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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 53
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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53

Demokratische Kulturpolitik

I.

Die Deutschen sind bekanntlich das Volk der verhinderten Demokratie. Als Luther die Suprematie des Papsttums erledigte, überlieferte er das Volk sofort den Fürsten und wurde der Vater des »beschränkten Untertanenverstandes«. 1813 stand das Volk auf und brach der Sturm los; aber über dem korsischen Cäsaren vergaß man leider die heimatlichen Bedrücker. Verdoppelte Knechtschaft war der Lohn. 1848 erging man sich in endlosen Verfassungsdebatten; man übersah, daß die junge Freiheit noch kein rocher de bronce war, sondern ein Haufen Papier, den der reaktionäre Wind sehr schnell entführte. Und dann kam Bismarck. Er nahm den Liberalen die Einigungsarbeit ab; sie waren ihm unendlich dankbar dafür. Er nahm ihnen auch das letzte bißchen Macht und Ansehen ab. Das konnte ihre Dankesgefühle nicht erschüttern. Immerhin, Bismarck war ein Mensch von nicht gewöhnlichem Ausmaß. Aber die nächste Generation ließ sich bereits von Wilhelms Schnurrbart bezaubern.

Wir blicken zurück auf die Taten des deutschen Liberalismus in den letzten Jahrzehnten. Er war ein einziger Abstieg. Die kulturellen Leistungen gleich Null. Kein Versuch einer Volkserziehung. Kein Kampf gegen Servilismus. Staatsfetischismus soll Gemeinwillen, Verantwortungsgefühl ersetzen. Es war sehr traurig bestellt um den alten Liberalismus. Die Geschichte Naumanns und Theodor Barths ist eine Leidensgeschichte. Als sich vor zehn Jahren etwa die linksliberalen Parteien fusionierten, wurde der Name »Demokratische Partei« ausdrücklich abgelehnt.

II.

Und heute haben wir doch eine große demokratische Partei. Gar mancher spielt in ihr eine führende Rolle, der vor zehn Jahren noch diesen Namen energisch ablehnte. Es ist schon ein Fortschritt, daß man das Gruseln vor dem Wort »Demokratie« verlernt hat. Gehen wir deshalb mit dieser Partei nicht allzu streng ins Gericht. Sie ist zeitbedingt, von traurigen Verhältnissen eingeengt. Es kommt nicht darauf an, ob sie hält, was sie verspricht. Wir sind auf keine Parteischablone eingeschworen. Wir freuen uns, wenn es einer Partei gelingt, die Köpfe heller zu machen, Bürgerstolz in gutem Sinne wieder zu wecken. Die Demokratische Partei ist eine Mittelpartei, meidet die Extreme, widerrät Experimenten. Es wäre also ihre natürliche Aufgabe, das Kulturgut des Volkes zu wahren und zu vermehren. Sie könnte und müßte die eigentliche Kulturpartei sein. Gerade in dieser Zeit, in der die sozialistischen Parteien sich durch ihre Streitigkeiten mehr und mehr lahmlegen.

III.

Also kurz vor Weihnachten hatten die Demokraten ihren Parteitag. Es soll uns hier nicht interessieren, was dort beschlossen wurde. Viel wichtiger ist es, festzustellen, was die Delegierten, die Auslese einer großen Partei, begeisterte, was sie als Höhepunkt der Tagung empfanden. Für jeden Kongreß gibt es einen charakteristischen Höhepunkt. Immer findet sich ein Redner, der aus der Situation heraus zu formulieren versteht, was alle bewegt. Der dankbare Jubel bescheinigt ihm, daß er aus dem Unbewußten heraus ins Klare geführt hat. Sesam öffne dich!

Bei den Demokraten war dieser Redner der liberale Theologe Troeltsch. Der Beifall, der ihm wurde, wollte nicht enden, melden die Blätter. Er sprach über das Kulturprogramm seiner Partei. Sehen wir zu, womit er seine Hörer so sehr entzückte. Ein paar kleine Ausschnitte nur.

»Das Zentrum, das dürfe man nicht verkennen, ist eine Kulturpartei ... Ein großer Kulturwert steckt in der katholischen Kirche. Sie hat ein großes soziologisches Verständnis.«

»Was uns heute als neuer Geist empfohlen wird, ist weder Geist noch neu ... Es wäre das Dümmste, zu glauben, die Revolution verpflichte nun zu neuem Geist.«

»Die politische Zensur ist nicht gänzlich zu entbehren.«

»Die Trennung von Staat und Kirche ist bereits durch die Verfassung gegeben.«

»Die religiöse Welle steigt täglich. Wir werden starke religiöse Leidenschaften bekommen.«

»Es muß eine geistige Aristokratie geben, wir brauchen geistige Führer.«

Der Beifall, der Professor Troeltsch wurde, wollte nicht enden. Wir wissen, wie sicher die Trennung von Staat und Kirche in der Verfassung verankert ist, und wissen, wie sie in die Praxis umgesetzt wird. Wir wissen auch, wie hemmend gerade die Demokraten in dieser Frage gewirkt haben. Der Parteitag hätte aufrütteln, Flaue und Halbe ermutigen müssen. Er zog es vor, das Schlummerlied des liberalen Theologen zu bejubeln. Wie mögen die Delegierten aufgeatmet haben, als der Redner erklärte, die Revolution verpflichte nicht zu neuem Geiste. Nur immer hübsch weiter im alten Trott. Aber warum dann der Wunsch nach geistigen Führern? Ein netter Schnörkel, nicht wahr? So etwas gehört nun einmal zum Kongreß. Wir möchten die »geistige Aristokratie« sehen, die etwas bei diesen Banausen ausrichtete.

IV.

Das Beste an dem ganzen Parteitag war der Kommentar des »Berliner Tageblattes«. Der war sehr sorgenvoll, sehr kritisch, liebevoll wurde auf jeden Flicken am Parteigewande hingewiesen. Wie gesagt, das las sich recht seriös. Aber zwischen den Zeilen stoben die Funken, feixte eine Legion Teufel. Aber ist das richtig? Liebes B.T., wir wissen, daß du klüger bist als die Partei, deren Sache du führst. Warum gebrauchst du dein Rapier nur zum Kitzeln? Warum haust und stichst du nicht endlich dazwischen? Am Schlusse hieß es: Die Demokratische Partei sei nicht die Partei der fertigen Phrase, sondern der Probleme. – Das wäre für jeden Suchenden eine Empfehlung. Wenn nur der Wille, den Problemen fest ins Auge zu sehen, nicht eben selbst problematisch wäre.

Monistische Monatshefte, 1. Februar 1920

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