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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 57
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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57

Knüppeldick und Affenschmalz

Zur Beruhigung der Leser sei zunächst bemerkt, daß es sich hier nicht um eine Firma handelt, um deren Förderung sich Herr Erzberger verdient gemacht hat, sondern um die Namen zweier Oberlehrer aus Wedekinds Schülertragödie »Frühlings Erwachen«. In späterer Fassung hat der Dichter diese allzu bizarren Namen durch andere ersetzt. Die Namen, nicht die Charaktere. Wir sehen lederne Pedanten, mit totem Bücherwissen vollgestopft, ohne Kenntnis vom Leben, ohne Gefühl für die Seelen der ihnen anvertrauten jungen Menschen. Als Wedekinds Werk vor etwa 10 Jahren seinen Siegeszug über die deutschen Bühnen antrat, da verdankte es seinen Erfolg nicht allein seinen starken dramatischen Qualitäten, sondern in erster Linie der schonungslosen Bloßstellung vertrottelter Schultyrannen.

Der junge Goethe hat einmal geschrieben, daß der Haß gegen die Hofmeister so etwas wie ein Naturgesetz sei. Wenn der Pädagoge aufhört, der werdenden Generation im höheren Sinne Führender zu sein, wenn er zum Sittenkontrolleur und Korporal herabsinkt, dann wird er zum Gegenstand bösartigsten Spottes und bittersten Hasses. Der alte Bebel hat einmal Wilhelm II. als den bestgehaßten Mann Deutschlands bezeichnet. Das war ein Irrtum. Der Oberlehrer war es, der »Pauker«.

Wem diese Behauptung zu stark erscheint, der erinnere sich der stürmischen Bejahung, die überall die satirischen Übersteigerungen des Oberlehrertyps fanden. Erwähnt wurden schon Wedekinds grausame Zerrbilder. Nicht weniger freundlich gesehen ist Heinrich Manns berühmter »Professor Unrat«, und ähnlich rücksichtslos behandelte (in seinen guten Tagen) der »Simplizissimus« die Herren Magister. Natürlich entsprechen diese Bilder nicht den Anforderungen objektiver Richtigkeit. Es ist das gute Recht der Satire, die Umrisse grotesk zu erweitern. Gewiß ist dem deutschen Oberlehrer manche pädagogische Leistung von Bedeutung, manche gediegene wissenschaftliche Arbeit zu danken. Aber alle guten Qualitäten haben nicht die Popularität eines verallgemeinernden karikaturistischen Bildes verhindern können. Stets war der Oberlehrer von einer leichten Lächerlichkeit umwittert. Ob er nun in seiner Aula eine Kaisergeburtstagsfeier zelebrierte, ob er in den Sommermonaten den »Spuren Goethes in Italien« folgte, oder in Genf von der Sprache des »Erbfeindes« zu profitieren suchte.

Was den Stand als solchen heillos kompromittierte, das war seine Rückgratlosigkeit den vorgesetzten Behörden gegenüber. Verloren der Lehrer, der den Kampf um seine geistige Freiheit aufgibt, der sich als wissenschaftlicher Leibgardist irgendeiner übergeordneten Instanz betrachtet! Der vergißt, daß er sein hohes Amt, ein Führer der Jugend zu sein, traurig verscherzt, wenn er kritischen Blicken selbst als ein Gegängelter erscheint!

Seit mehr als einem Jahre hat sich dieses Bild merkwürdig verändert. Derjenige Stand, dem es so gründlich an Steifnackigkeit gebrach, ist Kern und Mittelpunkt der reaktionären Opposition geworden. Seltsames hat sich begeben. Die Fesseln sind gefallen. Frei ist der Weg für die volle Auswirkung des großen deutschen Bildungsideals, das immer ein Humanitätsideal gewesen ist. Anstatt aufzuatmen, arbeitete der Oberlehrer sich immer tiefer in eine ebenso gallige wie schrullige Obstruktion hinein. Preist die vergangene wilhelminische Herrlichkeit und verunglimpft die Republik. So tief ist ein großer Stand mit an und für sich guter Tradition gesunken, daß er eine Ordnung befehdet, weil sie ihm die Ketten abgenommen hat.

Damit ist aber auch das Verhältnis zum Schüler ein anderes geworden. Der übel berufene Zuchtmeister von einst ist über Nacht sehr milde geworden. Verständnis für des Schülers Freiheitsbedürfnis ist plötzlich überraschend zutage getreten. Der einst so unverrückbare Stundenplan wird in angenehmer Weise unterbrochen von Heldenfeiern, Kaiserfeiern, Hindenburg-Feiern. Der siebenmal geheiligte Cäsar fällt aus, um einer Anweisung über den Gebrauch von Stinkbomben oder einer praktischen Übung mit Kunze-Knüppeln Platz zu machen. Der Schuljunge, früher nicht mehr als ein geduldiges Requisit, das man von oben bis unten mit Vokabeln, Geschichtszahlen und Logarithmen vollpfropfte, ist zum Instrument der erwachenden nationalen Energie und zum bedeutsamen politischen Faktor geworden. Die gleichen Männer, die einst der erwachsenen Frau die bürgerlichen Rechte verweigerten, bilden heute aus der Schuljugend einen Stoßtrupp gegen die Demokratie.

In den Tagen vor dem Kapp-Putsch brachten in der Nationalversammlung Abgeordnete der Deutschen Volkspartei die folgende Anfrage ein:

»Nach uns zugegangenen Mitteilungen herrschen im Freistaat Gotha unerhörte Zustände im gesamten Schulwesen. An der Spitze des Landesbildungsamtes stehen zwei von auswärts durch die Revolution ins Land gekommene Volksschullehrer, von denen der eine in sittlicher Beziehung schwere Bedenken hervorruft, der andere ein ausgesprochener Kommunist ist; der dritte, ein Volksschulamtsanwärter, der vor den beiden anderen die zweite Lehrerprüfung bestanden, nachdem er Zeit seines Lebens zehn Wochen unterrichtet hat. Das gesamte Unterrichtswesen wird darauf eingestellt, daß die Jugend in rein kommunistischem Sinne unterwiesen und erzogen wird. Ein Terror ohnegleichen wird geübt, indem man ganz offen ausspricht: nur wer sich uns anschließt, hat Aussicht auf Vorwärtskommen. Alle nichtkommunistischen Parteien haben sich bereits, allerdings ohne befriedigende Antwort zu erhalten, an die Reichsregierung gewendet und stehen ohnmächtig diesem Treiben gegenüber.«

Es entzieht sich unserer Kenntnis, ob die Zustände in Gotha wirklich so haarsträubend sind. Aber wenn wir für kommunistisch überall deutschnational setzen, so ist diese Darstellung für die Zustände an den höheren Lehranstalten außerhalb des Freistaates Gotha außerordentlich zutreffend. »Ein Terror ohnegleichen wird geübt, indem man ganz offen ausspricht: nur wer sich uns anschließt, hat Aussicht auf Vorwärtskommen.« Ebenso haben alle nicht deutschnationalen Parteien sich bereits, allerdings ohne befriedigende Antwort zu erhalten, an die Reichsregierung gewendet und stehen ohnmächtig diesem Treiben gegenüber. Traurig ist das Los aller Oberlehrer, die heute demokratische, sozialistische oder pazifistische Enklaven auf dem schwarzweißroten Gelände der sogenannten humanistischen Gymnasien bilden müssen. Betätigung in einem solchen Sinne ist gar nicht einmal erforderlich, die Gesinnung allein genügt, um dem Bedauernswerten ein Dasein zu verschaffen, das durch Drangsalierungen aller Art täglich unerträglicher wird. Aber schlimmer ist noch die Lage derjenigen, die frei von jedem Verdacht, irgendwie politisch engagiert zu sein, nur mit der bedenklichen Eigenschaft des Judentums behaftet sind. Ihre Leiden werden nur übertroffen von denen jüdischer Schüler.

Zu Ende gehen wird das Ringen um die Schule erst mit dem endgültigen Siege der Einheitsschule. Erst mit dem Fall des Bildungsprivilegs wird auch die politische Neutralisierung der Bildungsanstalten gesichert sein. Bis dahin aber hat die Regierung der demokratischen Republik die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, diejenigen Schulmänner zu schützen, die nichts anderes begehen, als sich zu der verfassungsmäßig festgelegten Staatsform zu bekennen. Das gerade jetzt, nachdem das offene Attentat der Reaktion abgeschlagen ist. Die Schwäche des Unterrichtsministeriums hat schon Unendliches verschuldet, möge es nun endlich mit fester Hand zugreifen. Die gleiche Disziplin, die Knüppeldick und Affenschmalz an jedem 27. Januar als segensreiche Himmelstochter und beste preußische Überlieferung so schwungvoll gefeiert haben: sie sollen sie kennen lernen! Sie sollen endlich einmal die Konsequenz ihrer banalen Weisheit erkennen, daß kein Staatswesen bestehen kann, wenn von frevelhaften Händen sein Fundament unterhöhlt wird!

Berliner Volks-Zeitung. 28. März 1920

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