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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 41
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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41

An C.L. Siemering

Sehr geehrter Herr! Es ist mir außerordentlich angenehm, daß Sie selber nun wieder in die Debatte eingreifen, die Ihr Artikel gegen Fried veranlaßt hat. Ich verstehe vollkommen Ihre Freude, daß nach mehrjährigem Schweigen des Meisters es Ihnen wenigstens gelungen ist, einen seiner Jünger aus dem Bau zu locken. Ich fühle da ganz mit Ihnen. Ist es mir doch auch für einige Jahre nicht vergönnt gewesen, als Pazifist einen pazifistischen Artikel in einem deutschen Blatt unterzubringen. Die ersten drei Kriegsjahre mußte ich feiern. Erst um Weihnachten 1917 gelang es mir vom Lazarett aus, mich mit Herrn Carl Riess, dem ich also nicht weniger verpflichtet bin als Sie, in Verbindung zu setzen und in der von ihm geschaffenen Monatsschrift Raum für pazifistische Beiträge zu erhalten. Sie sind, wie ich, Publizist und werden es deshalb verstehen, wie wenig erfreulich so eine erzwungene Muße ist. Ich bin auf praktische Arbeit eingestellt und kein Theoretiker; es ist mir nicht gegeben, meine Gedanken dermaßen in Abstraktion zu verschachteln, daß kein Zensor mehr den wahren Sinn errät, und das Publikum erst recht nicht.

So muß ich also bei uns beiden Gemeinsames konstatieren. Aber indem ich das tue, wird mir auch der erste große Unterschied deutlich. Mir war jede Wirkungsmöglichkeit versperrt; Ihr Leiden erschöpfte sich in dem Schweigen einer Person, die Sie mit aller Gewalt zum Sprechen bringen wollten. Sie waren sicher vor Polizeischikanen, sicher vor Schutzhaft. Ihre Meinung hatte nichts mit unsern »vaterlandsfeindlichen Ausschreitungen« zu tun – sie war die durchschnittliche. Nichts darunter, nichts darüber. Ich prüfe Ihre Gesinnung mit der meinigen und stoße auf nichts als Gegensätze. Wir haben die deutsche Kriegspolitik als Ganzes abgelehnt; Sie haben Sie gebilligt. Wir haben eine Reihe von deutschen Kriegshandlungen abgelehnt, Sie haben sie emphatisch unterstrichen. Wir haben der deutschen Regierung ein gut gerüttelt Maß Schuld an der Katastrophe zumessen müssen; Sie sind von der absoluten Unschuld dieser Regierung überzeugt gewesen und sind es noch. So steht Meinung gegen Meinung. Nur hatten wir gegen Sonne und Wind zu kämpfen, während Sie von jeder Gefahr verschont blieben. Infolgedessen blieben Sie auch verschont von Depression, Überreiztheit, Verbitterung, den Kennzeichen Verfolgter und Unterdrückter. Infolgedessen kamen Sie auch mit entsprechend konservierter Seelenruhe durch den Krieg; der Glaube an die deutsche Unschuld, das war der Talisman, der Sie vor allen häßlichen Zweifeln schützte. Wir hatten nichts von Ihrem liebenswürdigen Vertrauen, das einem guten Nachtschlaf gewiß sehr zuträglich ist; wir wollen selbst prüfen und wägen. Und das bereitete Ihnen Kummer. Ja, wir waren das Einzige, was Ihnen Kummer bereitete. Denn wir konnten uns nicht einfügen. Waren infolgedessen die Schädlinge. Sela.

Sie wittern, wie Herr Dr. Seber, aus meiner Glosse »Herr Siemering, der Pazifist« Ketzerrichterei. Nichts liegt mir ferner. Ich habe mehr als einmal für meine Wenigkeit den Holzstoß aufgerichtet gesehen und kenne alle Annehmlichkeiten des Eingängertums. Aber ich werfe Ihnen vor, daß Sie als alter Parteigänger des Pazifismus » Friedscher Prägung« diese Prägung nicht besser kennen, auch die Freunde nicht besser kennen, mit denen Sie jahrelang Schulter an Schulter gestanden haben. Ich werfe Ihnen vor, daß Sie sich auch nicht für eine einzige Minute die Mühe gaben, deren Motive zu verstehen. Lange haben Sie Fried nahegestanden; und als nun im Kriege Sie anderer Meinung wurden als er, da haben Sie durchaus nicht erwogen, was ihn zu seiner Haltung veranlassen könnte. So tief saß der Glaube an deutsche Schuldlosigkeit in Ihnen, daß Ihnen die alten Kampfgenossen einfach als höchst gemeingefährliche Subjekte vorkamen und Sie nicht zögerten, von nun an Ihre Waffen aus dem nationalistischen Arsenal zu holen, von dessen Unzulänglichkeit Sie doch sicherlich überzeugt waren, als Sie noch mit Fried gemeinsam fühlten. Sie zitieren das schöne Wort von Constant d'Estournelles, daß die pazifistische Kampagne für den Frieden eine Form, und nur eine höhere Form unseres Patriotismus sei. War das vor dem Kriege richtig, warum soll das im Kriege so plötzlich die Geltung verloren haben? Hat denn der Krieg etwas grundsätzlich daran geändert? Warum Vaterlandsverräter? Nur weil unsere Meinung in den meisten Stücken von der offiziellen deutschen Kriegsmeinung, also auch der Ihrigen, abwich? Warum uns nicht einmal den guten Glauben zubilligen?

Ich kann mir nicht helfen. Herr Siemering, Sie sind der nationalistischen Phrase unterlegen. In Ihrer früheren Zeit hätte Sie wohl ein Pazifist, der mit »unpatriotisch« und »vaterlandsfeindlich« operiert, nicht wenig amüsiert. Darin liegt aber auch, was Sie von unserer Sache entfernt. Sie teilten nicht unsere Gesinnung; aber Sie hätten Ihren Kampf als Freund führen können und nicht mit den Mitteln und der Phraseologie unserer erbittertsten Widersacher.

Haben Sie, Herr Siemering, denn nichts von den Leiden unserer Bewegung im Kriege gehört? Wie das hageldicht einschlug, von der raffiniertesten Quälerei im Gefängnis bis zu der einfachsten Form, dem Redeverbot. Wissen Sie denn nicht, daß Quidde, dem selbst Ihr neuester Weggenosse, Herr Otto Ernst, nicht das Deutschfühlen abspricht, nicht viel mehr als ein Internierter war? Daß es einem Schücking nicht viel besser erging? Sind Ihnen das alles Verräter an der Nation? Erweckte denn diese glänzend organisierte Hetze wider uns Pazifisten nicht einmal ein Gefühl des Mißtrauens in Ihnen? Sahen Sie denn nicht ein einziges Mal in dieser konsequenten und unnachsichtigen Verfolgung den scheuen Judasblick des bösen Gewissens?

Nein, Sie sind sicher gewesen vor Anfechtungen. Es ist auch nicht schwer gewesen, Sie zu beruhigen. Ihre Ansprüche gingen nicht übers offiziöse Klischee hinaus. Das Wort »Vaterland« faszinierte Sie, und Sie ließen sich gern faszinieren. Sie erinnern irgendwie an den Zeitungsverleger, der zu Kriegsbeginn zu seinen Leuten sagte: Ein Schuft am Vaterland, wer jetzt nicht lügt! Was Sie uns als Verbrechen ankreiden, das ist nicht mehr, als daß wir nicht glauben können, wo Sie eben glauben. So lassen Sie sich widerstandslos von den Wellen treiben und suchen verzückten Auges die dreifarbene Jungfer Germania, die Tricolorelei. Und wenn sie singt, dann ergreift es Sie, Herr Siemering, mit wildem Weh'. Sie sehen nicht die Felsenriffe, Sie sehen nur hinauf in die Höh'.

*

Wie Herr Riess mir neulich sagte, hatte er bei Eröffnung dieser Diskussion über die Schuldfrage die Hoffnung, es könnte zu einer Verständigung kommen zwischen den beiden pazifistischen Richtungen; heute glaube er allerdings selbst nicht mehr daran. Ich sehe gleichfalls keine Möglichkeit zur Verständigung; das tut mir leid, da Sie, Herr Siemering, erklären, noch immer auf dem Boden des Friedschen Vorkriegs-Pazifismus zu stehen. Was uns trennt, wäre also nur die Kriegspolitik. Leider ist dieser Punkt ein so wesentlicher, daß der Hinweis auf die alte gemeinsame Grundlage wenig mehr nützt. Die Situation ist eine gänzlich andere: wir haben in der Zwischenzeit die Probe auf die Festigkeit unserer pazifistischen Gesinnung machen müssen, die Zeiten erforderten mehr als ein Lippenbekenntnis – es mußte ein wenig Tat hinzukommen, zum mindesten Ausharren bei der Sache. Sie haben nicht nur nichts getan, sondern im Gegenteil fleißig dazu beigetragen, das häßliche Bild, das Patriotardengemüter von unserer Bewegung und ihrem Führer gepinselt hatten, um einige widrige Züge zu verstärken. Sie haben sich so tief eingewühlt in diesen uns feindlichen Geist, daß Sie nicht mehr fähig sind, uns nur für einen Augenblick objektiv zu betrachten; Sie betrachten uns wirklich mit Augen wie nur »irgendein Vaterlandsparteiler«.

Z.B. heben Sie hervor, mein Aufsatz »Das werdende Deutschland« habe Ihnen nicht übel gefallen. Bis auf den letzten Teil, der anhub mit ein paar Versen von Lenz. Und in den Worten »deine Nachbarinnen blühen um dich her voll Früchten, wie goldbeladene Hügel um einen Morast« erblicken Sie eine Schmähung des deutschen Vaterlandes. Ich weiß es, wie mißtrauisch Sie uns gegenüberstehen. Hier jedoch schlägt Mißtrauen in Hysterie um. Paßt eine Herabsetzung Deutschlands zu dem Geiste dieses Artikels? Ist denn Ihr Ohr schon dermaßen verwildert durch Reventlow-Fanfaren und W.T.B.-Tubatöne, um nicht den Ton der Klage, der Angst, ein seit langem überwundener Zustand könnte wiederkehren, von bewußter Verletzung, betonter Frivolität zu unterscheiden? Muß denn ein Patriotismus, den Sie begreifen können, fingerdick aufgetragen sein?

Dagegen habe ich die nächsten Sätze nicht ohne Schadenfreude gelesen, denn da geraten Sie in Widerspruch zu Ihrem Verbündeten Otto Ernst. Sie legen dar, Fried habe in seiner »verdienstvollen Zeit« zur Grundlage seines wissenschaftlichen Lehrgebäudes gemacht: alles zwischenstaatliche Geschehen stehe noch unterm Banne der zwischen den Ländern bestehenden Anarchie. Herr Otto Ernst meint nun höhnisch, dies Verdienst sei herzlich gering, und es brauche kein Geist aus dem Grabe zu kommen, um uns das zu erzählen. Vielleicht werden Sie einmal sich die Mühe machen, Ihrem neuen Freunde, den ein mißgünstiger Zufall Ihrer Sache geschenkt hat, ein Privatissimum zu halten über Frieds Bedeutung. Ich würde es ja selber tun, aber es hat keinen Zweck; er glaubt mir nicht, weil er mich für einen Bolschewisten hält. Wenngleich ich also nicht annehme, durch eine noch so lange Auseinandersetzung mit Ihnen zu einem Ziele zu kommen, da eben unsere Einstellung eine so ganz andere ist, so erscheint es mir doch lohnender, mit Ihnen die Klinge zu kreuzen als etwa mit Herrn Otto Ernst, diesem Großmeister der Ahnungslosigkeit, der es für erstunken und erlogen erklärt, es könnte einmal in Deutschland jemand zum Kriege getrieben haben. Denn bei Ihnen ist pazifistische Schulung, und bei grundsätzlicher Gegnerschaft spreche ich Ihnen nicht die Liebe zur Sache ab; während Otto Ernst, unbeschwert von Sachverstand, ganz einfach jenen Typus verkörpert, den Harden so schön als den »patterjohtischen« bezeichnet. Deshalb möchte ich nicht über die beiden Punkte Ihres Nachtrags hinweggehen.

1. Die belgische Frage. Sie machen sich die Sache verteufelt leicht. Die »freimütige Erklärung« des Ihnen »durch seine Ehrlichkeit so sympathischen« Bethmann-Hollweg habe alle Einwände im voraus erledigt. Sie übersehen nur, daß diese Erklärung nicht mehr sein sollte als eine Beschwichtigung der neutralen Welt. Das ist bekanntlich nicht erreicht worden; und so kehrte auch die »freimütige Erklärung« vom 4. August nicht wieder. Dafür setzte das Annexionstreiben ein; Sie werden in Königsberg, nicht allzu weit von Herrn Kapp, doch einiges davon vernommen haben. (Bis in die Groß-Flottbeker Einsiedelei Ihres Freundes Otto Ernst drang das natürlich nicht!) Die Verlegenheitserklärung wurde auch nicht wiederholt; die Annexionisten gebärdeten sich dafür so selbstbewußt, daß die offene oder verschleierte Angliederung Belgiens für die deutsche Öffentlichkeit bis Sommer 1918 ausgemachte Tatsache war. Noch im vergangenen September klebten in jedem westlichen Etappenorte Plakate: die Karte Belgiens mit der Überschrift »Darf Belgien nochmals englisches Aufmarschgebiet werden?« Bethmanns Zweideutigkeit wurde vom zweiten Kriegskanzler noch überboten. Setzte er doch der berühmten Juli-Resolution sein geflügelt gewordenes: »wie ich sie auffasse« entgegen. Quiddes Schrift von den »realen Garantien« wurde unnachsichtig unterdrückt. Warum, Herr Siemering? Jeder Annexionist hatte Redefreiheit; jeder Gegner von Annexionen aber mußte damit rechnen, ins Loch zu spazieren. Warum diese Verfolgung, Herr Siemering? Etwa um die freimütige Erklärung des Ihnen durch seine Ehrlichkeit so sympathischen Reichskanzlers zu bekräftigen?

Doch spukte bereits damals ein Argument in den Köpfen, das in unsern Tagen in veränderter Form verheerend wie eine Seuche gewirkt hat. Damals lautete die Losung: nur nicht sagen, was wir mit Belgien vorhaben, damit schwächen wir unsere Position. Damit wurde ein Bekenntnis zu Bethmanns freimütiger Erklärung zum Verbrechen gestempelt, die Verfechter der belgischen Wiederherstellung wurden Schädlinge am Vaterlande. Heute hat sich das gleiche Verfahren zu einer noch katastrophaleren Vervollkommnung ausgewachsen. Verbrecher an der Nation, wer von Deutschlands Schuld oder Mitschuld spricht. Mag's gewesen sein, wie's will. Auf jeden Fall tut man so, als wäre nichts gewesen. Das imponiert den andern. Maulhalten und Mansotun, das ist heiligste Pflicht. O Machiavelli, welchen Grad von Vertrottelung haben deine Schüler erreicht!

Doch zur belgischen Frage zurück. Von der freimütigen Erklärung war nicht mehr die Rede; man berief sich triumphierend auf den Dokumentenkrimskrams, dem die Entente höhnisch Zeugnisse entgegensetzte, wonach die deutsche Überflutung Belgiens lange vorher beschlossene Sache gewesen sei. Dokumente sind ja billig wie Brombeeren. Dem scharfen Blick des Staatsmanns enthüllen sich auch die geheimsten Schubfächer; Türen springen respektvoll aus den Angeln; uralte Pergamente sprengen den Verschluß und stehen stramm.

Sie berufen sich des ferneren auf Professor Zorn, dessen Bedeutung ich keineswegs anzweifle. Aber der Satz, mit dem Sie mich spießen wollen, ist ein unfreiwilliger Witz. Er stammt, mildernder Umstand, aus dem November 1914, und es wäre ihm anzuriechen gewesen, hätten Sie es nicht verraten. Also, Zorn schreibt: »Hätte Belgien mit Deutschland analoge Abmachungen getroffen ..., so wäre Belgien gerechtfertigt.« Das ist einfach eine Kateridee. Können Sie sich ein Land vorstellen, das sich allen Umwohnenden als Aufmarschgebiet und Schlachtfeld empfiehlt?

Ein so unseliges Zitat, Herr Siemering, legt beredtes Zeugnis ab für die Qualität Ihrer Sache. Und da wundern Sie Ärmster sich, wenn Fried Ihnen nicht antwortet?!

2. In der Frage der Torpedierung der »Lusitania« und des verschärften U-Bootkrieges verschieben Sie sehr gründlich den Boden. Nicht handelt es sich um die Frage der juristischen Stichhaltigkeit solcher Kriegshandlungen, sondern um die politische Wertung. Es kann diese oder jene Kriegshandlung als solche sehr wirkungsvoll, sehr zweckmäßig und juristisch hieb- und stichfest sein und trotz alledem politisch die verhängnisvollsten Folgen zeitigen. Das ist allein wesentlich und erklärt Frieds Stellungnahme hinreichend. Auch die Wehbergschen Zitate haben rein formale Bedeutung. Daß Wehberg die politischen Konsequenzen nicht vor Augen hatte, bestreite ich einfach. Wir hatten zu entscheiden, was wir für bedeutsamer hielten: den Nutzen des verschärften Tauchbootkrieges oder die Freundschaft Amerikas. Wir wissen die Wahl, wir wissen den Ausgang. Wir haben den Tauchbootkrieg bekämpft, weil wir ihn für politisch unsinnig und außerdem für barbarisch hielten. Deutschland hatte darin die ganze zivilisierte Welt gegen sich. Im November ging ein großes Ahnen durch das deutsche Volk, man fühlte irgendwie die Ursachen der seelischen Isolierung. Dann setzte die Arbeit der alten Mächte wieder ein. Schnell verflog der lichte Moment. Und solange das deutsche Volk nicht erfaßt, warum es so gräßlich einsam war in diesen Jahren, solange es die läppische Formel vom Neid der ganzen Welt nachbetet, wird's auch keine Brücke geben zu den andern. Solange wird, nach Stilgebauers hartem Wort, jeder Deutsche eine Klapper tragen.

Wir sollten unsern Landsleuten diese Klapper aus der Hand schlagen, wir sollten sie ihnen nicht noch an den Arm binden. Wir sollten, selbst wenn wir diesen Standpunkt nicht teilen, Herr Siemering, nicht mit dem Wörtchen »unpatriotisch« zu brandmarken versuchen. Wir sollten dieses gefährliche Wort überhaupt sparsam gebrauchen lernen.

*

Es blüht ja, wie einst, wieder die Einteilung in »gute« und »schlechte« Deutsche. Krieg und Revolution haben daran nichts geändert. Die »nationale Parole« ist zugkräftiger denn je. Wer sie auf den Wahrheitsgehalt hin zu prüfen wagt, den treibt alleweil der schlimmste Geist, der ist nicht wert, Deutscher zu heißen.

Wir stehen in diesen Tagen vor Entscheidungen schwerster Art. Wird das Schmachdokument von Versailles Grundlage unserer Zukunft werden? Angesichts dieser entsetzlichen Tatsachen bricht es spontan aus: – man möchte Schluß machen mit den alten Zeiten, möchte irgendwie die Kräfte aller Arbeitsfreudigen zusammenfassen, einen Strich machen unter all die lieblichen querelles allemandes und die Toten ruhig ihre Toten begraben lassen.

Neue Ziele locken. Aufgaben türmen sich. Bahn frei allen Wollenden, schreit es aus der Zeit. Und wir Narren etikettieren uns mit Schlagworten von anno Puttkamer. Bekleben uns mit Sprüchelchen aus der Teufelskanzlei des Verbandes zur Bekämpfung Deutscher, denen ein hochgestellter Deutscher einstmals ihr Deutschtum abgesprochen hat. Der ewige »Reichsfeind«, Kind von Bismarcks trübster Stunde, geht wieder um. Sollten Sie, Herr Siemering, als Pazifist nicht über diese verstaubte Katalogisierung lächeln?

Wir müssen loskommen vom Dienst am Wort. Es geht um den Dienst an der Sache. Ich fordere mit Fried und vielen andern Deutschen ein Bekenntnis zu unserm Schuldanteil. Auch in dieser Stunde. Gerade in dieser Stunde. Es muß ein großes Beispiel zeigen, wie ein Volk mit seiner Vergangenheit bricht.

Wir wollen Bekenntnis. Nicht in reuiger Zerknirschung, nicht in Hundedemut. Nicht um den Imperialisten an der Seine, den Pfeffersäcken in der City zu gefallen. Wir wollen es als Anfang. Denn werden wir auch noch lange Zeit für alte Sünden zu büßen haben, so wollen wir uns doch nicht mehr mit dem alten Geist beladen. Ein armes Volk werden wir sein – aber frisch und reinlich soll unsere Armut sein und nicht nach Moder riechen. Es ist da mittlerweile ein neues Geschlecht herangewachsen, früh gereift zwischen Drahtverhau und Granattrichter, das blickt die Welt mit eigenen Augen an. Das nimmt nicht mehr behutsam und ehrfürchtig die Werte, die ihm fürsorgliche Vaterhände fein säuberlich überreichen. Es mustert die geistige Erbschaft sehr sorgfältig und wirft fort, wenn das Herz nicht schneller schlägt. Und wäre es auch etwas, den Vätern so heilig wie das Wort »Vaterland«, erbarmungslos ist die Prüfung, und auf den Kehrichthaufen wandert, was daran eben nur Wort ist. Denn oft haben Worte feierlichen Klang, sind geheiligt durch Überlieferung und müssen doch immer wieder höchst irdischen Betrug decken oder werden verfilzt mit einseitigen Interessen oder ödester Utilität. Wir haben viel mißbrauchte Worte. Und die Voraussetzung neuen Lebens ist die Zertrümmerung der größten Phrasenwerkstatt, die die Welt jemals gesehen: der hohen Politik alter Schule.

Herzlich satt ist unsere junge Welt dieser klugen Politiker, die, auf feststehende Begriffe eingeschworen, nach »bewährten Methoden« die Völker leiten und sie doch regelmäßig in den Abgrund stürzen lassen, wenn die Klugheit zu Tode geritten. Wir wollen den Politiker ohne anrüchige Staatskunst, ohne Routine, den Politiker des Herzens, den menschlichen Politiker, der sich nicht mehr klammert an das faule Bonmot, daß die Sprache dazu da sei, die Gedanken zu verbergen. Eine Maxime, vielleicht nicht übel für gewisse private Plänkeleien oder für die Sphäre des Boudoirs, wenn es gilt, mit amourösen Kabalen eine reizende Festung zu zernieren, die sich nur verteidigt, um das Spiel desto reizvoller zu machen aber höchst verderblich, wo es um das Schicksal von Völkern geht. Satt sind wir der Rechnungsträgerei, die mit Menschenglück Schindluder spielt und zum Überfluß ihre Untaten patriotisch drapiert.

Ich bin an dieser Stelle für Fried eingetreten, weil ich fühle, daß aus seinem Wirken bereits etwas von der Melodie des zukünftigen Politikers klingt, der die Wahrheit, wie sie sich in ihm spiegelt, ausspricht. Rücksichtslos. Spätere Zeit mag entscheiden, ob er in allen Stücken Recht hatte. Nicht darauf kam es mir an, seine Taktik zu decken, sondern einen neuen, sich mühsam Wege bahnenden Geist zu verteidigen gegen Waffen, aus einer Rüstkammer geholt, die für unsere Zeit so abgetan sein sollte wie das Archiv der heiligen Inquisition. Nicht verketzern war meine Absicht, nicht weil Sie gewisse Formeln nicht nachbeten wollten, schrieb ich, Sie wären kein Pazifist mehr, sondern weil Sie von dem Walten des neuen Geistes so ganz und gar nichts erlebt haben und in Ihrer Ratlosigkeit mit den dicksten Knüppeln talmi-patriotischer Entrüstung um sich zu schlagen begannen. Weil Sie einer Bewegung, die Ihnen doch wahrlich nicht fremd sein kann, als Sie sie nicht mehr verstanden, die schlimmsten Verdächtigungen anhängten, weil Sie unserm Dienst an der Sache das tote Wort entgegenstellten. Schaudernd würden Sie erkennen, wohin Sie geraten sind, wenn Sie sich einmal die Kriegsschreiberei Ihres Freundes Otto Ernst näher ansähen. Sollte in Ihnen noch ein Fünkchen alten Fühlens sein, Sie wären kuriert. Otto Ernst, blutrünstiger Barde, Tyrtäus im Staackmann-Format. Autor des Merkwortes »der Engländer ist der Schuft katexochen«, als Bannermann einer Friedensgesellschaft, die für Völkerverständigung und Menschheitsverbrüderung zu kämpfen hat, nein, da lachen die Hühner. Lesen Sie, Herr Siemering, und ich bin fest überzeugt, daß Sie im Nu das Netz zerrissen haben, in dem Sie schon viel zu lange zappeln. Ich stelle mich Ihnen heute bereits als der erste Gratulant vor.

Monatliche Mitteilungen des Deutschen Monistenbundes,
Ortsgruppe Hamburg, 1. September 1919

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