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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 68
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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68

Nationales Delirium Von Traubs Baume

Wie in der »Berliner Volkszeitung« wiederholt berichtet, haben die pazifistischen Organisationen Deutschlands vor der Wahl gemeinsam einen Fragebogen an die Leitungen und Kandidaten aller Parteien versandt, der von den Damen und Herren der reaktionären Parteien durchweg mit Schweigen beantwortet wurde. Nun wird doch noch einer gesprächig.

In Nummer 48 der »Eisernen Blätter« des zurzeit abwesenden Herrn Traub leitartikelt dessen Platzhalter bis zum nächsten Putsch Herr Dr. Ulrich Kahrstedt in vier Seiten Länge über diese Fragen. Daß er als Deutschnationaler Völkerbundideen nur mäßige Sympathie entgegenbringt, braucht nicht besonders betont zu werden. Dr. Kahrstedt psalmodiert schlecht und recht einen Hymnus auf die schimmernde Wehr in den Gutturallauten der Wulleschen Singakademie. Er ist dagegen, daß Deutschland mithilft, den Völkerbund von Versailles zu einer Gemeinschaft freier und gleichberechtigter Völker umzugestalten. Das riecht ihm zu jakobinisch. Er sieht darin die Möglichkeit, daß jeder Negerstamm Gleichberechtigung beanspruchen könnte und würde sich nur damit abfinden, falls darunter »Erlösung der deutschen Irredenta« und »Zerschlagung des britischen Weltreiches« verstanden sein sollte. Er kann infolgedessen nicht auf »gewaltsame Zerreißung des Versailler Schandfriedens« verzichten und ist natürlich auch gegen eine Erziehung im Sinne der Völkerversöhnung.

Das alles ist deutschnationaler Durchschnitt und bietet deshalb keinen Anlaß zu Kommentaren. Bemerkenswert ist nur die Antwort auf die Frage, ob der Kandidat bereit sei, im Falle seiner Wahl der deutschen Gruppe der Interparlamentarischen Union beizutreten, einer Organisation also, der viele angesehene bürgerliche Abgeordnete wie Eickhoff und Prinz Schönaich-Carolath angehörten, und die, wie jeder Unterrichtete weiß, immer mit Maß und Takt versucht hat, die Parlamentarier der verschiedenen Länder einander näherzubringen. Doch wittert der eiserne Kahrstedt dahinter Hochverrat und schreibt:

»Nach den geäußerten Anschauungen über Politik muß ich auch hier Nein sagen. Ich vermag auch eine scharfe Grenze zwischen der von Ihnen empfohlenen Organisation und den Voraussetzungen des § 84 des Strafgesetzbuches nicht zu erkennen. Der Umstand, daß durch die Weichheit der deutschen Regierung während des Krieges nicht die nötigen Folgerungen aus diesem Paragraphen gezogen worden sind, wie dies in Frankreich zum großen Segen des Landes geschehen ist, berechtigt nicht zu der Annahme, daß auch in künftigen Kriegen ähnlich milde geurteilt wird. Nach den Erfahrungen der Jahre seit etwa 1916 liegt eigentlich einer künftigen Regierung das Recht und die Pflicht auf, anders zu verfahren. Es ist kein Zufall, daß die Länder gesiegt haben, in denen die Pazifisten heute erschossen oder im Zuchthaus sind, und daß die Staaten unterlegen sind, in denen die Pazifisten heute mächtig und in der Regierung und im Parlament sind.«

Man muß zugeben, es arbeitet zwischen den scheinbar so sachlichen und trockenen Zeilen dieses stupenden Politikers, der so anmutig Paragraphen ausspielt und nicht weiß, daß das Erschießen von Pazifisten deutsches Reservatrecht ist (Paasche!), als bewegende Kraft eine nicht alltägliche Gesinnungsverrohung. Längst ist ja der Sandhaufen ein unentbehrlicher Bestandteil der deutschnationalen Phraseologie, aber verblüffend ist doch diese Ungeniertheit bei einem Manne, der den Redaktionsstuhl warm hält für einen Traub, der sich des Hochverrates schuldig gemacht hat; und zwar nicht durch Mitgliedschaft bei der Interparlamentarischen Union, sondern bei einer Räuberbande, die sich ein paar Tage lang Regierung nannte.

Wir wollen durch allzu ausführliches Zitieren Herrn Dr. Kahrstedt nicht eitel machen, der in kluger Weise durch konsequent durchgeführte Langweiligkeit der Argumentation seinen Artikel vor einem großen Leserkreise schützt. Aber wir danken dem Verfasser, der seine besten Kräfte von dem Genius empfängt, der das Haus Schellingstraße 1 beherrscht, für seine Offenherzigkeit. Und wir wissen, was uns blüht, wenn dergleichen wieder einmal die Macht in die Hände bekommt. Stünde nicht diese Gefahr noch immer vor der Tür, man könnte das Geschreibsel des Paragraphenschleuderers als komische Episode betrachten und ihm gütig lächelnd den § 51 zubilligen.

Berliner Volks-Zeitung. 17. Juni 1920

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