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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 96
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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1921

96

Die Jugend rührt sich!

In der zweiten Novemberhälfte fand in Berlin eine Veranstaltung statt, von der die Presse, deren Bretter vor dem Kopf für ihre Leser die Welt bedeuten, nicht groß Notiz nahm. Im Lehrervereinshause protestierten Jugendliche aller Richtungen gegen einen Akt bureaukratischer Schikane, durch den ein verdienter Mann von seinem Posten verdrängt worden war. Der Leiter einer Anstalt für verwahrloste Jugend war kühn genug gewesen, die alten Korrektionsmethoden zum Gerümpel zu werfen und aus dem traurigen Hause etwas anderes zu machen als eine »Anstalt«, nämlich ein Heim. Ein freundliches und sonniges Heim, von Menschenliebe geleitet. Darob Stirnrunzeln vorgesetzter Behörden und natürlich Rebellionen im Lehrkörper. Vergebens kämpft der Mann, um den Charakter seines Hauses zu erhalten; schließlich dankt er ab. Und da geschieht das Unbegreifliche. Es finden sich Menschen, die, ohne sich zu schämen, vor aller Öffentlichkeit das Lied vom braven Mann singen. Alle Jugendorganisationen, ohne Ausnahme, finden sich, um abzurechnen mit dem bornierten Rückschrittlertum und für einen Menschenfreund eine Lanze zu brechen. Ein einziger Saal vereint die Jugendvereinigungen aller politischen und geistigen Richtungen. Da sind die Freideutschen und die Demokraten, die Hakenkreuzler neben den Sowjetisten, die Bürgerlichen neben der »Freien Arbeiterjugend«. Und gemeinsam nur eines: wir, die Jugend, protestieren gegen ein Unrecht! Wirklich, man möchte den Bonzen danken, die wider Willen die Veranlassung eines so prächtigen Schauspieles waren.

Es liegt mir nun gänzlich fern, hier ein lehrreiches Exempel konstruieren zu wollen für die Parteien der erwachsenen Leute. Man soll in dieser Zeit der Papierknappheit sich nicht in hoffnungslose und platzraubende Abenteuer stürzen. Deutschnationaler, wird es dich aus der Ruhe bringen, daß einem Sozialdemokraten Unrecht widerfahren ist? Und dich, U.S.P.Deler (rechts), daß am Genossen U.S.P.D. (links) man gefrevelt hat? Nein, gewiß nicht! Also weiter. Die Jugend selber möge daran ein Beispiel nehmen, denn die Jugendorganisationen waren auf dem besten Wege, ein Abklatsch der politischen Gruppen zu werden, zu deren Programm sie halten und die hinter ihnen stehen. Eine Jugendbewegung im politischen Sinne soll sein und muß sein, eine parteipolitische Jugendbewegung aber ist eine Negierung des Begriffes Jugend, eine Erziehung zur Borniertheit. Gibt es etwas Wahnsinnigeres, als die Parteikirchweih unter Achtzehnjährige zu tragen? Nein, die Jugend hat ihr eigenes Gesetz. Gebt ihr Ellbogenfreiheit, gebt ihr Möglichkeit und Mittel, sich umzuschauen und politisch zu bilden – aber macht sie nicht zu eurem Anhängsel!

So weit waren wir nämlich. Es war erschreckend, wieviel Nachplapperer und bewährte Parteiveteranen mit der Schülermütze auf dem Kopf einem begegneten. Ich entsinne mich mit Grausen einer Versammlung in Hamburg, in der ein Jüngling die gewaltige Behauptung aufstellte: wer nicht auf die materialistische Geschichtsauffassung schwöre, habe in einer sozialistischen Partei nichts zu suchen, sei überhaupt kein Sozialist. Wie jung an Jahren und welche Sammlung von Vorurteilen! Was ist da übrig von jenem innersten Trieb der Jugend, sich aufzulehnen gegen Satzungen, zu rebellieren gegen Unvernunft, durch Herkommen geheiligt? Und so ging es überall. Nirgends Durchdringen zum Rechte der Persönlichkeit, statt dessen Herdengeist, Intoleranz, Buchstabengläubigkeit, Präparation zum Karrieremachen. Es war nicht schön.

Und nun flammt ganz spontan ein Wille. Und der Anlaß dazu ist nicht Potsdam gegen Moskau, nicht Langschädel gegen Rundschädel, nicht Links gegen Rechts, sondern ... ein Unrecht! Eine Versündigung am Leben hat die Jungen mobilisiert! Ein gerechter Zorn kann sie alle zusammenbringen, ob sie auf Westarp schwören, oder Preuss, oder Däumig.

... auch wärst du träger als das feiste Kraut,
das ruhig Wurzel treibt an Lethes Bord,
erwachtest du nicht hier ...

Deutsche Jugend, dein Heimatland ist von elenden Zänkereien zerrissen und besudelt. Übe dich im großen Kampf und lasse dich nicht verleiten, es den Alten in Bagatellen gleich zu tun. Nur so bewahrst du das schönste Gut und Privileg deiner Jahre: die Hellhörigkeit des Herzens für Recht und Unrecht. Und du wirst dann nicht zagen, aus dem Hause zu treten, wenn der Geist um Mitternacht über die Terrasse geht ...

Monistische Monatshefte, 1. Januar 1921

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