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Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften - Band 1: 1911 - 1921 - Kapitel 27
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften ? Band 1: 1911 - 1921
publisherRowohlt
seriesCarl von Ossietzky - ämtliche Schriften
volumeBand 1: 1911 - 1921
isbn3498050192
editorMathias Bertram, Ute Maack, Christoph Schottes
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firstpub1911 - 1921
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27

Wandlung der geistigen Atmosphäre

Wir leben inmitten einer großen Evolution: es kehrt so etwas wie ein europäisches Bewußtsein wieder. Man schämt sich nicht länger, öffentlich auszusprechen, daß die Menschheit weiter reicht als die Fahnen des Landes. Die Notwendigkeit der »Europäischen Wiederherstellung«, deren Programm Alfred H. Fried bereits vor drei Jahren entwickelte, dämmert allmählich in den Gehirnen. Bei uns und anderswo. Mögen auch die Überfürchtenichtse der chauvinistischen Presse noch so laut nach dem »Sandhaufen« schreien. Das ändert nichts an der Tatsache, daß die Millionen heute, wo die Regierenden noch immer von den Waffen den letzten Spruch fordern, ihr Bewußtsein ganz anders einstellen. Das ist der Übergang in einen neuen Zustand, der noch nicht konkret geworden, noch nicht im Bereiche der Gestaltung lebt. Nur in der Sehnsucht, vielleicht erst im Unterbewußtsein. Aber – und das ist das Wesentliche – es erschöpfen sich die psychologischen Kriegsmöglichkeiten; das geistige Fundament des Krieges wankt.

Man blickt heute mit einer gewissen Heiterkeit auf die Stapel verschollener Bücher und Broschüren, in denen wenig kurzweilig eine besondere deutsche Weltmission hinaustrompetet wurde. Je nachdem, ob der Herr Verfasser mehr »ökonomisch« oder »kulturell« interessiert war, sollte der ganze Erdball zu einem Tummelplatz für deutsche Manufaktur oder für deutsche Gedanken werden. Heute ist man des Geschreibsels herzlich müde und bedauert nur, daß sich auch Persönlichkeiten von Distinktion damit anstatt eines Platzes im Pantheon nur ein Blättchen im Graubuch menschlicher Unzulänglichkeit erobert haben.

Aber für alles, was zum Tintenfaß in intimen Beziehungen steht, waren doch die beiden ersten Kriegsjahre goldene Zeiten. Jeder Oberlehrer fühlte sich als ein kleiner Fichte und richtete seine storchbeinigen Perioden hübsch bescheiden an die Adresse der ganzen deutschen Nation. Und das schlimmste war: der Erfolg ermunterte. Wer sein »Gott strafe England« mit stärkeren Schimpfworten verbrämt als der geschätzte Herr Vorgänger in die Welt hinausbrüllte, der durfte sich für eine kurze Spanne Zeit in der öffentlichen Gunst sonnen. Wer aber denkt heute noch an die Propheten und Sibyllen, die von einem kritiklos geschwätzten Auditorium mit michelangelesken Maßen gemessen wurden, während ihnen nach menschlicher und literarischer Bedeutung kaum ein mikroskopisches Format zukam. Ein jeder rupfte sich aus der Gloriole der großen Zeit ein paar Strahlenbüschel; und so geschah es, daß die arme große Zeit bald rattenkahl dastand, während die tintenklecksende Crapüle in allen Farben schillerte.

Das alles ist nun Vergangenheit. Der Ratsherr ist jetzt still, sehr still fürwahr, der sonst ein Kindeskopf, ein Schwätzer war. ( Hamlet vor dem durchstochenen Polonius.) Dennoch ist diese Reminiszenz notwendig. Denn auch hier ist ein Übergang zu konstatieren. So manche freiwillige literarische Goulaschkanone, in der noch vor Jahresfrist die unheimlichsten Reventlow-Suppen brodelten, verzapft heute Milch der frommen Denkungsart. Schwärmt für Verständigungsfrieden, Völkerbund, Gesellschaft der Nationen. Während die Ehrlichen unter uns mitten in schwerer Entwicklung stehen, neue Werte sich schmerzhaft das Bewußtsein erobern, läßt die Brüderschaft des heiligen Schmock schon längst den Mantel nach dem neuen Winde wehen. Die Friedenswerte steigen. Als der große Taumel über die Menschheit kam, da überbot man sich förmlich in der Lästerung des Friedens und seiner Werke. Da war die letzte Entwicklungsperiode in ihren Tendenzen kleinlich, verweichlichend, nivellierend gewesen.

Leben und Handwerk des Kriegers wurden als Mittel neuer Aufzucht gepriesen. Jetzt steht der Altar des Ares schon lange ohne Schmuck. (Das resolute Spartanertum unseres Bundesfreundes Verweyen wirkt an der Schwelle des fünften Kriegsjahres reichlich anachronistisch.) Nun kehrt das Bewußtsein für das Verlorene wieder. Verstummt ist das Feldgeschrei: Degeneration! Der Sinn für die namenlose Energievergeudung erwacht. Es schärft sich der Blick für die Tatsache, daß gerade das, was als Verfall geschmäht wurde, Aufstieg war, Aufstieg, der nicht in den Rahmen des reaktionären Gesellschaftsbildes paßte. Materialismus, das war die bessere Lebenshaltung des arbeitenden Volkes, Teilnahme an innerer und äußerer Kultur durch die Enterbten vieler Jahrhunderte. Heute, wo wir alle durch das »Stahlbad« des Krieges geschritten sind, da müßte sich ja die Wahrheit der reaktionären Legende glänzend erhärten lassen. Aber ach, wohin wir auch blicken, überall Unterhöhlung natürlichster sittlicher Gefühle.

Von Schweiß und Blut der Millionen nährt sich ein neuer Reichtum; die schwankende Existenz von gestern, der verrufene Schieber füllt sich die Taschen. Ist der Mann des Tages von heute, vielleicht der heimliche König von morgen. Handel, Gewerbefleiß, Kunstfertigkeit sinken, sinken; werden winzig klein neben der alles beherrschenden Kriegsmaschine, die Geschosse aus dem Rachen speit, neben allem, was der Krieg braucht, um zu leben. Die Gegensätze schreien zum Himmel. Was sind Worte neben dieser Parforce-Pädagogik der Tatsachen?

Der Geist von 1914 hat sich in sein Gegenteil verkehrt. Was ist es, was heute dem denkenden und regsamen Teile des Volkes diesen Geist so gründlich verbittert? Nicht der Gedanke an das persönliche Schicksal, an Tod, Verstümmelung. Der Mensch unserer Tage, der Mensch, wie er in der letzten Friedenstradition erwuchs, der Schüler Zarathustras, Haeckels, Ibsens, Hauptmanns, der Mensch, der seinen Goethe ohne philologische Brille lesen lernte, hat ein alles beherrschendes Grundgefühl – seine innere Bestimmung zu erfüllen. Es lebt in ihm das Bewußtsein seiner Sendung. Und die Unmöglichkeit, diesem innern Drange auch nur bescheiden gerecht zu werden, das ist die grauenvolle Tragik unserer Tage.

Unnütz verströmende Energie überall. Der da möchte Kultur schaffen, möchte aufbauen – und muß mit seinem eisernen Ungetüm blühende Menschen-Siedelungen vernichten. Und jener möchte unter den Menschen wirken, ihnen heilsame Botschaft von gegenseitiger Hilfe predigen – er muß den Mitmenschen, den ewigen Bruder, wie ein ekles Gewürm mit giftigen Gasen ersticken. Nicht nur materielle Güter, seelische Kapitalien werden sinnlos vergeudet. Und während alle irgendwie denkbaren Dinge herbeigeholt werden, um fehlenden Rohstoff zu ersetzen, wird der kostbarste Rohstoff der Völker, das einzige die Zeiten überdauernde Gut, der seelische, elendiglich vor die Hunde geworfen.

Und dagegen bäumt sich das Bewußtsein. Sucht nach Übergängen, nach Brücken. Es entstehen Notbrücken. Doch die Verzweiflung zimmert nichts, was von Dauer ist. Forderung der Stunde ist es, die wilden reißenden Gewässer in ein sicheres Bett zu leiten. Die Stimmung allein vermag wenig; ausschlaggebend ist einzig Verdichtung zum Willen. Wir brauchen Baumeister, Wegweiser. Ich stehe nicht an, zu erklären, daß in Börners Schrift »Erziehung zur Friedensgesinnung« der aufbauende und wegweisende Geist enthalten ist, den unsere Zeit so notwendig braucht wie das liebe Brot. Was Börner auf dem schmalen Raum von zwei Druckbogen zusammengetragen hat, ist an und für sich für den Pazifisten keine Neuigkeit. Bedeutungsvoll wird es dadurch, daß es gerade zu dieser Stunde gesagt wird, in dieser Zeit der Erkenntnis des Festgeranntseins, des Nichtloskommens. Was verschlagen demgegenüber die an und für sich sehr richtigen Einwände des Herrn Dr. von der Porten, daß etliche der Börnerschen Forderungen utopisch sind in dem Sinne, daß sie in absehbarer Zeit nicht erfüllbar sind? Es handelt sich um die Richtung, die Börner angibt, um die Erweiterung der Möglichkeiten. Börner eröffnet der pazifistischen Arbeit des Individuums neue Perspektiven. Denn nun ist Pazifismus nicht mehr eine staatsrechtlich-politische Frage, eine Angelegenheit der Männer vom Bau, sondern in gesteigerter Bedeutung eine Bewußtseins-, eine Erziehungsfrage. Damit ist dem Pazifismus ein viel weiteres Ziel gesteckt. Die politische Aktion ist an den Tag gebunden, wird von Imponderabilien im guten wie im verhängnisvollen Sinne beeinflußt. Aber Erziehung ist Entwicklung und unterliegt als solche solideren Gesetzen als den wechselnden Stimmungen des Tages. Sie bedeutet Arbeit an Generationen. Gewiß sind Börners Forderungen sehr umfassend. Ein Riesenproblem wie die Umformung der Schule ist nur ein Teil davon. Einwände, wie sie Herr Dr. von der Porten aus praktischen Gründen erhebt, sind ohne weiteres anzuerkennen. Aber das alles ist nicht das Wesentliche. In diesem Augenblick kommt es nur darauf an, der Erkenntnis den Weg frei zu machen, daß der Friede nicht allein abhängt von ein paar Staatsverträgen, die unter dem Zwange wirklicher oder vermeintlicher Notwendigkeiten sehr leicht zu dem berühmten »Fetzen Papier« degradiert werden können, sondern daß er von dem Menschen eine besondere Gesinnung erfordert, eine durchaus aparte Geistesverfassung, eine Mentalität, die nicht passiv ist, sondern aktiv, die unermüdlich Baustein an Baustein fügen muß. »Die Wurzel des Kriegswillens und der Kriegsstimmung werden wir erst treffen, wenn wir die ganze geistige Atmosphäre unserer Kultur ändern.« Herr Dr. von der Porten macht sich zu meiner Freude diesen Satz zu eigen, und ich muß sagen, daß ich seit langem nicht ein in seiner Kürze so prächtiges Programm gefunden habe, das sich zudem durchaus mit der von Marx geforderten Reform des Bewußtseins deckt.

Börners Forderungen weisen über den Tag hinaus auf eine Kette von Entwicklungen. Deshalb sind sie real und nicht utopisch. Ich nenne utopisch nur, was ohne Übergang einen bestehenden Zustand ablösen will. Und utopisch sind sie nicht, weil sie eine Handlung erfordern, immerwährende Handlung. Und das ist es, was der Mensch unserer Zeit braucht: die Gewißheit, sich selbst erlösen zu können. Schon rebelliert das unterdrückte Bewußtsein gegen das blutige Chaos der Gegenwart, der Instinkt sucht nach Auswegen, nach Übergängen. Langsam wandelt sich die geistige Atmosphäre. Aber die Vernunft soll unsere Lehrmeisterin sein, nicht die Katastrophe.

Die Welt nicht erklären, sondern verändern. Ein gewaltiges soziales Ethos lebt in diesem Marx-Worte. Und eine Ahnung davon lebt auch in der jungen deutschen Dichtung, die mitten in den Stürmen des Weltkrieges geboren wurde. Das ist nicht mehr das romantische Phantasma von gestern, nicht mehr die Wirklichkeits-Kopie von ehegestern, das ist gesteigertes Empfinden, das auswächst zur Handlung. Ein Buch, mehr als ein Buch, ein Dokument unserer Zeit, führt den Titel: »Der Mensch ist gut!« Was kommt es hier auf den Inhalt an; der Titel ist alles. Der Mensch entdeckt wieder den Menschen. Brünstiger und sehnsüchtiger hat nicht das Geschlecht von 1500 nach neuen Welten gespäht als unser Geschlecht nach dem Menschen. Nicht mehr des Menschen Teufel und Vernichter soll der Mensch sein, der Helfende, der Bruder soll er wieder werden. Der Mensch ist gut! Aus zerrissener Seele ringt sich gläubig neue Bejahung. Etwas Verstehen, etwas Geduld, etwas Güte, etwas Liebe von Mensch zu Mensch, so hat der den Ereignissen voranfliegende Geist schon die Erlösung aus der Folterkammer gefunden. So schreitet heute die Menschheit dem träumenden Dante gleich, von Virgil geführt, aus dem Inferno der Gegenwart in die Regionen der Läuterung. Mit rohem Gebrüll, alle Pforten einstampfend, so brach der Krieg in das alte Erdenhaus ein. Schüchtern durch die Hintertür tritt die Menschlichkeit wieder ein.

Monatliche Mitteilungen des Deutschen Monistenbundes.
Ortsgruppe Hamburg. 1. Oktober 1918

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