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Sämtliche Schriften - Band II: 1922-1924

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band II: 1922-1924 - Kapitel 11
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band II: 1922?1924
publisherRowohlt
seriesSämtliche Schriften
volumeBand II
printrun1. Auflage
editorBärbel Boldt, Dirk Grathoff, Michael Sartorius
year1994
isbn3498050192
firstpub1922-1924
correctorreuters@abc.de
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390.

Kampf gegen Windmühlen

Frühe Polizeistunde und Tanzverbot

Der preußische Minister des Innern hat an die in Frage kommenden Instanzen die Anweisung gegeben, die erforderlichen Maßnahmen zu treffen zur Einschränkung der Polizeistunde für Gast- und Schankbetriebe, sowie zum Verbot öffentlicher Tanzlustbarkeiten, was zunächst die Festsetzung der Polizeistunde auf 11 Uhr in Berlin zur Folge hatte. Durch W.T.B. wird nunmehr ein Rundschreiben des Reichskanzlers an die Länder über die Bekämpfung der Schlemmerei und des Alkoholmißbrauchs veröffentlicht. Da die darin enthaltenen Vorschläge aufs tiefste in die gewohnten Vorstellungen von bürgerlicher Freiheit einschneiden und bei allem ehrlichen Willen, häßliche Auswüchse der Nachkriegszivilisation zu beseitigen, doch in der Praxis dem Polizeisäbel uneingeschränkte Freiheit geben, seien hier einige prinzipielle Worte dazu gesagt.

Die Presse hat die bisher ergangenen Verordnungen im allgemeinen, wenn auch ohne laute Begeisterungskundgebungen, gebilligt. Die Restaurateure dagegen sind erregt und fühlen sich in ihrer Existenz bedroht, während das Publikum bis jetzt seine Gefühle für sich behalten hat und sich auf ein langes Gesicht beschränkt, wenngleich, da wir in der realsten aller Welten leben, nicht verkannt werden darf, daß beide, Gastwirte und Publikum vereint, der Majestät des Gesetzes bald eine lange Nase drehen werden.

Es wird nun natürlich geltend gemacht, daß der Ernst der Zeit zu ganz besonderen Maßnahmen verpflichte. Nun, daß diese Zeit nicht von innen heraus rosig glüht, wissen wir auch ohne dies. Aber man hüte sich vor der künstlich herbeigeführten puritanischen Geste. Das »jubelnde« und »trauernde« Volk ist und bleibt doch ein rhetorisches Ornament; in der Wirklichkeit gibt es so etwas nicht. Eine Nation ist eine Summe von Einzelwesen, von denen jedes seine persönlichen Leiden und Freuden hat, die immerhin beträchtlich genug sind, dem Aufkommen eines gemeinsamen nationalen Gefühls von Lust oder Schmerz entgegenzuwirken oder es ganz zu paralysieren. Das haben wir mit Schaudern im Kriege erlebt, wo es hinter der offiziellen schwarzen Deckfarbe wahrhaftig bunt genug zuging.

Ohne Zweifel fühlte sich der Herr Reichskanzler zur Initiative veranlaßt, um damit gewissen sehr populären Forderungen entgegenzukommen. Diese Stimmung in weiten Kreisen unseres furchtbar leidenden Volkes soll nicht übersehen und muß respektiert werden. Es fragt sich nur, in welcher Weise der Staat einzugreifen hat, ohne mehr kaputt zu machen, als er verbessert. Nichts ist verständlicher als die allgemeine Erbitterung über das Prassen valutagesegneter Ausländer und bestimmter deutscher Schwerverdiener, deren Visage und Hängebauch der Zeichner George Grosz mit unerbittlicher Präzision festgehalten hat. Aber weil in einem halben Dutzend von Instituten die Zahlkellner im Laufe der letzten Jahre vergessen haben, wie deutsches Papiergeld aussieht, genügt das wirklich schon als Begründung, um einen Ausnahmezustand herbeizuführen, der in rigorosester Weise die nun einmal nicht wegzuleugnenden Bedürfnisse der Großstadtbewohner zu ignorieren versucht?

Schließlich geht man doch in späten Abendstunden nicht ausschließlich ins Wirtshaus, um bottichweise Belugakaviar zu schlingen oder sich dermaßen zu bezechen, daß ein öffentliches Ärgernis entsteht, auch wenn die ärgernisnehmende Öffentlichkeit nur aus einem Schutzpolizisten besteht, der als kundiger Thebaner die Symptome der Trunkenheit konstatieren muß. Es gibt immerhin noch genügend Menschen, die von Berufes wegen nicht »pünktlich wie die Maurer« mit Dunkelwerden Schluß machen können, und die man doch dafür nicht dadurch strafen darf, daß man ihnen die Tür vor der Nase zuklappt, wenn sie sich an die Stätte ihres bescheidenen Nachtmahles begeben wollen. Ganz abgesehen davon, daß die steigenden Preise für Feuerungsmaterial alleinhausende Junggesellen immer mehr zum Verzicht auf ein auch nur mäßig geheiztes Zimmer zwingen, und daß der Aufenthalt im Restaurant oder Café weniger »Genußsucht«, als vielmehr dem weder absonderlichen, noch lasterhaften Wunsche entspringt, für ein paar Stunden wenigstens die Annehmlichkeiten einer warmen Bude zu genießen.

Natürlich gibt es Übelstände genug, gegen die sich der Kampf aller vernünftig Denkenden und reinlich Fühlenden richten muß. Aber je weniger sich die Staatsgewalt hineinmengt, desto hoffnungsvollere Perspektiven eröffnen sich für die Ausrodung des üppig wuchernden sozialen Unkrautes. Es ist doch eine alte Erfahrung, daß Papa Staat in allen Kulturangelegenheiten eine sprichwörtlich unglückliche Hand hat. Der Staat hat andere Aufgaben. Es geht, wie wir vor wenigen Tagen an dieser Stelle ausführten, für die Regierungen des Reiches und der Länder nicht in erster Linie um den Luxus der Wenigen, sondern um die Not der Vielen. Es handelt sich doch nicht darum, einen Angetrunkenen hinter schwedische Gardinen zu bringen, sondern dem Wucher das Schwert des Gesetzes in den feisten Wanst zu bohren. Wird nicht die Wucherbekämpfung tatkräftig angefaßt, und bleibt man dabei, wie bisher, ausschließlich an der Peripherie zu plänkeln, so werden alle anderen Zwangsmaßnahmen nicht als notwendige Schritte zur Säuberung der öffentlichen und privaten Sphäre empfunden, sondern nur als lästige Schikanen.

Nochmals: es gibt keinen aussichtsloseren Kampf als den des Gesetzgebers gegen das von keinem gutmeinenden Moralisten bisher wegdisputierte Verlangen des Menschen nach Ablenkung, nach Vergnügen, nach Rausch. Wenn jedoch so argumentiert wird, daß es eines Volkes unwürdig sei, in diesen Tagen tiefster nationaler Depression an Tanzbelustigungen teilzunehmen, so muß doch ganz deutlich gesagt werden, daß, wenn das Volk nicht von sich aus sich Zwang aufzuerlegen weiß, es als völlig aussichtslos zu betrachten ist, Haltung und Würde durch Gebote und Verbote zu erzwingen. Alles kann man oktroyieren, nur nicht: Gesinnung!

Nach den Erfahrungen der Kriegszeit, nach den Ergebnissen der »Trockenlegung« der Vereinigten Staaten lassen sich die Folgen eines Feldzuges gegen Schlemmerei und Alkoholmißbrauch leicht voraussagen: Schädigung der anständigen Betriebe, Fettwerden der Schakale des Nachtlebens, Blühen und Gedeihen der geheimen Tavernen, Dielen, Budiken, »Klubs« und Nackttanzkränzchen: zunehmende Denunziationswut, Bestrafung der kleinen Schlucker, ungestörtes Weiterwirtschaften der großen Sünder. Das harmlose Amüsement wird mit Vitriol von der Bildfläche verscheucht und lebt mit verkrampftem Antlitz und obszöner Gebärde hinter dicht verhängten Fenstern wieder auf. Wenn irgendwann, so hat das gepreßte Volksgemüt jetzt ein Ventil nötig, – statt dessen sollen die letzten verstopft werden. Es ist besser, wenn das Tanzbein sich regt als die Faust mit der Hand. Es ist besser, Prinz Karneval regiert die Straße, als der Hitler-Gardist oder Spartacus.

Berliner Volks-Zeitung. 20. Januar 1923

391.

Deutschland steht allein Illusion und Wirklichkeit

Talleyrand, der die diplomatische Tradition des vorrevolutionären Frankreichs ins neunzehnte Jahrhundert hinübergerettet hat, hat bekanntlich einmal gesagt, daß die Sprache dazu da sei, um die Gedanken zu verbergen. Und heute, wo wir uns im dritten Jahrzehnt des zwanzigsten Säkulums befinden, wird dieser freundliche Grundsatz des größten politischen Schiebers der napoleonischen Ära in allen Ministerien der Welt noch immer hoch in Ehren gehalten. Ausgenommen in Frankreich, ausgenommen im Vaterlande dieses Propheten politischer Unmoral. Dort hat man jetzt die seidenen Eskarpins des Diplomaten durch die festen Reitstiefel des Brigadiers ersetzt. Für das Kaliber Poincaré ist die Sprache lediglich dazu da, um zu verbergen, daß die Gedanken fehlen. Und dabei verfügte Frankreich vor wenigen Jahren noch über die stärkste außenpolitische Routine und seine Propaganda war von einer bewundernswerten Elastizität.

Das zähe Festhalten an der plumpen Vorspiegelung, daß es sich bei dem Normannenzuge gegen das Ruhrgebiet nur um rein wirtschaftliche Maßnahmen handle, wird bei allen Menschen, die durch Beschäftigung mit Politik nicht völlig farbenblind geworden sind, nur ein halb spöttisches, halb bedauerndes Lächeln hervorrufen. Möglich, daß die französische Regierung zunächst nur daran dachte, im Industrierevier ihr sicherlich nicht ganz neues Sanktionsprogramm zu verwirklichen, dem akuten Geldbedürfnis zu genügen und dem über die Steuererhöhung murrenden Volke eine ökonomische Entlastung und zugleich etwas »Gloire« zu bieten. Der in diesem Ausmaße unerwartete Widerstand jedoch hat dieses Programm, ehe noch ein Tipfelchen verwirklicht werden konnte, in Fetzen gerissen. Wenn das Kabinett Poincaré nicht eine vernichtende Niederlage erleiden will, so muß es den einmal betretenen Gewaltweg weiter wandeln und die Tatsache, daß es ein Minimalprogramm nicht verwirklichen konnte, mit Maximalprogrammen kachieren. Das heißt: aus dem etwas verschwommenen und zweideutigen Begriff der »Sanktion« entwickelt sich zwangsläufig der durchaus eindeutig klare Begriff der wirtschaftlichen und politischen Einverleibung deutschen Gebietes. Und schon sind ja die ersten Vorbereitungen für einen Generalcoup dieser Art fix und fertig. Die französische Regierung spielt um einen kolossalen Einsatz. Muß sie zugeben, daß sie sich festgerannt hat, so ist nicht nur das jetzige Ministerium erledigt, sondern auch der Präsident der Republik. Stolpert Poincaré, so zieht er Millerand, der vielfach als der eigentliche Einpeitscher der ganzen Aktion bezeichnet wird, mit. Die gefährliche persönliche Verknüpfung beider mit ihrem Unternehmen zwingt sie zu Konsequenzen, die wir uns heute vielleicht noch gar nicht ausmalen können.

Gerade wir in Deutschland tun gut daran, diese Situation der führenden Männer der französischen Vergewaltigungspolitik richtig einzuschätzen. Das wird besonders deswegen doppelt notwendig, weil ein Teil unserer Presse, durch die trüben Erfahrungen von acht Jahren noch nicht gewitzigt, mit einem an Frivolität grenzenden Optimismus bereits jetzt die Siegesglocken läutet. Gewiß, psychologisch ist es durchaus begreiflich, daß man dem Volk, das seit Versailles Ja und immer nur Ja sagen mußte, in dem Augenblick, wo es zum erstenmal trotzig die Lippen verschließt, die Stimmung nicht vernichten möchte. Aber die Wahrheit, die noch immer die stärkste Kräftespenderin ist, gebietet es, zu sagen, daß bisher nur der erste Sturm abgeschlagen ist und daß der Mißerfolg unserer Gegner zu neuen unerhörten Anstrengungen zwingen wird. Wir wissen nicht, wie nah oder fern wir uns dem Entscheidungskampfe befinden, aber wir müssen uns darüber klar sein, daß wir ihn allein auszufechten haben. Deutschland genießt zurzeit das sympathische Interesse der ganzen zivilisierten Welt. Die großen liberalen Blätter in England und Amerika versorgen uns geradezu mit einer Überfülle treffender Argumentationen. Die englische Justizbehörde sogar verdichtet ihre Meinung in einem Gutachten, daß in streng gesetzlichem Sinne der Vertrag von Versailles durch Frankreichs Vorgehen gebrochen sei. Aber die Regierungen und die hinter ihnen stehenden Parteien bleiben stumm. Freundliche Grüße fliegen wie Brieftauben zu uns herüber, aber die Brieftaube ist kein Kampfmittel. Lassen wir uns durch so viel Wohlwollen nicht blenden: Deutschland ist auf seine eigene Defensivkraft angewiesen, Deutschland steht allein.

Die amerikanische Regierung unterliegt noch ganz dem Bann jener europamüden Mentalität, der sie ihren Wahlsieg über die Demokraten verdankte. Inzwischen hat das Blatt sich von neuem gewendet. Die letzten Wahlen haben den Demokraten überraschende Erfolge gebracht. Das republikanische Regime Harding-Hughes besteht eigentlich nur noch auf Abbruch. Die geschwächte Partei wird sich unter Verzicht auf laute Abenteuer für den Rest der Amtszeit ihres Präsidenten einer stillen Konzentration widmen. Sie dürfte kaum die Neigung verspüren, sich mit einem Unternehmen zu exponieren, über dessen Aussichten doch ein wesentlicher Teil der amerikanischen Geschäftswelt sehr geteilter Meinung ist, und das wohl ganz unvermeidlich zu wichtigen Konzessionen in der Frage der interalliierten Schulden führen muß. Daran aber kann nicht eine Regierung rühren, die keinen rechten Boden mehr unter den Füßen hat.

Weit problematischer noch ist Englands Haltung. Wir haben uns ja daran gewöhnt, in England fast einen Verbündeten zu sehen; englische Wirtschaftsmänner sind es gewesen, die den Versailler Vertrag zuerst kritisch durchlöchert haben, englische Politiker von weltberühmten Namen haben die Politik der letzten französischen Kabinette bald mit Sarkasmus, bald mit heftiger Leidenschaft bekämpft, und englische Regierungsmänner haben im Gegensatz zu Frankreich auch im diplomatischen Verkehr mit Deutschland zuerst eine Terminologie gefunden, wie sie den Konventionen internationaler Wohlanständigkeit entspricht. Aber, halten wir uns auch hier von Illusionen frei – das Wohlwollen ist bis jetzt ein verdammt theoretisches geblieben; jedesmal, wenn es darauf ankam, hat die englische Politik vor der französischen die Segel gestrichen. England hat stets nur seine eigenen engsten Interessen vertreten, oder das, was es dafür hielt. Den Garantiepakt mit Frankreich, der für Deutschland erhöhte Sicherung und für Frankreich innere Beruhigung bedeutet hätte, hat es nicht zustande kommen lassen. Darüber stürzte Briand, das machte das verärgerte Frankreich für Poincaré reif.

In einer unübertrefflichen Formulierung hat der »Manchester Guardian« dieser Tage geschrieben, die Neutralität Englands in dem gegenwärtigen Konflikt bedeute Mißfallen, gedämpft durch die Abneigung es zu zeigen. Wenn schon der immerhin weltbürgerlich angehauchte Lloyd George es nicht wagte, dem Poincarismus den Handschuh ins Gesicht zu werfen, so wird der trockene, schweigsame Bonar Law, der wie die wandelnde Illustration des alten Spruches erscheint, daß jeder Brite eine Insel sei, sich erst recht nicht der Gefahr aussetzen, in ein Spiel zu treten, das wenig Gewinn, aber viel Unkosten an Temperament verspricht. Es ist deshalb einigermaßen töricht, wenn deutsche rechtsstehende Zeitungen, die früher zweimal täglich mit »Gott strafe England!« begannen und schlossen, ausgerechnet das jetzige konservative Kabinett höchst beweglich apostrophieren, den gallischen Hahn doch bei der Schwanzfeder zu packen. Weit wahrscheinlicher ist schon, daß England erst in dem Augenblick aus der Reserve heraustritt, wo Frankreich sich gründlich festgebissen hat, um dann von beiden Teilen den Lohn für die Vermittlung in Empfang zu nehmen. Aber es ist leider sehr die Frage, ob Deutschland an diesem Biß nicht dann schon verblutet ist. Natürlich hat England ein sehr wesentliches Interesse daran, zu verhindern, daß der französische Militarismus die unbestrittene Alleinherrschaft über den ganzen Kontinent gewinnt, vielmehr muß es wünschen, daß ihm ein Widerpart erwächst, der seinen ärgsten Machtgelüsten einen Damm entgegensetzt. Aber es bedankt sich klugerweise dafür, selbst diese Rolle zu übernehmen.

Deutschland kämpft für sein eigenes Lebensrecht. Deutschland kämpft für die europäische Vernunft, gegen die durch den Versailler Vertrag heraufbeschworene Anarchisierung und Atomisierung des Abendlandes. Aber es kämpft auch, ohne zu wollen, und das ist eigentlich der bitterste Nachgeschmack der gegenwärtigen Situation, für die Interessen Englands, das sich selbst vorsichtig im Hintergrund hält und nicht einmal seinem Vertreter in der Reparationskommission Vollmacht zu einer bescheidenen moralischen Demonstration gibt.

Deutschland kämpft allein. Deutschland steht Frankreich allein gegenüber. Mit niemandem anders als mit Frankreich hat es sich mehr auseinanderzusetzen. Es hat auf keine reale Unterstützung von außen zu rechnen; der Völkerbund, den heute zahlreiche Sozialisten und Pazifisten als Schiedsrichter herbeirufen, kommt bedauerlicherweise als Machtfaktor nicht in Betracht. Frankreich ist moralisch isoliert, Deutschland ist es effektiv.

Dies und nichts anderes kann die grundsätzliche Erwägung unserer verantwortlichen Männer sein. Deutschland wird bei aller Entschlossenheit zur Abwehr der französischen Aggressionen stets seine Bereitschaft bekunden, sich auf einer Basis zu finden, wo verständigerweise nicht versucht wird, wirtschaftliche Fragen mit Waffengewalt zu lösen. Das Schwert ist ein zum Nüsseknacken ungeeignetes Instrument. England, das meerbeherrschende, das durch seine geographische Lage und seine Geschichte mit ehernen Klammern dem Imperialismus verkettet ist und sich preisgeben würde, wollte es für einen Augenblick nur seiner Eigengesetzlichkeit untreu werden, England, dem die Konferenz von Lausanne mehr bedeutet als die blutige Operette um Essen und Bochum, mag das europäische Problem am Bosporus suchen. Für uns liegt es am Rhein. Friede am Rhein bedeutet Friede in Europa.

Berliner Volks-Zeitung, 25. Januar 1923

392.

Preußische Behörde

Wenn man heute aus diesem oder jenem Grunde eine Behörde aufsuchen muß, dann ist es einem, als ginge man zum Zahnarzt.

Ich will beileibe nicht zetern. Ich weiß, woran es in dieser Zeit hapert. Es fehlt uns allen an innerem Gleichgewicht und Arbeitsfreudigkeit. Wir sind alle nervös und lassen gern unsere schlechte Laune an Unschuldigen aus. Man muß also Nachsicht üben. Aber es gibt Amtsstuben, die auf die Gutmütigkeit des Publikums spekulieren. Und dagegen muß ein Veto eingelegt werden.

Mein Freund, Schriftsteller, verheiratet, Vater eines kleinen, aber geräuschvollen Kindes, wünscht seine zweizimmerige, aber feuchte Mansardenwohnung gegen eine andere abzugeben, die ein Gelaß mehr enthält. Wo er nämlich arbeiten kann. Er trägt seine diesbezüglichen Schmerzen mit der ihm eigenen Höflichkeit dem zuständigen Wohnungsamt vor. Der Herr hinter der Barriere aber schneidet kurz ab: »Is nich! Wenn Se bis jetzt ausjekommen sind, wird's auch weiter jehn.« Und bedeutet durch eine unmißverständliche Geste, daß für ihn die Sache erledigt.

Zugegeben, daß das nur ein sehr geringes Erlebnis ist. Es kommt aber tagtäglich viel Krasseres vor. Wo die »Auskunft« einfach als Hohn oder Beleidigung aufgefaßt wird. Damit soll nicht gesagt sein, der Beamte befinde sich immer im Unrecht. Durchaus nicht. Aber auch die Wahrheit gewinnt durch die Form. Mit etwas Höflichkeit serviert, wird sie bereitwilliger hingenommen. Der mit Schnoddrigkeit Abgefertigte tritt mit dem Gefühl ab, nicht nur angeschnauzt, sondern auch begaunert zu sein. Man sagt namentlich den Wohnungsämtern sehr viel Häßliches nach. Möglich, daß die meisten dieser Gerüchte tatsächlich nur aus der Empfindung heraus entstehen, daß dort, wo auf Umgangsformen so wenig Wert gelegt wird, eben auch andere und wichtigere Dinge lax behandelt werden.

Ein Kapitel für sich bildet die Polizei. Folianten könnte man darüber zusammenschreiben. Ich beschränke mich auf ein paar charakteristische Einzelheiten. Jeder Leser wird aus eigenen Erfahrungen mühelos ergänzen können.

Als normales Legitimationsmittel wird mit Recht allgemein der mit Lichtbild versehene Paß betrachtet. Das ist überall bekannt, nur nicht bei jener Stelle, die die Papierchen auszuschreiben hat. Wenn man dorthin kommt, wird einem zunächst gesagt, daß man so ein Ding gar nicht brauche; selbst wenn man nach Bayern wolle, genüge der polizeiliche Meldeschein. Besteht man aber darauf, so erfolgt in scharfem Tone die Frage, zu welchem Zweck denn dieses Inventarstück benötigt werde. Und wenn man dann noch immer die Ohren steif hält, verläßt der gestrenge Inquisitor endlich die Siegfrieds-Stellung und schließt die Konversation mit der nachdrücklichen Frage ab, ob man denn auch überlegt habe, daß die Ausfertigung mit Kosten verknüpft sei.

Da sitzt also der loyale Staatsbürger in der Zwickmühle. Wird er ohne Paß irgendwo aufgegabelt, so gilt er als verdächtiges Individuum. Will er sich dagegen ein solches Möbel anschaffen, macht er sich auch verdächtig.

Etwas anderes. Ein Bekannter, der mich besucht hatte, wurde im Treppenhaus von einem lebhaft angezechten Zeitgenossen überfallen und mit Schädelbruch bedroht. Als ich herbeieilte, um zu intervenieren, wurde mir ein Gleiches angekündigt. Wir entrannen mit Mühe dem Unhold und begaben uns hilfesuchend auf die Polizeiwache. Hier nahm man unsere Angaben kühl, aber mit Festigkeit, entgegen und verwies uns auf den Weg der Privatklage. Wir protestierten: wir könnten doch nicht vor dem Hause warten, bis der Mensch seinen Rausch ausgeschlafen habe und in sich gegangen sei. Die Debatte drohte ergebnislos zu verlaufen, da hatte der eine Polizeier eine wahrhaft luzide Idee. – »Der Mann wohnt im selben Hause wie Sie?« – »Jawohl.« – »Gut. Dann ist es Sache des Mieteinigungsamts.«

Ich bin nicht zum Mieteinigungsamt gegangen. Ich hätte ebenso gut zur Baupolizei oder zur städtischen Entbindungsanstalt gehen können. Die hätten mich vermutlich nach der Müllabfuhr oder zum Gewerbegericht geschickt. Ich habe überhaupt auf amtliche Sicherung meines Kadavers verzichtet. Ich habe mir einen formidablen Eichenknüppel gekauft und meiner zukünftigen Witwe anheimgegeben, sofort Privatklage anzustrengen, sollte ich trotz dieser kraftvollen Bewaffnung doch einmal nächtlicherweile im Treppenflur zu Hackepeter geschlagen werden.

Verehrter Leser, sollten Sie einmal solche oder ähnliche Geschichten erlebt haben, die Polizei handelt ethisch vollkommen korrekt. Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig.

Berliner Volks-Zeitung, 31. Januar 1923

393.

Die Reaktion in Frankreich

Wenige Wochen vor dem Kapp-Putsch hatte ich eine Unterhaltung mit einem französischen Journalisten. Wir sprachen über die Dauerhaftigkeit der deutschen Republik. Er glaubte nicht recht daran. Er wußte genug von monarchistischen Umtrieben und hatte auch mit eigenen Augen ein paar nationalistische Demonstrationen gesehen. Ich hielt ihm entgegen, daß doch auch in Frankreich die dritte Republik drei Jahrzehnte zu ihrer Konsolidierung gebraucht habe, und daß man uns deutschen Republikanern immerhin einen angemessenen Zeitraum bewilligen müsse, da schließlich die Dynastien in Deutschland viel fester verwurzelt gewesen seien als die Herrschaft Louis Napoleons. Er schien nicht sehr überzeugt zu sein. »Wir haben uns eben durchgesetzt«, meinte er, »bei euch sind noch keine Ansätze zu spüren.« Ich machte geltend, daß die Politik der Entente Deutschland gegenüber nicht gerade geeignet sei, unserer jungen Demokratie das Dasein zu erleichtern. Er war nicht sehr entzückt von diesem Einwand, und die Konversation verlief ergebnislos.

Heute, unter dem Eindruck gewisser Ereignisse, muß ich immer wieder an die etwas selbstherrliche Bestimmtheit jenes Franzosen zurückdenken.

Habt ihr euch wirklich so endgültig durchgesetzt?

Die Ermordung des Sekretärs der royalistischen Jugend durch eine fanatische Parteigängerin der kommunistisch-anarchistischen Außenflügel des französischen Sozialismus und die als Vergeltung erfolgte Demolierung der Betriebe zweier bürgerlicher Oppositionsblätter seitens der »camelots du roi« haben mit nicht zu überbietender Schroffheit demonstriert, wie heftig es in Frankreich unter der starren Hülle des gegenwärtigen Systems gärt und brodelt. Der Ermordete ist sicherlich kein großer Politiker vor dem Herrn gewesen. Die Welt wird anläßlich seines blutigen Endes wohl zum ersten- und letztenmal von seinem Namen Notiz genommen haben. Aber der Schuß galt vermutlich weniger seiner Person als vielmehr seiner Organisation, die seit dem mißglückten Handstreich Boulangers bald mit provozierender Eindeutigkeit, bald in geschickter Maskierung versucht hat, das republikanische Frankreich zu unterminieren.

Das ereignete sich zu gleicher Zeit, da Herr Poincaré von neuem eine Defaitistenjagd eröffnete und Regierung und Presse die »heilige Einigkeit« proklamierten. Wenige Tage später bereits wurden einige Deputierte der bürgerlichen Linken beim Ministerpräsidenten vorstellig, um ihn auf die Tatsache aufmerksam zu machen, daß in kurzer Zeitspanne die sozialistische Bewegung gefahrdrohende Fortschritte gemacht habe und was er dagegen zu tun gedenke. Vermutlich gedenkt der Herr Ministerpräsident gar nichts gegen das zu tun, was die braven Radikalen ängstigt, die hier zwar den Finger an ein Symptom gelegt haben, aber nicht bis zur Ursache durchgedrungen sind.

Poincaré kann gegen die Reaktion nichts von Belang unternehmen, denn er ist ihr Werkzeug.

Denn wer sich mit der Reaktion versippt, der wird ihr hörig.

Die Demokratie kann nach innen und außen nur mit den Waffen der Demokratie kämpfen. Unrecht und Gewalt aber stammen aus der Rüstkammer der Feudalmonarchie.

Als nach der Liquidierung des Dreyfus-Prozesses unter den Politikern, die ihr monarachistisches Herz allzu munter hatten auf der Zunge hüpfen lassen, eine gewaltige Panik ausbrach, als auf den eleganten und sehr unredlichen Präsidenten Felix Faure der nicht bedeutende, aber ehrliche Demokrat Emile Loubet gefolgt war, als das republikanische Konzentrationsministerium Waldeck-Millerand der zynischen Heuchelei der stockreaktionären Kabinette Méline und Dupuy ein Ende bereitet hatte, da stürmte alles, was Royalist war, aber trotzdem keine Neigung verspürte, auf die Karriere zu verzichten, seitwärts in die Büsche und kam als »republikanischer Progressist« oder »Nationalist« wieder heraus. Es muß etwa so gewesen sein wie bei uns am 9. November, wo es plötzlich keine Konservativen und Nationalliberalen mehr gab. Anatole France hat diese Komödie, die sich um die Jahrhundertwende in Frankreich abspielte, in einem vierbändigen Zeitroman von unsterblichem Witz festgehalten. Also, was vordem Royalist gewesen war und die Kornblume und weiße Nelke Philipps von Orléans ostentativ zur Schau getragen hatte, das wurde, durch die unerwartete Energie der Regierung eingeschüchtert, schlechtweg »Patriot«. Und diese als Republikaner ausstaffierten Klerikalen und Legitimisten haben das ihrige getan, um Frankreich tiefinnerst zu verseuchen; sie haben in seine Adern abermals das Kontagium des Militarismus und Nationalismus gespritzt. Denn sie wußten es, daß eine Demokratie, die mit diesen beiden Mächten paktiert, den Mutterboden unter den Füßen verliert und reif wird für die weitestgehenden Pläne der Reaktion. Aus diesem Gedankengange werden die heftigen Anklagen verständlich, die Caillaux in seinem, von uns seinerzeit gewürdigten Rechtfertigungsbuche gegen Clémenceau erhebt. Er wirft ihm vor, durch den faulen Kompromiß der union sacrée, des Burgfriedens, die Demokratie an die royalistische Reaktion verraten zu haben. Und so ist es geblieben seitdem. Zwar werden der nationale Block und sein Exponent Poincaré von der Rechten, von Léon Daudet und seiner »Action Française«, hart bedrängt. Aber diese Auseinandersetzung ist keine prinzipielle. Der Nationalblock soll nicht zurückgedrängt, sondern auf dem einmal beschrittenen Wege weitergeschoben werden.

Die republikanischen Deputierten, die dem Ministerpräsidenten ihre Unruhe über das bedrohliche Anschwellen antirepublikanischer Strömungen ausgedrückt haben, hatten durchaus die richtige Witterung, daß etwas nicht in Ordnung sei. Aber sie hätten sich die Frage sparen können. Es ist die von ihnen wenn auch nur mit halbem Herzen unterstützte Regierungspolitik, die die Grundpfeiler der alten französischen Demokratie ins Wanken bringt.

Sicherlich ist die Gefahr noch nicht akut, daß sich im Schatten des Lilienbanners über dem Trümmerfeld der Republik der gekrönte Birnenkopf des Herzogs von Orléans erhebt, aber in Frage gestellt wird sicherlich die mehr als vierzigjährige Konsolidierungsarbeit von Gambetta bis Caillaux, in Frage gestellt wird die trotz aller Niederlagen nicht völlig erschlagene demokratische Tradition, die dem französischen Parlamentarismus Glanz und Farbe verlieh und die heute vor der Alternative steht, entweder wieder aktiv zu werden oder abgelöst zu werden, wenn auch nicht gerade von der Feudalmonarchie, so doch von einem keine Hemmungen kennenden Industriefeudalismus.

Der Frontalstoß des französischen Militarismus gegen Deutschland richtet sich in gleichem Maße gegen jene freiheitlichen Mächte, die zum Segen der Menschheit Frankreich gestern regiert haben und die es weder morgen noch übermorgen wieder regieren werden, wenn die Politik der Bajonette zum Siege führt.

An der Ruhr entscheidet sich mehr als Deutschlands Schicksal.

Berliner Volks-Zeitung, 1. Februar 1923

394.

Max Mohr »Improvisationen im Juni«

Deutsches Theater

Carl Sternheim hat den Einbruch Amerikas in die ausgemergelte europäische Welt in seinem »Fairfax« kaustisch, voltairisch, bösartig, schadenfroh aufgezeigt. Herr Max Mohr aus München sieht auch den Untergang des Abendlandes näher rücken; aber wesentlich empörter und weniger giftig als Sternheim glaubt er die Gefahr mit einer heroischen Geste beschwören zu können. Wenn nur der Mensch das Herz auf dem rechten Fleck hat und nicht gleich bei der ersten Versuchung kapituliert, so ist Mammon die Suggestionskraft genommen und der goldene Götze sinkt in sich zusammen wie ein Paket deutscher Banknoten, auf das man einen richtigen Golddukaten wirft.

Ich glaube nicht an seine These. Ich glaube erst recht nicht an seinen Helden Tomkinow, der durch ein großes Beispiel den gemütskranken verweichlichten Sohn des Dollarkönigs zum Manne macht und dem in Börsenmanövern ergrauten Papa bündig beweist, daß sein Dichten und Trachten eitel gewesen. Dieser Tomkinow ist sterilisierter Wedekind; ein bißchen Fritz Schwigerling aus dem »Liebestrunk«; aber kein Konquistador der Geschlechtsliebe, sondern hochanständig und monogamisch geeicht.

Und wenn ich dennoch dieses Stück bejahe, das als Zeitkomödie der scharfen Konturen entbehrt und als Sommernachtsromanze des Leichten, des Schwebenden und Durchsichtigen ermangelt, so geschieht es, weil man mitten in diesem Gemengsel von deutscher Romantik (von Jean Paul bis Herbert Eulenberg) und internationalem Farcenstil das heiße Herz eines Dichters hämmern hört, dem ein Dämon genommen hat, zu sagen, wie er an dieser Zeit leidet. Und das bedeuteten wohl auch die stürmischen Huldigungen, die ihm nach dem zweiten und dritten Akt dargebracht wurden.

Unter der Regie Iwan Smiths bewiesen die Künstler des Deutschen Theaters abermals, was auch unter der heutigen Theaterwirrnis noch geleistet werden kann. Heinrich George als reisender Stegreifkünstler, halb Spuk, halb schäbigste Wirklichkeit. Dieterle, Tomkinow, sich heroisch aus der Affäre ziehend, Paul Graetz, Karikatur des Moneymaker. Hans Schweikart, Hamlet aus der Wallstreet, Luise Hohorst, Schatten der angegangenen Zeit, und nicht zu vergessen die Denera mit ihrem lieben Mädelgesicht, sie alle fügten das dissonanzenreiche Spiel zu einem glücklichen Grundakkord.

Berliner Volks-Zeitung, 3. Februar 1923

395.

Andrejew in der Tribüne »Der Gedanke«

Das Publikum nahm die ersten fünf Bilder schweigend hin, um nach dem letzten mit immer erneuten Beifallsstürmen den Hauptdarsteller Paul Wegener vor die Rampe zu holen. Also wohl das typische schwache Stück mit einer dankbaren Rolle? Nicht ganz.

Dieser Leonid Andrejew gehörte nicht zu den großen, wohl aber zu den interessantesten der russischen Literatur. Eine gewaltige Phantasie, ein dämonischer Scharfblick für die Nachtzeiten des Lebens, unerschütterlicher Mut, auf dem schmalen Grat zu wandeln, hart an jenem Abgrunde, wo Wahnsinn und Verwesung auf der Lauer liegen. Aber seltsam, wenn dieser Mensch mit dem bohrenden Hirn Edgar Allen Poes an die letzte Gestaltung seiner Visionen ging, dann trat zwischen ihn und das Werk jedesmal eine dritte Person, der kalte Routinier, der das mit Schmerz und Grauen Erschaute mit oft erprobten, wirkungsvollen Tricks mengte. Alle seine Dramen stammen, ihrem ideelichen Kerne, ihrer seelischen Atmosphäre nach, aus dem Reiche des Unbewußten, aber sie führen alle über in das Reich Sardous, auf die breite Straße des Allzubewußten. Am freiesten von allen billigen Affekten sind seine berühmten Novellen von Wahnsinn und Todesgrauen »Das rote Lachen« und »Die sieben Gehenkten«. Dieses Drama, das in der Übersetzung des fleißigen Vermittlers russischer Literatur, August Scholz, gestern zum erstenmal auf einer deutschen Bühne erschien, erinnert in der Waghalsigkeit seiner Problemstellung an die beiden Meisternovellen Andrejews. Aber was die Erzählung noch tragen kann, das belastet das Drama mehr als billig, und wenn der Zuschauer dauernd der Nervenmassage ausgesetzt ist, schlägt die Stimmung des Grauens schließlich in Wurstigkeit um.

Kershenzew, der einsame Arzt, der Sonderling, der sich im Arbeitszimmer einen Orang-Utang hält und dessen trauriges Hinschwinden mit dem kühlen Interesse des Forschers studiert, wagt sich an ein ungeheuerliches Experiment. Er will den Gedanken, das bewußte Denken, das hohe Vorrecht des Menschen vor dem Tiere, in dem Grade meistern lernen, daß er fähig wird, die ganze Klaviatur des Wahnsinns auszuspielen, ohne darüber den Verstand zu verlieren. Aber aus der Simulation wird gräßliche Wirklichkeit; der »Gedanke« läßt sich nicht reiten wie ein Pferd, der verwegene Reiter wird abgeworfen und wird im Tollhaus elend enden, wie der arme Affe, der nicht die Macht des Denkens hat als Waffe gegen das feindliche Leben. War Kershenzew schon ein Irrer, als er sein Experiment begann? Der Dichter beantwortet die Frage nicht.

Paul Wegeners kolossalische Kraft trug das seltsame Drama und zwang den erschöpften Nerven des Publikums schließlich doch noch stürmische Ovationen ab. Wenn man die Gesamtleistung aller betrachtet, und ich hebe besonders Kurt Goetz, Maria Fein, Walter Rilla und Käthe Haack heraus, so muß doch gesagt werden, daß unter Emil Geyers Regie die Künstler der Tribüne sich mit einer heute nicht allzu häufigen inneren Geschlossenheit einsetzten, die einen unbedingten Sieg erfochten hätte, wenn die Aufgabe dankbarer gewesen wäre.

Berliner Volks-Zeitung, 8. Februar 1923

396.

Kohldampf

Orlando (den Degen schwingend): Halt, eßt nicht mehr!
Herzog: Hat deine Not dich, Mensch, so kühn gemacht.
Wie? oder ist's Verachtung guter Sitten,
Daß du so leer von Höflichkeit erscheinst?

Shakespeare: »Wie es euch gefällt«

In Hessen haben die Angestellten eines Hotels gestreikt, in dem eine französische Militärbehörde mit sicherem strategischen Blick für gute Futterplätze sich Quartier gemacht hat. Als die Herren Offiziere die Tafel leer fanden, wurden sie rasend und stürmten, in ihren Empfindungen zwischen Hunger und Rache geteilt, mit gezückten Schwertern in der Gegend herum.

Nach längerem Umherirren führte sie lieblicher Bratenduft endlich auf eine Spur. In einem gleichfalls geschlossenen Hotel saßen der Ökonom und seine Familie gerade beim Mittagessen. Da brach die ausgehungerte Rotte Korah ein und vertrieb mit flacher Klinge die Schlemmenden von ihren Näpfen, um sich augenblicklich den Inhalt einzuverleiben.

Der Hunger hat bekanntlich seine eigene Dynamik. Nur weil der Magen knurrte, sind schon die größten Erfindungen gemacht worden, und in gewissen Industriezweigen ist heute noch nicht ganz mit dem Grundgesetz gebrochen, die Angestellten nicht zu satt werden zu lassen, weil sie sich dann auf die Bärenhaut legen.

Aber alles das bedeutet nichts gegen einen hungrigen Etappenoffizier. Schildern läßt sich das nicht. Wer es einmal erlebt hat, der weiß es. Daneben versinken alle apokalyptischen Phantasien von sozialer Revolution, wie ausgemergelte Proletariermassen sich auf das von einer feigen Bourgeoisie verlassene Mahl stürzen und ihre erste Gier stillen, in Nichtigkeit. Es ist uniformierter Kannibalismus, der sich den Ranzen füllt, nicht aus Genußsucht, sondern weil Essen Dienst ist und die Gesetze unglücklicherweise mit der persönlichen Neigung zusammenfallen.

Berliner Volks-Zeitung, 20. Februar 1923

397.

Englands Politik

Ein Wort zur Klärung

Es war im vorigen Winter während der langen Auseinandersetzungen, die der Konferenz von Genua vorangingen, als zuerst von englischer Seite die Drohung fiel, daß England bei einer durch die Politik Poincarés herbeigeführten bösartigen Komplizierung sein Desinteressement an den kontinentalen Angelegenheiten aussprechen könnte.

Wir haben damals mit aller Schärfe davor gewarnt, in einer solchen Konstellation günstige Möglichkeiten für Deutschland zu suchen. Die Entente geht kaputt, so triumphierten damals die Wortführer derer, die nicht alle werden; England zieht sich zurück, dann sind wir entre nous und können mit Frankreich abrechnen. Wir haben das als blühenden Unsinn gekennzeichnet und lebhaft betont, daß es für Deutschland relativ keine bessere Sicherung gebe als einen engen Pakt England–Frankreich, in dem letzteres seine Sicherheit garantiert sieht; das beschwichtige die französische Nervosität und schaffe die Voraussetzung für eine allmähliche Annäherung Frankreichs an den maßvolleren und weitsichtigeren englischen Standpunkt in den weltwirtschaftlichen Fragen. Ein Zerbrechen der Entente dagegen würde Ellbogenfreiheit für Frankreich bedeuten und dem Kabinett Poincaré erwünschte Gelegenheit zur Ausführung seiner Sanktionspläne bieten.

Heute, ein Jahr später, nimmt England in der Tat die Rolle eines Zuschauers ein. Es hat zwar nicht förmlich sein Desinteressement erklärt, aber es läßt die beiden großen Kontinentalmächte ihren Zwist allein austragen. Der einen sagt es seine »wohlwollende Neutralität« zu, der andern – wünscht es wenigstens nichts Schlechtes. Die englische Politik hat es oft mit großer Kunst verstanden, reinlicher Entscheidung auszuweichen und orphisch dunkel zu antworten, wo nur Ja oder Nein am Platze gewesen wäre. Auch in dieser ärgsten aller Krisen der Nachkriegszeit möchte England zu der so oft bewährten Taktik greifen. Aber zum erstenmal klappt es nicht recht. Sowohl in Deutschland als auch in Frankreich empfindet man das Gekünstelte und Gezwungene dieser Haltung. Und in England selbst ist man gleichfalls nicht befriedigt. Es fehlt der Regierung Bonar Law doch an jener selbstverständlichen Genialität, die so manche ihrer Vorgängerinnen bei geringeren Affären an den Tag gelegt hat. Man sieht weniger Diplomatie in der gegenwärtigen Abstinenzpolitik als vielmehr diplomatisch aufgeputzte Ratlosigkeit.

An diesem Eindruck kann auch der Umstand nichts ändern, daß Bonar Law aus der Adreßdebatte mit stärkerer Mehrheit hervorging, als eigentlich allgemein angenommen wurde. Die Opposition ging nicht geschlossen vor, und zumal bei dem linken Flügel der Arbeiterpartei mag der Glaube an die Autorität der völkerbundlichen Schiedsrichterrolle nicht übermäßig beträchtlich gewesen sein. Lord Robert Cecil, dieser sonst so leidenschaftliche Advokat der Liga der Nationen, stimmte mit den Unionisten, und ob das etwas verspätete Anklagepathos des Lloyd George besonders überzeugend gewirkt hat, mag dahingestellt bleiben. Wenigstens mußte er von Bonar Law eine etwas peinliche Rektifizierung hinnehmen.

Lloyd George hatte auch auf die Unterstützung des Chamberlain-Flügels, der alten konservativen Freunde in der einstigen Koalition, gerechnet. Auch diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Bonar Law setzte sich durch und wird es auch weiterhin tun, wenn nicht die Kritik der Opposition schließlich doch die öffentliche Meinung durchsetzt und von der Regierungsmehrheit einige Kolonnen absprengt.

Wir Deutschen haben schließlich kein Recht, über die englische Politik zu Gericht zu sitzen. Aber auch wer sie nicht mit deutschem, sondern mit europäischem Maßstabe mißt, muß sie kurzsichtig nennen. Es besteht natürlich kein Zweifel darüber, daß England die kommende Zeit in handelspolitischer Beziehung nicht ungenutzt vorübergehen lassen wird, und der Schatzkanzler Baldwin hat in seiner Programmrede ausführlich dargelegt, wie es aus der gegenwärtigen Konjunktur Honig saugen wolle.

Daß England seine eigenen Wege zu gehen gedenke, hat in Deutschland viele enttäuscht, die noch auf baldige englisch-amerikanische Intervention rechneten, und die sich mit dem Gedanken nicht abzufinden vermögen, daß Deutschland und Frankreich sich allein gegenüberstehen und ohne die Krücken eines Vermittlers allein miteinander fertig werden müssen. Daß England sich von der vitalsten Angelegenheit des Kontinents abwandte, ist, wie zu Anfang dargelegt, ein Unglück. Nachdem es aber einmal eingetreten, muß jedoch versucht werden, die Chancen der neuen Situation zu würdigen. Frankreich ist eines Verbündeten ledig, der ohne ihm eigentlich in den Arm zu fallen doch immer seine Pläne durchkreuzte. Deutschland eines »Mäzens«, dessen Wohlwollen sich auf gelegentliche sympathische Worte beschränkte. Wenn man nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich diese neue und unerwartete Situation richtig einzuschätzen vermag, dann besteht noch immer die Möglichkeit, daß die Katastrophe abgewendet werden kann, ohne die Hilfe eines, der sich im Augenblick, wo Europa am Abgrunde steht, nicht darüber klar werden kann, welche Rolle lukrativer ist: – die des »ehrlichen Maklers« oder die des lachenden Dritten!

Berliner Volks-Zeitung, 23. Februar 1923

398.

Intimes Theater

Deutsche Einakter

Der neue vaterländische Aufschwung, der unter anderem eine Erhöhung der Brotpreise mit sich gebracht hat und eine entschieden gallophobe Richtung in der Berliner Theaterpolitik, muß einem Institut wie dem Intimen Theater, das bisher von Pariser Ware lebte, doppelt gefährlich werden. Aber Direktor Heppner ließ sich nicht verblüffen, und so beschenkte er uns nicht die »Hermannsschlacht« mit Senta Söneland als Thusnelda, sondern ließ ein Sturzbad von 7 (sieben!) Einaktern unantastbar deutscher Provenienz auf uns niedergehen. Denn was die Franzosen können, das können wir auch. Mit Verlaub, das stimmt nicht! Aber das wissen wir schließlich seit Jahren, und ist es wirklich nötig, sieben Mann hoch zu bemühen, um den Nachweis zu führen, daß man in Deutschland zu diesem Genre kein Talent hat? Deshalb seien die Namen der Autoren, unter denen sich wohl der eine oder andere bessere Mensch befinden mag, gnädigst verschwiegen. Serviert wurde das Ganze mit einer Schauspielkunst, die in Klein-Tschunkawe mit Entrüstung abgelehnt worden wäre, aber in Berlin gefiel. Über Gustav Heppner selbst fällt ein Urteil schwer. Man müßte ihn einmal in einem guten Ensemble sehen. Jedenfalls: er kann sich bewegen, er kann gehen, er kann sprechen. Und das macht ihn in diesem Milieu zu einem wahren Goliath.

Berliner Volks-Zeitung, 26. Februar 1923

399.

Fatale Propaganda

In früheren Zeiten, als man von dem, was Sensation ist, nur sehr bescheidene Vorstellungen hatte, gab es eine Sorte von Büchermacherei, die sich damit befaßte, das Liebesleben hochgestellter Persönlichkeiten der Vergangenheit und Gegenwart der verständnisvollen Aufmerksamkeit eines großen Publikums näher zu bringen. Auf diesem Wege erfuhr man, welcher Art der alte Fritz gewesen war, was die beiden kaiserlichen Katharinen getrieben haben, und selbst die prüde Maria Theresia wurde einer verspäteten Vivisektion ihres Lebenswandels unterzogen. Immerhin, die Toten konnten sich nicht wehren, aber die Lebenden wurden unangenehm, liefen zum Kadi, und der Angeklagte machte gewöhnlich durch Nichtantretung des Beweises schlechte Figur.

Das sind, wie gesagt, verklungene Zeiten. Heute deckt man nicht mehr auf, sondern zu. Dem wiederaufbauenden Charakter unserer Tage gemäß, zersetzt man keine Reputationen mehr, sondern leimt und kittet, wo Bruchstellen bemerkt worden sind. Da fliegt mir gerade die folgende Anzeige aus dem »Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel« auf den Tisch: Der deutsche Kronprinz und die Frauen in seinem Leben. Nach authentischen Aufzeichnungen, Belegen und Unterlagen ... Scharfmacher – Kriegshetzer – Kindermörder... zu Bergen türmte sich der Unrat, den sie gegen den Erben des deutschen Kaiserthrones schleuderten. In seinen schlicht-klaren, ehrlichen Bekenntnisbüchern wehrte er den heimtückischen Haß seiner Feinde ab und schwieg doch zu dem erbärmlichsten aller Anwürfe, der ihm nun auch noch moralisch, als Mensch und als Mann, vor der ganzen gesitteten Welt das Brandmal aufdrücken soll: daß er ein skrupelloser Wüstling und Frauenjäger gewesen sei. Namen werden genannt, subtile Einzelheiten von Mund zu Mund getragen, ungeheuerliche Schlußfolgerungen daraus gezogen. Bis ins Mark vergiftet ist die Atmosphäre. Der Zweck der Herausgabe dieses Buches ist es nun, den Wust von planmäßiger Lüge und Verleumdung zu entwirren... es entgiftet die Atmosphäre und enträtselt in der psychologischen Zergliederung der gravierendsten Fälle das Problem, wie ein derart unsinniges Zerrbild des deutschen Kronprinzen überhaupt entstehen konnte. Das Buch ist eine Erlösung und ein Geschenk für die hunderttausende deutscher Männer und Frauen, die dem Verbannten von Wieringen im Herzen Treue halten! –

Also kündigen die Leipziger Graphischen Werke A.-G., Leipzig R. an und nennen ihr Patenkind »Das deutscheste Buch des Jahres.«

Daß der Verlag über das, was er vollbracht hat, entzückt ist, braucht nicht zu verwundern. Ob allerdings der Mann, dem das Plaidoyer gilt, durch die von den Leipziger Graphischen Werken besorgte Entgiftung um ihn herum sich besonders freut, muß dahingestellt bleiben. Es ist natürlich nicht besonders angenehm, den Ruf eines Wüstlings zu genießen; aber wer die Wahl hat, im Gerede seiner Mitbürger lieber im Mittelpunkt lasciver Geschichten zu stehen oder als keuscher Joseph zu gelten, Hand aufs Herz, verehrter Leser, Sie entscheiden sich für das erstere. Denn das Laster ist nun einmal das interessantere. Im Wandel der Zeiten sind alle Gloriolen verblaßt. Nur der Nimbus des Schürzenjägers strahlt noch hell wie in den Frühlingstagen der Menschheit, da die Götter zu den Töchtern der Erde schlichen, um sich bei ihnen von den Strapazen ewiger Seligkeit zu erholen.

Wer diesen Nimbus hat, der zerstöre ihn nicht.

Namentlich nicht, wenn es der einzige ist.

Berliner Volks-Zeitung, 3. März 1923

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