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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 90
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
year
firstpub1911 - 1921
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90

Die Geschichte vom Golem

Man kennt die Legende vom Golem heute zur Genüge. Ein der Magie ergebener Rabbi hat ein Geschöpf von menschlichen Formen geknetet und kann es durch ein Zauberwort beleben und als willigen Diener gebrauchen. Es ist und bleibt aber eben nur ein Mechanismus; was fehlt, ist der göttliche Hauch, die Seele. Und eines Tages, da der weise Mann ausgegangen, wird von Unberufenen der Automat in Bewegung gesetzt. Aber der Golem, nun nicht mehr gelenkt von des Meisters überlegener Hand, tritt in seine eigene Existenz und wirkt zerstörend wie eine blind waltende Naturkraft. Das ist eine alte Geschichte, die in vielen, vielen Variationen vorkommt. Populär geworden ist sie, als vor einigen Jahren ein Dichter von großer phantastischer Kraft den überlieferten Stoff in neue Formen goß. Zurzeit macht uns ein sehr reizvolles Filmdrama mit der Sage vertraut. Zurzeit wird der Golem noch auf einer größeren Szene gespielt, als sie selbst dem Filmregisseur zur Verfügung steht. Diese Szene ist die deutsche Republik in ihrer ganzen Ausdehnung, und Mitspieler ist das ganze deutsche Volk.

Allerdings ist in diesem Drama von einer Einheit der Handlung nicht die Rede. Es gibt nicht nur einen Golem, der sein Unwesen treibt, sondern bereits ein Überangebot von Golems. Und etliche sind sogar vereinsrechtlich eingetragen. Der Namen sind viele, verwirrend viele: – Selbstschutz G.m.b.H., Orgesch, Sportklub »Olympia«, Landbund, Rote Kampforganisation usw. Die Namen, wie gesagt, verschieden, aber die Geschöpfe einander verzweifelt ähnlich. Seelenlose Gebilde aus der Retorte dilettierender politischer Geheimwissenschaftler, belächelnswert in ihrer Tapsigkeit und Instinktlosigkeit, aber furchtbar in ihren Möglichkeiten. Furchtbar in dem Augenblick, da den Meistern und ihren Adepten das Latein ausgeht und die Automaten ein eigenes Sein beginnen.

Die geistigen Massenerkrankungen der Kriegs- und Revolutionszeit sind durch eine neue abgelöst. Der Geist der Unstetheit und des Mißtrauens, längst unheimlich im Volke schwebend, hat eine neue Krankheit akut werden lassen. Die Selbstschutzepidemie grassiert. Jeden Tag neue Gründungen mit mehr oder weniger durchsichtigen Decknamen. Organisationen dieser Art. zahlreich wie Sand am Meer. Mag nun die Bundeslade ein dreifarbener Streifen zieren, oder ein Hakenkreuz, oder die Sowjetsichel – diese ganze Geheimbündelei ist ein trauriger Beweis, daß beständig ein Teil des Volkes den Überfall des anderen fürchtet. Und daß eigentlich niemand der Regierung zutraut, in einem solchen Falle dem Gesetz Achtung verschaffen zu können. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott, das ist die Losung. So wie der einzelne in allen wirtschaftlichen Angelegenheiten sich selbst hilft, das heißt auf die Allgemeinheit pfeift, so wird auch das höchst problematische Gebiet der Politik, durch die Brille eines handfesten Egoismus besehen, zu einer durchaus primitiven Gewehr- und Patronenhamsterei. Jedermann wird jedermanns Feind, und zwei Jahre nach dem Abschluß des Völkermordens ist »der Säbel, der haut, und die Flinte, die schießt«, zur zugkräftigen Losung geworden. Rechts und links. Wir wollen uns hier nicht in Vermutungen darüber ergehen, wieviel Waffenmaterial diesen Organisationen trotz der Entwaffnungsaktion noch zur Verfügung steht, oder was an den Berichten darüber Wahrheit oder Fiktion ist. Wir glauben, es kommt weniger darauf an, ob den Bürgerkriegern moderne Infanteriegewehre oder Schrotflinten oder nur Kunze-Knüppel zur Verfügung stehen, als vielmehr auf den Grad der Bereitwilligkeit, im Falle politischer Krisen, in letzten Phasen erbitterter Machtkämpfe mit brutaler Gewalt vorzugehen.

Ausschalten wollen wir aus unserer Betrachtung jene Unseligen, die ganz bewußt als Einpeitscher des Bürgerkriegs sich betätigen. Wir wollen uns beschränken auf jene Bürger und Arbeiter, die, politisch grün, das prädestinierte Material sind für die Freiwerber des inneren Militarismus. Wirklich, diese guten Leute sind gar nicht darauf versessen, das wahrzumachen, was der Vereinshäuptling immer wieder in Festreden betont, nämlich: für die »große Sache« Kopf und Kragen zu lassen. Wir denken da an die braven Herren älteren Semesters, die während der Kapp-Tage als Einwohnerwehr mit wackelnden Bäuchen Patrouille schoben, mit gelegentlichem zagen Seitenblick auf den umgehängten Schießprügel, im Kopfe düstere Reminiszenzen an Fälle von Selbstentladung. Nein, die Majorität der Weiß- und Rotgardisten lebt sicherlich nicht in Bluträuschen, sondern im Banne einer allerdings äußerst fatalen Suggestion: – im Glauben an die Macht der Waffen! Irgendwie lebt der deutsche Normalmensch in dem Glauben, in der Waffe so etwas wie eine moralische Instanz zu sehen. Und deshalb kein Vertrauen zur Macht geistiger Mittel. Deshalb kein Glaube an die siegreiche Kraft des Rechtes und der Vernunft.

Das alles wäre Komödienstoff und nicht der Aufregung wert. wenn nicht gerade in solcher Atmosphäre schließlich ganz von selbst die Anschauung Raum finden müßte, daß die beste Verteidigung nun einmal der Angriff sei. Dazu die unheimliche Fülle von heimlichen militärischen Würdenträgern. Ein Platzregen von »Abteilungschefs«, »Gruppenkommandeuren«, »Abschnittskommandanten« usw. scheint auf Deutschland niedergegangen zu sein, und wenn man seine Nase tiefer in die militärischen Mysterien hineinstecken wollte, man würde ganz gewiß auch auf vollzählige Etappeninspektionen stoßen ...

Natürlich fehlen überall die »aggressiven Absichten«. Wie könnt' es auch anders sein. Es richtet ein jeglicher sich nur auf Verteidigung ein. Dieser will die »Errungenschaften der Revolution« sichern, jener den Bolschewismus (oder was er darunter versteht) abwehren. Der General Watter will sogar die Verfassung schützen, für deren Respektierung er im vergangenen Winter mit seinem Trabanten Lichtschlag so hingebungsvoll gewirkt hat. Es liegt uns fern, all diesen ordnungsbeflissenen Herrschaften in Bausch und Bogen den guten Glauben abzusprechen. Manche davon sind fest überzeugt, eine notwendige Mission zu erfüllen. Das spricht sie allerdings von einem bewußten Verbrechertum frei, mildert aber nicht den Eindruck von Narrheit, den solches Treiben erweckt. Denn es ist Aberwitz und nochmals Aberwitz, in der innerstaatlichen, in der nationalen Politik mit Praktiken operieren zu wollen, die in der internationalen Politik rettungslos Schiffbruch erlitten und, mehr noch, einen Zustand von Barbarei über die Menschheit gebracht haben. Es ist Aberwitz, zu wähnen, es ließe ein Land sich mit Handgranaten und Maschinengewehren pazifizieren, nachdem gerade der Krieg bewiesen hat, daß das Mittel der Waffe nicht imstande ist, auch nur einen einzigen Streitfall wirklich aus der Welt zu schaffen. Ganz davon zu schweigen, daß ein Metzgergemüt von vielen Graden dazu gehört, eine blutige Auseinandersetzung mit Volksgenossen vorzubereiten, während noch die Lazarette voll sind von scheußlich verstümmelten Menschen, von grausigen gliedlosen Fleischklumpen ...

Selbstschutz durch militärische Organisation – eine Formel aus krankem Hirn geboren! Der einzige wirkungsvolle Selbstschutz ist heute Selbstzucht, individuelle und kollektive Selbstzucht! Man zetere nicht über die Waffen der anderen, sondern entäußere sich der eigenen. Denn: geht es in gleichem Tempo weiter, so werden die Werkzeuge bald stärker sein als die Herren; der Automat wird beginnen selbsttätig zu funktionieren, und kein Gott, kein Escherich und kein roter Kriegskommissar wird mehr ein Haltsignal geben können.

Ist es ein Wunder, daß die Fabelfigur aus dem alten Prager Ghetto bei uns heute so volkstümlich ist? Auf der großen Szene des ganzen Deutschen Reiches wiederholt sich das Spiel, und alle machen mit.

Berliner Volks-Zeitung, 12. Dezember 1920

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