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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 69
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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69

Moskau und Potsdam

In London verhandelt Leonid Krassin, der sozialistische Wirtschaftsdiktator Rußlands, mit den Vertretern der inniggehaßten englischen Bourgeoisie. Frankreich blickt scheel dazu. Aber auch Frankreich wird kommen. Wenn irgendetwas bezeichnend ist für die krisenhafte Zerfahrenheit der Außenpolitik der Ententeländer, so ist es diese Konferenz mit dem Unterhändler einer Regierung, die man offiziell nicht anerkennt, gegen die man mehr als einen Brand geschürt hat, und der man lieber heute als morgen die seidene Schnur reichen möchte. Ziemlich dürftig ist die verschleiernde Erklärung, man gedenke nicht mit dem Staat Rußland in Verbindung zu treten, sondern nur mit den privaten Genossenschaften. Ob Krassin ehrlich friedeheischend und treu berichtend nach London gekommen ist oder mit der Absicht, die geriebenen Kaufleute und Diplomaten an der Themse mit Potemkinschen Kulissen anzuführen, ist an und für sich gleichgültig und verblaßt neben der Bizarrerie dieser Situation.

Es ist auch durchaus nicht schwerwiegend, ob etwaige Handelsvergünstigungen für Rußland geeignet sind oder nicht, die Herrschaft der Bolschewiki zu festigen. Wie vor einigen Tagen der ehemalige Kadettenführer Hessen im » Berliner Tageblatt« ausführte, ist deren Herrschaft reine Parteiherrschaft. Die Opposition kann sich deshalb auch nicht gegen den einen oder anderen Mißstand richten und kann auch nicht entwaffnet werden durch die Schaffung etwas besserer wirtschaftlicher Verhältnisse. Der Bolschewismus ist isoliert und muß es bleiben. Jede Duldung Andersdenkender schon ist eine Aufgabe seiner selbst. Deshalb kann er auch nicht seine Basis erweitern, etwa durch Heranziehen von Nachbarparteien zur Regierung. Seine gewollte und bewußte Enge ist seine Kraft. Wir wissen nicht, wie kurze oder lange Zeit noch diese Isolierung aufrechterhalten werden kann.

Die bolschewistische Lehre ist ein so ausgeprägt russisches Gewächs, daß sie nur auf russischem Boden partei- und schließlich staatbildend wirken konnte. Aus diesem Grunde wird der Bolschewismus auch, allen Ligen zur Rettung der deutschen Kultur zum Trotz, keinen Eingang finden in das Abendland. Er wird ganz gewiß den bisherigen Klassenkampfformen neue und nicht gerade ansprechende Noten hinzufügen, er wird eine gewaltige Drohung bleiben, aber nicht Tatsache werden. In Ländern mit einem dumpfen, rückständigen Industrieproletariat, vegetierend unter der Knute eines übermächtigen Industriefeudalismus, wird er mächtig das Tempo der Arbeiteremanzipation beschleunigen. Geknebelten Minderheiten, Klassen oder Nationen wird er als Morgenstern, als Lichtbringer erscheinen. Die Völker Asiens, die durch Europas Weisheit im vergangenen Jahrhundert lediglich die Rolle von »Interessensphären« spielten, spitzen die Ohren und blicken auf. Englands Kunst, ungeduldig werdende Völker zu beschwichtigen, wird in den kommenden Jahren vielleicht die härteste Probe zu bestehen haben. Und vielleicht werden die Missionare der russischen Heilsbotschaft, wenn es ihnen schon nicht gelingt, die alten Staaten im Innern umzumodeln, doch dem kolonialpolitischen Zeitalter die Leichenrede halten.

Für alle die Völker, die seit langer Zeit ausschließlich Objekt sind, die wirtschaftlich und politisch Selbständigkeit und Befreiung vom Joch der Fremdherrschaft erstreben, ist der Bolschewismus Fackelträger, Vorläufer des Erlösers. Seine günstigsten Voraussetzungen bieten Länder mit zahlreichem bäuerlichen Proletariat, verarmendem Kleinbürgertum, das langsam sich zum Lohnarbeitertum entwickelt und noch nicht die ersten Kämpfe absolviert hat; darüber eine dünne Schicht von Kapitalisten und Intellektuellen, denen aber nationale Unselbständigkeit peinigende ökonomische und geistige Schranken zieht. Deshalb findet der Bolschewismus in Afghanistan einen günstigeren Boden vor als etwa in Dänemark, und deshalb ist die Weltrevolution im Heugabelsinne etwas so absolut Ausgeschlossenes. Denn wo solche Voraussetzungen wie die eben genannten fehlen, wo die Arbeiterklasse in sozialen Kämpfen zu Selbstbewußtsein erstarkt ist, Einblick gewonnen hat in den unendlich komplizierten Apparat der modernen Produktionsprozesse und sich bereits bestimmte Organisationsformen geschaffen hat, in denen ihre ganze Kraft sich konzentriert, da kann sie sich nicht gewaltsam verurteilen zur Primitivität eines Proletariats, das noch ohne Erfahrung und Leitung wie im Dämmerschlaf nach Heilmitteln sucht. Da wird die an sich revolutionäre Sendung des Bolschewismus zu einer höchst reaktionären und die Propaganda dieser Theorie zu einer gefährlichen, geisterverwirrenden Spielerei. Und es ist daher auch kein Wunder, daß der Bolschewismus eine besondere Bedeutung erlangen mußte in Deutschland, dieser klassischen Ablagerungsstätte für die Ideen von aller Herren Ländern.

Man mißverstehe uns nicht. So richtige Leninisten mit allen Schikanen sind bei uns herzlich dünn gesät. Den Kern der K.P.D. bilden letzten Endes mißvergnüge Sozialdemokraten alten Schlages, aufgewachsen in der Oppositionsstimmung der neunziger Jahre, über denen noch die Schatten von Ausnahmegesetz und Zuchthausvorlage breit und schwer lagerten. Wenn man so einem deutschen Moskowiter dieser Art die Bärenmütze beiseite schiebt, blicken einen allemal August Bebels ehrliche Kämpferaugen an. (Selbst unser unabhängiger Bürgerschreck Ernst Däumig wird von Lenin als »Sozialpazifist« belächelt.) Die K.P.D. ist nicht stark. Die gute Hälfte ihrer Anhängerschaft aber verdankt sie der fürsorglichen »Ordnungspolitik« Noskes und dem verteufelt schlauen Zickzackkurs der Unabhängigen. Wirklich gefährlich unter den Aposteln des Bolschewismus sind nur jene Allzuvielen, die ausgerechnet am 9. November 1918 ihr sozialistisches Herz entdeckten. Hier fehlt jegliche politische Schulung, fehlt auch der gediegene wissenschaftliche Unterbau der älteren Marxisten, den man manchmal als zopfig empfand, der jedoch sehr glücklich oft Exzentrizitäten verhinderte. Hier fehlt vor allem die Güte, die Menschenliebe, die alle großen Sozialisten bisher ausgezeichnet hat. Aufgewachsen in reaktionären Anschauungen, von militaristischen Instinkten reichlich durchsetzt, gewohnt, auf die Masse des arbeitenden Volkes als auf das »Pack« herabzusehen, so vorbereitet gehen die lieben Herrchen unter die Arbeiter und predigen die rote Botschaft des Gewaltsozialismus. Nicht die Entkapitalisierung der Gesellschaft, nicht die Hoffnung auf ein freies und frohes Geschlecht beflügelt sie; nur die sozialistische Praxis der Lenin und Trotzki wirkt auf sie so ungeheuer anziehend, der Zwang, der Blutdunst, die Atmosphäre von Despotismus und Brutalität.

So ist es ganz selbstverständlich, daß hier bald eine Brücke geschlagen werden mußte zum anderen Ufer, auf dem die Zelte der Ludendorff-Leute sich befinden. Diese unechten Spartacus-Jünger mag in ihren Zielen vieles oder alles von den Lehrlingen der Keim und Bernhardy trennen, gemeinsam ist die Grundstimmung: der Haß gegen die Demokratie, die Unmöglichkeit, ein freies Staatswesen zu ertragen. Das imponiert, daß Rußland zwar offiziell sich Räterepublik nennt, aber in Wahrheit von einem Direktorium absolutistisch regiert wird. Das imponiert, daß die Revolutionäre von einst, die in Sibiriens Kerkern geschmachtet haben, landflüchtig sind oder niedergebüttelt werden wie zu Zeiten des Zarentums, dafür aber der Schlächter Brussilow wieder in Amt und Würden lebt. Das erfreut die verwandte Gesinnung, daß die persönliche Freiheit unterdrückt ist und in den Fabriken das seelenmordende Taylorsystem herrscht, wie nur im kapitalistischen Blütenlande Amerika. Da findet der Geist Potsdams alles wieder, was er liebt: den Militarismus, die allmächtige Bureaukratie, den Drill, den Organisationsfimmel. Kurzum: den Krückstock Friedrich Wilhelms, der frühmorgens dem Torschreiber die Prügelsuppe ins Brett brachte und auf dem Rücken säumiger Untertanen die Wachtparade spielte.

Moskau und Potsdam. Nationalbolschewismus! Eine Vogelscheuche mit Ballonmütze und Generalstäblerhosen. Ob das eine Zukunft hat? Die damals am 13. März in Herrn Kapps Vorzimmer herumlungerten, mögen sich ja sehr wichtig vorgekommen sein, wirken aber doch nur wie Figurinen zu einem Fastnachtsspiel. Über der Lächerlichkeit dieser »Idealisten« aber sollte nicht übersehen werden, daß beständig Verbindungsoffiziere unterwegs sind zwischen den Extremen rechts und links. Sie erhoffen alles von der nächsten Entwicklung. Sie rechnen mit dem Wachsen der wirtschaftlichen Notlage, mit der gewaltig steigenden Unzufriedenheit, die zu einer rapiden Abnutzung von Personen und Parteien führen muß. Wenn der neue Parlamentarismus ebenso versagt wie der alte, wenn die Demokratie nicht, um im Potsdamer Deutsch zu reden, zum rocher de bronce wird, dann ist der Erntetag der Desperados gekommen, dann wird der sieche deutsche Volkskörper in die Pferdekur Ludendorff-Lenin genommen.

Wenn wir diese vollständige Barbarisierung Deutschlands verhindern wollen, müssen wir es sehr gründlich von den leider noch recht beträchtlichen vornovemberlichen Schlacken reinigen. Wir müssen es von Autoritätsdusel zu Selbstgefühl führen. Von militaristischer und nationalistischer Verranntheit zu Völkerbundsgefühl. Gewiß, die Entente könnte uns das sehr erleichtern, wenn sie endlich abginge von der törichten Politik der Drohung, Erpressung und Gewalttätigkeit. Täuschen wir uns aber nicht: die Hauptarbeit ist bei uns zu Hause zu leisten! Säße heute an Herrn Millerands Stelle ein lichter Geist der Versöhnung, den Palmenzweig in der Hand, der allpreußische Michel würde ärger toben denn jemals. Die noch immer starke Suggestionskraft ausstrahlenden Reste einer Tradition, die der Vergangenheit angehört, endgültig zu beseitigen, das ist die Aufgabe eines jeden ehrlichen Demokraten, eines jeden, der die Freiheit liebt. Erst die Entmilitarisierung der deutschen Denkungsart bedeutet die Demokratisierung des deutschen Volkes.

Berliner Volks-Zeitung. 24. Juni 1920

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