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Sämtliche Schriften - Band II: 1922-1924

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band II: 1922-1924 - Kapitel 16
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band II: 1922?1924
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand II
printrun1. Auflage
editorBärbel Boldt, Dirk Grathoff, Michael Sartorius
year1994
isbn3498050192
firstpub1922-1924
correctorreuters@abc.de
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440.

Wie der Ruhrkampf verloren ging

Es ist die eigenartige Tragik des deutschen Volkes, daß es nach seinen allergrößten Kraftanstrengungen immer wieder erkennen muß, daß es nicht nur gegen einen übermächtigen Feind, sondern gegen die Logik der Tatsachen selbst gekämpft hat. Der Krieg ist verloren gegangen, weil er von vorherein nicht zu gewinnen war. Weil er im September 1914 bereits ebenso verloren war wie im Oktober 1918. Weil die einzige Chance eines Sieges gelegen hätte in der Vermeidung des Kriegs. Auch der Ruhrkampf hätte nur gewonnen werden können durch Verhinderung des französischen Einmarsches. Die Regierung Cuno aber erleichterte es Poincaré in unverantwortlicher Weise, eine deutsche Rechtsverletzung zu konstruieren. »Sie sollen nur einmarschieren«, hatte einst in der Nationalversammlung der schwerindustrielle Herr Hugenberg in einem offenherzigen Augenblick gesagt. Nach dieser frivolen Losung handelten Cuno und seine Ratgeber.

Dennoch wäre es möglich gewesen, den katastrophalen Ausgang zu vermeiden, wenn rechtzeitig ein bestimmtes und im Reiche der Möglichkeiten liegendes politisches Ziel gesteckt worden wäre. Aber man beschränkte sich auf nebelhafte Allgemeinheiten. Man nährte die Hoffnung, als könnten die Franzosen durch den passiven Widerstand allein zum Rückzug genötigt werden. Man ließ die Sottisen der Rechtsparteien unwidersprochen ins Land gehen, als bedeute das französische Vorgehen nicht nur einen Riß durch sämtliche Reparationsprogramme, sondern auch das Ende des Friedensvertrages. Der passive Widerstand, der nach seiner ganzen Art nur Mittel zum Zweck sein konnte, nur Unterstreichung einer deutlich umrissenen politischen Methode, wurde Selbstzweck. Die ganze Politik der Wilhelmstraße bestand in Erwartung des »Wunderbaren«. Aber nichts geschah. Die englische Intervention blieb aus. Herr v. Rosenberg saß am leeren Schreibtisch und wartete geduldig wie ein steinerner Buddha. Herr Cuno las alle Quartale, wenn der Reichstag einmal zufällig beisammen war, eine seiner pathetisch bewegten Reden vor. Und die genügsamen Reichsboten gingen nach Hause, der patriotischen Freude voll, daß die »Ruhrfront so schön feststand«. Und der Reichsfinanzminister stopfte eine Milliarde nach der andern in diese Front. So blieb schließlich nur die Fiktion eines Kampfes bestehen. Eines Kampfes, der am Ende mehr gegen die Reichsfinanzen ging, als gegen die Franzosen. Daß der passive Widerstand scheiterte, lag nicht daran, weil er, wie heute vielleicht behauptet wird, eine pazifistische Waffe war, sondern weil er, ohne jede politische Unterstützung, nach Ablauf der ersten Monate überhaupt den Charakter einer Waffe verlieren mußte. Daß es so kam, ist nicht allein die Schuld der unfähigen und unehrlichen Cuno-Regierung. Ist nicht allein Schuld der tatenlosen Parlamentsparteien. Ist ebenso die Schuld des ganzen Volkes, das sich willig belügen ließ und mit kritiklosem Behagen die albernen Bulletins und Manifeste jener tapferen Birkenbaumkrieger schlürfte, die in amtlichen und privaten Pressestellen es sich bei reichlichen und täglichen Dotationen aus den Reptilienfonds der Rhein- und Ruhrhilfe wohl sein ließen. So wie man früher »Panama« sagte, wird man künftighin »Ruhr« sagen.

Es braucht nicht versichert werden, daß dieses Ende jeden Deutschen, der sein Vaterlandsgefühl nicht nur auf der Zunge trägt, aufs tiefste schmerzen muß. Denn trotzalledem war die Zeit des Abwehrkampfes reich an großen und tapferen Episoden. Unendlich waren die Leiden der Bevölkerung, und diszipliniert war ihre seelische Haltung, so lange sie glaubte, vertrauen zu dürfen. Was hätte man mit diesen prächtigen, von einem selbstverständlichen Patriotismus erfüllten Menschen nicht erreichen können, wenn man ein Ziel gezeigt, wenn man eine Idee in den Kampf geworfen hätte? Herr Ludendorff hat mit der bestdisziplinierten Armee der Welt den größten militärischen Zusammenbruch der Weltgeschichte erreicht. Der ihm an Politikfremdheit völlig ebenbürtige Herr Cuno hat mit der Brille des Herrn Helfferich vor den Augen das deutsche Volk zum drittenmal an die Marne geführt. Und es gab Narren, die davon träumten, die Ruhr könnte für die Franzosen zur Beresina werden!

Das Kabinett Stresemann hat unter diesen Umständen nicht mehr zu tun, als die Politik der früheren Regierung zum Gerümpel zu werfen. Sie kann den wirkungslos gewordenen passiven Widerstand nur aufgeben wie eine lästige Hemmung. Ihre Schuld ist es nicht, wenn über den Verhandlungen, die sie anstrebt, ein trüber Stern steht. Wäre die passive Resistenz von Anfang an als eine taktische Waffe gedacht gewesen und nicht als ein mit Papiergeld gepolstertes Lotterbett, so wäre der Kampf zu einem strategisch günstigen Moment liquidiert worden, in einem Augenblick, wo diese Liquidation ein gewisses Übergewicht verschafft hätte. Daß dieser Kampf aber hinausgeschleppt wurde bis zum Beginn der kalten Jahreszeit, bis zur radikalen Erschöpfung aller moralischen und wirtschaftlichen Reserven, das ist ein Meisterstück an Ungeschicklichkeit und mangelndem Augenmaß, das die verantwortlichen Personen des Kabinetts Cuno in jedem parlamentarischen Staate auf dem ganzen Erdenrund rettungslos auf die Anklagebank bringen würde. Nur in Deutschland scheint man nicht zu erkennen, daß es auch einen Grad von Dummheit gibt, der das Schwert des Gesetzes herausfordern muß. Deshalb ist nichts verbrecherischer und lügenhafter, als der Vorwurf gegen die gegenwärtige Regierung, sie habe die »Kapitulation« ausgesprochen. Nein, sie hat das getan, was allein für sie zu tun übrig blieb. Ein Werturteil über sie abzugeben, ist es noch zu früh. Erst die Art und Weise, wie sie die Verhandlungen führt, wird zeigen, was sie zu bieten vermag.

Das Spiel ist zu Ende. Wir wollen ehrlich zugeben, daß wir es verloren haben. Legenden von einem Verrat sollen und dürfen nicht wieder aufkommen. Über einen neuen Akt der deutschen Tragödie ist der Vorhang gefallen. Die Akteure schminken ab, der Souffleur klappt sein Buch zu und geht nach Hause. Das Publikum entfernt ich. Einige Unzufriedene fordern ihr Eintrittsgeld zurück, aber die Kasse ist längst geschlossen. Das Licht erlischt...

Berliner Volks-Zeitung, 27. September 1923

441.

Der Weg ins Freie

Die große Koalition ist über Nacht gesprengt worden. Es ist traurig bezeichnend für Deutschlands parlamentarische Verhältnisse, daß sie nicht einem politischen Elementarereignis zum Opfer gefallen ist, sondern einem Stürmchen in den fraktionellen Wassergläsern. Die Regierung auf »breitester parlamentarischer Grundlage« ist dahin. Statt dessen wird eifrig Stimmung gemacht für ein »Direktorium« auf schmalster Grundlage, das heißt: auf der Grundlage der Bajonette. Die »nationale Diktatur«, die Sehnsucht aller offenen und vermummten Royalisten, steht in greifbarer Nähe. Einerlei, ob gleich jetzt ein ehrgeiziger Gamaschenknopf das Unternehmen mit seinem Namen decken oder zunächst noch einen Strohmann im schlichten Bürgerrock vorschicken wird. Die große Entscheidung ist da. Auf der einen Seite Parlamentarismus, Demokratie, Staat von Volkes Gewalt und Willen – auf der anderen Seite Diktatur, Fascismus, Mussolini-Kopie, Willkür. Es ist schlimm, daß die Demokratie an ihrem Siege zweifelt. Von allen Seiten schreit man es ihr zu, daß sie ja eigentlich gar nicht mehr lebe, daß sie längst tot sei. Und so wird sie an ihrer eigenen Existenz irre. Wie jemand, der in einer Jahrmarktsbude sein verzerrtes Bild in Hohlspiegeln erblickt und zwischen Lachen und Erschrecken schließlich nicht mehr weiß, wie die Linien seines Körpers verlaufen.

Um dem staatszerstörenden Treiben zu wehren, ist die Ausnahmeverordnung erlassen worden. Sie ist eine schwere und scharfkantige Waffe – für eine starke Hand, für ein Auge, das sein Ziel kennt. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß es an Schwungkraft und Weitsicht gefehlt hat. Was ein Zeugnis der Stärke sein sollte, droht ein beschämendes Eingeständnis der Schwäche zu werden. Das parlamentarische Kabinett geht, aber der Ausnahmezustand bleibt. Der Pfeil fliegt zurück und trifft den ungeübten Schützen.

So drängt sich die Frage auf: Hat die Demokratie überhaupt noch Aktivposten, sind tatsächlich alle verfassungsmäßigen Faktoren erschöpft? Wir glauben allen widrigen Umständen zum Trotz nicht, daß wir Veranlassung haben, sang- und klanglos die Waffen zu strecken. Man spricht heute wieder sehr viel von dem » Kabinett der Persönlichkeiten«. Diese Formel ist im parlamentarischen Leben wohlbekannt. Sie wird immer dann gern gebraucht, wenn die Parteien müde sind oder aus taktischen Gründen es vorziehen, die neue Marke nicht mit ihren diskreditierten Etiketten zu decken. Es liegt eine eigene Ironie in der Tatsache, daß gerade diese Kollektionen von »Persönlichkeiten« in ihrer Färbung fast durchweg ans Aschgraue grenzen und auf zehn Kilometer gegen den Wind Langeweile transpirieren. Sollte man etwa zur Beruhigung der erregten Gemüter jetzt vorhaben, irgendein parlamentarisches Pharaonengrab auszubuddeln, so muß von vornherein schärfster Widerspruch erhoben werden. Mit an und für sich vielleicht noch recht gut erhaltenen Mumien läßt sich die Diktaturgefahr nicht beschwören. Es geht jetzt nicht mehr um Verzögerungsversuche, sondern um ganz klare Entscheidungen. Es ist besser, die Demokratie tritt zeitweilig in den Hintergrund, als daß sie sich nochmals in der Weise karikiert, wie sie es im Cuno-Kabinett ärgerlichen Angedenkens getan hat.

Viele Menschen glauben heute, daß die große deutsche Krankheit nur noch mit Säbel und Kürassierstiefel zu behandeln wäre. In einer fast komischen Verwirrung überschätzt man die Attribute und vergißt darüber den Menschen. Was bedeutet ein gleichgültiger General in Bismarcks Stiefeln? Es kommt auf den Kerl an und nicht auf die Stiefel. Was wir brauchen, sind nicht Symbole, sondern lebendige Menschen.

So alt wie die deutsche Republik ist auch der Ruf nach unkompromittierten Männern, nach Jugend, die ihre natürlichen Eigenschaften in den Querelen politischen Kleinkrieges noch nicht eingebüßt hat. Es ist eine alte Erfahrung: in Zeiten großer Umwälzungen müssen die Führenden und Repräsentativen, wenn sie nicht durch besondere Qualitäten unbedingtes Vertrauen erwecken, wenigstens durch einen Zauber die Massen an sich binden. Diesen Zauber kann nur die Jugend geben. Was jetzt vor unseren Augen abwirtschaftet, das ist nicht ein System, auch nicht ein politisches Programm, sondern eine Generation. Eine Generation, die sicher mit gutem Willen und Verantwortungsgefühl manche Bürde auf sich genommen hat, die aber seit mindestens zehn Jahren im Effekt stets von Niederlage zu Niederlage geführt hat.

Die deutsche Demokratie ist jung, aber ihre Führer sind abgenutzt. Wenn die Parteien ihre Tore öffnen und ihren frischen Kräften, die überall vorhanden sind, die Bahn freigeben wollten, wir brauchten jetzt über eine Krise des Parlamentarismus nicht zu jammern. Wenn aber die Methode der Ochsentour weiter geht, wenn »Regierungsfähigkeit« nach wie vor beschränkt bleibt auf einen Kreis gesalbter Honoratioren, dann darf die Demokratie sich allerdings nicht wundern, wenn das Volk sich endlich einmal bedankt für das ranzige Odeur, das von seinen »Vertretern« ausgeht und in seiner Ratlosigkeit schließlich auf die alte Parole des Edlen v. Kröcher hereinfällt: »Dumm, aber stark!« Denn Stallgeruch ist erquicklicher als der Dunst der Verwesung. Und eine tapsige, aber kräftige Pfote sympathischer als eine routinierte, aber verweichlichte und blutleere Hand!

Berliner Volks-Zeitung, 5. Oktober 1923

442.

Bayern will den Bruch

Die Amtsenthebung des meuternden Generals von Lossow, eine Vermittlungsaktion und das Echo: Bayern setzt den Gehorsamsverweigerer eigenmächtig als »bayerischen Landeskommandanten« ein – Die Stunde der Reichsexekutive

In Bayern regiert seit drei Wochen ein »Generalstaats[kom]missar« ostentativ gegen die Verfassung. Der Kommand[eu]r des dortigen Wehrkreises aber erklärt, daß er lediglich [die]sem »Generalstaatskommissar« zu gehorchen habe und seine [Vo]rgesetzten in Berlin ihm im Mondschein begegnen könnten.

Frage: Was tut das Reich?

Antwort: Es entsendet Verstärkungen nach Sachsen.

Als vorgestern in später Abendstunde die offene Auf[lehn]ung des Herrn v. Lossow bekannt wurde, da wußte man, [daß] jetzt die Entscheidungsstunde gekommen war, daß es für [das] Reich kein Zurück mehr gab. Inzwischen ist ein Tag ge[kom]men und gegangen und man hat erfahren, daß nun[meh]r endlich das Absetzungsdekret in München überreicht [sei]. Zugleich aber sickern dunkle Gerüchte durch [übe]r Vermittlungsversuche. Wir sind die letzten, die [eine]r Politik der Verständigung widerstreben, [und] billigen deshalb durchaus, daß der Reichswehrminister zu[näc]hst nicht den autoritativen Weg wählte, sondern, um [inn/größ]ere Konflikte zu vermeiden, den General Kreß von Kressen[stein] als Vertrauensmann entsandte, um auf Herrn Lossow [einz]uwirken. Aber alle Geduld hat eine Grenze. [Seit] dreieinhalb Jahren führen die jeweiligen Münchener Re[gier]ungsmänner einen zähen und unglaublich hinterhältigen [Kam]pf gegen das Reich. Seit dem März 1920 ist Bayern das [Arse]nal der Konterrevolution, die deutsche Vendée. Hier [ist] das Hauptquartier aller Geheimverbände und Refugium [recht]sradikaler Mörder und Rebellen. Mit einer Nachsicht, [die] politisch sein sollte, nachträglich aber unverantwortlich er[schei]nt, haben alle bisherigen Reichsregierungen dieses Problem [beha]ndelt. Die Regierung Stresemann steht nunmehr einem [Bay]ern gegenüber, das durchaus sich der Sprache und Methode [eine]r auswärtigen Macht bedient. Wenn diese Dreistigkeit nicht [bekä]mpft, wenn nicht ein für allemal die Regierung Knilling [und] ihr Generalstaatskommissar zur Achtung der Ge[setz]e gezwungen werden, dann wird in einer Woche vielleicht [das] Deutsche Reich, Bismarcks Schöpfung, ein kläglicher Torso [sein].

In Niederschönenfeld schrieb der eingekerkerte Ernst Toller die [ahn]volle Phantasie vom »deutschen Hinkemann«. [So]ll der arme Krüppel, dem eine Kugel sein [Ges]chlecht zerschmetterte, zum Symbol des [De]utschen Reiches werden?

Wir sind ja mitten auf der traurigen Fahrt dahin. Es [ist wi]e in den romantischen Tagen des »Götz von Berlichingen«, [als] der Ritter gegen die Stadt kämpfte, die Stadt gegen den [Bisch]of, der Bischof gegen den Markgrafen und alle zusammen [gege]n das Reich. Und wenn man liest, daß nationalsozialistische Banden schwer bewaffnet an der thüringischen Grenze [erschi]enen und dort Biwak bezogen, in dem Städtchen Hirsch[berg] aber zur Verstärkung der Polizei »Hundertschaften« ins [Gew]ehr traten, wirkt das nicht wie ein unholder Traum aus deutscher Vergangenheit, wie ein Ausschnitt aus einer vergilbten Stadtchronik? Man denkt unwillkürlich an das alte Lied:

Die Hussiten zogen vor Naumburg,
über Jena her und Camburg,
auf der ganzen Vogelwies'
sah man nichts als Schwert und Spieß ...

Vom Torturm gellte das Horn. Der friedliche Bürger schlüpfte in den ungewohnten Harnisch, holte den Morgenstern aus der Lade und putzte die Arkebuse.

So war es damals ...

Die Ankündigung, daß das Reich nicht jeden Affront der Münchener Miniaturherrgötter ruhig hinnehmen würde, hat in dem dortigen Zeitungsbestiarium rauhe Töne hervorgerufen. Zunächst trompetete der Kriegselefant der »Münchener Neuesten Nachrichten« los, dann stimmten die kleinen Schakale der Kampfverbände heulend ein, die Miesbacher Borstentiere grunzten drohend, und die Hitlerschen Esel sträubten die respektablen Ohren und stießen ihr altes Kampfgeschrei aus. Behutsamer als diese Menagerieprachtstücke geht die » Bayerische Staatszeitung« vor. Sie versucht den Abbruch der Beziehungen zum Reichswehrminister lediglich als eine Demonstration gegen die Politik einer Person hinzustellen. Sie vergißt nur, oder will vergessen machen, daß diese eine Person eben jetzt der Inhaber der Exekutivgewalt ist und daß die Brüskierung dieser Person eben auch die Brüskierung des Reiches bedeutet. In diesem Punkte darf es kein Vertuschen geben.

 

Die deutschnationale Presse außerhalb Bayerns erkennt natürlich wie jeder Mensch, daß Herr v. Lossow ein schweres Attentat wider die Grundbegriffe der militärischen Disziplin verübt hat. Das ist ihr natürlich sehr unbequem, und deshalb versucht sie abzulenken. Das Opfer ihrer Entlastungsmanöver heißt: Sachsen. Wir wissen, daß die Verhältnisse dort, wie überall in Deutschland, sehr zu wünschen übrig lassen. Die Koalition von Sozialdemokraten und Kommunisten erscheint auch uns als ein gewagter Versuch. Aber das geht in erster Linie die Sozialdemokratische Partei an. Für alle anderen muß es genügen, daß die Regierung Zeigner-Böttcher auf der Basis der parlamentarischen Majorität gegründet ist. Es ist weder die Verfassung noch das demokratische Prinzip verletzt worden. Wenn die neugebackenen kommunistischen Minister sich in Versammlungsreden nicht von ihrer alten Terminologie befreien können, bleibt das sehr zu bedauern, aber es scheint uns, daß die Öffentlichkeit über genügend Organe verfügt, um die Herrschaften zu belehren, daß ein verantwortlicher Politiker nicht wie ein hemmungsloser Straßenagitator zu sprechen hat. Wir trauen dieser Pädagogik doch eine stärkere Intensität zu als den Briefen des Herrn Generals Müller, ob diese nun in geschlossenem Kuvert an einen bestimmten Adressaten gehen oder sich öffentlich plakatiert »An Alle!« wenden. Es sind wirklich Briefe, die es nicht erreichen. Daß nämlich Ruhe und Ordnung einzieht und die aufgeregten Geister ein wenig zur Besinnung kommen. Wenn etwas zu diesem löblichen Ziele nicht beiträgt, so ist es der spezifisch militärische Jargon, über den dieser sicherlich durchaus loyale General in so bedenklichem Maße verfügt.

Von reaktionärer Seite wird gesagt, es sei ein Skandal, wenn Bayern mit Sachsen auf eine Stufe gestellt werde. Wir stimmen dem, wenn auch aus anderen Motiven, durchaus zu. Es ist in der Tat ein starkes Stück, daß man Unruhen, aus sozialer Depression heraus entstanden, und gewisse gouvernementale Ungeschicklichkeiten auf eine Stufe stellt mit bewußten Aktionen im separatistischen, monarchistischen, jedenfalls reichsfeindlichen Sinne.

Es kann bei der Wiederherstellung der Ordnung in bestimmten sächsischen Bezirken und bei der Abwehr der offenen Angriffe der bayerischen Gewalthaber gegen die Autorität des Reiches sich lediglich um die eine Frage handeln: wer versündigt sich bewußt gegen des Reiches Einheit, wer will die Republik zerstören?

Wehe, wenn die Reichsregierung, auf eine krumme Kompromißlinie abgedrängt, diese Grundfrage auch nur für einen Moment aus dem Auge verlieren sollte!

Die Bestallung des aufsässigen Generals v. Lossow zum » Landeskommandanten« beweist aufs strikteste, daß Kahr die Verständigung nicht will. Möglich, daß den Knilling und Schweyer bei dem Gedanken an die Konsequenzen nicht ganz wohl ist. Aber sie haben selbst ihre Abdikation ausgesprochen, als sie den ränkesüchtigen Reaktionär mit diktatorischer Gewalt versahen oder sich von ihm diese Befugnisse abtrotzen ließen. Immer klarer wird es, daß die Ernennung Kahrs nicht mehr war als der erste Akt eines großangelegten Staatstreiches. Auf welche Hilfsquellen außerhalb Bayerns die Herrschaften rechnen, ob sie Poincarés Segen erwarten, ob sie eine Erhebung aller illegalen Verbände in Norddeutschland in ihre Kalkulation eingestellt haben, wissen wir nicht. Aber eins wissen wir, daß ihre Hoffnungen wie nasser Schnee im warmen Winde dahinschmelzen werden, wenn das Reich augenblicklich handelt und nicht weiter mit sich Schindluder treiben läßt. Geschieht das nicht, dann ist vielleicht noch nicht die Stunde der allgemeinen monarchistischen Restauration gekommen, wohl aber der Beginn einer völligen Anarchie. Dann wird wie in den Tagen des Faustrechtes jeder kleine Dorfhäuptling die Gesetze des Reiches mit Füßen treten. Und mag tausendmal dann der Chef des unseligen Restes sich hilfesuchend an die Welt wenden und seinen guten Willen beteuern zu jeder Erfüllung, das Echo wird immer nur antworten: Verspielt, verspielt, verspielt!

Berliner Volks-Zeitung, 21. Oktober 1923

443.

Die Mode der Herren der Schöpfung – vor 100 Jahren

Der bekannte Fürst Pückler, der wie die nach ihm benannte Eisbombe mit Schlagsahne bezeugt, einen so guten Geschmack besaß, darf sich auch rühmen, in Modedingen ein »arbiter elegantiarum«, ein Richter des guten Geschmacks, gewesen zu sein. In seinen Briefen aus England berichtet er, daß der letzte Chick der Londoner Stutzer von 1827 darin gesucht werde, ein Bein langgestreckt über das andere zu legen und den Fuß dabei in der Hand zu halten. Es war dieselbe Zeit, wo der Kavalier in Wien sein in weißen Pantalons steckendes Bein bei der Spazierfahrt durch den Prater über den gelben Wagenschlag hinauszulegen pflegte, und wo, wie alte Berliner Bilder zeigen, die preußischen Gardeoffiziere gleichfalls reine Bein-Exzentrics gewesen sind.

Der Pickwickier-Klub, von dem Dickens so launig schreibt, bevorzugte die Nankinghose zum grünen oder blauen Frack. In der Hand trugen diese eleganten Herrschaften einen dickrolligen Regenschirm. Barttracht waren die Koteletten über den steifen »Vatermördern«. Ein Kostümbuch aus dem Jahre 1825, das sich »Westend Charakters« nennt und von Richard Diphton in London herausgegeben wurde, zeigt uns all jene robusten Landedelleute, Type Rostbeef, die geradezu dem John Bull der Witzblätter Modell gestanden haben: sie tragen den Wanst in grauem Faltenschoßrock über blauen Hosen eingeknöpft und einen weit abstehenden Shawlkragen. Sie ziert außerdem ein Mähnenkopf, der »Lion«, und wie Herrchen – so der Pudel, der auf jenen drolligen Bildern, die uns die Herrenmode vor hundert Jahren widerspiegeln, gleichfalls Löwenfrisur und geschnittene Volant-Ponpons an den Fesseln tragen mußte.

Berliner Volks-Zeitung, 21. Oktober 1923

444.

Trotz alledem!

Die Mobilisierung der Republikaner

Nun wäre es auch in Berlin endlich soweit. Was bisher zu den Eigenarten der bayerischen Ordnungszelle gehörte, hat nunmehr auch in der Reichshauptstadt die ersten Schmutzwellen in Bewegung gebracht: die Pogromhetze hat ihre Erfolge gezeitigt, aus der Propaganda ist die Tat geworden. Es ist dem völkischen Riffraff endlich gelungen, die soziale Unterwelt in den erwünschten Aufruhr zu versetzen. Segnend hebt in Wolkenhöhen Lichtgeist Ahlwardt die von allen irdischen Schmiergeldflecken geläuterten Hände.

Eine Frage drängt sich auf: wie konnte es so weit kommen? War es nicht nach den jahrelangen Bemühungen der rechtsradikalen Pressekrapüle fast an den Fingern abzuzählen, wann die böse Saat aufgehen würde? Der Staat hat das durch Jahre mit großer Gelassenheit ertragen. Kein Ausnahmezustand, der für die charaktervolle Presse so viele Hemmungen mit sich brachte, hat die antisemitischen Giftspritzen in ihrer munteren Tätigkeit behindert. Wenn man dereinst die Geschichte dieser Republik schreibt, dann wird das längste Kapitel von ihren Unbegreiflichkeiten handeln. Und dazu gehört noch manches andere, z.B., wie man jetzt den konzentrischen Angriff der Reaktion aufzufangen trachtet.

Das Organ des Reichskanzlers, die » Zeit«, hat vorgestern das Anerbieten republikanischer Organisationen, den zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung verpflichteten Instanzen zu Hilfe zu kommen, etwas unwirsch abgewiegelt. Inzwischen sind solche Appelle ergangen von seiten des Deutschen Republikanischen Reichsbundes, der Demokratischen Partei, der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften. Der amtliche und halbamtliche Optimismus wird also auf der Linken nicht recht geteilt. Für die Bereitwilligkeit, das Vaterland gegen Rebellen zu verteidigen, sollte eigentlich eine freundlichere Antwort fällig sein. Eine kaiserliche Regierung wäre in einer solchen Situation ohne Zweifel psychologischer vorgegangen. Wenn das gegenwärtige Rumpfkabinett glaubt, die Gefahr ohne Sukkurs der republikanischen Volksmassen beschwören zu können, so ist das seine Sache. Unsere aber ist es, trotz alledem wachsam zu bleiben!

Das Schlimmste, was dem ohnehin gefährdeten republikanischen Gedanken widerfahren könnte, wäre eine weitere Verdrossenheit an der Republik. Und dieses bedenkliche Gefühl wird durch nichts mehr genährt als durch wirkliche oder auch nur scheinbare Tatenlosigkeit. Die jungen Menschen unserer Tage – und an wen sollte sich wohl die Republik mit mehr Fug wenden? – ersehnen ein stärkeres Lebenstempo. Leider fehlt es unserem Amtsstil dafür so gänzlich an Verständnis. Was diese Zeit verlangt, ist ungebrochene Tatkraft und Mut, zur Sache zu stehen. Wer das hat, der hat auch Deutschland. Nimmt man aber z.B. das von Reichspräsidenten und Reichskanzler gemeinsam unterzeichnete Manifest: – Wo ist da das Wort, das wie Hammerschlag dröhnt? Gleichgültige konventionelle Redensarten, die gemächlich vorüberplätschern. Nicht eine Silbe, die haften bleibt. Haften bleibt überhaupt nur, daß in diesem Aufruf zur Verteidigung der Republik völlig das Wort »Republik« fehlt. Was bedeutet das? Will man denn noch immer die Gefühle der Monarchisten schonen? Es ist nur zu begreiflich, daß unter diesen Umständen der Glaube an die in den Reichsministerien schlummernden republikanischen Energien nicht in die Wolken wächst.

Dazu kommt noch das peinigende Bewußtsein, daß Kräfte verzettelt und wertvolle Potenzen zurückgestoßen werden, deren man gerade in dieser Stunde bedürfte. Wenn etwas notwendig ist, so die geschlossene republikanische Front. Herr Stresemann aber, dem die Münchener Presse ein Ende mit Schrecken prophezeit und den Herr v. Kahr im plumpester Weise brüskiert, setzt nunmehr durch den plötzlichen Einmarsch in Thüringen den unseligen Zweifrontenkrieg fort, der im Falle Sachsen bereits zur Sprengung der Großen Koalition geführt hat. Herr Stresemann mag es ja taktisch klug halten, durch ein schroffes Vorgehen gegen die Sozialisten die abtrünnig werdenden Teile seiner Partei neu an sich zu fesseln. Aber es dürfte ihm kaum gelingen, die Rechte damit zu versöhnen, denn der ist nicht mehr mit einem volksparteilichen Platzhalter gedient, die will nicht mehr, wie unter Cuno, hinter den Kulissen regieren, die fühlt sich heute kräftig genug, um die praktische Ausübung ihrer Diktaturtheorien zu versuchen. Der Reichskanzler wollte einst eine Politik der Sammlung betreiben. Heute gibt er das Signal zu einer ungeheuerlichen Zerfaserung. Das Republikanertum hat in Thüringen eine zahlenmäßig nicht starke, aber eine tapfere und moralisch intakte Vorhut gegen den bayerischen Fascismus gesehen. Nun wird dort plötzlich eine Ordnung wiederhergestellt, die nirgends ernsthaft gefährdet war. Während Ehrhardt und Hitler Nordbayern in ein Heerlager verwandeln, muß die Reichswehr damit befaßt werden, die »proletarischen Hundertschaften« der thüringischen Bevölkerung zu entwaffnen, die übrigens einen rein defensiven Charakter hatten und niemals so provozierend in Erscheinung getreten sind wie gelegentlich die sächsischen. Mit den Münchener Gewalthabern aber wird nach wie vor durch das Medium des Herrn v. Preger verhandelt, und Herr v. Lossow führt als kleiner Wallenstein mit seiner Reichswehr, die noch immer das Reich bezahlt, Paraden vor Rupprecht auf. Eiserne Faust für Sachsen und Thüringen, Samtpfötchen für Kahr. Wahrhaftig: man macht es den Republikanern schwer, nicht an der Qualität ihrer Sache zu verzweifeln.

Und trotzdem ist es zu begrüßen, daß überall die republikanischen Parteien und Verbände am Werke sind, um die zunehmende Verstimmung zu verscheuchen und alle Bereitwilligen zu sammeln. Vielleicht wiederholt sich das Schauspiel von 1813. Als damals alle gekommen waren, kam schließlich auch der König. Wenn alle Republikaner jetzt gekommen sind, dann wird am Ende hoffentlich auch die Republik kommen.

Berliner Volks-Zeitung, 7. November 1923

445.

Götzendämmerung

Das Novemberfest in der Ordnungszelle

Der Hitler-Ludendorff-Putsch hat eine schnelle und verhältnismäßig schmerzlose Erledigung gefunden. Das Gespenst der nationalsozialistischen Aktionen hat seine Drohung verloren und ein unbändiges Gelächter beantwortet allerorten den Komödienakt im Bürgerbräusaal. Dennoch muß vor leichtfertig optimistischer Beurteilung der gegenwärtigen Situation sehr dringend gewarnt werden. Denn mag Hitler tausendmal als Vogelscheuche entlarvt sein, die Herren Kahr und Lossow haben ihn nicht zum Gerümpel geworfen, um der Republik zu dienen oder in Bayern verfassungsmäßige Zustände wiederherzustellen. Sie haben ihn außer Betrieb gesetzt wie einen Automaten, den sie selbst angekurbelt haben und den sie nun nicht mehr brauchen. Denn Hitler und Ludendorff waren die Abgötter versteckter Terroristenkliquen, aber Herr v. Kahr ist nicht nur der Treuhänder Rupprechts, sondern auch der erklärte Liebling der ganzen deutschen Reaktion, die durchaus kein Interesse daran hat, einen wirren Straßendemagogen wie Hitler, der sich nicht ohne Wirksamkeit einer primitiven antikapitalistischen Phraseologie bediente, zum deutschen Diktator zu erheben. Noch vor wenigen Tagen weilte der Leiter der Berliner vaterländischen Verbände, der wohlbekannte Herr Geisler, in München, um von einem verfrühten Losschlagen abzuraten. Wäre der Putsch von Reichs wegen, das heißt: von den Streitkräften des Reiches, niedergeschlagen worden, so könnte man von einem Siege der Republik und von einer wirklichen Entspannung reden. So aber ist nur ein ärmlicher Popanz zerstört worden, aber die tatsächliche Macht geblieben. Deutlicher und schärfer noch als gestern liegt heute der Kontrast zwischen den Plänen Kahrs und den Grenzen der Verfassung und der Demokratie zutage.

Dieser Tatbestand darf nicht verdunkelt werden, wenn wir uns nach kurzem Hoffnungstraum vor schrecklichem Erwachen sichern wollen. Das bayerische System, mit seinen Reservatrechten und Reservatdummheiten bisher auf eine bestimmte Ecke des Reiches beschränkt, droht zum Programm der gesamten diktaturlüsternen Reaktion zu werden. Noch immer bestehen die illegalen Verbände im Reiche. Noch immer besteht die Möglichkeit für die Deutschnationalen und ihre masochistisch pervertierten Anbeter vom Maretzky-Flügel der Volkspartei, mit diesem Instrument einen wirksamen Druck auf jede Reichsregierung auszuüben, die, wie die gegenwärtige, nur zu geneigt ist, den Wünschen der sogenannten »nationalen Bewegung« ein williges Ohr zu leihen.

Was jetzt in München vor sich gegangen ist, das kann in diesem Zusammenhange wie der Prolog einer ungeheuerlichen Tragikomödie vom kläglichen Verfall und lächerlichen Sterben des deutschen Reiches aufgefaßt werden. Denn die Posse im Bürgerbräu hat als Autor jenen Kahr, der in diesem Falle als Zensor seines eigenen Werkes gewirkt hat. Eine seltsame Doppelrolle! Aber es muß festgehalten werden: ohne Kahr kein Hitler, ohne den Sieg der Ordnungskämpen vom März 1920 nicht der törichte Novemberputsch von 1923! [Eine] eindringliche Warnung für das ganze deutsche Volk[, für die]jenigen besonders, die am Parlamentarismus vorübergehend irre geworden, aus Resignation heute drauf und dran sind, sich dem Diktaturprinzip zu verschreiben. Denn was sich hier im kleinen bayerischen Rahmen abspielte, das wird sich, wenn das System Kahr siegt, im größeren Rahmen des ganzen Reiches wiederholen. Nur daß die Entwicklung nicht drei Jahre gebrauchen und die Lösung nicht so humoristisch gefärbt sein wird, wie jetzt in München. Die Folgen der berühmten Ordnungspolitik haben sich in hellstem Glanze gezeigt. Kein wüster Anarchist hätte demolierender wirken können, als es der philiströse wittelsbachische Bureaukrat v. Kahr getan hat.

Und noch etwas anderes. In Zeiten wie diesen pflegt die Moral nicht schwer ins Gewicht zu fallen. Wie in geschäftlichen Dingen geht man in der Politik mit kurzem Achselzucken über die einfachsten Gebote von Anstand und Sittlichkeit hinweg. Gerade deshalb muß es in dieser Stunde gesagt werden, daß das, was seit langem und, zumal in den letzten Tagen, unter dem »christlich-nationalen Kurs« in Bayern vor sich ging, ein so scheußliches Gemengsel von Eidbruch, Treulosigkeit und Doppelzüngigkeit war, daß sich jeder Mensch, dessen Gewissen nicht zur Müllgrube geworden ist, mit Schaudern davon abwenden muß. Man mag über Ludendorff und Hitler denken wie man will, aber wenn jener Kahr öffentlich mit ihnen fraternisiert und treu-deutsch ihren Handdruck erwidert, um dann hinaus zu gehen, und mit seinem Lossow, dessen Auffassung über Eidespflichten auch heute noch eine höchst individuelle zu nennen ist und der auch nicht gegen seine Bestellung zum Reichswehrminister protestiert hat, gemeinsam die Schlinge für die Bundesbrüder knüpft, so ist das, um die Wendung des Grafen Pestalozza im Fuchs-Prozeß zu gebrauchen, vielleicht kein politischer, jedenfalls aber ein menschlicher Hochverrat. Ein gütiges Schicksal bewahre uns vor Politikern, deren geistige Rüstkammer ausschließlich aus solchen Ränken und Finten besteht.

Und Ludendorff selbst, der Heros, der Übermensch, der sich anmaßte, die Geschicke des deutschen Volkes in seine Hand zu nehmen? Der Götze ist gefallen. Zurück bleibt ein Monomane von sturer Verbissenheit, ohne Weitblick, ohne Hirn, ohne Herz. Der Mann, der sich einbildete, Weltgeschichte machen zu können und sich doch stets als der ausgefallenste aller Politiker erwies, schließt seine Laufbahn als Spießgeselle eines unfreiwillig komischen Psychopathen, den seine marktschreierische Beredsamkeit geradezu zum Ausrufer beim Oktoberfest prädestiniert. Ludendorff an Hitlers Seite! Es ist, als ob sich ein gealterter Don Juan an der Seite einer längst verblühten Schönheit spreizt; er glaubt Triumphe zu feiern, – aber die Welt lächelt über das verrückte Paar.

Am 9. November wollte Ludendorff Hochgericht halten über seine Feinde. Aber was dabei heraus gekommen ist, das ist mehr als ein alberner Mummenschanz, mehr als sein persönlicher Bankrott. Dieser 9. November hat das verspätete aber gerechte Urteil über den ärgsten Unglücksführer der deutschen Geschichte gebracht. Viele Gefahren liegen noch vor uns. Aber die große Bombe Ludendorff ist als Blindgänger am Straßenrand liegen geblieben. Ludendorff hat den Sinn der Geschichte in ihr Gegenteil umbiegen wollen. Nun, die Revisionsinstanz hat gesprochen. Der 9. November 1923 hat den 9. November 1918 bestätigt.

Berliner Volks-Zeitung, 10. November 1923

446.

Die Bitte um den Schlußpunkt

Vor einer Woche etwa begann es. Ein dunkles Raunen nämlich in drei, vier Blättern, daß demnächst der »große Schritt« in Paris und Brüssel unternommen werde, um die beiden Okkupationsmächte endlich an den Verhandlungstisch zu bringen. Aus dem Pariser Blätterwald tönte kein ganz unfreundliches Echo, im Gegenteil, freigebiger als sonst erteilte man »Anregungen«, gab man Versicherungen, daß Poincaré sich jetzt weniger schwerhörig zeigen werde als früher. Darauf stimmte bei uns der Chorus der Auserlesenen sofort ein Jubellied nach dem andern an. Kurzum, man wußte Bescheid: hier bereitet sich in der typischen Aufmachung des Auswärtigen Amtes eine jener Aktionen vor, die stets mit einem ausgedehnten Mißerfolg zu enden pflegen. Dann war es am Sonnabend endlich geschehen. Und was man totsicher hätte voraussagen können, das wurde sofort auf Grund der ersten dürren Meldungen klar: der tatsächliche diplomatische Schritt war wesentlich bescheidener als der halsbrecherische propagandistische Anlauf.

Was ist der Sinn der deutschen Demarche in Paris und Brüssel? Wenn man allen Aufputz fortläßt, ergibt sich eine sehr simple und sehr wenig imposante Antwort: Deutschland will wenigstens dabei sein, wenn Frankreich die endgültige Regelung der neuen Verhältnisse an Rhein und Ruhr unternimmt. Deutschland wünscht als Staat nicht einfach übersehen zu werden, wenn eine fremde Macht auf seinem Territorium es sich für längere Frist wohnlich einrichtet. Man muß sich diese Ungeheuerlichkeit recht deutlich machen, um nochmals zu erkennen, wohin uns die erleuchtete Politik der Herren Cuno und Rosenberg gebracht hat. Vor einem Jahr war Deutschland als Staatsgebilde zwar erschüttert, hatte aber doch noch eine unverkennbare innere Struktur, und trotz Rheinland-Besetzung waren seine Grenzlinien zwar an manchen Stellen verbeult, aber doch völlig ersichtlich. Heute, ein Jahr später, sind wir uns über die Westgrenzen völlig im Unklaren, und von einem inneren Gefüge ist schon überhaupt nicht mehr zu reden.

Natürlich ist das Prinzip, auf das die deutsche Regierung bei ihrem neuen Unternehmen pocht, durchaus unwiderleglich. Verhandlungen können nur von Staat zu Staat geführt werden. Es geht nicht an, daß Frankreich mit deutschen Industriellen Verträge abschließt, die den deutschen Staat völlig ausschalten und dessen Hoheitsrecht für Gegenwart und Zukunft einfach ignorieren. Das Prinzip ist unbestreitbar richtig, aber das Prinzip allein macht es nicht. Es ist in diesem Falle wirklich nur ein wesenloses Etwas, ein Phantom, um das sich kein Mensch gekümmert hat. Wenn Deutschland heute in Paris anklopft, so denkt es nicht daran, etwa den Micum-Vertrag anzufechten, es will wenigstens den Schlußpunkt darunter setzen; es will wenigstens nach Schluß der Vorstellung einmal ins Theater gesehen haben. Mehr ist, wie die Dinge liegen, nicht zu erreichen. War aber für diesen armseligen Moment eine so pompöse Ouvertüre notwendig?

Ein Schlußpunkt also nur. Auch wenn man es etwas hochtrabend: Schaffung eines modus vivendi für den okkupierten Westen nennt. Und es ist sehr die Frage, ob man uns selbst das überhaupt gestattet. Deutlich hat Poincaré die Grenzen der neuen »Verhandlungen« abgesteckt. Die Kompetenzen der Reparationskommission, der interalliierten Rheinlandkommission und der Besatzungsbehörden dürfen nicht angetastet werden. Über Thema darf nicht gesprochen werden. Bleiben die Verhandlungen in diesem Rahmen, und besteht vorerst keine Möglichkeit, den Rahmen zu erweitern, so können die Verhandlungen zwanglos mit Konversationen über das Wetter ausgefüllt werden. Denn gerade die Kompetenzen dieser drei Institutionen, dieser drei Fleischwerdungen der Politik Poincarés, sind es, um die eine halbwegs seriöse Debatte sich bewegen muß. Weiß man in Berlin davon nichts? Weiß man nicht, daß Poincaré, wenn er nicht seine zweijährige Arbeit in einer halben Stunde widerlegen will, gar keinen anderen Standpunkt einnehmen kann? Sicherlich hatte man das in Berlin ebenso gut begriffen wie anderswo. Aber man sollte aus innerpolitischen Gründen mit aller Gewalt einen außenpolitischen Erfolg konstruieren. Man wollte endlich sagen können: Seht, wir sitzen mit Frankreich am Verhandlungstisch! Was sind wir nicht für Mordskerle! Endlich haben wir's geschafft! – Schade, daß es Frankreich inzwischen alleine geschafft hat. Daß es überhaupt nichts mehr zu schaffen gibt außer dem besagten Schlußpunkt. Wobei nicht zu vergessen ist, daß es heute in vielem besser stünde, wenn sich diese Sehnsucht nach dem Verhandlungstisch früher geregt hätte.

Selten hat ein Gewaltpolitiker ein so weit gestecktes Ziel schneller erreicht als Poincaré. Mag man tausendmal die Dauer seiner Erfolge bezweifeln, er hat die Kränze des Tages. Er hat den verhaßten deutschen Staat so weit depossediert, daß dieser heute ergebenst mit der Bitte naht, überhaupt noch als existent betrachtet zu werden. Er hat die hochmütigen deutschen Industrieherren zum Kniefall gezwungen. Er hat es verstanden, trotz des Unwillens und Mißtrauens innerhalb der Entente, seine Pläne restlos durchzusetzen. Er hat das stolze England so lange hin- und hergetrieben, bis dessen kopfscheu gewordener Premierminister sich mit selbstmörderischer Parole in einen absurden Wahlkampf stürzte, dessen Ausgang keine Perspektive auf eine außenpolitisch aktionsfähige englische Regierung erlaubt. Damit aber ist das wankend gewordene Belgien von neuem vor Frankreichs Siegeswagen geschirrt, und Italien drängt sich hilflos in die äußerste Ecke der Triumphgasse, wenn Poincarés Gespann in wildem Fluge vorübersaust.

In solcher Situation erwartet man – Verhandlungen?! Gerade, wer die Idee, daß wir uns einmal zu reinlicher Aussprache mit den französischen Staatsmännern zusammensetzen müssen, unter tausend Anfeindungen verfochten hat, wird diesmal bedenklich den Kopf schütteln. Und dennoch könnte eine unverbindliche Diskussion selbst in der traurigen deutschen Wirklichkeit vom Jahresende 1923 ein gewisses Ergebnis haben. Es könnte nach einem Jahre gegenseitiger Haßgesänge eine neue Atmosphäre der Sachlichkeit, eine neue Basis für ein größeres gegenseitiges Verständnis vorbereitet werden. Es könnte der Boden geebnet werden für eine künftige Debatte ohne abgeklapperte Tiraden, ohne das ewige Einerlei der Anwürfe und Vorwürfe. Man muß ja bei allem, was die deutsch-französischen Beziehungen von Staat zu Staat anbetrifft, seine Anforderungen so entsetzlich weit unter alle normalen Begriffe zurückschrauben. Würde also hier ein neuer, wenn auch bescheidener Ansatz geschaffen werden, es wäre immerhin etwas.

Aber selbst das scheint mit Erfolg verhindert zu werden. In seinem oft irrelaufenden Tatendrange hat es der deutsche Außenminister Dr. Stresemann verstanden, in seiner letzten Sonntagsrede die Frage der Militärkontrolle bedenklich in den Mittelpunkt zu rücken. Und gerade diese Frage, die aufs engste mit dem überspannten französischen Prestigegefühl verknüpft ist, gehört zu denen, die jenseits von allen Konzessionen stehen und an denen die müde alte Entente sich plötzlich zu neuem Leben auffrischt. Wenn es Herrn Dr. Stresemann im Ernst um Verhandlungen mit Frankreich zu tun ist, warum hält er sich nicht an den Kern, sondern an eitles Beiwerk? Wir haben von der französischen Politik vieles erdulden müssen, man hat uns in Worten und Taten verletzt. Wir haben es ertragen und wollen nach der klar ausgesprochenen Absicht unserer Regierung auch weiterhin ertragen. Wir wollen vor weiteren Opfern nicht zurückschrecken. Das war der Tenor gerade aller Stresemann-Reden. Warum denn an dem Geringfügigsten, an ein paar bunten Offiziersmützen, Anstoß nehmen? Will Herr Dr. Stresemann, wenn seine Intentionen so großzügiger Art sind, wenn sie auf eine »Gesamtregelung« hinauslaufen, in Nebensachen Prestigekonflikte heraufbeschwören? Damit gefährdet er doch um des Kleinen willen das Große.

Eine nationalistische Pariser Zeitung hat die Frage der Militärkontrolle die »Ausgangstür« für Poincaré genannt und zwischen den Zeilen rumorte der Zweifel. Man glaubte in Paris nicht an eine so unverhoffte deutsche Gefälligkeit. Aber Herr Stresemann scheint Wert zu legen, Herrn Poincaré sogar die Eingangstür zu ersparen. Wir haben, das sei nochmals betont, Stresemanns diesmaligen Verhandlungsprojekten von Anfang an sehr skeptisch gegenübergestanden. Wir haben als Ergebnis ein Nichts erwartet. Aber wir fürchten, daß nach der Begleitmusik vom Sonntag doch etwas dabei herauskommt: – ein nicht unbeträchtlicher Schaden, nämlich.

Berliner Volks-Zeitung, 18. Dezember 1923

447.

Reynaud / Rechberg / Herriot

Die Ruhrdebatte in der französischen Kammer

Die große Interpellationsdebatte in der französischen Kammer, die sich ziemlich gleichgültig durch mehrere Wochen hinzog, hat nun, am Jahresschluß, doch noch so etwas wie einen Gipfelpunkt gehabt. Das Ereignis, das ein wenig Leben in die mählich versickernde Diskussion brachte, war die Rede des Deputierten Reynaud über die Reparationsfrage.

Herr Paul Reynaud, ein Abgeordneter jüngeren Datums, zum nationalen Block gehörig und im nationalen Block Mitglied einer dem Präsidenten Millerand besonders nahestehenden Gruppe, gilt seit etwa zwei Jahren als Befürworter einer deutsch-französischen Wirtschaftsverständigung und als Spezialist für deutsche Verhältnisse überhaupt. Er verdankt diesen Ruf ein oder zwei nicht sehr ausgedehnten Studienreisen in Deutschland und seiner näheren Bekanntschaft mit einigen deutschen Politikern. Insbesondere seinen Beziehungen zu Arnold Rechberg. Da ergibt sich die Frage: Wer ist Herr Rechberg? Nun, Herr Rechberg verdankt die nicht übermäßig lebhafte Beachtung, die seine Pläne in Deutschland finden, im wesentlichen dem Umstande, daß er als der gute Bekannte des Deputierten Paul Reynaud gilt. Pessimisten können daraus folgern, daß Herr Reynaud in Deutschland bekannter ist als in Frankreich, und daß Herr Rechberg in Frankreich höher eingeschätzt wird als in Deutschland.

Wir wollen keineswegs in den Fehler gewisser Politiker und Journalisten verfallen, Leute, die Ideen haben, damit abzutun, daß man auf die Geringfügigkeit ihres Anhanges verweist. Die Hauptsache bleibt, daß eben eine Idee da ist. Und eine Idee haben die Herren Rechberg und Reynaud zweifellos. Sie muß deshalb auf ihre Tragfähigkeit und ihre möglichen Wirkungen hin untersucht werden.

Herr Reynaud begann seine Rede mit einer recht scharfsinnigen Darstellung der gegenwärtigen Situation Frankreichs. Er spielte nicht ohne geschickte Pointierung den »Geist von Genua« gegen den »Geist von Versailles« aus, er wies auf die ungeheuren Schwierigkeiten des Problems der interalliierten Schulden hin, das ohne die Vereinigten Staaten nicht gelöst werden könnte, er beschwor mit Eindruck den Schatten des kommenden englischen Linkskabinetts und dessen Gefahr für ein Frankreich, das die gleichzeitige Feindschaft Deutschlands und Englands auf sich geladen habe. Die französische Währung erleide an den Weltbörsen schwere Verluste, weil die Welt glaube, es werde keine Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich erzielt werden. Deshalb, so folgerte er, müßten in erster Linie die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland geregelt werden; ohne diese Regelung werde man in Zukunft weder die Reparationsfragen noch das Sicherheitsproblem lösen können.

Der bisherige Krankheitszustand wird also von Herrn Reynaud durchaus zutreffend geschildert. Was weiß er aber als Heilmittel zu empfehlen? Seine Lösung ist die Idee Rechberg: die Industriebeteiligung, das Projekt, Frankreich am deutschen Aktienkapital zu beteiligen, die Franzosen, wie Reynaud sich ausdrückte, zu Aktionären Deutschlands zu machen. Damit wäre für beide Teile eine Art von Interessenversicherung geschaffen und Frankreichs Sicherheit besonders gewährleistet.

Diese Idee hat zunächst etwas Bestrickendes. Aber abgesehen davon, daß die rein technischen Schwierigkeiten nicht gering sind, so dürften auch die politischen Widerstände nicht unterschätzt werden. Mit Recht hob Herr Reynaud hervor, daß das durch einen » eisernen Vorhang« von Deutschland getrennte Ruhrgebiet wie ein Hafen ohne Hinterland sei. Durch die Abschnürung sei die Entwicklung seiner wirtschaftlichen Energien unmöglich geworden. Aber der gleiche Herr Reynaud, der hier für einen Zustand so unzweifelhaft packende Bilder fand, bejahte in der gleichen Rede nachdrücklichst die Ruhrbesetzung und schmähte ihre Gegner. Die Beziehung zum Kabinett des Präsidenten der Republik liegt also im Wettstreit mit der »Idee«. Und das schmälert die Idee wesentlich. Oder vielmehr: Herr Reynaud ist im Besitze eines vielleicht sehr guten Heilmittels, aber leider deuten die Symptome auf eine völlig andere Entwicklung der Krankheit hin. Er hat zwar die Medizin, aber sein diagnostischer Blick hat sich verwirrt. Was nützt ein unfehlbar sicheres Mittel gegen Magenkatarrh, wenn sich der Patient inzwischen die Beine gebrochen hat. Der Doktor muß sich auch um die kaputten Gliedmaßen kümmern. Die Medizinmänner Reynaud und Rechberg aber übersehen, daß Deutschland seit dem 11. Januar dieses Jahres an ganz anderen Übeln leidet als an dem, für das sie ihre Patentmixtur gebraut haben. Die reine Industrieverständigung kann nämlich nicht wirksam werden, ohne daß ihr eine politische Verständigung vorausgeht oder daß wenigstens Anzeichen bemerkbar werden, die darauf schließen lassen, daß Frankreich daran denkt, Deutschland als auf gleichem Fuße befindlich zu behandeln. Wir wissen z.B. nicht, ob wir noch über Rhein und Ruhr verfügen. Wir fühlen es aber ziemlich deutlich, daß der berühmte » Modus vivendi« in den besetzten Gebieten französischerseits als die Sterbezeremonie der deutschen Souveränität gedacht wird.

Hat es unter diesen Umständen Sinn, auf dem Wege der »Industrieverständigung« Frankreich auch noch den Einlaß in die ohnehin gründlich geleerten Schatzkammern Rumpfdeutschlands zu gewähren? Wir sind unsere potentesten Wirtschaftsgebiete los; sollen wir den Rest auf dem Präsentierteller darbringen? Herr Reynaud meint es höchstwahrscheinlich sehr gut; er hält die Industriebeteiligungen für die Verständigung schlechthin. Aber er irrt. Vielleicht wäre er vor einem Jahre noch im Recht gewesen. Heute preist er noch immer das alte Mittel an. Nur der Patient hat sich verändert.

Es ergibt sich für uns daraus eine neue Bestätigung einer alten Behauptung: die deutsch-französische Verständigung kann nicht erfolgen auf dem Wege eines dürren wirtschaftlichen Interessendenkens allein, sie muß getragen werden von einer großen Ideologie. Sie muß gehen von Volk tu Volk und nicht von einem Industriekonzern zum andern. Niemals war das Mißtrauen des ganzen deutschen Volkes dem ganzen französischen gegenüber stärker als heute, in den Tagen des Micum-Vertrages, den man in bizarrer Verkennung gerade in französischen Linkskreisen als ein Moment der Entspannung betrachtet. Herrn Degoutte und seine Soldateska hat man ertragen; man sah in ihnen geistlose Instrumente höheren Willens. Die französischen und belgischen Bankiers und Industriemänner jedoch, die in Düsseldorf die Verträge abschlossen, werden gehaßt als Fleischwerdung des ungeheuerlichen, niederschmetternden Begriffes: Weltkapitalismus! Dieses Gefühl aber mobilisiert in gefährlicher Weise alle Abwehrinstinkte des deutschen Volkes. Stärker als die sogenannten nationalen Parolen.

Dennoch war das, was Herr Reynaud unternahm, dankenswert. Schon aus dem Grunde, weil er ungewollt alle Schwierigkeiten des Problems bloßlegte. Und dankenswert war auch, daß er den pompösen Wortführer des rechten Flügels der bürgerlich-demokratischen Gruppen, Herrn Edouard Herriot, nötigte, Farbe zu bekennen. Auf die Frage, ob Herr Herriot als Ministerpräsident das Ruhrgebiet räumen würde, antwortet dieser mit patriotischer Treuherzigkeit, aber maßloser taktischer Tapsigkeit: » Nein!« Das ist also der große »Oppositionsführer«, der Mann, der sich anschickt, für sein Vaterland die Rolle Ramsey MacDonalds zu übernehmen. Nach einem Jahre großer und kleiner Taschenspielerstückchen hat er in einem unbedachten Moment seine Karten aufdecken lassen. Wodurch unterscheidet sich also die »Entente der Linken« vom Nationalblock? so werden die Blätter der Rechten und der Mitte jubeln. Warum also diese ewige aufgeregte Oppositionsgeste?

Mit Recht heben die einflußreichsten Organe hervor, daß die Herrn Reynaud geglückte Demaskierung Herriots viel wichtiger sei als sein ganzes wirtschaftliches Programm. Sicherlich gibt es auf der französischen Linken genügend Männer, die durchaus nicht mit dem Wortführer übereinstimmen und das auch bezeugen werden. Aber der erste Eindruck ist immer der bleibendste. Wir befürchten, daß die Wahlaussichten der Linken vorgestern Abend einen empfindlichen Schlag erlitten haben.

Berliner Volks-Zeitung, 30. Dezember 1923

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