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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 31
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
year
firstpub1911 - 1921
correctorreuters@abc.de
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31

Wolfgang Heine hält Gerichtstag

Ort der Handlung: die preuß[ische] Konstitu[an]t[e]. Am Rednerpult d[er] Justizmin[ister] Heine, einen Antrag auf Aufhebung d[es] Standrechts beantwortend.

Die Sitzung ist von dramat[ischer] Wucht. Heine spricht mit Feuer u[nd] Leidenschaft, immer wieder unterbrochen v[on] d[er] stürm[ischen] Opposition der Unabhängigen. Heine spricht von gestohlenem [russischen] Gelde, nennt die Freiheit ärger als die Rote Fahne, macht die Unabhängigen moralisch verantwortlich für die Aufruhr- u[nd] Plünderungsszenen in Berlin u[nd] anderswo. Heine spricht mit der Kraft eines Mannes, der weiß, daß die Sache ernst genug ist, um sie mit dem Einsatz der ganzen Persönlichkeit zu vertreten, u[nd] man fühlt es, daß er auch ohne den äußern Anlaß dabei ist, daß er skrupelfrei bei seiner Sache steht.

Die bürgerl[ichen] Blätter versichern, durch ihn sei die Scene zum Tribunal geworden, die Ankläger zu Angeklagten geworden. Mag sein, daß sie einem glänzenden Redner wie Heine gegenüber den Kürzeren gezogen haben, daß sie, die ja auch als Politiker alles andre [als] geschlossen sind, schwankend, pendelnd von Pol zu Pol, beiseite gedrängt wurden durch die Stoßkraft einer einheitlichen, zielsicheren Persönlichkeit.

Ihre Einheitlichkeit in allen Ehren, Sie sichert Ihnen den [pa]rlam[entarischen] Erfolg. Aber wer nicht die Freude hat, unter dem Eindruck Ihrer Rhetorik zu stehen, Ihrer blanken jurist[ischen] Logik, wer auf den dürren Zeitungsbericht angewiesen ist, der kommt nicht so leicht darüber hinweg, daß diese prächtige Einheitlichkeit zum guten Teil auf Gedächtnisschwäche beruht u[nd] auf dem Unvermögen, andere zu verstehen.

Nun hat der Justizminister nicht die Pflicht, die Motive von Marodeuren zu verstehen, er hat ganz die Pflicht, Ordnung zu erhalten u[nd] zu schaffen. Das sei ihm concediert, so lange [er] ganz einfach als Dienender auftritt. Nur wenn er zu den Waffen, die sein Aktenmaterial enthält, noch die seiner Sittl[ichkeit] hinzufügt, wird er mehr als der Wahrer der Ordnung, näml[ich] zu einer politischen Persönlichkeit, deren Legitimation zu einem solchen sittl[ichen] Aufwande man untersuchen muß.

Da muß leider festgestellt [werden], daß, wenn man zugibt, daß das Mißtrauen weiter prolet[arischer] Massen zu ihren bisherigen Führern den Ausgangspunkt bildet für die traurigen Ereignisse jüngster Vergangenheit, Wolfgang Heine eines der ragendsten Häupter gewesen ist, jener, die mit unselig verrannter Politik desperate Minoritäten geschaffen haben. Die Tragödie Spart[acus] ist nicht geboren aus dem [##] Geistes des eifervollen Predigers Liebknecht – soweit sie nicht [##] hat [##] – in Opposition zu Kriegspolitik der alten Partei. Je enger sich Scheidemann u[nd] David liierten mit einer Politik, die auch in schroffstem Gegensatz zu jeder Tradition der Partei, desto stärker mußte andererseits radikales Sektierertum gedeihen. Sp[artacus] ist ein Geschöpf des Burgfriedens. Ebenso ungebärdig u[nd] eindeutig wie dieser unwahr. Der Justizminister ist, wenn er an eine Neuschöpfung des Rechts geht, sicher einer der Berufensten, aber wenn es gilt, soz[ialistische] Minoritäten ab[zu]strafen, sicherlich der denkbar ungeeignetste. Er hat die Kriegspol[itik] nicht nur aufgenommen, sondern sie zu letzten Consequenzen geführt. Der Mann, der das Wort sprach, daß das Volk zum Kaiser Vertrauen haben könne, ist als Stütze einer republik[anischen] Regierung genauso fragil wie etwa

OA/N, JB 4002-26

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