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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 52
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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52

Der Aufmarsch der Reaktion

Während die Linksparteien mit deutscher Gründlichkeit ihre Zwiste austragen, macht die Rechte klar zum Gefecht. Während in den großen Städten die republikanischen Parteien einen mehr oder weniger geistigen Kampf gegeneinander fuhren, sichern die Monarchisten sich das flache Land und die Provinz, und bald dürfte es ihnen gelungen sein, Städte und Industriereviere gründlich einzukesseln. Wenn in Berlin geschossen wird, dann tanzt die pommersche Vendée vor Freude. Die Republik ist schlecht, das ist heute das politische Credo unzähliger Deutscher. Die Maßlosigkeit der linksradikalen Opposition ist die beste Helferin der von rechts anrückenden Reaktion.

Das haben wir uns im November 1918 nicht träumen lassen, als wir, fern der Heimat, unsere verwitterten Feldmützen in die Luft warfen und die Republik leben ließen, daß so bald an ihr gerüttelt würde, daß so mancher, der sich damals vor Begeisterung die Kehle wund schrie, so bald zum unfreiwilligen Helfer derjenigen werden würde, die sie heute meucheln wollen. Was uns damals das Blut schneller durch die Adern jagte, das waren nicht Parteiprogramme und nicht spitzfindig ausgeklügelte soziale Glaubenssätze – kein Mensch fragte danach, was Radek von Kautsky trennte. Millionen aber einte das Gefühl: das Morden ist zu Ende, der Militarismus ist an sich selbst verreckt, wir sind von Stunde an freie Menschen im freien Vaterland! Die deutsche Revolution war nicht parteidogmatisch beschwert, sie war der elementare Notwehrakt eines entsetzlich leidenden Volkes.

Wir wissen, wie schnell dieses Gefühl der inneren Zusammengehörigkeit dahinschwand. Gewiß, Begeisterung kann nicht auf Eis gelegt werden. Aber wo sie stark und echt ist, bringt sie auch eine Parole hervor, die noch lange nachher zündende Kraft beweist und Auseinanderstrebende von neuem bindet. Daß die neue Ordnung eine solche Parole nicht gefunden hat, empfinden ihre Feinde leider stärker als ihre Freunde. Man kann den Gegnern der Republik die Anerkennung nicht versagen, daß sie gründlich und vielseitig sind. Die ehemaligen Stützen von Thron und Altar verstehen sich trefflich auf Maulwurfsarbeit. Die Tippelskirche verstehen es, wirksam gegen Korruption zu deklamieren. Es gibt nichts, was die deutschnationale Opposition nicht auszunützen verstände. Es ist da keine Frage zwischen Himmel und Erde, die nicht mit einem innerlich durchdrungenen »die Republik ist schuld« beantwortet wird. Die militärische Niederlage, der schlimme Frieden, Teuerung, Sittenlosigkeit, Schiebertum ... die Republik ist schuld! Es ist kein bedenklicher Instinkt in der Volksseele, der nicht ins Maßlose gesteigert wird. Der dumme Dünkel ehemals bevorrechteter Kasten wird ebenso in Rechnung gestellt wie die primitive Sehnsucht bornierter Spießer nach militärischem und dynastischem Schaugepränge. Und diese Kleinarbeit ist konsequent. Die Sozialisten von einst, die sich auf die Massenpsychose verstanden, sind harmlose Stümper daneben. Es gibt keine öffentliche Institution, in die nicht die wüste monarchistisch-nationalistische Hetze hineingetragen wird. Schule, Kirche, sogar Theater, sind die Tummelplätze der deutschen Mafia.

Es ist ziemlich hoffnungslos, solch randalierender Agitation entgegenzuhalten, daß ein Jahr neues System nicht alle Blütenträume zur Reife bringen konnte. Wir kennen die Schwierigkeiten von Übergangszeiten. Auch in Frankreich hat die dritte Republik drei Jahrzehnte gebraucht, um sich endgültig durchzusetzen. Auch das französische Offizierkorps beherrschten royalistische Cliquen; die ehrlichen Republikaner waren in oft verzweifelter Minderzahl. Aber Klugheit und Festigkeit können den Übergang abkürzen und der neuen Staatsform ein sicheres Fundament schaffen. Keine törichte Gewalt, kein plumper Versuch, Argumente durch Zwang zu ersetzen. Aber erst recht keine faulen Kompromisse in der Hoffnung, sich das Wohlwollen der Abgesägten zu erschleichen.

Die Republik muß sauber sein. Ihre Unantastbarkeit muß ihre Gegner entwaffnen. Von den Führern eines arm gewordenen Volkes muß die härteste Selbstzucht verlangt werden. Sonst ist jeder politischen Unmoral Tür und Tor geöffnet.

Die Republik muß weise sein. Von dem scharfen Instrument des Ausnahmezustandes mache sie niemals ohne letzte Not Gebrauch. Jede Maßnahme, die irgendwie an die Methoden des alten Systems erinnert, läßt weite Kreise des Volkes an der Demokratie zweifeln, schafft Erbitterung und Gleichgültigkeit. Nichts schlimmeres könnte der Republik widerfahren, als eine Verdrossenheit gerade der Volksschichten, die sie zu ihrer Verteidigung braucht und die nach ihrer ganzen Denkungsart zu ihr gehören.

Kein größerer Gefallen kann der Reaktion erwiesen werden als die gegenwärtig betriebene Innenpolitik. Diese Politik der »starken Hand« entspricht ganz den Intentionen des Edlen von Oldenburg. Kein Mensch von gesunden Sinnen wird sich dagegen sträuben, daß Parlament und Verfassung gegen Eingriffe von außen geschützt werden müssen; aber die Verhaftung angeblicher »intellektueller Urheber« solcher traurigen Geschehnisse erinnert an die übelsten Gepflogenheiten von Anno Puttkamer. Wir stehen als Demokraten den Däumig und Goldschmidt scharf gegenüber, aber wir achten sie als ehrliche Gegner und wissen sie von dunklen Putschbrüdern ebenso weit entfernt, wie den Herrn Reichswehrminister von staatsmännischer Einsicht.

Was hier ausgesprochen wird, sind Binsenwahrheiten. Nichtsdestoweniger scheint die stärkste Partei der Koalition, die sozialdemokratische, den Sinn dafür verloren zu haben. Jene Partei, die einst so stolz darauf war, auch von jedem Ansatz einer Kamarilla frei zu sein, läßt sich heute in seltsamen »Funktionärversammlungen« von Krügern und Heilmännern gängeln.

Schlecht beraten sind die Führer der Republik. »Caveant consules...!« So rief man einst in gefährlichen Stunden. Heute muß es heißen: »Möge die Republik zusehen, daß die Konsuln keinen Schaden nehmen!«

Berliner Volks-Zeitung, 31. Januar 1920

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