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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 47
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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47

Die Kasseler Generalversammlung [II] (Schluß)

Die große politische Aussprache brachten die Berichte über die Tagung des Berner Bureaus. Scharf waren die Angriffe gewesen, die gegen die deutschen Delegierten in der Presse erhoben wurden. Desto interessanter war es, von Teilnehmern selbst Darstellungen dieser Sitzungen zu hören. Als erster Referent gab E. de Neufville ein gedrängtes Stimmungsbild. Er schilderte die reservierte Haltung der französischen Vertreter, betonte aber, daß auch bei ihnen in der Schuldfrage keine Einigkeit herrsche. Er würdigte die sachlichste Leistung des Vorsitzenden Lafontaine und drückte die Hoffnung aus, daß das Berner Bureau leben und gemeinsame Zukunftsarbeit die Pazifisten aller Länder wieder zusammenführen werde. In Bern sei trotz alledem der erste Schritt dazu getan worden. – Herr v. Gerlach hob zu Eingang seiner Ausführungen hervor, daß über die Zukunftsarbeit volle Einmütigkeit erzielt sei. Die künftige Tätigkeit sei das Einende. Das Trennende sei die Vergangenheit. Hier müsse reiner Tisch gemacht werden. Es könne gar nicht oft genug betont werden, daß lediglich die Beschlüsse des Berliner Kongresses die Berner Besprechung ermöglicht hätten. Es sei während des Krieges von deutschen Pazifisten mancherlei gesündigt worden. Er sei geradezu entsetzt gewesen, als er erfahren habe, daß bei der letzten Tagung im Januar 1915 die deutschen Delegierten sich geweigert hätten, eine Resolution zu unterschreiben, in der das Ultimatum an Serbien und der Einbruch in Belgien gerügt werden sollte. Dadurch sei es den Entente-Pazifisten einfach unmöglich gemacht worden, weiterhin mit den deutschen Vertretern zu verhandeln. Gerade dieses Verhalten der Deutschen trage wesentlich zur Erklärung der Untätigkeit des Bureaus bei. Das Wichtigste sei heute die Wiederherstellung der internationalen Beziehungen. Um das zu erreichen, müsse man ohne weiteres frühere Irrtümer eingestehen.

An diese beiden Referate, die der vorgerückten Zeit wegen von den Rednern äußerste Konzentration erforderten, schloß sich eine längere Diskussion an, der es auch an erregten Momenten nicht fehlte. Herr Professor Quidde rechtfertigte zunächst die Haltung der deutschen Delegierten im Januar. Die von Herrn v. Gerlach erwähnte Resolution sei damals gar nicht zur Beratung gekommen. Dieser Nichtbesprechung habe auch der Vorsitzende Lafontaine zugestimmt. Herr Dr. Alfr. H. Fried vertrat gleichfalls die Meinung, es sei irrig, anzunehmen, die deutschen Pazifisten hätten 1915 den Einbruch in Belgien billigen wollen. Gegen diese Invasion seien alle Anwesenden gewesen. Es habe sich für die Deutschen einfach darum gehandelt, wieder in die Heimat zurückzukehren. Und eine Rückkehr wäre ihnen durch Unterschreiben dieser Resolution unmöglich gemacht worden. Wünsche man das Berner Bureau in Zukunft arbeitsfähiger als in der Vergangenheit, müsse seine Verfassung auf ganz neuer Grundlage aufgebaut werden. Einen heftigen Angriff gegen die politische Leitung der Friedensgesellschaft, insbesondere gegen Quidde und Schücking, unternahm Herr Prof. Nicolai. Quidde habe nach Kräften gegen Eisner gehetzt und damit das alldeutsche Treiben gegen diesen Politiker, der vor allen andern sich durch unbedingten Wahrheitsmut auszeichnete, unterstützt. Quidde und Schücking hätten gemeinsam in der Demokratischen Partei gegen den Versailler Frieden gearbeitet, sie hätten in erster Linie die demokratische Fraktion in ihrer Haltung gestärkt, wären die Seele des Widerstandes gegen den Frieden gewesen. Der radikale Flügel sähe in Quidde nicht mehr den Führer, den die Zeit brauche; er sei nicht mehr das Gesicht der Friedensgesellschaft. Man solle nicht immer die Frage stellen: wer tritt aus, wenn Quidde geht?, sondern vielmehr: wer kommt nicht, wenn er bleibt? – Diese Fanfare von links wurde durch eine entsprechende von rechts abgelöst. Herr Wagner, Kaiserslautern, trat mit sprühendem Temperament für Quidde und Schücking ein und protestierte scharf, daß hier die alten, verdienten Führer zum Ziel so maßloser Angriffe gemacht würden. Herr Rühle, Stuttgart, der nach Wagner sprach, unternahm es mit Gelingen, die äußerst erregt gewordene Versammlung zu beruhigen. Im Prinzip Quiddes Partei ergreifend, plädierte er für Duldung und verständnisvolles Zusammenarbeiten.

Diese drei Redner bestimmten im wesentlichen die weiteren Auseinandersetzungen. Allerdings traten sowohl Rechts als auch Links im Verlauf der Debatte ein wenig zurück hinter dem Verlangen zu vermitteln und die Gegensätze nicht zum Äußersten zu treiben. Sehr glücklich machte Herr Dr. Wenzl, München, darauf aufmerksam, daß Quidde kaum als das »Gesicht der Gesellschaft« anzusehen sei, da wir bekanntlich ein dreiköpfiges Präsidium haben und Herr v. Gerlach ebenso wie Frau Dr. Stöcker dem radikalen Flügel angehöre. Herr Nuschke verteidigte insbesondere Schückings Haltung; als Mitglied der demokratischen Fraktion bestritt er lebhaft die Behauptung, es hätte bei seinen Gesinnungsfreunden jemand gedacht, den Krieg fortzusetzen. Herr Lehmann-Rußbüldt, Berlin, nahm dagegen nochmals die Nicolaischen Angriffe auf. Er kritisierte scharf die von Montgelas und Mendelssohn-Bartholdy redigierte Sammlung von Dokumenten, die die deutsche Unschuld am Kriegsausbruch darlegen sollen, ebenso die Haltung Schückings in der Behandlung des Falles Fryatt. Herr Prof. Quidde nahm nochmals das Wort, um auf die Angriffe zu antworten. Er wies mit Entschiedenheit den Vorwurf zurück, häufig laviert zu haben, er habe vielmehr vom Anfang bis zum Ende des Krieges die gleiche Stellung eingenommen. Das Abstimmungsresultat in der Fryatt-Kommission sei entstanden durch Fehlen zweier Mitglieder; Schücking sei wirklich nicht für das Ergebnis verantwortlich zu machen. Es sei auch nicht wahr, daß die Demokraten gegen den Frieden gewesen seien, sie hätten sich ehrlich darum bemüht, aber der Versailler Entwurf sei nicht annehmbar gewesen. Gegen Eisner sei er aufgetreten, weil seine Darstellung unvollkommen gewesen sei, in anderen Fällen habe er Eisner aus innerpolitischen Gründen bekämpfen müssen. Man halte ihm immer wieder die »Realen Garantien« vor. Nun, dasselbe habe er auch in einer entsprechenden Denkschrift des »Bundes Neues Vaterland« gesagt. Die Endredaktion habe in den Händen des Herrn Lehmann-Rußbüldt gelegen, er habe aber an den »annexionistischen« Wendungen keinen Anstoß genommen. Unter stürmischem Beifall des Kongresses wies Quidde nochmals auf seine Vergangenheit hin. Er sei sich keiner Verfehlung bewußt und halte sich auch deshalb weiterhin für geeignet, die Friedensgesellschaft politisch zu vertreten. – Von einem Diskussionsredner wurden noch, nicht mit Glück, die Berliner Beschlüsse angezweifelt. Die Versammlung zeigte keine Neigung, eine neue Aussprache zu eröffnen: sie ging unter Anerkennung der Berliner Resolutionen zur Tagesordnung über. Die Stimmung der Delegierten zeigte sich am besten darin, daß von einer Neuwahl der Geschäftsleitung Abstand genommen wurde. Die Entscheidung erfolgte mit 47 gegen 32 Stimmen. Für die Wahlen zum Berner Bureau waren zwei Vorschlagslisten aufgestellt. Die eine enthielt die Namen: v. Gerlach, Nicolai, Arco, Bernstein, Frau Kirchhoff, die andere: Quidde, Schücking, de Neufville, Heilberg, Rühle. Die Wahl, die nach den Grundsätzen des Proporzes vor sich ging, hatte das folgende Resultat:

Prof. Quidde 89 Stimmen,
v. Gerlach 60 Stimmen,
Prof. Schücking 50 Stimmen,
Prof. Nicolai 60 Stimmen,
de Neufville 38 Stimmen.

Diese fünf Herren sind also gewählt. Beschlossen wurde diese Debatte mit einer einstimmig angenommenen Resolution:

»Die außerordentliche Mitgliederversammlung der Deutschen Friedensgesellschaft bedauert die Mißdeutung, der die Beschlüsse des Internationalen Friedensbureaus in Bern ausgesetzt gewesen sind, als ob die dort von deutschen Vertretern abgegebenen Erklärungen eine Demütigung des deutschen Volkes oder des deutschen Pazifismus enthalten hätten.

Die Versammlung stellt fest, daß in der Beurteilung des Schuldmaßes, das die Machthaber des alten imperialistischen Deutschlands an der Entstehung des Krieges trifft, die Ansichten innerhalb des deutschen wie des internationalen Pazifismus auseinandergehen, daß aber volle Einmütigkeit besteht in der Forderung, die Schuldfrage rücksichtslos zu klären und die Wahrheit unumwunden zu bekennen.

Die Versammlung nimmt mit Genugtuung davon Kenntnis, daß in den Fragen der Zukunft, insbesondere der Umgestaltung des Völkerbundes und der Revision des Friedens, die Berner Verhandlungen eine weitgehende Übereinstimmung zwischen den Pazifisten aller Länder ergeben haben, und hofft, daß die gemeinsame Arbeit bald das alte, uneingeschränkte Vertrauen, das die Pazifisten Jahrzehnte geeint hat, wiederherstellen wird.

Die Deutsche Friedensgesellschaft ist entschlossen, in Übereinstimmung mit den Beschlüssen der letzten Tagung des Berner Bureaus, gemeinsam mit den Pazifisten aller Länder an den Zukunftsaufgaben des internationalen Pazifismus zu arbeiten.« Im Anschluß daran nahm die Versammlung gleichfalls einstimmig eine Resolution an gegen die geplante Weltblockade gegen Sowjetrußland:

»Die außerordentliche Mitgliederversammlung der Deutschen Friedensgesellschaft erhebt den schärfsten Protest gegen die Absicht der Entente, über das russische Volk die Weltblockade zu verhängen, deren Grausamkeit das deutsche Volk in erschreckendem Maße am eigenen Leibe erfahren hat. Die Pazifisten aller Länder werden aufgefordert, mit aller Entschiedenheit auf ihre Regierungen einzuwirken, daß diese Blockade nicht zur Ausführung kommt. Die Versammlung verwirft jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten Rußlands, einerlei, von welchem Staat oder welcher Staatengruppe sie auch ausgehen möge. Insbesondere wendet sie sich mit Empörung gegen das Eingreifen deutscher Soldaten und Offiziere – auch in russischer Maskierung – in die innerrussischen Kämpfe.«

Den Rest der Tagesordnung bildete eine Reihe von Anträgen, zumeist praktischer Natur, die der Geschäftsleitung zur Ausführung resp. als Material überwiesen wurden. Hervorzuheben ist besonders ein Antrag Frankfurt, der von der Bildung von pädagogischen Ausschüssen in den Ortsgruppen handelt, sowie ein Antrag Liebich, der Anregungen enthält zur Reform des naturkundlichen Unterrichts.

Am Sonntag, dem 26. Oktober, spät abends, konnte der Vorsitzende die Generalversammlung für geschlossen erklären.

*

Es wird niemand der Kasseler Tagung die Gewissenhaftigkeit und die Arbeitsfreude absprechen können. Blicken wir heute zurück, so erscheint sie uns eigentlich erst als der Abschluß des Berliner Kongresses. Der Berliner Kongreß ist im tiefsten Grunde eine Manifestation der Gesinnungen gewesen. Nach Jahren bittersten Erlebens war es die erste öffentliche Aussprache der deutschen Pazifisten, sein organisatorisches Programm hat er nicht erfüllen können. Es war auf ihm sehr viel ungebändigte Kraft, viel Verlangen nach großem Wirkungskreis, aber, und es war unter den damaligen Verhältnissen nicht anders möglich, sein Blick war nach rückwärts gerichtet, nicht in die Zukunft. Auf jedem lasteten damals die vier Kriegsjahre, jeder fühlte irgendwie das Bedürfnis, sich zu befreien, abzurechnen mit der Vergangenheit und ihren Repräsentanten. Ist es da ein Wunder, daß häufig das Wort, aus leidenschaftlicher Stimmung geboren, triumphierte, daß der Wunsch, abzurechnen, allzuoft zur Verkennung des Mitstreiters führte, der nicht mit kälterem Herzen, wohl aber kühlerem Verstände nicht die scharfen Anklageworte fand, nach denen die meisten hungerten? Berlin hat dennoch seinen Zweck erfüllt. Die Resolutionen, die jene Beratungen zeitigten, und die der überwiegenden Mehrheit der Teilnehmer entsprachen, haben die erste Brücke schlagen helfen zum Ausland. Aber das konnte nicht alles sein. Der in Eile zu Ende geführte und übermüdete Kongreß ging ohne zukunftsfrohes Abschiedswort auseinander. Nicht ohne Verstimmung. Man hatte gestritten – aber es fehlte nach dem Kampfe die Versöhnung.

So hatte die Kasseler Generalversammlung eine doppelte Aufgabe. Einmal die organisatorischen Aufgaben, zum andern aber die ideelle Forderung, das Gemeinsame, die uns alle bindende pazifistische Gesinnung, wieder auf den Thron zu heben. Ob das gelungen ist, restlos gelungen ist? Vielleicht nicht restlos. Aber die Ahnung war wieder da, daß unser pazifistischer Bund eines solchen Urgefühls bedarf, daß nicht die Richtung das Ausschlaggebende ist. Und so schwang ein leiser, besänftigender Unterton mit und wuchs, wurde stärker, gerade dann, wenn die Debatten sich in Erregung zu verlieren schienen und Sachlichkeit mit Gold gewogen wurde: nicht die Richtung, sondern die Gesinnung, die die eine ist, mag sie in jedem Kopf individuelle Form annehmen. Dieses Gefühl war lebendig, und deshalb konnten viel harte Worte gesprochen werden, aber eben nicht das härteste: – der Zweifel an der Gesinnung!

Es ist einer der trübsten Tage deutscher Geschichte gewesen, als Luther zu Zwingli das verhängnisvolle Wort sprach: Ihr habt einen andern Geist als wir! Spaltung, bitterste Befehdung und schließlich blutige Kriege und geistige und seelische Entzweiung. Wir Pazifisten haben einen Geist in die Welt zu tragen, der den Haß verstummen machen soll. Einen Geist, der gewiß immer dagewesen ist, aber verstoßen und verhöhnt in der großen, wilden Welt wie in der Verbannung lebte, so als wäre er nicht von dieser Welt. Wer Haß, Rachsucht, Eigensucht besiegen will, der muß im Innersten glühen und so stark glühen, daß alles Unedle in ihm zergeht. Daß wir alle in unsern schärfsten Auseinandersetzungen in uns dieses Gefühl durchlebten, das gebe uns frohe Hoffnung und Gewißheit, daß die Macht, die wir wünschen, die Hölle, die sich die Menschheit geschaffen, vernichten wird.

Völker-Friede. Dezember 1919

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