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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 4
Quellenangabe
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
correctorreuters@abc.de
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1913

4

Der verhaßte Gewerbeinspektor

Die Gewerbeinspektion ist bei den Unternehmern nicht beliebt. Sie wagen es zwar nicht, gegen das Gesetz offen Front zu machen; sie suchen vielmehr in altbewährter Manier seine Diener zu diskreditieren. Den in den letzten Jahren bekanntgewordenen Fällen gesellt sich ein neuer zu. Die » Deutsche volkswirtschaftliche Korrespondenz« und die »Arbeitgeberzeitung« kämpfen mit allen Waffen der Schäbigkeit und der Verleumdung gegen den württembergischen Gewerbeinspektor Baurat Hardegg. Ein neuerer Artikel enthält folgende Sätze:

»Die Qualifikation dieses Herrn zum roten Gewerkschaftssekretär dringt immer wieder durch, so daß es nicht verwunderlich wäre, wenn er bei einer Vakanz eines schönen Tages als Bewerber auftreten würde, zumal das Gerücht geht, die Jacke als königlicher Gewerbeinspektor wäre ihm schon lange zu eng und sehne sich nach der Bluse und der Ballonmütze eines Volksbeglückers und Zukunftstaatsredners

Was hat der Mann getan, der hier so feierlich zum Jakobiner erklärt wird?

Baurat Hardegg hat in einem Vortrage, den er in Stuttgart über Arbeiterschutz und Arbeiterrecht hielt, ketzerische Gedanken geäußert. Er hat nämlich erwähnt, wie einseitig die Justiz bei Verrufserklärungen vorgeht. Daß wegen dieses Deliktes zwar der Arbeitnehmer empfindlich bestraft wird, aber nie der Arbeitgeber.

Jeder gerecht denkende Mensch wird es begrüßen, daß hier ein erfahrener Mann frei und offen auf einen sozialen Krebsschaden, eine Quelle fortwährender Verbitterung hingewiesen hat. Für die Arbeitgeberpresse genügte aber diese Feststellung einer unangenehmen Wahrheit, um Baurat Hardegg in der widerlichsten Weise zu verunglimpfen. Das beliebte Verfahren wird angewandt: er wird zum »verkappten Sozi« gemacht! Sollten die Skribenten der Industriellen wirklich so wenig intelligent sein, selbst an die Wahrheit dieser Verdächtigung zu glauben? Aber in den Kreisen, für die sie schreiben, wirkt sie noch. Es ist ja die klassisch gewordene Formel der Verrufserklärung: Er ist Sozialdemokrat!! Das Arcanum ist gefunden. Jetzt ist jedes Mittel gegen den Kerl recht! Allerdings fassen die Scharfmacher den Begriff »Sozialdemokrat« weiter als andere Menschen. Wer nicht in allen Dingen das nackte Geldsackinteresse wahrnimmt, wird zum Sozialdemokraten oder doch zum stillen Gönner der verhaßten Partei gestempelt. Wie ein echter Antisemit jeden, der nicht an Ritualmorde glaubt, zum »Judengenossen« macht!

Es steckt also Methode in der unsinnigen Idee, einem höheren Regierungsbeamten aus so fadenscheinigen Gründen die Ballonmütze aufzustülpen. Und das ist das Gefährliche. Gegen das Gesetz geht man nicht an. Aber den Beamten will man eine präzise Anwendung verekeln. Das Gesetz soll nicht mehr sein als weiße Salbe. Und der Beamte hat sich demgemäß zu verhalten. Er hat des guten Scheins halber eine gewisse Unparteilichkeit zu wahren und sich im übrigen ganz als freiwilliger Sachwalter der Scharfmacherinteressen zu fühlen. Sobald er sein Amt ernst nimmt, ist der Krieg erklärt. Wer kann den Herren diesen Gedankengang verübeln? Wir haben in unsern Gesetzen und Verfassungen genug schöne Worte vom Schutze der Schwachen; wer hat ihre wohltätige Wirkung schon gefühlt? Gewiß hat Baurat Hardegg sein Amt nicht als Sinekure aufgefaßt; er mußte also mit den scharfmacherischen Machtgelüsten kollidieren. Hoffentlich werden bei seiner Regierung die Verleumdungen ungehört verhallen. Es wäre aufs Tiefste zu bedauern, wenn die Regierung vor den Großunternehmern einen Kotau machte und dem gewissenhaften Beamten einen Wink gäbe, sein Amt etwas laxer zu führen. Zweifelsohne befinden sich die Gewerbeinspektoren in einer prekären Lage. Man muß befürchten, daß manche von ihnen sich von so skrupellosen Attacken einschüchtern lassen, um wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schädigungen zu entgehen.

Es ist nötig, die Öffentlichkeit auf dieses Treiben aufmerksam zu machen. Die bürgerliche Presse ist nur zu sehr geneigt, Übergriffe der Industriedemagogie zu übersehen. Die Arbeitnehmer sind wahrhaftig nicht mit übermäßigem gesetzlichem Schutz bedacht; sie sollten recht sehr auf der Hut sein, daß man ihnen nicht noch das Wenige, was sie haben, illusorisch macht!

Das freie Volk. 18. Januar 1913

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