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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 38
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
year
firstpub1911 - 1921
correctorreuters@abc.de
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38

Vorwort [zu Wilhelm Lamszus: Das Irrenhaus]

Bücher haben ihre Schicksale. Dieser zweite Teil der Visionen vom Krieg war 1914 druckfertig und sollte als Fortführung des »Menschenschlachthauses« erscheinen. – Da brach die Katastrophe herein; der erste Teil verschwand alsbald aus den Läden, und an eine Herausgabe des zweiten Teiles, der in eine unheimlich blutfarbene Revolutionsphantasmagorie ausläuft, war vollends nicht zu denken. Mars beherrschte eisern die Stunde, und den Büchermarkt beherrschten seine Propheten. Heute, nach fünf Jahren, darf endlich des Menschenschlachthauses zweiter Teil herauskommen.

Als der erste Teil 1912 erschien, war ihm ein nicht alltäglicher Bucherfolg beschieden. Aber eben nur ein Bucherfolg. Viele lasen diese grausamen Bilder. Aber wohl nur wenige sind sich damals klar geworden, daß hier mehr vorlag, als eine artistische Bravourleistung. Man bewunderte die visionäre Bildkraft, die nachtwandlerische Sicherheit bei der Durchquerung eines unbekannten Landes, aber man übersah das eigentlich Tragende dieses Buches – den Willen zum Frieden. Zudem hatte gerade das Kunstfühlen dieser Jahre eine bedeutsame Änderung erfahren. Man hatte endgültig den Geschmack verloren an der von Anbeginn schwächlichen Neuromantik; man wollte wieder ungebrochene Töne, Handlung, Farbe, Temperament. Das Interesse am Stofflichen erwachte wieder. Aber nicht nur um neue Wirklichkeit wurde gerungen, auch in die geheimnisvollen Provinzen des Phantastischen, Bizarren, Grotesken, Grausigen drangen einzelne verwegene Freischärler. Ihr Erfolg war unbestreitbar stark. Schnell wurde Mode, was eben noch Eingängerei war. Auch das Menschenschlachthaus schien eine Konzession an diesen neuen Geschmack zu sein. Man delektierte sich daran, wie an den abstrusen Utopien eines Wells. Doch fühlte man nicht das Seherische in dem schmalen Büchlein. Irgendwie ahnte man die ungeheure Gefahr, aber das Geschlecht war zu feige, um diesem Bild Wirklichkeit zuzusprechen. Das Menschenschlachthaus, als Fanal gedacht, wurde durch die Wertung zum belletristischen Ereignis.

Schweigen wir von jenen, die damals aus vollem Halse »Landesverrat« schrien. Lohnender ist schon ein Rückblick auf die Haltung der literarischen Kritik. Man hatte Anerkennung für die glänzende Bewältigung des Technischen – – aber im übrigen Ablehnung. Tendenzliteratur! Die Hohenpriester der reinen Form sahen eine Profanierung darin, in Literatur bewußtes Wollen zu bringen. Dieses Bild hat sich gründlich geändert. In der Not der Zeit wurde das Thema, an das Lamszus zuerst gerührt, tausendfältig aufgenommen. Adolf Andreas Latzko, Leonhard Frank, Karl Kraus haben in gewaltigen Worten das Leid unserer Tage beschworen. Immerhin, es hat Hekatomben Toter und Verstümmelter bedurft, um der deutschen Literatur ein aktivistisches Gepräge zu verleihen, um ihr das starre Brokatkleid der Exklusivität von den Schultern zu reißen.

Konzipiert worden ist das Menschenschlachthaus in den Jahren der latenten Kriegsgefahr. Aus einem tiefen Verstehen der Ursachen der ewigen internationalen Spannungen und Krisen ist es entstanden als ein Dokument des jungen Pazifismus, der sich damals zum ersten Male auf dem Boden der Tatsachen als energische und zuverlässige Truppe straffte. Aber Lamszus nahm seine Aufgabe keineswegs als Agitator. Im Gegensatz etwa zu Norman Angell, der an der Hand langer Zahlenreihen nachwies, daß ein Krieg von Weltdimensionen ein verteufelt schlechtes Geschäft sei, berührten ihn diese Dinge wenig. Er sah nur die Vernichtung der Werte, deren Träger der lebende Mensch ist. Das Mitleid machte ihn sehend. Und er sah nicht als Agitator, sondern als Künstler. Des Agitators Denken verdichtet sich zu Schlagworten und Programmen; dem Künstler wird im innern Schauen alles Fühlen und Denken zum Bilde. Und eine Fülle solcher Bilder, tief innerlich erschauter, von Mitfühlen durchbluteter Bilder ist das Menschenschlachthaus, ist die hier vorliegende Fortführung – – das Irrenhaus.

Warum das jetzt noch? höre ich fragen. Es ist ja überstanden. Macht doch endlich einen Strich unters Vergangene. Warum noch einmal trotzig auftrumpfen, daß Dichterphantasie im Recht geblieben ist? Wir wissen, daß Goya oder Kubin der Wahrheit des Krieges näher gekommen sind als Anton von Werner oder Knackfuß. Wir haben inzwischen alles selbst erlebt, vom Mobilmachungstage an bis zur fliegenden Erde. Wir haben auch das Irrenhaus erlebt. Das Irrenhaus, sonst Reich für sich, sorgfältig abgegrenzt von der Stadt der vernünftigen Leute, ist Gegenwart gewesen, gräßliche Gegenwart. Wir waren ja alle Besessene. Zufall, daß es bei dem einen wild ausbrach, bei dem andern nicht. Wir wissen, daß tagtäglich der Wahnsinn Musterungen abhielt, daß kerngesunde Burschen sich plötzlich in hysterischen Krämpfen am Boden wälzten. Wissen, wie das im Lazarettzug hockte, hohläugig, gekrümmt, mit klappernden Kiefern, vor Zittern unfähig, einen Bissen Brot zum Munde zu führen. – »Dreimal verschüttet gewesen ...« – – Ja, wir wissen das alles und deshalb: warum immer wieder dieses grauenvolle Buch aufschlagen – –, gebt uns wieder freundlichere Bilder, ihr Freunde!

Leider sind wir noch nicht so weit, um so sprechen zu können. Noch ist der alte Erzfeind aller Kultur und allen Menschenglücks nicht erledigt. Vollgesoffen mit rotem Menschenblut zog sich der Drache in die Höhle zurück. Auf wie lange? Noch ist die Atmosphäre erfüllt von giftigen und stickigen Gasen. Noch sind genügend Hände bereit, neue Brandfackeln zu schleudern. Nichts, was zum Krieg geführt hat, ist durch den Krieg wirklich abgetan. Was wollen da die paar gestürzten Kronenträger besagen, die armen Marionetten? Noch liegt die ganze Arbeit vor uns. Über dem Portal des neuen Völkerbund-Gebäudes steht ein höhnisches und drohendes vae victis. Entfesselt bleibt die ganze Unterwelt unsozialer Instinkte. Hochmut des Siegers, Rachsucht des Besiegten werden sich in der Folge gleich gefährlich erweisen. Der deutsche Militarismus, von den Feinden einst bald belächelt, bald perhorresziert, hat seinen Siegeszug über die ganze Welt angetreten. In Deutschland für ewige Zeiten diskreditiert, haben ihn die einst freien demokratischen Völker gastlich aufgenommen. Die größten Verächter sind die gelehrigsten Schüler geworden.

Ihr Visionen vom Krieg, wann werdet ihr einmal überflüssig sein? Heute seid ihr es noch nicht. Bedeutet 1919 wie 1914 Warnung und Drohung, Furor der Menschlichkeit wider den Furor der Vernichtung.

Lamszus: Das Irrenhaus, 1919

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