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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 36
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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36

Der Anmarsch der neuen Reformation

»Zwei große Strömungen bereiteten die Revolution vor, führten sie herbei und führten sie durch. Die eine Strömung, die ideelle – die Flut neuer Ideen über die politische Erneuerung der Staaten – kam von der Bourgeoisie. Die andere, die des Handelns, kam von den Volksmassen ... Und als diese beiden Strömungen sich in einem gemeinsamen Ziele trafen, als sie sich eine Zeitlang gegenseitigen Beistand leisteten, da war es zur Revolution gekommen.«

Mit diesen Worten beginnt Krapotkins geniales Werk über die Französische Revolution. Und das gilt, für jede große Umwälzung, die wir Revolution nennen. Auch für die deutsche. Wenigstens für den Beginn in den Novembertagen. Aber bald scheint dem Volk das Heft entglitten zu sein. Oder fühlte nicht mehr seine große Mission, die Ideen der Revolution durchzuführen. Die gelegentlichen Temperamentsausbrüche können darüber nicht hinwegtäuschen. Revolutionäre Gesinnung ward so geläufig und so oberflächlich wie einst die nationalistische. Wieder einmal scheint der große Augenblick ein Geschlecht gefunden zu haben, das an Phrasen oder Abzeichen klebt. Die Bilanz der Revolution ist so, daß einem die Augen übergehen können.

Man kann die deutsche Revolution als eine Prämie für jahrelang bewiesene Geduld auffassen. Mit einem Schlage war das deutsche Volk seine Bedrücker los. Alles was seit Jahrzehnten bald zum Zorn, bald zum Lächeln aufreizte, war verschwunden. Die Dynastien, der Militarismus, der Amtsschimmel. Über den Portalen der Regierungsgebäude verdeckten Plakate mit der Aufschrift »A.- und S.-Rat« die traditionellen lateinischen Sprüchlein. Mit tressenlosen Führern wälzte die Armee sich zurück. In belgischen und polnischen Chausseegräben war der Kadavergehorsam verschwunden.

Das ist nun länger als ein halbes Jahr her, und wir stellen fest, daß alle die schönen Dinge, die wir im November in Feindesland gelassen zu haben glaubten, uns nachgehumpelt sind. Es fehlt nur noch die Dynastie. Aber die Geldsackrepublik ist auch kein übler Ersatz. Revolution hat bisher Bruch mit der Vergangenheit bedeutet. Die deutsche hat den bedenklichen Vorzug, diese Vorstellung gründlich revidiert zu haben. Die Lauwarmen wie die Überkochenden, mögen sie sich sonst auf den Tod hassen, berühren sich darin. O nein, unsere Revolution ist keine Kopie der französischen. Sie ist deutsch bis auf die schwachen Knochen. Wir haben zwar gleichfalls »Berg« und »Ebene«. Aber sie sind bei uns gleich flach.

Jede Revolution hat mit einer Konterrevolution zu kämpfen. Heiß tobt die Schlacht zwischen den Trägern der alten und der neuen Idee. Bei uns trägt man beides gemeinsam, und es geht ganz vorzüglich. Cromwell und Hobbes wohnen in einem Kopf, in einer Brust hausen Florian Geyer und Truchsess von Waldburg, und Tolstoi und Pobjedonoszew preisen in einem Rahmen die Vorzüge der synthetischen Denkart.

Was hat die Revolution versprochen und was hat sie gehalten?

Auf drei Gebieten mußten wir unbedingten Bruch mit alten Methoden und Neuaufbau erwarten. Auf dem rein politischen, dem wirtschaftlichen und dem geistig-sittlichen, das, soweit es überhaupt ressortgemäß zu fassen ist, in die kulturpolitische Sphäre gehört. Was hat also die Revolution geleistet?

Die Antwort lautet traurig genug. In der äußeren und inneren Politik spreizen sich Zelebritäten, die von Rechts wegen schon seit einigen Jahrzehnten in den Reliquienschrein gehören. Die wirtschaftliche Umformung wird dauernd verschoben, während Anarchie, Egoismus, Schiebertum Triumphe erleben. Keine wehrende Hand, nur sanftes Zureden. Ideenarmut, Mangel an Mut, Mangel an Glauben.

Nun wird niemand die Schwierigkeiten verkennen wollen, die sich den neuen Trägern der Macht entgegenstemmen. In Zeiten allgemeiner Ungewißheit ist es schwer, frank und frei geradeaus zu marschieren. Es wird das eine Zeit des Tastens sein, eine Periode des vorsichtigen Sondierens. Nur eines kann fest und unverrückbar vom ersten Tag an dastehen: – – der Wille. Und der fehlte.

Ist es eine Entlastung der führenden Männer, daß das Volk hinter ihnen versagte, daß es sich kläglich zersplitterte, daß es sich aufrieb in Parteigezänk, daß es nicht besser als das Kriegsspekulantentum all sein Sinnen und Trachten auf das eine richtete, sich, um diesen beliebten Ausdruck zu gebrauchen, »gesund zu machen«? Namenlos ist gesündigt worden. Und von jedem. Aber ist das eine Entlastung? Es fehlte führender Wille, Beispiel, zentrale Idee. So war es kinderleicht, denen, die nicht fassen wollten, weltgeschichtliches Schauspiel könnte mit schrillem Bajazzolachen enden, die Erfüllung heißer Sehnsucht, ganz, ganz nahe zu zeigen. Es war herzlich leicht, einzureden, es bedürfe nur geringer Ladung, um den ganzen Blocksberg in die Luft fliegen zu lassen und dann die neue Gesellschaft einfach zu dekretieren. Oder Chaos heraufzubeschwören, um aus sozialen Krämpfen unerhörtester Gewalt das Land der Verheißung aufsteigen zu lassen. Ich teile nicht den Glauben, daß sich Entwicklungen ungestraft überspringen lassen, ich weiß auch, daß dieser Glauben nicht wenig zur Vergrößerung der Verwirrung beigetragen hat, aber ich wage es nicht, Anklage zu erheben gegen seine Verkünder. Sie waren die einzigen, die Energie aufbrachten, Begeisterung, Kraft, ihr Leben einzusetzen.

Gewaltig sind die äußeren Hemmungen unserer führenden Männer. Eingeengt müssen sie ausharren zwischen Saumseligkeit, Eigennutz und blindem Fanatismus, sie, die unseligen Herren des Trümmerfeldes deutscher Nation. Läßt es sich da nicht verstehen, daß sie lieber zurückblickend nach Anknüpfungen suchen, als sich Wege zu bahnen durchs Dickicht? Denn sie gehen nicht allein. Hinter ihnen taumeln 60 Millionen.

Schier unmöglich ist es wohl, nicht aus dem Vollen, sondern aus der Armut neue Wirtschaft zu schaffen, neue soziale Gliederung. Oder Richtlinien für Politik zu geben, wo nicht zwei Deutsche über ein Ding die gleiche Meinung haben. Das alles sei zugegeben, aber noch bleibt etwas, wo sich Wirtschaftliches weniger lästig in den Weg drängt, Politisches seine entzweiende Kraft weniger rücksichtslos spielen lassen kann – ich frage, was für die geistig-sittliche Erneuerung des Volkes geschehen ist. Wenn überall Widerstand sich aufbäumt, auch das Kleinste nicht ohne Eruptionen durchführbar ist, dann ist ein großes kulturpolitisches Programm notwendig.

Aber halt, wir hatten eines. Es ist nicht mehr da. Eine Flut von Schimpfereien hat es weggefegt. Kein Mensch spricht davon mehr ohne Hohn. Es ist der Hoffmannsche Religionserlaß.

Ja, das Hoffmannsche Programm, verlacht, verunglimpft, in den Motiven verdächtigt, es ist das einzige Signum der Revolution, das einzige aus einem Guß, aus einer Gesinnung geboren. Wie wetzte sich doch bildungsphiliströser Hohn an dem Kultusminister der Revolution, der dem Unterricht vorstand und der bekanntlich mit der deutschen Sprache nicht im besten Einvernehmen lebt. Und doch war sein Erlaß besseres Deutsch als je ein preußischer Kultusminister gesprochen hat.

Aber auf den steifnackigen Graukopf Hoffmann folgte der pflaumenweiche Konrad Hänisch. Und die gesamte Klerisei atmete auf. Die große Angst war wieder einmal vorübergegangen. Die Trennung von Staat und Kirche gedieh so, daß das Zentrum sich zufrieden erklärte, die evangelische Orthodoxie des Kultusministers weises Verständnis für »historische Bindungen« rühmte. Wie früher ist die Einheitsschule ein Gegenstand akademischer Erörterungen; nicht einmal die geistige Schulaufsicht ist erledigt. Kurzum, der Geist des Kultusministers ist von maßloser Mäßigung.

Nun kehrt ein Einwand immer wieder: es sei unmöglich, in diesen Zeiten der Überhitzung auch noch die Frage des Kulturkampfes aufzuwerfen. Ich muß sagen, daß mit jemandem, der sich auf dieses Argument versteift, überhaupt nicht fruchtbringend zu disputieren ist. Wer in Tagen wie den unsrigen das Recht, auf geistige Wiedergeburt zu dringen, bestreitet, der ist im Lande der Philister zu Hause und nicht bei einer Nation, die um ihr Sein ringt. Wir wünschen auch nicht den Bismarckschen Kulturkampf unseligen Angedenkens, der mit den schäbigen Mitteln der Ausnahmegesetzgebung arbeitete. Nein, Geist soll mit Geist die Klinge kreuzen. Wir wollen nicht Vergewaltigung, sondern sorgfältige Abgrenzung. Dem Staat, was des Staates ist. Aber dem Menschen, was des Menschen ist.

Der Kampf um Trennung von Staat und Kirche, um endgültige Verweltlichung der Schule ist ein echt menschlicher Kampf. Abermals erobert sich der Mensch seinen Glauben, sein freies Gewissen. Er gibt seiner persönlichen Sphäre wieder, was der Staat ihm genommen. Er hebt das Patronat auf über sein Allergeheimstes, sein Allereigenstes. Man glaube doch nicht, es sei schon alles getan mit dem schönen Wort »Toleranz«. So lange der Staat es sich anmaßt, einem Menschen einen Glauben zu lehren, so lange ist der Mensch unfrei. Und sei die Form selbst die mildeste, nichts ist dem Menschen persönlicher als seine Religion; hier ist das, was keine Überlieferung geben kann, hier muß der Mensch alles seinem Ich, seiner Welt, seinem Gott, mag man's nennen, wie man will, abringen; und jede Tradition bedeutet Beeinträchtigung, bedeutet Fälschung. Der Staat hat seinem Bürger eine Erziehung zu geben, die ihn denken lehrt. Die Richtung dieses Denkens geht ihn nichts an.

Das sind alles recht selbstverständliche Dinge, und wie wurde dagegen gewettert. Wieder einmal sollte es dem Allerheiligsten an den Kragen gehen, die Religion sollte vernichtet werden. Dabei sollte überhaupt erst eine Grundlage geschaffen werden für eine Religion, die diesen Namen verdient. Für eine persönliche Religion. Und so lange Staat und Kirche in offener oder versteckter Form Halbpart machen, ist offener oder versteckter Bekenntniszwang nicht unmöglich gemacht. Und sollte tatsächlich der Zwang ausgeschaltet sein, so bleibt noch immer die Beeinflussung. Und Beeinflussung ist für jeden, dem Religion mehr ist als dumpfer Herdeninstinkt, einfach unerträglich und Betrug an seinem Selbst. Dem wollten wir wehren und wurden deswegen verlästert. Es wurde uns religiöses Gefühl abgesprochen von Menschen, für die Konfession noch immer Religion bedeutet. Und die Konfession nimmt sich neben der Religion aus wie eine Mumie neben einem blutwarmen Menschen oder wie das öde Schema neben der gestaltenden Phantasie.

Und nochmals hat das Schema gesiegt. Aber es war ein Pyrrhussieg und nicht mehr als Fristverlängerung. Mit Heiterkeit denkt man zurück an die Kämpfe des vergangenen Winters, an den heiligen Eifer der Frommen, an die groteske Furcht, die Religion könnte aus der Welt schwinden, wenn in der Schule nicht mehr Katechismus gepaukt würde. Möglich, daß die eine oder andere Bekenntniskirche verschwinden könnte, aber nicht das religiöse Grundgefühl, auf dem sie doch alle bauen, wenn man auch nicht mehr viel davon merkt. Mit Vergnügen gedenkt man auch der fetten Ente, die Katholiken in den Rheinlanden würden sofort die selbständige Republik erklären, falls ... Der Kultusminister zog sich eiligst in den Bremskasten zurück und zog aus Leibeskräften an, und ganz Deutschland verfluchte Hoffmann, der mit seinem verbohrten Radikalismus beinahe gute Christen und musterhafte Patrioten in Frankreichs Arme getrieben hätte. Inzwischen aber hat es sich herausgestellt, daß die Patrioten an der Pfaffengasse trotz alledem Anschluß an Frankreich gesucht haben und Hänisch sich umsonst angestrengt hat. Der deutsche Michel hat sich wieder nasführen lassen, und das kostbare Kleinod Religion hat sich wieder glänzend als Aushängeschild bewährt. So herzlich lächerlich auch im einzelnen die Formen dieser letzten großen Kampagne zur Rettung der Kirche waren, sie hat doch zum Ziel geführt. Die alte Kirche ist in ihrem Wesen nicht angetastet. Aber wenn nicht alles trügt, ist dieser Sieg des unter staatlichen Fittichen organisierten Christentums der letzte. Mag es nochmals gelungen sein, die ganze Reservearmee derer, die nicht alle werden, auf die Beine zu bringen, die Zeit des Christentums, das sich unterfängt, Staat und Gesellschaft in seinen Ring zu pressen, ist vorüber. Dieser Schrei nach den Krücken des Staates hat seine Ohnmacht enthüllt wie nie zuvor. Die Zeit der individuellen Religion ist da. Müßig wäre es, darüber zu urteilen, welche Rolle dem Christentum noch bevorsteht. Bemerkenswert ist es immerhin, daß viele geistig gerichtete Menschen heute zu einem leicht an Tolstoi gemahnenden Urchristentum hinneigen. Aber es handelt sich hier lediglich um ein Gefühlschristentum, das an die sozialhumanitären Ideen der Religion Christi anknüpft und frei ist von Dogmen und Bekenntnis. Dabei profitiert die Kirche nichts. Im Gegenteil, die schärfsten Vorwürfe dieser Neuchristen treffen sie, die es versäumt hat, die Gebote der Bergpredigt zu repatriieren, die Mordwaffen gesegnet und gebetet hat: »Herr, vernichte unsere Feinde!« Nein, neuen Zuzug hat die Kirche nicht zu erwarten. Und mag sie sich heute noch wie vor Zeiten in der Pose einer Diktatorin der Herzen und der Köpfe gefallen, so ist sie doch nur ein petrifiziertes Monstrum, das keinem um Lebensform Ringenden noch irgendwelche Werte geben kann.

So gesellt sich zur politischen und sozialen Revolution die seelische. Und wir sind ihr ausgewichen, betrachteten sie als lästige Störerin zwischen Lohnstreitigkeiten und Verfassungsfragen. Und doch ebnet sie erst den Boden für wirkliche Durchführung politischer und sozialer Ideale. Sie schafft die Bereitheit. Revolution – das ist ein Anstürmen wider ein morsch gewordenes Haus. Ein Schrei von Hunderttausenden –, in allen Fugen kracht der alte Bau und bricht zusammen. Triumphierend zerreißt das Volk den purpurnen Königsmantel und heftet sich die roten Fetzen an die Mütze. In dem Elan eines Tages finden sich die Ideen der Wenigen plötzlich mit der Energie eines ganzen Volkes. Diesen Augenblick des Verschmelzens nennen wir Revolution.

Aber was ist das mehr als ein heroisches Schauspiel?

was steckt denn auch
in Schleiern, Kronen oder rost'gen Schwertern,
das ewig wäre?

Nein, Revolution muß Reformation werden, Durchsetzung der Köpfe mit neuem Geist.

Das deutsche Volk hat seinen Platz in der Welt verloren. Ein Kulturvolk weißer Rasse ist absolut ohnmächtig. Ist Objekt der Weltpolitik, wie Venezuela, wie Albanien. Unser Nationalismus ist in die eigenen Fußangeln geraten, und mag er auch noch so sehr schreien und die Fäuste ballen, – er kann nicht mehr gehen.

Mitten im Grauen des Krieges haben wir neues Menschentum geahnt. Können wir es erklären? Nein, wir wissen nur eines: es war der Gegensatz zu unserm ganzen Tun und Treiben.

Wir müssen den Menschen schaffen, der über keine Tradition mehr stolpert.

Wir müssen den Menschen schaffen, dem kein Staat, keine Partei mehr befehlen darf: Du sollst töten! oder: Du sollst dich töten lassen!

Wir müssen den Menschen schaffen, der nicht mehr die Geißel des Hungers kennt.

Wir müssen den Menschen schaffen, frei in seinem Gewissen, von keiner Instanz beeinträchtigt.

Wir müssen den autonomen Menschen schaffen, durch nichts gebunden als durch das Bewußtsein, daß Millionen sein Schicksal teilen.

Wir wollen nicht mehr die Zwangsorganisation, die die alte Welt in den Abgrund getrieben hat, sondern nur die Bindung aus Erkenntnis, aus Wissen, aus freier Wahl.

Ist es nun vermessen, einem geschlagenen Volk solche Ideale zuzusprechen? Mögen die dagegen wettern, die heute noch »Revanche« brüllen und nichts sehnlicher wünschen als alte Dummheiten nochmals zu begehen. Soll aber die Niederlage historischen Sinn haben, so muß sie Abschluß, Abkehr bedeuten.

Aus dem Debâcle des Krieges, aus dem Bankrott der Revolution wächst die neue Reformation. Vor vierhundert Jahren ging's um die Befreiung des Judengottes aus römischer Gefangenschaft, um die Rehabilitation des Bibel-Buchstabens, diesmal geht's um den Geist, ums Menschentum. Der leidende und versklavte Mensch findet wieder zu sich selbst, wird wieder der »Einzige«. Wie einst der Mönch von Wittenberg das vom Oberpriester der Christenheit gekettete Buch erlöste, so entfaltet er innig und glaubensvoll die lange vergessene weiße Fahne der Menschlichkeit, die oft verhöhnt und mit Schmutz beworfen wurde, und die dennoch siegreich in den Lüften wehen wird, wenn die blutbesudelten Standarten der Nationen längst in den Staub gesunken sind.

Juni 1919.
Der Anmarsch der neuen Reformation. 1919

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