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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 86
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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86

Demokratie und Völkerbund Eine neue Schrift Quiddes

Im Mittelpunkte des kürzlich beendeten Pazifistenkongresses in Braunschweig stand das Problem des Völkerbundes. Ein offenes Bekenntnis also zu jener Zukunftsgemeinschaft der Nationen, die heute noch von allzuvielen Deutschen für Zukunftsmusik gehalten wird. Voreilig genug spricht man dem Völkerbund, der sich doch erst im Anfangsstadium befindet, jede Wirkungsmöglichkeit ab. Man übersieht dabei, daß ein solches Gebilde nicht eben fertig, wie Athene aus dem Haupte des Zeus, springen kann. Eine Organisation, die die Völker des Erdballs umfassen und nicht ein neuer Name für bestehende Allianzen und Ententen sein soll, braucht Zeit zum Reifen und langsames Werden. Und, wer weiß es, vielleicht ist der Augenblick nicht mehr fern, wo der Völkerbund, der jetzt scheinbar passive, zum ersten Male seine Macht erweisen wird. Denn, das sei allen Hakenkreuzrittern gesagt, die Tendenz unserer Zeit geht trotz den so üppig ins Kraut schießenden nationalen Eigensüchten über die nationale Individualwirtschaft hinaus, und die Stromläufe der einzelnen nationalen Demokratien wollen sich vereinigen in dem Meere der Weltdemokratie. Diesem Gedanken haben die deutschen Pazifisten Ausdruck gegeben und sich zu dem verpönten Völkerbund bekannt und zu seiner Ausgestaltung im freiheitlichen Sinne beigetragen.

Dieses gleiche Ziel hat auch die soeben erschienene Schrift »Völkerbund und Demokratie« von Ludwig Quidde, herausgegeben von der Jugendgruppe der Demokratischen Partei in Frankfurt. (Eine etwas gekürzte Sonderausgabe ist zu beziehen durch die Deutsche Friedensgesellschaft in Berlin, Potsdamer Straße 75, zum Preise von 70 Pfennig.) Die Schrift ist die Wiedergabe eines Vortrages, den Quidde vor einiger Zeit in Frankfurt a.M. gehalten hat. Wer Ludwig Quidde, den jetzt wiedergewählten geschäftsführenden Vorsitzenden der Friedensgesellschaft, kennt, der weiß, daß er sich in dreißigjähriger politischer Praxis als Meister der freien Rede bewährt hat, dem in seltenem Maße die Gabe der volkstümlichen Darstellung eignet, und daß es ihm mit viel Glück gelingt, gerade diejenigen zu fesseln, denen der Gegenstand noch nicht vertraut ist und die leicht durch gelehrten Ballast abgeschreckt werden.

Quiddes Arbeit ist außerordentlich reich an Gedanken, an kritischen sowohl wie an positiven. In klarer Erkenntnis der Notwendigkeiten führt er den Leser durch die Wandelgänge des Völkerbundgebäudes und sagt die Stellen an, wo umgebaut und wo weitergebaut werden muß. Verbunden ist damit eine gewissenhafte Prüfung von Phrasen, die heute noch so manchen Kopf verwirren. Die etwas krausen Begriffe »Weltrevolution« und »Vergeltungskrieg« werden dabei sehr sachkundig und sehr gründlich demoliert. Von Bedeutung ist auch die Kritik der außenpolitischen Methoden des alten Systems, die ja noch immer ihre Verteidiger finden. Quidde fordert vom republikanischen Deutschland, daß es die Fehler des alten imperialistischen Deutschland erkenne, bekenne und vermeide. Auch die unselige Rolle Deutschlands auf den Haager Konferenzen, von der unsere Öffentlichkeit so wenig Ahnung hat, wird im Vorübergehen beleuchtet.

Quidde eröffnet seine Schrift mit einer Klarstellung der Prinzipien des Pazifismus sowohl als auch der Demokratie. Die Überwindung des Krieges durch Schaffung einer Völkergemeinschaft erscheint ihm als wirtschaftliche Notwendigkeit. Aber mit Nachdruck hebt er hervor, daß die Kriegsgegnerschaft nicht allein wirtschaftlich, sondern vor allen Dingen sittlich begründet werden müsse. »Wir müssen den sittlichen Abscheu gegen den Krieg predigen ... Wer nur aus Zweckmäßigkeitsgründen der Forderung beitritt, der schwenkt wieder ab, wenn eine andere Zweckmäßigkeitserwägung ihn mit der Idee des Krieges aussöhnt, wenn er glaubt, dabei sein Interesse zu finden ... Heilig ist uns das Menschenleben ...«

Wir wünschen dieser Schrift die weiteste Verbreitung. Wenn oben gesagt wurde, daß des Verfassers schlichte Art sie in erster Linie zu einer volkstümlichen stempele, so ist damit nicht ausgedrückt, daß der Berufspolitiker daran vorübergehen könne.

Berliner Volks-Zeitung. 22. Oktober 1920

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