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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 65
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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65

Pazifisten-Tagung – Hans Paasche – Die Reichstagswahlen

Pazifisten-Tagung

In Basel fand während der Pfingsttage eine Generalversammlung des internationalen Bundes der Friedensvereine (früher Generalversammlung des Berner Bureaus) statt. Aus Deutschland waren unter andern erschienen v. Gerlach (Berlin), de Neufville (Frankfurt a.M.), v. Poellnitz (Ludwigshafen), Dr. Quidde (München), Röttcher (Stuttgart), die etwa 10 000 organisierte Mitglieder mit hundert Stimmen unter den reichlich 400 Stimmen der etwa 70 Kongreßteilnehmer vertraten.

Voran ging eine Eröffnungssitzung im Sitzungssaal des Rathauses mit einer Ansprache des Vorsitzenden Senators La Fontaine (Brüssel). Nach ihm kamen die Vertreter der verschiedenen Nationen zu Worte. Für die Deutschen sprach Dr. Quidde, der auf den Kampf zwischen nationalistischen und pazifistischen Strömungen in Deutschland hinwies und betonte, daß man trotz alledem Vertrauen haben könne zu den führenden Persönlichkeiten des neuen demokratischen Deutschlands.

Man teilte den Kongreß in vier Abteilungen. Vorsitzender der Abteilung für Propaganda wurde de Neufville, stellvertretender Vorsitzender der Abteilung für Finanz- und Wirtschaftsfragen Dr. Quidde, während v. Gerlach die Deutschen in der Abteilung für Revision des Versailler Friedensvertrags vertrat.

Von den Beschlüssen, die der Kongreß auf Grund der Berichterstattung dieser Abteilungen gefaßt hat, seien hervorgehoben: gegenüber den Finanz- und Wirtschaftsproblemen wurde die unbedingte Solidarität der Interessen aller Völker, ohne Unterschied von Siegern und Besiegten, kräftig unterstrichen. Dem Versailler Völkerbund wurde die deutsche Forderung einer Umgestaltung dieser heute noch sehr fragwürdigen Institution zu einer Arbeitsgemeinschaft freier, gleichberechtigter Nationen entgegengestellt. Es wurde ferner beschlossen, die Abrüstung zu einer allgemeinen zu machen, das Selbstbestimmungsrecht der Völker in vollkommen freier Abstimmung zur Geltung kommen zu lassen, die Verpflichtung zur Wiedergutmachung zwar anzuerkennen, aber die finanzielle Belastung Deutschlands zu begrenzen, überhaupt den Völkerbund zu veranlassen, von der ihm zustehenden Befugnis, eine Revision des Friedens vorzunehmen, Gebrauch zu machen und Deutschland und Österreich sofort zuzulassen. Hingewiesen wurde auf die schwere Verantwortung, die jede Verzögerung mit sich bringe. Letzterer Resolution schloß sich im Entwurf des Berichterstatters Prof. Moriaud (Genf) ein Absatz an, in dem verlangt wurde, die in den Völkerbund noch nicht aufgenommenen Staaten sollten unverzüglich die in Art. 1 der Pariser Satzung bezeichneten Garantien leisten und um ihre Aufnahme nachsuchen. Wie die Antragsteller selbst erklärten, wollten sie damit nicht eine kränkende Unterscheidung machen zwischen Völkern, die dem Bunde bereits angehören und solchen, die erst ihre Würdigkeit erweisen müssen, sondern nur die Hindernisse beiseite schaffen, die der sofortigen Zulassung Deutschlands noch im Wege stehen. Trotz dieser Erklärung wurde der Absatz auf Antrag Dr. Quidde gestrichen und zwar von einer Mehrheit, die sich hauptsächlich aber nicht ausschließlich aus Deutschen, Engländern und Deutsch-Schweizern zusammensetzte.

Es ist zu begrüßen, daß über dieser Konferenz im Gegensatz zu jener des vergangenen Jahres nicht die Schatten der Vergangenheit lagen. Das Zusammenarbeiten wird von allen deutschen Teilnehmern als herzlich und kollegial geschildert; wenn irgend etwas dafür spricht, daß die in Basel vereinten Pazifisten keinen Unterschied kannten zwischen Besiegten und »Siegervölkern«, so die Tatsache, daß bei der Konstituierung des Rates Deutschland zum ersten Mal einen Platz im Präsidium erhielt und zwar wurde Dr. Quidde gewählt. Es ist etwas Bedeutsames, daß der universale Charakter des Völkerbundes festgestellt wurde in einer Zeit, da dieser nicht zu Unrecht den Hohnnamen einer G.m.b.H. der Sieger zur Sicherung der Beute hinnehmen muß. Es ist eine positive Leistung, daß in dieser Zeit krisenhafter Zerfahrenheit in Politik und Wirtschaft ein starkes Bekenntnis zum Freihandel abgelegt und die Schaffung eines Welt-Zahlungsmittels und Ausgabe einer Welt-Anleihe verlangt wurde. Desgleichen wurde die Erhaltung und Ergänzung der Haager Institution gefordert mit einem besonderen Organ für Vermittelung. Die friedliche Lösung internationaler Konflikte müsse einen absolut zwingenden Charakter erhalten. Der Krieg, der in der Pariser Satzung noch als Rechtsmittel angesehen werde, müsse unbedingt ausgeschaltet werden. Den Schluß der Verhandlungen bildete ein Protest gegen die Fortführung des Krieges in Europa und Asien und gegen die willkürliche Verteilung von Ländern ohne Befragung der Bevölkerung.

Zum Vorsitzenden des »Conseil«, des großen Rates des internationalen Bundes (früher Kommission des Berner Bureaus), wurde Senator La Fontaine gewählt. Deutschland erhielt anstatt der bisherigen vier Sitze im Rat deren fünf. Es wurden gewählt die bisherigen Mitglieder Dr. Heilberg, de Neufville, Dr. Quidde, v. Gerlach, der im September 1919 bereits kooptiert wurde für den verstorbenen Adolf Richter, und als neues Mitglied trat hinzu Prof. Schükking. Dem Präsidenten stehen drei Vizepräsidenten zur Seite; wie schon erwähnt, ist der eine davon Dr. Quidde. Da in den verschiedenen Ländern im Laufe des Krieges zahlreiche neue pazifistische Organisationen entstanden sind, die sich dem Berner Bureau angeschlossen haben, wird auch in Zukunft die Zusammensetzung des Rates und der Generalversammlung eine andere sein. Die diesjährige Versammlung darf als Übergang zu einer neuen Form der Organisation betrachtet werden.

Eine Feier im Baseler Münster beschloß den Kongreß.

Hans Paasche

Während die Pazifisten in Basel berieten, wie Menschentötung aus der Welt zu schaffen sei, traf die Trauerpost ein von der Ermordung des früheren Kapitänleutnants Hans Paasche. In der »Welt am Montag« hat v. Gerlach die katastrophale Wirkung dieser Nachricht geschildert, die mitleidigen Blicke auf die Angehörigen jenes Staates, der sich heute rühmt, die »freiheitlichste Verfassung« der Welt sein eigen zu nennen.

Abscheulich ist die Ermordung eines reinen, jeder Gewalttat abholden Menschen. Abscheulicher die Verschleierung des wahren Herganges, die Unmöglichkeit, festzustellen, wer eigentlich der Denunziant gewesen. Wenn irgend etwas, so wirft diese infame Dickfelligkeit der verantwortlichen Behörden ein grelles Schlaglicht auf die Balkanisierung Deutschlands, die am 4. August 1914 ihren Anfang genommen hat. Anstatt festzustellen, welcher Anlaß die Mordkommission in Bewegung gesetzt hat, wird ein verlogener Bericht veröffentlicht, der keinen Schimmer Aufklärung bringt, sondern das Opfer zu besudeln versucht. In der »Berliner Volkszeitung« vom 11. Juni erwirbt sich Dr. G. Bresin, der dem Toten persönlich nahe stand, das Verdienst klar zu stellen, was es mit dem »Kommunismus« und der »Geisteskrankheit« Paasches auf sich hatte. Als gegen Paasche während des Krieges ein Verfahren eröffnet wurde, machte sein Verteidiger Wolfgang Heine sehr gegen den Willen des Klienten den § 51 geltend. Nach Dr. Bresins Darlegungen hat Paasche dieses Verhalten seines Verteidigers schwer erschüttert, schlimmer noch das mangelnde Verständnis für seine pazifistischen Ideen, das in trüber Weise zum Ausdruck kam in den Worten: »Aber so etwas macht man doch nicht!« Nein, so etwas machte man damals nicht. Und daß man es nicht machte, ist schuld daran, daß heute Europa eine Trümmerstätte ist und Deutschland eine Beute körperlicher und seelischer Leiden.

Paasche soll Kommunist gewesen sein. Und wenn er es gewesen wäre, was dann? Aber Hans Paasche ist stets ein parteiloser Idealist gewesen. Ein Mensch mit Willen zur Wahrheit, unter dem dämonischen Zwange eines innern Berufes stehend. Nach einer kurzen glänzenden Laufbahn in Afrika, die er in seiner Schrift »Meine Mitschuld am Weltkriege« (erschienen im Verlag Neues Vaterland E. Berger & Co., Berlin W. 65.) kurz aber sehr instruktiv behandelt, legt er das Waffenhandwerk nieder und beginnt im »Vortrupp« einen tapfern publizistischen Streit gegen Kulturschäden und Modenarrheiten. Der Krieg läßt ihn das Grundübel erkennen. Er hört auf, seine scharfe Feder an den Tagesereignissen zu üben; wird radikaler Opponent wider die »große Zeit«. Er nimmt alle Folgen auf sich. Die Revolution scheint ihn emporzutragen; allein er ist nicht der Mann, um mit großen und kleinen Politikern um die Volksgunst zu raufen. Wie Dr. Bresin sehr zur rechten Stunde mitteilt, lehnen die Matrosen ihn ab, weil er »nicht radikal genug« ist. Er verbringt den größten Teil seiner Zeit auf seinem Gut »Waldfrieden«, läßt seine Schriften »Meine Mitschuld am Weltkriege« und »Das verlorene Afrika« erscheinen. In der Zeit der Grippe-Epidemie wird ihm die Lebensgefährtin, die Mutter seiner vier Kinder entrissen. Immer tiefer ging er in sich und immer seltener wurde er Gast im politischen Tagesbetriebe. Ein stattlicher Mann mit gütigen dunklen Augen im sonnengebräunten, bartlosen Antlitz, stets scherzbereit und Bekannten jovial zuwinkend, so sah ihn Schreiber dieser Zeilen zum letzten Mal vor einigen Monaten in einer Berliner Versammlung.

Wer ihn kennen lernen will, der lese das Büchlein »Meine Mitschuld am Weltkriege«. Das ist ein Hammerschlag gegen die Denkträgheit, und zugleich erfüllt von der Melodie reinster Sehnsucht nach einem Menschengeschlecht, das nicht mehr die Geißeln des Krieges und des Hungers kennt. Das ist kein politisches Buch, es gibt keine Kritik amtlicher Dokumente; keine Schuldfragenpauke. Aber es rührt an die Wurzeln des Menschlichen. Es fragt jeden einzelnen: duldest du, daß noch getötet wird? Es erzählt von Kämpfen in afrikanischer Wüste, es erzählt von Betrachtungen in rätselvollen Tropennächten, in denen unversehens dem Sinnenden die Begriffe Raum und Zeit zerfließen. Denn unter dem gleichen gestirnten Himmel träumten die Patriarchen des Alten Testamentes, und wie zur Zeit Hiobs entsteigt Leviathan, das Krokodil, dem Flusse und drückt seine Spuren in den Sand um die armseligen Hütten der Menschen und hebt Behemoth, das Nilpferd, den plumpen Kopf aus dem Wasser ...

Und mitten in das grüblerische Dasein des asketisch lebenden Mannes, der sich nicht als Fertiger, sondern als Ringender betrachtete, brachen an einem schönen Frühlingstage Menschen ein, die jene Geräte trugen, denen der einzige Haß des haßlosen Mannes galt, jagten ihn durch seinen grünen Park und erlegten ihn endlich mit einer Kugel durchs Herz. Wie in Gerhart Hauptmanns Drama ertönte gellend das Hifthorn: Heißa, er ist tot, der Florian Geyer ist tot!

Möge Hans Paasche die Erde leicht werden, auf der seine Henker ungestraft wandeln. Wir wollen Blumen streuen auf dieses so allzufrühe Grab und es vor Schimpf bewahren.

Die Reichstagswahlen

haben keine Entscheidung gebracht, aber einen gründlichen Ruck nach rechts. Eine tragfähige Mehrheit ist nicht zu Stande gekommen. Nach fruchtlosen Versuchen und ratlosem Hinundherpendeln dürfte wohl bald von neuem der Appell ans Volk gerichtet werden.

Von unseren besonderen Vorkämpfern ziehen Eduard Bernstein und W. Schücking ins Parlament ein, auch das frühere Mitglied unserer Geschäftsleitung, Ewald Vogtherr, ist gewählt worden. Ebenso Dr. Rudolf Breitscheid und Adele Schreiber. Leider ist einer unserer eifrigsten Freunde, Chefredakteur Nuschke, in Potsdam II unterlegen. Dr. Quidde ist von seinen Parteigenossen nicht wieder aufgestellt worden. Man glaubte den alten Führer in Sturm- und Kampftagen entbehren zu können. Womit man ihm zugleich das ehrende Zeugnis ausstellt, daß er wenig geeignet erscheint als Vertreter des neudemokratischen Kurses in Bayern.

Auf den Fragebogen der pazifistischen Organisationen haben die Leitungen der alten Koalitionsparteien und der U.S.P. unbedingt zustimmend geantwortet. Desgleichen sind bejahende Antworten eingelaufen von zahlreichen Kandidaten dieser Parteien. Verhältnismäßig selten sind geringe Einschränkungen. Eine eigenartige Ausnahme macht der Vorsitzende der Demokratischen Partei, Senator Dr. Petersen, der zwar den Punkten 1, 2, 3, 5, 6, zustimmt aber zu Punkt 4 zu bemerken hat: » Die Revision des Versailler Friedens ist von uns auf dem Wege friedlicher Verständigung mit allen Mitteln zu versuchen und zu erstreben. Sich für alle Zukunft festzulegen für den Fall, daß dieser Versuch mißlingt, halte ich mit den deutschen Interessen nicht vereinbar.«

Die Parteien der Rechten haben sich ausgeschwiegen. Wahrscheinlich wegen Papierknappheit. Graf Westarp hat geantwortet, daß er die Forderungen »im wesentlichen ablehnt«. Während sich Graf Westarp einer bündigen und vornehmen Kürze befleißigt, intoniert in den » Eisernen Blättern« ein deutschnationaler Bariton-Buffo eine mittelkräftige Rache-Arie, die in einem bedauernden Tremolo ausklingt, daß die Deutsche Regierung während des Krieges nicht mehr Pazifisten erschossen oder ins Zuchthaus gesteckt habe.

Die Zukunft ist ungewiß. Nur eines wissen wir, daß das hübsche Wort von Gleichen-Russwurm in bezug auf die Zeit nach dem Kriege, das 1916 kolportiert wurde, auch weiterhin Geltung behalten wird: »Langweilig wirds nicht werden!«

Mitteilungen der Deutschen Friedensgesellschaft, Juni/Juli 1920

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