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Sämtliche Schriften - Band II: 1922-1924

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band II: 1922-1924 - Kapitel 6
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band II: 1922?1924
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand II
printrun1. Auflage
editorBärbel Boldt, Dirk Grathoff, Michael Sartorius
year1994
isbn3498050192
firstpub1922-1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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340.

U.K.T.

Das bedeutet so viel wie: Untergrund-Kampf-Truppe. Man könnte auch sagen: H.K.T., aber diese Buchstaben sind seit langer Zeit für andere Zwecke okkupiert.

Auch Trambahn und Autobus sind bei weitem nicht Stätten des Friedens. Das hat die neuerliche Entwicklung des Berliner Verkehrs mit sich gebracht. Am glimpflichsten geht es noch auf der Straßenbahn zu. Der Kraftomnibus, ein flüchtiger und zappeliger Geselle, bietet keine geeignete Operationsbasis; dort bleibt die Pflege der militanten Traditionen unseres Volkes vereinzelten Spezialisten des Ellenbogens und der Absätze vorbehalten.

Anders auf der Untergrundbahn. Wenn irgendwo, so wird hier noch mit alter Gediegenheit um jeden Fußbreit gestritten. Wer um die Mittagszeit oder am Abend zwischen 7 bis 8 Uhr eine Fahrt riskiert, der kann ein Lied davon singen. Oder richtiger: geht schweigend nach Hause, um sich mit Wundbalsam einzureiben.

Wer nicht am Bahnhof Zoo von nervigen Fäusten ins Coupé gestoßen, dort angelangt, sogleich gewissenhaft weitergegeben, immer verfolgt von den Rufen des Schaffners: »Weiter vortreten, meine Herrschaften, in der Mitte ist es ja ganz leer!« ..., wer also niemals zwischen Zoo und Friedrichstraße vergeblich versucht hat, seine Fußspitzen wenigstens vorübergehend mit dem Boden in Berührung zu bringen, der wird in seinem Leben nicht den Sinn des Darwinschen struggle for life kapieren.

Das gefährlichste bleibt, daß diese erstklassige Kampftruppe durch kein Abzeichen kenntlich gemacht ist, sondern geht wie andere Christen. Friedlich wandelt alles auf der Plattform. Aber in dem Augenblick, wenn der Zug einläuft, fährt Berserkerwut in alle diese ruhigen Menschen, die Extremitäten scheinen an Zahl und Gewicht verzehnfacht, und Körperteile, die sonst weder für Angriffs- noch für Abwehrzwecke in Frage kommen, entfalten eine nie geahnte Aktivität.

Neulich ist es mir tatsächlich passiert, daß sich jemand wegen eines Rippenstoßes bei mir entschuldigte. Gerade war die Tür geschlossen worden, als es einen heftigen Ruck gab, der von einem Herrn weit hinten in der Ecke ausging, welcher behauptete, soeben einen Lackschuh verloren zu haben und sich anschickte, Recherchen vorzunehmen. Dadurch kam ein kleiner Mann hinter mir in ungewollte Bewegung, und ich hörte ein freundliches, beschwichtigendes: »Pardon!«

Ich versuchte eine bescheidene Wendung, um diesen liebenswürdigen Sonderling näher ins Auge zu fassen, doch in diesem Moment wurde die Tür mit Macht aufgerissen, und angeführt von einer wild aussehenden älteren Dame, die eine umfangreiche Einholetasche wie ein Panier über dem Haupte schwang, erschien im Eingang eine neue Heeressäule, deren Geist jeder Expert als vorzüglich anerkannt hätte.

Kurze erlöschende Proteste unsererseits. Dann schlug eine Schirmkrücke Bresche. Die wilde Dame zwängte sich hinein. Die anderen folgten. Ich rotierte ein paar Mal und sah noch, wie mein freundlicher kleiner Nachbar irgendwo unter der Einholetasche verschwand.

Dann begann der Zug zu rollen. Das bellikose Antlitz der Dame glättete sich, sie seufzte tief und sprach die geflügelten Worte:

»Ich verstehe nicht, warum die Leute so drängeln, es kommen doch alle mit ...«

Berliner Volks-Zeitung, 30. Mai 1922

341.

Die Presseprofessur

Wir Journalisten haben es nicht leicht. Von der Parteien Gunst und Haß wird unser Charakterbild in der Geschichte herumgestoßen. Für den braven Bürgersmann bedeuten wir durchweg Zigeuner mit Bügelfalten. Die amtliche Einschätzung pendelt, je nach der Situation, zwischen den beiden Gegenpolen »siebente Großmacht« und »Abiturientenproletariat«. Und Bismarck, der ja in allen Stücken großzügig war, gab sein Urteil über die Männer der Feder, die für ihn eingetreten waren, äußerst summarisch in dem bekannten Wort: »Saubere Leute arbeiten nicht für mich.«

Deshalb ist es eine angenehme Überraschung, daß einmal für uns Waisenkinder etwas getan wird. Allerdings nicht für unseren Geldbeutel, wohl aber für unsere Bildung. Es muß uns doch not tun.

Diesmal kommt das Heil aus München, wo in den letzten Jahren bekanntlich so manches startete. In einer Kommission des Landtages hat der Herr Abg. Held für die Universität München eine Professur für Zeitungswissenschaft mit Seminarbetrieb beantragt. Das ist wirklich riesig nett. Und wird vor allen Dingen den Kollegen vom »Miesbacher Anzeiger« und vom »Bayerischen Vaterland« viel Freude bereiten.

Der Zeitungsbetrieb ist heute das einzige, was noch nicht restlos akademisiert worden ist. Wo die Begabung, die schamlos genug ohne Doktorhut herumläuft, noch ein freies Feld hat. Das muß natürlich anders werden. Auch der Tagesschriftsteller muß in der Pflanzschule des Seminars an große wissenschaftliche Aspekte und eine an gelehrten Dunkelheiten reiche Sprache gewöhnt werden. Dann wird in ein paar Jahren eine neue, mit gründlicher theoretischer Vertiefung beseelte Generation in die Redaktionsräume stürmen und uns ungebildete Individuen, die wir den Ehrgeiz haben, so zu schreiben, daß wir gelesen werden, an die Luft setzen.

Aber vielleicht meint das der Herr Abgeordnete gar nicht so schlimm. Vielleicht hat er nur Sorge, ob wir unsere zahlreichen Mußestunden auch richtig und würdig auszufüllen bestrebt sind. Wir erkennen diese gute Absicht an und danken mit devotem Kratzfuß.

Und wenn wir genügend davon profitiert haben und auf der Höhe der Bildung mit Hilfe von Nachkursen nach Redaktionsschluß angelangt sind, dann werden wir uns, Snobs wie wir nun einmal sind, auch revanchieren. Dann werden wir unseren ganzen Einfluß dafür einsetzen, daß auch für die wissenschaftliche Fortbildung der Abgeordneten etwas getan wird. Wir werden nicht rasten und nicht ruhen, als bis nicht in Berlin, in München und anderswo Seminare für Abgeordnete wie Pilze aus dem Boden schießen. Denn wir sind dankbar.

Sie runzeln die Stirn? Nichts für ungut, meine Herren Abgeordneten. Auch der Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird. Und der Journalist, wenn man ihn begönnert. Lassen Sie uns für unser geistiges Wohl allein sorgen.

Berliner Volks-Zeitung, 10. Juni 1922

342.

»Der Abgrund muß überbrückt werden!«

Erhebender Verlauf der deutsch-französischen Verständigungskundgebung im Reichstage. –

Reichstagspräsident Löbe, Graf Kessler und Professor Einstein als deutsche und Minister a. D. Buisson, Abgeordneter Renaudel und die Sorbonne-Professoren Basch und Bouglé als französische Befürworter der Aussöhnung.

Der Plenarsitzungssaal des Reichstags ist überfüllt, bietet also ein ungewohntes Bild. Oben auf der Empore drängen sich Hunderte von Teilnehmern. Die Veranstaltung der Deutschen Liga für Menschenrechte zur Begrüßung der französischen Gäste hat überaus regen Zuspruch gefunden. Den Präsidentenstuhl hat heute Hellmut v. Gerlach okkupiert. Er, der bissige Oppositionsredner, versteht es glänzend, zu repräsentieren. Er vermeidet freundliche Belanglosigkeiten und billige Sentimentalitäten, wie sie bei solcher Gelegenheit leicht von der Zunge fließen. Er gibt die Losung aus: nichts vormachen, nichts vorwerfen! Sie wird befolgt. Von dem Reichstagspräsidenten Löbe, der als Hausherr gleichsam die Fremden begrüßt und das Deutschland der Arbeit feiert, das von Revanche nichts wissen will. Von dem offiziellen Redner der Liga, Grafen Harry Keßler, der unzweideutig formuliert, daß die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes die Wiedergutmachung wünsche, aber den Gedanken nicht ertragen könne, daß das, was es unter schweren Opfern leiste, zu Rüstungszwecken verwendet werde. Und nochmals spricht der Geist des freiheitlichen Deutschlands, wie Professor Oestreich daran erinnerte, daß in die ernsten Auseinandersetzungen des Mainzer Kulturkongresses jeden Nachmittag mißtönend der Trommelwirbel der französischen Wachtkompagnie fiel. Nichts vormachen, nichts vorwerfen! So entsteht eine Stimmung ernster Einmütigkeit, eine Veranstaltung ohne den leisesten Mißklang.

Von den Franzosen nimmt der greise Deputierte Fernand Buisson zuerst das Wort. Er hat die Milde des Alters und zugleich grundsätzliche Entschiedenheit. Er feiert die Religion des Rechtes und löst damit rauschende Zustimmung aus. Dann Victor Basch, zunächst in deutscher Sprache beginnend. Er ist Wissenschaftler und gibt sich in keiner Weise als Politiker. Er spricht als Mensch, der den Abgrund zwischen zwei großen Völkern beklagt, den Abgrund, in dem soviel Leid liegt. Er kennt dessen Tiefe, aber er glaubt an das »Nie wieder ...!« Seine leidenschaftliche, von Innen erschütterte Stimme bleibt der stärkste menschliche Eindruck dieses Vormittags. Nach ihm betritt, lebhaft akklamiert, Albert Einstein die Rednertribüne. Dieser heute vielleicht berühmteste Mann des Erdballs hat nichts von der Pose eines Vielgefeierten. Er sucht keine Wirkungen. Aber er löst sie aus mit seiner feinen natürlichen Überlegenheit, die keinen Prunk braucht, um sich geltend zu machen. Nach einer überaus sachlichen Rede des Juristen Bouglé macht den Schluß Pierre Renaudel, einer der bekanntesten Wortführer des französischen Sozialismus. Der körperlich scheinbar schwere Mann vom reinsten Galliertyp bringt als besondere Note die Rhetorik der Pariser Kammer in den stolzen Wallotbau, der schon viele oratorische Dauerergüsse, aber wenig kurze und kunstvoll gegliederte Reden gehört hat. Renaudel fasziniert. Er ist volles Orchester. Die Stimme schwillt an und Fanfarenklang ist darin und Trommelwirbel und rasselnde Tschinellen ... der Rhythmus der Marseillaise; und wenn er für Sekunden den Ton senkt, ist es plötzlich wie ferner Geigenton. Vergessen ist die körperliche Erscheinung. Der Mann reckt sich auf, beugt den Kopf vor wie im Sturmlauf, schleudert die Worte mit beiden Händen gleichsam ins Parkett. Ein Deutscher würde mit solchem Temperamentsaufwand unfehlbar lächerlich wirken. Hier ist nichts Gemachtes. Man ist in einen magischen Kreis gezogen, achtet nicht mehr auf Worte und Sinn. Es ist Musik. Die Musik eines anderen Volkstums, das wir im Kern nie ergründen werden. Ebensowenig wie sie unseres. Aber wir wollen als Menschen nebeneinander, miteinander leben. Wir wollen uns nicht mit Urgroßvaters Streitaxt die Schädel aufschlagen, um zu sehen, was darin ist. Denn es gibt ein größeres als Deutschland und Frankreich: – Europa!

Victor Basch hat von dem Abgrund voll Leid gesprochen. Viele werden gestern gegangen sein, verfolgt von der traurigen Melodie dieses Wortes. Aber Henri Barbusse, der Frontkämpfer der Menschheit, hat ein kleines Büchlein geschrieben: »Das Licht im Abgrund!« Ja, es ist dennoch da, es ist kein Trug. Es wird wachsen. Es wird über Schlünden und Grüften leuchten zu neuem Tag.

Berliner Volks-Zeitung, 12. Juni 1922

343.

Die 600 000 im Lustgarten

Das Gelöbnis der Berliner Republikaner

Im Reichstag lag gestern mittag ein stiller Mann, die Brust von Kugeln zerrissen, das Antlitz grausam zerstört. Die Wolken hingen tief herab, und in den ersten Nachmittagsstunden senkte sich plötzlich das weißlich graue Himmelszelt und löste sich in gewaltigen Regenfluten. Zugleich aber strömten in das riesenhafte Viereck zwischen dem Alten Museum und dem Schlosse ungeheure Menschenmassen, füllten die Stufen des Museums und des Doms, scharten sich um die Granitschale und um das Denkmal des ewig lächelnden Landesvaters, standen in engen Reihen um die Schloßmauern, überschatteten in ihrer Vielheit die klotzigen Figuren der Begas-Menagerie gegenüber dem Schloßportal. Und immer wieder zogen durch die Zugangsstraßen unter roten und schwarzrotgoldenen Fahnen fest geschlossene Kolonnen deutscher Republikaner, Arbeiter und Bürger, um heilige Verwahrung einzulegen und Sühne zu fordern für den schändlichen Meuchelmord an einem Manne, den die Politiker der Entente, vor denen er noch vor wenigen Wochen in Genua Deutschlands Recht verteidigte, einen der größten Staatsmänner Europas nennen, während das dankbare Vaterland für ihn andere Bezeichnungen hatte ...

Wer ist noch sicher in Rom, wenn er es nicht war? Wie einst nach der Ermordung des großen Cäsar, so zitterte gestern auf unzähligen Gesichtern diese Frage. Verstärkt durch die Nuance innerer Verdrossenheit: Kommen wir denn immer nur zusammen, um unsere Toten zu begraben? Sind denn unsere Fahnen heute nicht mehr als Bahrtuch für das jeweilige Opfer? Vor einem Jahre Erzberger, diesmal Rathenau, – wer wird der Nächste sein? Wir sind es müde, zu protestieren und lebende Bilder zu stellen. Wir wollen Taten! Und ein starkes Echo findet das Wort eines Redners, der von der einzigen Einheitsfront spricht, die es in dem seelisch zerfetzten Deutschland gibt: – der Einheitsfront der Gemordeten!

Das Unwetter läßt nach. Der lächelnde König ist schwarzrotgold bewimpelt, über der Granitschale schaukelt ein schwarzer Mannequin mit weithin sichtbarem Hakenkreuz in grotesker Feierlichkeit. Die Stimmen der Redner schallen und verhallen. Es geht ja nicht um Worte und Programme. Wir wissen, weshalb wir hier sind. Eine unsichtbare Kette hält uns aneinander geschlossen, uns Menschen aus fünf, sechs Parteien. Wir wollen uns reinigen vom Pesthauch der Mordhetze, wir wollen wieder ein sauberes Deutschland. Wir wollen die Republik, unsere Republik nicht von gewissenlosen Nichtskönnern und Nichtstuern demolieren lassen...

Da dröhnt Sturmgesang von der gewaltigen Museumstreppe. Das sind die Arbeiterchöre, dicht aneinandergepreßt, mit entblößten Häuptern. Eine Riesenwolke von Menschenleibern, ein unübersehbares Meer von Gesichtern. Sie singen die alten Kampfstrophen der Partei. Es hat einen übermenschlichen Klang in dieser Stunde. Es ist, als ob die grauen Steine singen, die Bäume, die Erde selbst. Die Sehnsucht der Menschheit singt. Um den toten Rathenau brausen die Streitlieder des Proletariats. Über Partei und Klasse siegt das Menschliche.

Dieses Volk ist nicht verloren!

Die Erregung zittert nach, auch nachdem die Massen sich gelockert haben. Lange nachher noch diskutieren die Gruppen im Lustgarten, in den benachbarten Straßen.

Es war ein gewaltiges, unerhört aufrüttelndes Schauspiel, das dieser Sechshunderttausend. Es war mehr als ein Schauspiel. Es war eine Befreiung aus dem Blutbann dieser letzten Jahre.

Ich nehme eine Gewißheit mit mir: der schuftige Pfeffersack, der diesen Mord finanzierte, der das Auto bezahlt hat und die Kostüme und die Pistolen und die Auslandspässe und das Gabelfrühstück zur Stärkung der traurigen Helden, der hat für die Sammlung der deutschen Republikaner, für die Einigung der Sozialisten mehr getan, als Jahre papierner Propaganda.

Berliner Volks-Zeitung, 28. Juni 1922

344.

Das Urteil gegen Leoprechting

Die kleinen und die großen Diebe

In dem Hochverratsprozeß gegen Leoprechting wurde bekanntlich auf lebenslängliches Zuchthaus und dauernden Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt. Das Urteil fordert zu einer nachträglichen Kritik heraus.

Die Redaktion

Der Mann, den dieser furchtbare Spruch trifft, ist kein Märtyrer, kein von seinem Dämon ins Kriminelle getriebener Idealist. Ein blutjunger, unreifer Mensch, von krankhafter Geschäftigkeit erfüllt, ein Aufschneider und Gernegroß, der sich einen Offizierstitel zulegte, der ihm nicht zukam und mit einem Orden prunkte, auf den er kein Anrecht hatte. Er hat vielen Herren gedient und von allen Geld genommen und alle verraten. Er gehörte einer monarchistischen Organisation an, mimte den Demokraten und verfertigte für die französische Gesandtschaft Separationspläne. Das Gesamtbild ist das eines Anspach ohne dessen Begabung und bösartigen herostratischen Humor. Die Frage ist nur, ob die Wirkung dieser obskuren und unerquicklichen Persönlichkeit als so gefährlich eingeschätzt werden darf, wie es geschehen ist. Der Angeklagte sei, so heißt es in der Urteilsbegründung, ein gewissenloser Vaterlandsverräter, ein infamer, ehrloser Schurke. Die einzig angemessene Strafe sei der Tod durch das Schafott oder den Strick. Angesichts dieser durch den neubayerischen Zeitungsstil nicht unbeeinflußten Sprache des Urteils erscheint es doch notwendig, den so lebhaft moussierenden Wein der Münchener Justitia ein wenig zu verdünnen. Leoprechting ist ein Konfusionär und Projektenmacher; wie hoch er von seinem französischen Auftraggeber bewertet wurde, zeigt aufs deutlichste seine elende Besoldung. Zu irgendwelcher Bedeutung ist er nirgends gelangt, und seine Pläne sind längst Makulatur. Will an dieser Jammergestalt das Münchener »Volksgericht« die Reichstreue Bayerns demonstrieren? Wir sind überzeugt, daß zu solchem Unterfangen geeignetere Objekte vorhanden sind als dieser früh verdorbene Jüngling mit dem hochadeligen Namen. Den Nährboden seiner Phantastereien bilden die Zustände in Bayern, wie sie sich unter dem Regime Kahr herausgebildet haben. Die moralisch Verantwortlichen sind die Kahr, Heim, Pittinger, Kanzler, die Kamarilla im Ringhotel, die Rosenheimer Verschwörergilde, alle jene dunklen Konventikel, die seit Jahr und Tag mit dem Gedanken der Lostrennung vom Reich und der Vereinigung mit Salzburg und Tirol spielen, und nicht nur spielen! Hat nicht Herr Dr. Heim, wie ihm von Erzberger vorgeworfen wurde, mit der französischen Generalität verhandelt? Wo der große Heim liebte, konnte der kleine Leoprechting nicht hassen. In der schwülen Luft der Ära Kahr-Pöhner, zwischen Herrn Escherich und dem Northcliffe-Mitarbeiter Ludendorff, da verwirrten sich seine geringen Verstandeskräfte und seine sicherlich ebenso zu dimentären Anstandsbegriffe. Er hat gefrevelt und Strafe verdient, harte Strafe. Aber diese kalte Hinrichtung geht über das Maß alles dessen hinaus, was jemals von einem deutschen Gerichte in einem solchen oder ähnlichen Falle erkannt wurde. Wenn diesem Urteil das Odium des Justizmordes genommen werden soll, hat die bayerische Justiz die Pflicht, mit gleicher Unerbittlichkeit gegen alle vorzugehen, die in gleichem Maße oder noch ärger der Schande bloß sind als der unselige Hubert von Leoprechting.

Berliner Volks-Zeitung, 13. Juli 1922

345.

Die vertagte Krise

In Deutschland wird eine akute politische Krise dadurch behoben, daß man die Entscheidung aussetzt. Aus diesem Grunde leiden wir seit mehr als einem Jahre an einer latenten Krise, die Arbeitskraft und Entschlußfähigkeit der verantwortlichen Personen lähmt. Die letzten Wochen boten eine kaum jemals wiederkehrende Gelegenheit zu einer harten, aber heilsamen Austreibung der im Verborgenen wühlenden Krankheitsgeister. Der Entschluß der Fraktionshäupter, bis zum Herbst nicht davon zu reden und gelegentlich einmal daran zu denken, entspricht mehr dem in den Couloirs und Kommissionszimmern herrschenden Ferienbedürfnis als dem Wohle und der Sicherheit der Republik. Der Reaktion ist der seit Wochen erste Sieg zugefallen, kampflos hat sie ein Gelände besetzt, das ihre Gegner gar nicht einmal zu betreten wagten.

Es ist eine alte Geschichte, daß es in der Republik niemals mehr Republikaner gibt, als wenn sie einmal energisch geworden ist. So war es in Frankreich nach der Liquidierung der Dreyfus-Affäre. Die Royalistenbanden, die vorher Straße und Ämter beherrscht hatten, waren plötzlich wie weggefegt und überall tauchten statt dessen »nationale Republikaner« auf, die mehr laut als aufrichtig ihre glühende Liebe für die gestern noch mit Kot beworfene Republik an den Tag legten. Das ist durchaus kein neuer Vorgang, wir selbst haben ja nach dem 9. November und dem Abzug der Kappisten ähnliches erlebt. Wenn eine bis an den Rand der Katastrophe geduldige Regierung unerwartet offensiv wird, tritt bei den Unentschlossenen, Lauwarmen und Abwartenden gewöhnlich ein Stimmungsumschwung ein, und sie, die bis dahin in scheinheiliger Neutralität verharrten, kommen in hellen Haufen herbei, um ihre Ergebenheit zu beteuern und ihre Talente in den Dienst des gefährdeten Staates zu stellen. Durchweg kommen eher zu viel als zu wenig von diesen unsicheren Kantonisten. So ist es immer gewesen und wird es immer sein. Daß man aber bei uns von Anfang an, anstatt das zu tun, was die Situation erforderte und wofür alle Voraussetzungen vorhanden waren, nämlich: einen festen Linksblock zu bilden, die kostbaren Kerle selbst heranholte, um nur recht viele von der Sorte zu bekommen, das ist ein Geschehnis von so einzigartiger Deutschheit, für das sich bei keinem anderen parlamentarischen Volke der Erdkugel auch nur ein einziges Vorbild findet. Am 25. Juni schien die Republik eine junge Riesin, fähig, Bäume zu entwurzeln und frühgealterten Parteien neue Lebenskräfte zuzuführen. Aber wenige Tage später bedeutete Rathenaus Opfertod nicht viel mehr als der Anlaß zu »großen Koalitionen«, bürgerlichen »Arbeitsgemeinschaften« und ähnlichen Retortengeschöpfen.

Schließlich blieb selbst die Entschlossenheit zum Kompromiß auf halber Strecke liegen, und der Reichstag geht in die Ferien, ein großes Vakuum hinterlassend.

Wer hat den Vorteil von diesen langen unerquicklichen Verhandlungen? Die offenen und geheimen Reaktionäre. Die Deutschnationalen fühlen sich abermals vollkommen sicher. Sie beteuern lächelnd ihre Verfassungstreue, und in vier Wochen werden sie mit gutem Gewissen auch auf diesen Luxus verzichten können. Die Deutsche Volkspartei aber ist, infolge des Übereifers der Führer des Zentrums und der Demokraten, zur wichtigsten Partei geworden. Warum hat man die Herrschaften nicht ein bißchen zappeln lassen? Sie wären schon von selbst gekommen. Statt dessen kann sich Herr Stresemann heute stolz in die Brust werfen; man hat es ihm ja tagtäglich attestiert, daß er zur Rettung der Republik unentbehrlich sei; gutgelaunt nahm der Vielgewandte die ihm feierlich überreichte phrygische Mütze entgegen, um sie in den Schrank zu tun, wo schon ein wohlassortiertes Lager von Kopfbedeckungen in allen Farben vorhanden ist. Der einzige Leidtragende bei dem ganzen Hin und Her aber ist, das hat die »Frankfurter Zeitung« mit Recht festgestellt, der Reichskanzler Wirth. Herrn Dr. Wirth ist die Initiative entzogen, seit sein Kabinett zu einem Aufteilungsobjekt für die Parteien degradiert wurde. Er ist heute nicht mehr der Chef der Regierung, sondern der Fraktionskollege der Zentrumsabgeordneten, über dessen weitere Verwendung der Vorsitzende Herr Marx zu entscheiden hat. So endet die ganze Kampagne, anstatt mit einer Stärkung, mit einer empfindlichen Schwächung der Regierung. Und das wenige Wochen nach jenem Tage, an dem die Worte des Kanzlers einen Widerhall in den breiten Volksmassen fanden, wie er seit dem Hingang August Bebels keinem deutschen Politiker mehr beschieden war.

Gewiß, wir haben jetzt Sondergesetze zum Schutze der Republik. Aber wer garantiert für kräftige und zweckmäßige Durchführung, wenn die Regierung eingeschüchtert ist und die Parteien, durch ihre Leistungen übermäßig erschöpft, sich Ferien bewilligen, in der etwas naiven Zuversicht, daß auch die Probleme, die sie einige Zeitlang ernsthaft behelligten, nun auch in die Ferien gehen?! Es kommt ja gar nicht in erster Linie auf die Schutzgesetzgebung an. Hauptsache ist eine resolute Geste des Parlaments. Man muß wissen, daß es den Willen zur Klarheit hat. Der Reichstag war entrüstet, leidenschaftlich, republikanisch enthusiasmiert, aber er verstand nicht, aus dieser Stimmung eine Tat werden zu lassen und scheidet nun unter Hinterlassung eines umfangreichen und bis auf weiteres papierenen Gesetzes und, wie gesagt, eines ausgedehnten Vakuums. Werden die beunruhigten, aber nicht auseinandergesprengten Rechtsterroristen nicht die Versuchung fühlen, dieses Vakuum mit neuen Heldentaten auszufüllen? Müssen sie nicht aus dem Kuddelmuddel der letzten Woche den Schluß ziehen, daß der Republik eine Parteikombination wichtiger ist als ihre Existenz? Vielleicht werden wir bald wieder mit schwarzumflorten Fahnen auf die Straßen ziehen können. Aber dann werden die Verwünschungen nicht mehr den Deutschnationalen allein gelten, sondern allen jenen Parlamentsgrößen ohne Unterschied der Partei, die nur dann munter werden, wenn die Mordwaffe verhetzter Schuljungen unersetzlichen Verlust geschaffen hat, und denen alle Erregung nur dazu dient, um nachher um so intensiver weiterzuschlafen. Es ist eine traurige, aber notwendige Erkenntnis: für wesentliche Teile des deutschen Bürgertums und ihre Führer ist die einzige Reliquie von 1848, die für sie noch Bedeutung hat – die Nachtmütze.

Berliner Volks-Zeitung. 19. Juli 1922

346.

Der Fall Judith

Im deutschen Reichstag, in dem bekanntlich Kunstverständnis und literarisches Wissen niemals eine der gedeihlichen Abwicklung der Geschäfte hinderliche Rolle gespielt haben, hat kürzlich ein glühender deutscher Patriot französischer Deszendenz die Geschichte von Judith und Holofernes als Beweis dafür angeführt, daß das Judentum von altersher sich des politischen Mordes als Kampfmittel bedient habe.

Wäre der Herr Abgeordnete etwas besonnener, so würde er es vermeiden, sein Beweismaterial aus jenen mythologischen Zeiten zu holen, deren Überlieferung sich überall als ziemlich wesensgleich darstellt. Auch die ehrwürdigen Gestalten der Vorzeit haben einander nichts vorzuwerfen. Ob Indien, Ägypten, Hellas oder Island: in den Jugendtagen der Menschheit galten nirgends die Stipulationen der modernen Kriminalgesetze.

Gegenüber der Legion von Göttinnen und Heroinen aller Zungen und Zonen kann die Witwe aus Bethulien noch als reines Unschuldslamm betrachtet werden. Daß sie den Bedroher ihrer Vaterstadt und Schänder ihrer Ehre mit einem glänzend intendierten und prachtvoll ausgeführten Hiebe abtat und alsdann den Kopf in den Pompadour steckte, um damit ihren Mitbürgern zu imponieren, daß sie, wie gesagt, erst nachher zur Waffe griff, ist nicht etwa jüdisch, sondern weiblich. Judith repräsentierte nicht dem Babylonier gegenüber den jüdischen Gedanken, sondern die Frau. Beim weiblichen Geschlecht klappt die Rache immer besser als die Verteidigung.

Politiker und Magistratspersonen sind durchweg schlechte Frauenkenner. So kam es, daß wegen des glücklichen Endeffektes ihrer Tat die Witwe des Manasse in den Augen der von großen Ängsten befreiten Bethulier augenblicklich übermenschlichen Wuchs gewann. Wenn 2500 Jahre später die Sagazität eines deutschen Parlamentariers hinter dem Fall Judith noch immer politische Motive wittert, so mag das als Beweis dafür gelten, daß Menschen und Staaten zwar vergehen, aber Irrtümer bleiben. Die Addition sämtlicher Mißverständnisse von Anbeginn aber nennt man: Weltgeschichte.

Berliner Volks-Zeitung, 23. Juli 1922

347.

Münchhausen contra Berolina

Der Freiherr Börries v. Münchhausen, nicht zu verwechseln mit seinem berühmteren Namensvetter, der sich bekanntlich an seinem eigenen Zopf aus dem Sumpfe gezogen hat, Börries v. Münchhausen also, der beliebte Sänger ritterlicher Lieder, hat einen Aufruf veröffentlicht für die Loslösung Hannovers von Preußen. Er ist Dichter, wenn auch ein sehr geringfügiger. Und da er nun einmal Dichter ist, argumentiert er nicht politisch, sondern mehr ethisch. Er will sein Hannoverland nicht am Berliner Geist verderben lassen:

»Preußen war gewiß einmal das Herz und die Faust Deutschlands, – nur dieses Preußen von vorgestern meinen alle seine Lobredner, wenn sie von Preußens Wert sprechen. – Aber das Preußen von heute ist leider mehr und mehr ›Berlin‹ geworden. Und Berlin bedeutet: Widerlichste Schieberwirtschaft, brüllende Kulturlosigkeit, Lächerlichmachung des parlamentarischen Ideals, grenzenlose Eitelkeit und Veräußerlichung.

Alle ehrlichen Kerle aller Parteien, alle fleißigen Arbeiter aller Berufe, alle anständigen Menschen verachten diese Stadt und den in ihr verkörperten Begriff.«

Der im balladesken Stile wohlerfahrene Poet führt eine kräftige Sprache. Wenn einer Schelt- und Polterrede jemals überzeugende Kraft innewohnen könnte, müßte das hier der Fall sein. Aber außer einigen hannoverschen Kompatrioten, die sich einmal irgendwo in der Jägerstraße übers Ohr hauen ließen, wird der freiherrliche Kapuziner keinen Menschen wirklich überzeugen, mag er auch noch so viele zum Mitschimpfen verleiten. Denn die heute beliebte Verwünschung Berlins geschieht stets mit einem rollenden und einem listig zwinkernden Auge.

Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es hohl klingt, muß es dann immer im Buch sein? fragt Lichtenberg. Ich ergänze: wenn eine Stadt und ein Mensch sich vorübergehend finden und der Mensch mit peinlicher Erinnerung scheidet, muß dann immer die Stadt daran schuld sein? Und wenn Herr X. aus Y. kurze Zeit nach seiner Rückkehr aus Berlin den Spezialarzt konsultieren muß, trägt dann wirklich Berlin allein die Schuld?

Wir kennen die Weise und den Text: Berlin ist ein Schiebernest, kulturell ein Greuel, seine Schutzgöttin, die dicke Berolina, ein feiles Frauenzimmer. Wir kennen das Geweimer. In München, der Metropole der Sittenreinheit, begann es. Und dann echote es in allen deutschen Gauen. Und deshalb kann auch Hannover nicht schweigen. Und deshalb öffnet sich der liederreiche Mund seines Dichters zu wüstem Geschimpfe. Geben wir also Hannover schleunigst aus dem preußischen Staatsverbande frei. Nach einem Jahre wird dort ein neues Arkadien entstanden sein, der letzte Schieber wird seinem moralisch minderwertigen, aber lukrativen Gewerbe entsagt haben und im Schweiße seines Angesichtes Zuckerrüben anbauen, und wer noch eine einzige Prostituierte in Aktion zu finden glaubt, der zahlt 100 Mark an die Armenkasse. Wegen leichtfertiger Verleumdung eines blühenden und tugendhaften Gemeinwesens.

 

Eine Stadt ist kein abstrakter Begriff, sondern eine Summe menschlicher Wesen, eine ungeheuerliche Multiplikation menschlicher Eigenschaften. Und in Berlin ist in seiner Entwicklung seit Reichsgründung kein Platz mehr mit individueller Physiognomie, sondern ein Spiegelbild der ganzen Nation, nur Extrakt Alldeutschlands. Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt, von überall her sandten seit Jahrzehnten die einzelnen Stämme ihre Repräsentanten, um auf diesem fremden Territorium ihr Glück zu versuchen. Ist das Ganze faul geworden, nun, so lag es nicht allein an dem Boden, sondern auch an denen, die ihn bestellten.

Wäre das Leben so romantisch und patriarchalisch wie in den Balladen und Romanzen des Herrn v. Münchhausen, so würde ich mir einen Vorschlag gestatten. Auch mir behagt nicht der bisherige Zentralismus, das heißt die Zentralisierung aller deutschen Untugenden auf einem Fleck, nämlich Berlin. Es gefällt mir nicht, daß Berlin für ganz Deutschland Markt und Absteigequartier abgeben muß und zum Dank dafür nachträglich Babylon genannt wird. Man schicke also in einem für diesen Zweck näher zu bestimmenden Zeitraum einen jeden, der dazu beigetragen hat, das sittliche und kulturelle Niveau der Reichshauptstadt zu drücken, sofern er von auswärts gekommen ist, postwendend in seine Heimatstadt zurück. Dann machen die autochthonen Berliner in Zukunft ihre eigenen Dummheiten, was ihnen niemand verwehren kann, und die Länder erhalten zugleich die schmerzlich vermißten Söhne und Töchter zurück. So erhält jeder das Seine.

Das ist natürlich völlig utopisch. Aber alle Freunde eines gesunden Föderalismus werden gebeten, sich an diesem Projekt zu berauschen.

Berliner Volks-Zeitung, 27. Juli 1922

348.

Deutschland und Frankreich

Das Zentralproblem

Ein paar Monate vor dem Kriege, als die kommenden Ereignisse schon ihre unheimlichen Schatten über Europa warfen, rief in der französischen Kammer ein Deputierter demonstrativ: »Es lebe Deutschland!« Und im deutschen Reichstag antwortete ein junger sozialistischer Abgeordneter: » Vive la France!«

Kurze Zeit darauf war der Krieg da und beendete vierzigjähriges gegenseitiges Mißverstehen mit einer Katastrophe. Und im Sommer 1919 war das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich schlimmer als etwa im Sommer 1871. Und so ist es geblieben seitdem.

Es ist ein Irrtum anzunehmen, daß zwischen den beiden Nationen nichts weiter trennend liegt als die wirtschaftlichen Stipulationen des Versailler Friedens. Daß alles in schönster Ordnung sein wird, wenn einmal dieses unselige Paragraphennetz unbrauchbar gemacht. Beide Nationen sind zur Feindschaft gegen einander erzogen. Das Kontagium überreizter nationaler Ideologien wühlt in ihrem Blut und beschleunigt ihren Pulsschlag. Oft haben sie im Laufe der Jahrhunderte ihre Kräfte gemessen. Sie haben ritterlich auf Schlachtfeldern gegeneinander gekämpft, und in Zeiten der Waffenruhe weniger ritterlich alle Minen der Politik springen lassen. Ihre Dichter besingen eine streiterfüllte Vergangenheit. Ihre Bildung ist durchsetzt von bellikosen Elementen. Eine Tradition, teils ehrwürdig, teils niederträchtig, hat das Bild des »Erbfeindes« geformt. Auch wenn der Wille zum Vergessen ehrlich besteht, damit allein ist eine lange Vergangenheit nicht abgetan. Und dieser Wille ist nicht einmal vorhanden. Im Gegenteil, man wühlt mit wahrer Wollust in alten Wunden. In Zeitungsartikeln, in Flugschriften, in den Werken der Geschichtswissenschaft, auf Kathedern und Kanzeln wird mit grausamer Genauigkeit immer wieder aufgezeigt, was einer dem andern im Laufe der Jahrhunderte zugefügt. Mit der Beschwörungsformel des Hasses werden die Toten aus den Gräbern geholt. Zwischen zwei Völker, d.h. zwischen lebende Menschen, die arbeiten wollen und müssen, wenn sie leben wollen, drängt sich ein Geisterzug von ungeheuerlicher Länge, und wo von Versöhnung gesprochen wird, da schlingt sich um die Friedfertigen ein Reigen der Gehässigkeit und in den Hetzreden beider Kriegsapostel rollt gespenstisch das Echo der Kanonen von Waterloo und Sedan.

Unerörtert soll die Frage bleiben, ob es Blutsfeindschaft zwischen Völkern gibt. Ob die Konfliktskeime geheimnisvoll in den Seelen haften, oder ob aller Zwiespalt verursacht wird durch unerbittliche ökonomische Gebote. Zwischen Deutschen und Franzosen besteht im Ernst solcher Haß nicht. Es ist gleichsam ein Haß par distance, ein Haß, romantischer Gefühlsverwirrung entsprungen, genährt von verjährten kriegerischen Vorstellungen, die im Zeitalter der Maschine ins Museum gehören, und von einer Schulweisheit, die zum Abgestorbenen immer bessere Beziehungen hatte als zum morgenfrischen Leben. Wo sich Deutsche und Franzosen begegnen und für kurze Weile der historischen und politischen Bürde ledig zu sein verstehen, spinnt Allgemein-Menschliches dichte Fäden und bildet sich das Bewußtsein, daß hier zwei Brüder sich finden, die jahrhundertelang verschiedene Pfade gewandelt sind und von einander nichts mehr wissen. Fast jeder Franzose, der mit seinen Augen Deutschland kennen gelernt hat, revidiert seine alten Vorstellungen und an die Stelle der bösartigen Karikatur, der patriotardischen Legende, tritt das Bild eines in manchen Stücken bizarren, aber im tiefsten Grunde fleißigen und ordnungsliebenden Volkes, das bei aller Schimpferei auf undeutsches und fremdstämmiges Wesen doch nicht verhehlen kann, wie sehr es durch fremdes Volkstum beeindruckt und wie leicht es dem verführerischen Glanze fremder Kulturen tributpflichtig wird. Das Drama der großen französischen Revolutionsgestalten hat kein Franzose gedichtet, sondern der Deutsche Georg Büchner, die Tragödie des bonapartistischen Imperialismus der Deutsche Grabbe und kein noch so leidenschaftlicher französischer Patriot hat den Geist der napoleonischen Armee mit solchem Feueratem hinströmen lassen, wie der Rheinländer Heine:

Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab,
viel Schwerter klirren und blitzen;
dann steig ich gewaffnet hervor aus dem Grab,
den Kaiser, den Kaiser zu schützen!

Und als der Erbe des Melodienreichtums der deutschen Romantik, als Robert Schumann diese Strophe vertonte, da gab er nicht aus Eigenem, sondern wählte den französischen Rhythmus der Welt – den der Marseillaise.

Feindliche Brüder, die durch ein Jahrtausend Leid über Leid gehäuft haben, und die doch in Augenblicken erstaunt erkennen, wie sehr sie einander gleichen. Der Geschichtsverlauf beider ist tragisch, jedesmal wenn eine menschliche Annäherung erfolgte, schwangen infame Buben die Brandfackel, die Waffen klirrten, die Zerfleischung begann von neuem, und selbst der Friede war gewöhnlich nicht mehr als die Lust am Wehetun. Die Journale aber führten den Krieg, wenn auch mit anderen Mitteln, weiter. Mit perfider Exaktheit bewies der eine des andern Minderwertigkeit. Aber das Sein eines jeden Volkes ist nicht eine einzige, erhabene Höhe wie in der vaterländischen Legende, sondern wechselweise Berg und Tal, Acker und Ödland, Sumpf und Schlucht. Die Deklaration der Menschenrechte hat der Menschheit mehr gegeben als die Emser Depesche, aber Rathenaus Genueser Rede ist ein zukunftsträchtigeres Dokument als der Versailler Frieden. In Frankreich zeugen zertrümmerte Provinzen von der Unerbittlichkeit des Ringens, aber in den Rheinlanden halten französische Bataillone Paraden ab und verziert man die Landschaft mit Kasernenbauten. In Deutschland kündigen verantwortungslose Großmäuler die Vergeltung dafür an, und in Frankreich wieder schnappen kongeniale Erscheinungen begierig darauf ein und prophezeien die Vergeltung der Vergeltung. Es ist eine Kette ohne Ende: eine Torheit wird mit der andern wettgemacht. Die Besonnenen aber ringen ratlos die Hände vor diesem Gaukelspiel mit dem Leben zweier Völker.

Es gibt nur einen Weg zur Rettung. Das ist: daß unter die Vergangenheit, unter die blutbefleckte Geschichte von Jahrhunderten ein Schlußstrich gemacht und alle jene vielfachen und verworrenen Beziehungen der Gegenwart unter eine Norm gestellt werden – unter die des Rechtes. Das deutsch-französische Problem muß den Bereichen der ausschließlich den Gefühlen entspringenden Politik mit ihren tausendfältigen gefährlichen Verästelungen entzogen und auf den Boden einer vielleicht erkältenden, aber nach Zeiten der Gluthitze äußerst wohltätigen trockenen Sachlichkeit gestellt werden. Die Ansätze dazu sind längst vorhanden, und wir wären sicherlich schon weiter, wenn nicht gewisse Politiker, störrisch wie Maulesel, stets das Weitergehen versagen wollten, wenn ein neuer Scheideweg sich zeigt. Desto stärker tritt an die Völker die Aufgabe heran, das Gespann der Staaten in diesem Sinne zu lenken. Denn die breiten Massen in Frankreich haben ebensowenig Sehnsucht nach einer großen militärischen Aktion zur Unterdrückung und Zerfetzung Deutschlands, wie unsere eigenen Volksgenossen nach dem Revanchekrieg. Nur darf dieser Wille nicht nur gelegentlich in großen Demonstrationen eruptiv zutage treten, sondern muß sich zu einer eindeutigen und stetigen politischen Form verdichten. Nicht um die Erzielung von Sympathieadressen in großen Intervallen handelt es sich, sondern um die Schaffung einer sachlichen Basis, einer neutralisierten Plattform, auf der alle wirtschaftlichen und politischen Zwiespalte ohne störende Ressentiments ausgetragen werden können. Und wenn die Herren Poincaré und Helfferich mit schmerzlichem Bedauern die Stimme des Hasses in diesem Chorus vermissen, desto besser. Es wäre der Beweis, daß zwei große und wunderbare Nationen endlich, endlich aus ihrer Geschichte gelernt haben.

Berliner Volks-Zeitung, 30. Juli 1922

349.

Das Moskauer Todesurteil

Die politische Bedeutung des Prozesses

Der Beschluß des allrussischen zentralen Exekutivkomitees hat folgenden Inhalt: Im Falle der zur höchsten Strafe verurteilten Angeklagten gilt das Urteil als bedingt bis zum Verzicht der Verurteilten auf den Kampf gegen die Sowjetmacht. Die bedingte Verurteilung hat den Wert einer Garantie. Die Angeklagten Semjenow und Kenoplewa werden von der Strafe befreit.

Mit der Verkündung des Urteilsspruches in dem großen Moskauer Prozeß hat eine der seltsamsten Justizaktionen der neuen Geschichte ihr Ende erreicht. Es ist außerordentlich schwer, zu Einzelheiten Stellung zu nehmen, da die durch die kommunistische Presse verbreiteten »Informationen« nicht gerade als klassisch angesprochen werden können. So bleibt für den unbefangenen Beobachter als Ergebnis nur, daß sich die Sozialrevolutionäre in einem heftigen Kampfe gegen das Sowjetregiment befanden, einzelne Gruppen wohl auch die bewaffnete Intervention propagierten und sich an den bisherigen militärischen Unternehmungen beteiligten, daß aber kaum ein Beweis für die Berechtigung des Verfahrens gegen Gotz und Genossen vorliegt. Für die Moskauer Machthaber boten die Aktionen der in der Verbannung tätigen Sozialrevolutionäre nur den willkommenen Vorwand, den Rest der sozialistischen Opposition in dem angeblichen kommunistischen Staatswesen zu erdrosseln. Für die Diktatoren im Kreml war eine solche Kampagne um so notwendiger, als auf die Dauer auch die allmähliche Wiederaufrichtung des kapitalistischen Systems denjenigen Arbeitern in Mittel- und Westeuropa, die bisher auf den Sowjetstern schworen, nicht ganz unbekannt bleiben konnte. Es kam also darauf an, die Blindgläubigen von gewissen kompromittierenden Konzessionen an die Bourgeoisie abzulenken und eine neue Kategorie von »Sozialverrätern« zu schaffen. Das ist, soweit es sich um die Leser der »Roten Fahne« handelt, über die Maßen gelungen, ob in England und Frankreich der gleiche Erfolg eingescheffelt werden wird, mag dahingestellt bleiben. Wenigstens hat die gesamte radikalsozialistische Intelligenz der Westmächte sich dem Protest Gorkis angeschlossen, und diesen Appellen sowie den leidenschaftlichen Aufrufen der beiden sozialdemokratischen Internationalen mag es zuzuschreiben sein, daß zwar das Todesurteil gefällt wurde – dieses Opfer mußte schon der fanatisierten Straße gebracht werden –, andererseits aber auf die Aufschiebung der Exekution erkannt wurde. Damit hat man einmal der Stimmung außerhalb Rußlands wenigstens in bescheidenem Maße Rechnung getragen, zum andern aber sich für die »Bravheit« der sozialistischen Emigranten Garantien verschaffen wollen. Aus den Angeklagten sind Geiseln geworden – wohl noch niemals hat ein politischer Prozeß einen so absurden und zugleich perfiden Ausgang genommen. In der gleichen Zeit, da Sowjetdiplomaten bei Bankiers und Staatsmännern der verruchten Demokratien antichambrieren, in den Salonwagen ihre Bauernkittel à la Tolstoi mit Smokings und Cuts vertauschen und ihre verwegenen Revolutionstollen dem Coiffeur zur Angleichung an die westliche Zivilisation anvertrauen, fällt das Moskauer Direktorium nochmals in jene Methoden zurück, die seinen Namen traurig berühmt gemacht und die harmlose Seelen in Berlin und anderswo für überlebt halten. Eine ebenso grausame wie törichte Staatsallmacht hat eine neue Mauer um das verhungernde Land aufgerichtet. Vieles, was in Genua und im Haag erreicht wurde, ist illusorisch gemacht worden. Das ist die traurige Bedeutung dieses Urteils.

Berliner Volks-Zeitung, 11. August 1922

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