Kahr wie eine große Beruhigung; im Fluge hatte er sich selbst die Zuneigung der Linksparteien erobert. Ein halbes Jahr später bereits entpuppte sich der liebenswürdige und versöhnliche Herr als ein Moment der Beunruhigung für das Reich.

Es wäre ungerecht, ihm vorzuwerfen, er habe Komödie gespielt. Er hat stets nur das getan, was die Partei, die ihn nominierte, die Bayerische Volkspartei, von ihm verlangte. Als er nach der Kahr-Krise Ministerpräsident wurde, war die Partei abgekämpft und ruhebedürftig. Er machte infolgedessen eine Politik der gedämpften Töne, und harmlose Menschen sahen bereits die bayerische Sonderbündelei endgültig erledigt und priesen den weisen Staatsmann, der solches zuwege gebracht. Aber als im Frühjahr der Schnee auf den Bergen schmolz und in den Tälern der Bauernbub' mit neuerwachtem Mut zu fensterln begann, da gab auch die Bayerische Volkspartei die mühsam bewahrte winterliche Sprödigkeit auf und öffnete ihren rechtsradikalen und separatistischen Anbetern aufs neue Herz und Kammer. Und aus Lerchenfeld, dem freundlichen Vermittler, wurde ein scharfer Rügeredner wider das Reich und die demokratische Verfassung. Kahr war gegangen, seine Terminologie kehrte wieder.

Es ist ein stehender Vorwurf in der Münchener Presse, daß die Mitglieder der gegenwärtigen Reichsregierung einseitige Parteimänner ohne Sinn fürs Ganze seien und, selbst bei gutem Willen, auch der Bewegungsfreiheit entbehrten. Unbillig wäre es, zu bestreiten, daß der Aktionsradius des Kabinetts Wirth häufig durch die Haltung der Parteien ungebührlich verkleinert wird. Aber wenn jemand kein Recht hat, einen solchen Vorwurf zu erheben, so sind es die Organe der in Bayern herrschenden Fraktionen. Denn wenn irgendwo, so ist dort der Ministerpräsident zur Marionette einer Partei herabgewürdigt worden. Graf Lerchenfeld hat diese Rolle mit bemerkenswerter Fähigkeit zum intellektuellen Opfer und mit der Elastizität und Beharrlichkeit eines Gummimenschen durchgeführt. Er hat Sammetpfötchen gegeben, wenn seine Partei es verlangte. Er hat in dunklen Rätselworten geredet, wenn die Herren Heim und Held Zeit gebrauchten, um das Kostüm zu wechseln, und er hat Blitze geschleudert wider »Berlin«, wenn seine Auftraggeber des trockenen Tones satt waren. Er war immer nur Sprachrohr. Er entsprach durchaus dem Zerrbild des parlamentarischen Ministers in der reaktionären Legende. Er sah immer nur seine Partei. Sonst nichts.

Die Partie des advocatus diaboli war stets undankbar. Der Lohn des Teufels bleibt am Ende immer ein Tritt mit dem Pferdefuß. Bekanntlich wurde Lerchenfeld von einigen ganz wilden Rechtsgruppen, die die Politik der Volkspartei noch immer nicht kapiert haben, aufs bitterste befehdet. Die »Nationalsozialisten« verachteten ihn als Schwachmatikus. Die Art und Weise, wie man ihn jetzt zur Strecke brachte, entspricht durchaus dem sittlichen Niveau dieser Gesellschaft. Es war ruchbar geworden, daß die Gräfin Lerchenfeld als Zeugin in einem unerquicklichen Prozeß geladen war und von dem Recht der Zeugnisverweigerung Gebrauch gemacht hatte. Eine Privatangelegenheit des Hauses Lerchenfeld. Aber die Panbajuvaren mochten sich diese Gelegenheit zu einem Skandal ersten Ranges nicht entgehen lassen. Eines Tages wurde in den Münchener Straßen ein Flugblatt verbreitet, das eine genaue Darstellung des Falles unter Hinzufügung der gerichtlichen Aktenzeichen enthielt. (Beiläufig: eine nette Probe davon, wie die Justizbeamten in dem berühmten »Ordnungsstaate« ihre Amtsverschwiegenheit auffassen.) Lerchenfelds ohnehin schwankende Position erhielt dadurch, daß intime Familienvorgänge den Münchener Moralbestien zum willkommenen Fraße vorgeworfen wurden, einen unrettbaren Stoß. Die Partei tat nichts, ihn zu halten. Er hatte seine Schuldigkeit getan.

Man hat zuweilen den Einwand gehört, Lerchenfeld habe lediglich auf seinem Posten ausgeharrt, um dadurch einen noch Schlimmeren fernzuhalten. Möglich, daß wenigstens bei der Amtsübernahme solche Beweggründe für ihn in Frage kamen. Aber hat er denn irgend etwas verhindert? Ist es ihm etwa gelungen, den Einfluß der Rechtsradikalen auszuschalten? Gern sucht man nach Gefühlsgründen, um den an und für sich sympathischen Mann zu entlasten, aber es hilft nichts: er war nun einmal in allen Stücken der treue Diener seiner Partei und hat ihre Politik mit seinem Namen gedeckt. Und da sein Name guten Klang hatte, konnten die wirklichen Motive dieser Politik im unklaren bleiben, bis der Konflikt um die Schutzgesetze keinen Zweifel mehr übrig ließ. Worauf es ankommt, hat der allmächtige Heim vor wenigen Tagen unumwunden herausgesagt. Nicht die Trennung vom Reich wird ohne weiteres erstrebt, auch mit der Ausrufung der Monarchie dürfte es noch gute Weile haben. Was man zu erobern sucht, das ist die Schaffung einer staatsrechtlichen Sonderstellung, die für Bayern alle Vorteile der Reichszugehörigkeit, aber nur ein geringes Maß von Pflichten enthält. Wenn Heim pathetisch schloß: »Deutschland, dein Lager ist in Bayern!«, so bedeutet das, in die Alltagssprache übertragen, daß Bayern sich als die Rüstkammer der gesamtdeutschen Reaktion fühlt und nicht behelligt zu werden wünscht, wenn es dabei etwa mit der Verfassung und den Gesetzen in Kollision geraten sollte. Bayern will die ständige Bedrohung der verfassungsmäßigen Staatsform bleiben, die Zentrale aller monarchistischen Tendenzen, und verlangt vom Reiche die Respektierung dieser Tatsache.

Niemals hat Heim deutlicher gesprochen. Der bayerische Talleyrand, der Eisner unterstützt, die Räteregierung begünstigt und gelegentlich bei den Franzosen hospitiert hat, um dann plötzlich im Lager der Wittelsbacher aufzutauchen, weiß, daß er sich heute kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen braucht. Denn zu Vierfünfteln mindestens ist sein Programm verwirklicht. Der Zusammenhang Bayerns mit dem Reiche ist nur noch ein fiktiver. Das ist das Fazit der Ära Lerchenfeld.

Berliner Volks-Zeitung, 3. November 1922

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