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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 50
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
correctorreuters@abc.de
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50

Unsere Pflicht

Auf eine Rundfrage des »Fränk. Kuriers«, wie wir Deutschen zur Völkerversöhnung beitragen können, hat Werner Sombart folgendes geantwortet: »So lange wir ein Helotenvolk sind, haben wir nur eine Frage zu beantworten: Wie können wir wieder ein freies Volk werden? Die Völkerversöhnung geht uns gar nichts an. Einstweilen gibt es nur Feinde für uns. Und Unversöhnlichkeit muß unsere Losung für die nächste Generation sein.«

Spräche hier ein Eingänger, so könnte man über diese Rodomontade mit Kopfschütteln zur Tagesordnung übergehen. Leider ist diese Meinung recht verbreitet. Wenn aber einem Volke die Geste der Unversöhnlichkeit teuer zu stehen kommen kann, so ist es das deutsche. Es braucht durchaus nicht um Gnade zu winseln, aber es soll sich erinnern, daß es auch seinen Gegnern schwere Wunden geschlagen hat, und daß die Menschheit ein lebendiger Organismus ist, in dem ein jeder die Hilfe des andern braucht. Der Krieg hat mit trauriger Sicherheit die alte Wahrheit neu bewiesen, daß kein Volk sich mehr individuelle Wirtschaft leisten kann. Wie hat man einst an dieser Tatsache sophistisch gemäkelt und alle Ungeister nationalen Dünkels dagegen mobil gemacht. Ungeheure Krämpfe erschüttern heute den Leib der Menschheit; nur wenn die alten Gegner den Willen zur Gegenseitigkeit finden, kann wieder Heilung werden.

Es soll uns nicht irre machen, daß drüben bei den Siegern in überreizter Gloria-Viktoria-Stimmung der Versailler Frieden als bedauerliche Schwäche gebrandmarkt wird. Schwerer zu erklären ist es, daß bei den Besiegten Politiker, die mit unerschütterlicher Konsequenz die Katastrophe vorbereitet haben, von dem »Dolchstoß in den Rücken« faseln und mit dem Phantasiebild eines Revanchekrieges Hörer und Gläubige finden. Es bedeutet ein Höchstmaß an Dummheit oder Verruchtheit, wenn einem fast zu Tode blockierten Volke eingeredet werden soll, es könnte die ganze Misere mit einigen kräftigen Schwertstreichen beenden. Nein, Balmung hat seinen letzten Dienst getan.

Deutschland ist durch den Krieg das abhängigste Land der Welt geworden. Nur als Glied der großen Völkerfamilie kann es gesunden. Und in gleichem Maße werden die anderen Völker nicht gedeihen, wenn Deutschland isoliert und drangsaliert, eine eiternde Wunde, zurückbleibt. Die Über-Clemencisten, die den ewigen Bann Deutschlands predigen, versündigen sich an ihren eigenen Völkern. Wir Deutschen wollen leben; aber mit Deklamationen erreichen wir niemals unser Recht. Wir müssen, nachdem unsere schimmernde Wehr zerschellt ist, auch seelisch abrüsten. Täuschen wir uns nicht: das Problem der Welt heißt heute Deutschland. Sie alle blicken auf uns scheu und mißtrauisch. Erlebt der Geist des Schwertes bei uns eine Renaissance, dann fahrt wohl, ihr Hoffnungen auf den Völkerbund! Wir haben in langen Jahren mehr als einmal den Schritt der Rüstungen beflügelt, beschleunigen wir nunmehr die Entwaffnung der Welt.

Wir deutschen Pazifisten vor allen sollten diese Situation erkennen. Der Revanchedusel ist die Barriere quer über unsern Weg zur Erlösung vom harten Frieden. Sammeln wir nochmals, was wir an moralischen, geistigen, religiösen Kräften haben. Reißen wir den Gewaltglauben aus der Seele unseres Volkes, aber vergessen wir auch nicht die Lauen und Halben, die Gelegenheitspazifisten und jene Superklugen, die unter der harmlosen Deckmaske »Kontinentalpolitik« den törichten englandfeindlichen Kurs verewigen möchten. Unser Ziel ist weit, die Pflicht schwer, aber keine Bürde wird uns drücken, wenn wir es nur wagen, ganz zu sein.

Mitteilungen der Deutschen Friedensgesellschaft. Januar 1920

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