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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 85
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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85

Revolutionsbilanz
Heinrich Ströbels Werk

Heinrich Ströbel, der langjährige sozialistische Publizist und Parlamentarier und jetzige politische Chroniqueur der »Weltbühne«, hat in einem soeben erschienenen Buche eine Darstellung der Ursachen und des Verlaufes der deutschen Revolution gegeben, wie sie in solcher Gründlichkeit bisher noch nicht versucht wurde. (» Die deutsche Revolution. Ihr Unglück und ihre Rettung.« Der Firn-Verlag, Berlin.)

Ströbel hat bekanntlich zu den Gründern der Unabhängigen Sozialdemokratie gehört. Er ist, ebenso wie Kautsky, von den Leuten mit üppigerer Phantasie und kräftigeren Ellenbogen beiseite gedrängt worden. Es spricht für ihn, daß er die Gelegenheit nicht benutzt, um dem Publikum seine weiße Wäsche zu zeigen, sondern daß er alles Persönliche streng ausschaltet. Er bringt den Willen zur Gerechtigkeit mit und zeigt dabei einen überraschenden Sinn für das Format der Geschehnisse. Soweit man als Zeitgenosse und Miterlebender überhaupt Geschichte schreiben kann, ist es ihm gelungen. Die Sprache dieses Buches ist ebenso rein wie die Gesinnung.

Im Gegensatz zu den meisten seiner Parteigenossen, die fast alle im Laufe der Ereignisse der suggestiven Gewalt der Schlagworte wie »Rätesystem« oder »Diktatur des Proletariats« unterlegen sind, ist Ströbel immer mehr zu einem Politiker eigener Prägung geworden. Das hat ihn zwar seiner Partei entfremdet, aber sein Urteil geschärft. Man kann einigermaßen neugierig sein, ob ihn nun Crispien und Ledebour noch weiter verdammen werden, weil er bereits vor anderthalb Jahren das sagte, was sie jetzt selber, der Not gehorchend, sagen müssen.

Heute ist die Unabhängige Sozialdemokratie eine Beute wildester Bruderkämpfe und wird, wenn die Moskauer nicht einlenken, nach wenigen Monaten gespalten sein in zwei, vielleicht drei, vier Parteien. Denn in Zeiten wie diesen verrichten die Spaltpilze Akkordarbeit. Damit ist die Aussicht auf eine starke Linke endgültig eingesargt, und die Feinde der Republik können sich mit vollem Recht ins Fäustchen lachen. Die Geschichte der deutschen Revolution ist ein einziges Unglück, ein Unglück durch eigene Schuld. Desto notwendiger ist es, den Parteien, die sich so gern »Revolutionsparteien« nennen, den Spiegel vorzuhalten. Ist noch ein Fünkchen Vernunft vorhanden, das Grauen muß sie packen vor diesem Bild.

So werden in Ströbels Darstellung nochmals die Ereignisse der letzten Jahre lebendig. Eine furchtbare Warnung für den Sozialisten! Wo ist nicht gesündigt worden, gröblich gesündigt worden? Die Schaukelpolitik der Mehrheitspartei imponiert sehr wenig. Man wird danach das Gefühl nicht los, als hielte diese Partei nicht eigentlich der unentwegte Wille zur Einigkeit zusammen, sondern mehr der Mangel an Vitalität. Die Unabhängigen, im Kriege Oppositionsgruppe mit blankem Prinzipienschild, verlieren den geraden Kurs, blicken ängstlich nach links, ob sie nicht an Radikalismus überboten werden, verlieren zuweilen gänzlich ihre Selbständigkeit und scheinen oft nicht mehr zu sein als der große Vorspann der kleinen Spartacusgruppe. Diese selbst aber, vom russischen Beispiel fasziniert, wird ein Element der Unruhe, der Hysterie. Und gerade die Gegner des Krieges und des Belagerungszustandes nehmen Gesten an, die denen ihrer Gegner verteufelt ähnlich sehen. Es ist dringend zu wünschen, daß Ströbel unter den Sozialisten nicht Prediger in der Wüste bleibt. Denn, das sei allen denen gesagt, die in schwer begreiflicher Kurzsichtigkeit auf die Uneinigkeit der Sozialisten untereinander spekulieren: solange nicht zwischen den sozialistischen Gruppen eine gewisse Verständigung erfolgt, von Einigung ist unter gegenwärtigen Verhältnissen natürlich gar nicht zu reden, ist die Gefahr des Bürgerkrieges in Deutschland stets latent!

Ströbel ist, daran besteht kein Zweifel, überzeugter Sozialist. Er ist Marxist und Antikapitalist durch und durch und wünscht sehnlich den Sieg der sozialistischen Ideen. Aber er kann sich die Durchführung nur auf der Basis der Demokratie denken. Er kann sich den Sozialismus nur denken von der überwiegenden Majorität des Volkes getragen. Alles andere ist Experiment und muß notgedrungen scheitern und ins Chaos führen. Die russische Doktrin der Diktatur lehnt er ab wie Bernstein und Kautsky, wie Longuet und Ramsay MacDonald, wie Branting und Huysmans. Wie alle Männer der alten Internationale. In der inneren wie der äußeren Politik verwirft er die Gewaltmethoden. Er ist wirklich, der Moskauer Spottname wird zum Ehrennamen, »Sozialpazifist«. Deshalb findet er auch für das gerade von Radikalsozialisten recht unglimpflich behandelte Weimarer Verfassungswerk Worte des Verständnisses. Er sieht in der Verfassung kein Zwinguri, das man so schnell wie möglich niederreißen müsse. Wenn man die heutige Verfassung, so führt er aus, auch nur als einen Notbau betrachten wolle – es liege doch in der Hand des Proletariats, ihn wohnlich einzurichten. Und er bekennt sich ohne weiteres zu Stampfers Wort: »Ein Volk das gegen die Demokratie die Faust erhebt, schlägt auf sich selbst los.«

Aber wenn ein Nichtsozialist Ströbels Arbeit nun einfach vornehmen wollte, nur um Material gegen die Unabhängigen zu sammeln, so wäre das ein verfehltes Beginnen. Nicht das Parteipolemische sei dem »Bürger« daran die Hauptsache, sondern die Möglichkeit, Einblick zu erlangen in die Psyche des radikalen Arbeiters. Daran fehlt es leider sehr. Und deshalb jene unselige Bolschewistenfurcht, jene Nervosität, die in der Madaistraße rote Armeen aufmarschieren sieht und erst den richtigen Nährboden schafft für Zwischenfälle in allen Abstufungen, vom erheiternden Schildbürgerstreich bis zum blutigen Gemetzel. Ströbel belegt es wiederholt, und er ist da ein genauer Kenner der Verhältnisse, wie wenig ausgedehnt letzten Endes die Einflußsphären des Ganzradikalen Leninscher Observanz sind. Aber die Aufbauschung solcher Dinge ist das Lebenselement der Reaktion, die einzige Legtimation des neuen Militarismus. Erst das Knieschlottern vor dem roten Terror hat alle diese Truppenverbände und Freikorps dunkler Herkunft so üppig ins Kraut schießen lassen und konserviert die ohnehin schon konservierende Tätigkeit der Abwicklungsstellen, denn, so denkt man, man kann nie wissen ... Und die Übergriffe und Provokationen der Soldateska wieder erregen Haß und Erbitterung der Arbeiter und liefern Wasser auf die roten Mühlen um Däumig, Levi und Lauffenberg.

Rückwärtserei ohne Sinn für historische Notwendigkeiten und Radikalismus ohne Augenmaß für Wirklichkeiten – das sind die beiden unerfreulichen Gegenpole unserer deutschen Gegenwart. Der eine stellt den weißen, der andere den roten Terror gemütlich in Rechnung. Herausführen aus der Wirrnis kann uns nur, das muß immer wieder gesagt werden, ehrliches und schrankenloses Bekenntnis zur Demokratie, zum Prinzip der Evolution. Denn Revolution in Permanenz, wovon die deutschen Trotzki-Jünger träumen, führt zum Kampf aller gegen alle und macht den glücklichen Endsieger schließlich zum Herrn eines Beinhauses. Gewiß, die Errungenschaften der deutschen Revolution sind nicht überwältigend. Aber gerade um dieses wenige zu behaupten, müssen wir die Zähne zusammenbeißen. Denn unsere Revolution kam nicht mit Feuerodem und stieß keine Bastille um. Sie war mehr ein Akt der Verzweiflung als ein solcher des Willens. Als wir eines Morgens erwachten, waren unsere Machthaber auf und davon, und unsere Bastillen lagen am Boden, und wir konnten uns überzeugen, daß sie nicht von Granit waren, sondern nur von Tragant. So hat die deutsche Revolution ihre natürlichen Grenzen, und man tut unrecht, ihr Ideen unterzuschieben, die sie niemals gehabt hat. Töricht ist es, den Versuch zu machen, sie einfach fortzuwischen oder sie »weiterzutreiben«. Man sollte sie einfach als Tatsache nehmen. Als Tatsache, die man verstehen lernen muß. Daß Ströbel mit soviel geistiger Tapferkeit dieser Aufgabe sich widmet und die Feindschaft seiner Partei mit in den Kauf nahm, dafür gebührt ihm unser Dank.

Berliner Volks-Zeitung, 26. September 1920

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