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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 87
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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87

Arbeiterschaft und Gewaltpolitik

Während die englische Arbeiterschaft sich in einem sozialen Kampfe von gewaltigen Ausmaßen befindet, einem Kampfe mit überlegener Führung und klaren Zielen, haben große Teile der deutschen Arbeiterschaft einem Schiffe ohne Masten und Steuer sich anvertraut, das die schreiend rote Aufschrift »Hoffnung« führt. Die Taktik der englischen Arbeiterparteiler der Taktiklosigkeit der deutschen Radikalsozialisten gegenüberzustellen, stimmt bitter. Dort drüben ein solides und in sich gefestigtes Kraftbewußtsein, und hier bei uns Erschöpfung und Übermüdung, leiblich und geistig, aber mit allen Reizmitteln der Phrase zu hysterischen Krampfausbrüchen getrieben, die sich selbst für Äußerungen von Vitalität halten.

In der ausgezeichneten amerikanischen Zeitschrift »The New Republic« erinnert Sidney Webb, der auch bei uns wohlbekannte englische Soziologe, an die große politische Mission der englischen Arbeiterschaft. Vor hundert Jahren, so führt er aus, waren es die politischen Ideen des englischen Bürgertums, die ganz Europa durchdrangen. Heute, nach dem Frieden von Versailles, scheine es, als seien die Ideen der englischen Arbeiter in ähnlicher Weise dazu bestimmt, Epoche zu machen.

Soll das nur eine blendende Hypothese bleiben, sollen die englischen Arbeiter wie bisher eine Insel bleiben, ohne Nachfolge auf dem Kontinent?

Nur ein Kommunist Moskauer Observanz wird den englischen Arbeiterführern Prinzipienschwäche vorzuwerfen wagen. Nein, sie sind Meister politischer Strategie und lassen sich auch nicht von der allerzündendsten Heugabelparole verlocken. Ihre ganze Stärke liegt in der Ausnützung der Situation, in der Vermeidung der rohen Gewalt.

Möge Sidney Webb recht behalten. Einstweilen, in Frankreich, Italien, selbst Skandinavien und der Schweiz, rumort die alles überherrschende Phrase. Die Gegenwart mit ihren Aufgaben wird vergessen, mühsam Gewordenes in Bruderkämpfen zerstampft wie ein Kornfeld bei einer Kavallerieattacke. Einer sozialistischen Partei nach der anderen wird par ordre de moufti das Rückgrat gebrochen. Der boshafteste Feind der Arbeiterbewegung könnte nicht ärger wüten als das Großkhanat des tatarischen Sozialismus zu Moskau ... die dritte Internationale.

Am schlimmsten mußte es naturgemäß in Deutschland werden. Nicht weil hier so viel überschüssige revolutionäre Energie vorhanden ist, um eine flottgehende Filiale der Weltrevolution zu eröffnen, sondern weil hier die Hoffnungslosigkeit in einem Grade gestiegen ist, daß vielen der Sprung ins Dunkle wie ein sanfter Abstieg in elysische Gefilde erscheint. Parteizwist, reaktionäres Treiben, Korruption, der Druck des Versailler Friedens und, nicht zu vergessen, die schlechte politische Kinderstube, alles das hat dazu beigetragen, in der früher so antiimperialistischen und antimilitaristischen Arbeiterschaft eine Stimmung zu erzeugen, die gleich jener der ehemals bitter bekämpften Alldeutschen ihren klarsten Ausdruck findet in dem Worte eines Shakespeareschen Renommisten: »... so ist die Welt die Auster, die mir mein Schwert soll öffnen!«

Dennoch bleibt psychologisch ein schwer erklärbarer Rest. Nicht daß man den Graumalereien eines Crispien und Dittmann nicht glaubt, ist das Seltsame. Diese Leute haben allzulange geschwiegen und allzuoft den Refrain mitgesungen, den Herr Däumig intonierte. Nein, unbegreiflich ist, daß Menschen, die doch selbst vier schreckliche Jahre hindurch die Wahrheit des Krieges durchlebten und schließlich von Grauen und Ekel gepackt die Waffen fortwarfen, so leichtherzig einer Parole nachlaufen, die mit aller Deutlichkeit zum Krieg nach außen und innen auffordert. Daß Menschen, die Leichenhügel gesehen haben und Kugeln in den Knochen stecken hatten, sich düpieren lassen von der neomilitaristischen Phraseologie eines Sinowjew, dessen freundlich gerundete Körperlichkeit besser Zeugnis ablegt von seinem leiblichen Nährvater, dem überall mitgeführten Koch, als von seinem geistigen Nährvater Karl Marx. Dieser blinde Gewaltglaube zwei Jahre nach dem eklatantesten Zusammenbruch von Gewaltpolitik, den die moderne Geschichte kennt, das ist ein Epilog der Kriegspsychose, der fast schlimmer ist als die ganze vorhergehende Tragödie.

Wir anderen, ob wir nun Sozialisten sind oder »bürgerliche« Demokraten, dürfen das alles nicht als ein Fatum hinnehmen. Wir sind nicht die »lachenden Dritten« bei dem Zerreibungsprozeß der radikalen Linken, von dem doch nur die Reaktion profitiert. Der Kampf der Sozialisten untereinander birgt immer die Gefahr des Bürgerkrieges in sich. Mag der Spießer sich auf Orgesch verlassen, wir müssen den geistigen Kampf aufnehmen gegen die Gewaltideologie der Arbeiterschaft. Wir müssen ringen um die Seele des Arbeiters, wir müssen sie reinigen helfen von der Macht der Schlagworte.

Das Schlagwort von der »Diktatur«. Es ist am gefährlichsten, weil am plausibelsten für den deutschen Staatsbürger, der gewohnt ist, daß er behandelt wird, daß für ihn gehandelt wird, nur daß er selbst nicht handelt. Dieses Wort muß entlarvt werden in seiner Sinn- und Geistlosigkeit, wie es nach Bismarcks schlimmster Zeit riecht, nach Puttkamer, nach Brausewetter und Zabern. Man fordere Antwort, was es denn bedeute. Es wird sicherlich viele Antworten geben, aber eine jede wird erinnern an die berühmte Erklärung, was ein Regenschirm sei, die bekanntlich so beginnt: »ein Regenschirm ist, wenn man ...« Gerade die eifrigsten Diktaturgläubigen müssen sich in Widersprüchen verwickeln, sie müssen aus dem Bereich der deutschen Andeutungen herausgelockt werden, ihr Ideal der öffentlichen Kritik preisgeben.

Es geht um die Masse der deutschen Arbeiterschaft. Sie, die früher die bestdisziplinierte war, sollte nicht wieder zurückfinden? Sollte sie sich wirklich dauernd gängeln lassen von parfümierten Revolutionsjournalisten mit weiblichem Anhang und elegantem Kroppzeug, das jedesmal nur den letzten politischen Chic mitmachen muß?

Ein Zweikampf, den man längst entschieden glaubte, hat von neuem begonnen. Marx und Bakunin sind von neuem erstanden und setzen ihr jahrzehntelanges Duell fort. Auf der einen Seite der deutsche Sozialdenker, der Erkennende, auf der anderen Seite der ungestüme, gewaltig aufrüttelnde, aber niemals schöpferische Russe. Der eine, glühender Apostel des Sozialismus, schenkt dem leidenden Proletariat das Licht des Wissens und bereitet künftige Freiheit vor; der andere fährt in dumpfe, halb schlafende Massen und drückt ihnen die Fackel der Zerstörung in die Faust.

Man hat den Moskauer Kommunismus eine Religion genannt. Wenn das wahr ist, so ist er eine Religion des Blutes. Und deshalb wird er niemals Bleibendes schaffen, wird er zwar Menschen fanatisieren, aber niemals glücklich machen können. Weil er nur das Schwert kennt und auf das Menschenleben pfeift, ist er, bei aller revolutionären Gebärde, doch etwas, was einer versinkenden Zeit angehört. Unsere Sehnsucht aber ahnt eine neue Zeit, die nicht mehr mit dem Schwert spielt und nicht mehr die tote Idee, sondern den Menschen selbst zum Mittelpunkt macht. Es ist der Fluch jeder Gewaltpolitik, das sie schließlich an ihren eigenen Waffen zugrunde geht. Wer mit Blut Politik macht, wird am Blut verderben. Denn Blut ist ein besonderer Saft.

Berliner Volks-Zeitung, 23. Oktober 1920

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