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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 296
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
year
firstpub1911 - 1921
correctorreuters@abc.de
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296

Der rote Frack

In der guten alten Stadt Lübeck droht die kommunistische Fraktion der Bürgerschaft mit Obstruktion, weil der Senatskommissar, der zu den Sitzungen der Volksvertretung erscheint, einem alten Brauche gemäß von einem Senatsdiener begleitet wird, der noch die historische Tracht trägt, d.h. roten Frack und Galanteriedegen. Das ist ohne Zweifel ein nicht alltäglicher Anblick, aber das moderne England, das immerhin der Freien und Hansestadt Lübeck um einige Pferdelängen voraus ist, kennt noch weit buntere Aufzüge.

Nun gibt es Dinge, die man bekämpft und Dinge, über die man lächelt. Es ist das alte Schicksal der Gesinnungstüchtigen, daß sie ihr Temperament an solchen Chosen verpulvern, über die andere schmunzeln.

Es gibt Revolutionäre, die ihr Leben daran setzen, die Wurzeln einer mählich vergehenden Zeit aus den Herzen der Menschen zu reißen. Aber es gibt auch Revolutionäre, die sich damit begnügen, der alten Zeit Rock und Stiefel auszuziehen und damit Triumphzüge zu veranstalten.

Jeder echte Kämpfer aber weiß auch, daß alle Satzung und Gesinnung, die er bekämpft, nur vergängliches Kleid und Symbol ist für ewig gleiches Menschenstreben und Menschenirren. Und daß das neue Gewand, an dem er selber wirkt, einst von den Enkeln lachend auf den Trödelhaufen geworfen wird.

Aber das sind Gedanken, deren Aktualität mit Recht anzufechten ist. Einstweilen geht der Krawall um des Senatsdieners roten Frack weiter.

Und außerdem gibt es, vermutlich selbst in Lübeck, ein paar versprengte Geister, denen Politik bewußter Wille und Herzenssache ist, und nicht Parteikrakeel und Garderobenfrage. Die werden vermutlich zum letztenmal den Stimmzettel in die Urne geschoben haben.

Und das ist der Humor davon.

Berliner Volks-Zeitung, 29. Dezember 1921

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