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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 55
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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55

Pflicht zur Arbeit

Das wichtigste Problem deutscher Gegenwart ist die Steigerung der Produktivität. Wir müssen mehr erzeugen, sonst gehen wir Hunger, Bankrott, Versklavung entgegen. Das ist eine Binsenwahrheit und wird von niemandem bestritten. Aber niemand richtet sich auch danach. Zwar ist die Streikepidemie im Abflauen begriffen, nur ist sie leider nicht der besseren Einsicht gewichen, sondern einer andern Form der Nichtarbeit, der passiven Resistenz. Nein, stillgesessen wird nicht, die sieben, auch acht Stunden werden reichlich ausgefüllt. Selten hat der alte Kalauer so allgemeine Geltung gehabt, daß Beschäftigung etwas sehr Schönes sei, nur dürfe sie nicht in Arbeit ausarten.

Wir müssen arbeiten! rufen die Besonnenen. Das ist sehr brav. Alle guten Geister werden zu diesem Zweck beschworen. Goethes Ideal vom tätigen Leben wird von der Presse popularisiert. Schiller, Fichte, Kant müssen dazu dienen, die Arbeitslust des deutschen Volkes zu heben. Allein der Geist der Klassik scheint weder der Produktion noch der Valuta günstig zu sein, und die oft wiederholte Tatsache, daß Gustav Freytag das deutsche Volk bei der Arbeit aufsuchte, läßt kein Rad schneller sausen. Die Rechtsradikalen empfehlen als Heilmittel die Wiederkehr der Hohenzollern, die Linksradikalen augenblickliche Vollsozialisierung auf Grundlage des Rätesystems. Die Linke will die Krankheit mit einigen Eßlöffeln Weltrevolution kurieren, während für die Rechte in jüngster Zeit ein Schlaumeier im Lande herumreist, der die einzige Lösung im – Staatsbankrott erblickt. Katastrophenpolitiker rechts wie links; verschiedene Farben zwar, aber gleicher Wuchs. Grauenhaft, wenn einer von ihnen das Heft in die Hand bekäme. Hunger, Hunger, Hunger, das wäre in jedem Fall das Ergebnis.

Versuchen wir doch einmal, die Dinge nüchtern zu betrachten. Vier Jahre Krieg haben die Menschen weder besser noch betriebsamer gemacht. Dazu leiden alle unter der Lebensmittelknappheit, irgendwie fühlen sie sich abgenutzt, vor der Zeit verbraucht. Dazu unsere invalide Wirtschaft, der Mangel an Rohstoffen, der desolate Zustand der Verkehrsmittel. Wird das Problem von dieser Seite betrachtet, so ist es kein deutsches mehr. Wir müssen den unmöglichen »Frieden« überwinden, der zwar sehr viel aus uns herauspressen, aber uns auch ganz von der Welt abschließen will. Alle schönen Manifeste zur Hebung der Arbeitsfreudigkeit bleiben Papier, solange bei der Entente nicht die Einsicht wächst, daß das deutsche Problem eben das Weltproblem ist, daß nur mit Unterstützung der andern Völker Deutschland wieder leistungsfähig, wieder wirtschaftlich gesund werden kann. Daß es aber ein armer, von Krämpfen gepeinigter Leib bleiben muß, wenn man es wie einen Bettler vor der Schwelle stehen läßt und halb widerwillig, halb amüsiert, den bizarren Verrenkungen folgt, mit denen es die hingeworfenen Brocken auffängt. Eines ist klar: ein Paria-Deutschland wird immer die eiternde Wunde Europas bleiben, wird die Welt nicht zur Ruhe kommen lassen. Das wird von deutscher Seite täglich gesagt, das unterstützen sämtliche Neutralen, das geben auch die Staatsmänner der Entente zu. Wenn sie nicht danach handeln, dürfen wir sie nicht allein anklagen, es muß auch auf deutscher Seite ein Fehler in der Form vorliegen, in der diese Dinge gesagt werden. Gelingt es unsern Führern, die Außenwerke des Argwohns niederzulegen, mit denen sich unsere früheren Gegner noch immer umgeben, so haben sie für eine neue Produktivität in Deutschland erst die Möglichkeit geschaffen.

Es liegt also nicht allein in unserer Hand, wieder zu gesunden. Dennoch gibt es bei uns im Land vieles dazu zu tun. Mehr noch zu unterlassen. Es sind leider genügend Kräfte tätig, das bißchen Willen zum Aufbau gründlich zu demolieren. Ein Unglück sind jene orthodox Rußlandgläubigen, die in profunder soziologischer Erkenntnis die sozialistische Ordnung in einer Achtelpause durchführen möchten. Volksverführer? Ja gewiß, und dennoch nicht nur demagogisch durchsäuert, auch erfüllt von großer Menschenliebe und tiefem, ehrlichem Haß gegen jede Form von Ausbeutung. Unheil folgt ihrem Auftreten und Zerrüttung. Sie laden schwere Verantwortung auf sich. Aber dreimal schuldig erst sind jene Männer, die vor der Stimmung der radikalisierten Massen die Segel streichen und, um ihre Stellung zu behaupten, ihrer besseren Überzeugung Zwang antun und in falschen Zungen reden. Wer zur Masse spricht, der hat auch die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, einmal unpopuläre Dinge zu sagen, der muß offen aussprechen, daß die Durchführung des Sozialismus nur das Ergebnis einer langen Entwicklungsreihe sein, daß weder mit Gewalt noch mit Experimenten etwas erreicht wird. Wir müssen der Gegenwart Rechnung tragen und nochmals alle Kräfte zusammenballen, um in Fleiß und Demut am Fundament der kommenden Gesellschaft zu arbeiten. Wer von den verehrten Radikalen wagt es, zu sagen, daß Sozialismus auch ein Stück Verantwortung bedeute und nicht nur fordern, immer fordern.

Die Überwindung der alleinseligmachenden Phrase ist notwendig. Ebenso muß aber auch mit gewissen üblen Beispielen aufgeräumt werden. Dieses Leben, namentlich in den großen Städten, wirkt verderbend. Man versteht den Haß des Arbeiters, wenn er sieht, wie eine Gesellschaft den Profit, den die Arbeit seiner Hände geschaffen, in unsinnigem Luxus vergeudet und von Orgie zu Orgie tollt. Der Fabrikarbeiter soll Tag für Tag an seinen Platz, der Bergmann in den Schacht hinunterfahren. Ein glanzloses, eintöniges, gefahrvolles Leben, aber zusehen sollen sie, wie der Spekulant im Handumdrehen Tausende verdient, wie der Zwischenhändler mühelos Geschäfte macht, die ihm alle Genüsse des Daseins verschaffen, ihnen aber die notwendigsten Dinge verteuern. Es ist sehr wacker, in Vers und Prosa den Willen zur Arbeit zu feiern, aber viel wackerer wäre es noch, auf schöne Worte zu verzichten und dafür zu sorgen, daß Redlichkeit wieder einziehe und die kranke Gewinnsucht eingedämmt werde. Der Sozialismus kann nicht wie Athene aus dem Haupte des Zeus steigen, aber der Wille zu sozialer Gerechtigkeit, der immer in den Besten lebendig gewesen ist, soll wieder zur großen Parole des Tages werden. Das ist nicht utopisch, das ist möglich und müßte von uns allen als erste Pflicht anerkannt werden. Wenn Sauberkeit und Selbstzucht wieder einziehen, dann wird auch der Hammer wieder dröhnen. Aber bleiben die trüben Beispiele dieser Tage bestehen, dann wird der Arbeiter das Gefühl nicht los werden, eben für den »Kapitalismus« zu schuften, dann werden Neid und Begierde, Unlust und Haß lawinenhaft anschwellen und der ganze Karneval wird so lange währen, bis die Maske des roten Todes hoch aufgerichtet, unheimlich und gespenstisch durch die Säle der Freude schreitet.

Monistische Monatshefte, 1. März 1920

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